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Der Fluch des Dämonen – Ob mit oder ohne Teufelsgestalt: meisterhafter Tourneur-Grusel

14 Mai

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Night of the Demon

Von Volker Schönenberger

Horror // Seit Urzeiten steht es geschrieben, auch auf diesen alten Steinen, dass es böse übernatürliche Wesen gibt in einer Welt der Finsternis. Und es steht auch geschrieben: Der Mensch, der es versteht, die magische Kraft der alten Runenzeichen zu beschwören, der ist imstande, diese Mächte der Finsternis wiederauferstehen zu lassen – die Dämonen der Hölle. Mit diesen unheilvollen Worten über den Kulissen von Stonehenge beginnt Jacques Tourneurs wunderbare Verfilmung einer Kurzgeschichte von M. R. James.

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Mit dem Flugzeug in Richtung Grauen

Kurz darauf bekommen wir den titelgebenden Dämon auch schon zu sehen: Aus der Luft rauscht er heran und tötet Professor Harrington (Maurice Denham), indem er ihn in eine Starkstromleitung treibt. Der Forscher war damit beschäftigt, die Aktivität eines obskuren Teufelskults zu untersuchen. Die Gruselgestalt des Dämons beeindruckt, auch wenn ihr Herannahen in der Luft und ihre Maske nach heutigen Maßstäben vielleicht etwas unfreiwillig komisch wirken. Regisseur Jacques Tourneur ist an sich bekannt dafür, das Grauen nicht durch Zeigen auszulösen, sondern durch Weglassen. Und so war es dann womöglich Executive Producer Hal E. Chester, der den Dreh der zwei Dämonenszenen während der Postproduktion an Tourneur vorbei veranlasste – zum Finale erscheint die Bestie ein weiteres Mal: in einer herrlich schaurigen Szene auf Eisenbahngleisen. Tourneur beklagte das Einfügen des Monsters später. Ob es tatsächlich über seinen Kopf hinweg geschah, lässt sich allerdings heute nicht mehr zweifelsfrei ermitteln, es bleibt eine der Legenden, die den Film umranken.

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Holdens Weltbild gerät ins Wanken

Zwischen diesen beiden Sequenzen, die im Vergleich zur übrigen Optik des Films also nicht von ungefähr sehr unterschiedlich ausfallen, kommt die Regie Tourneurs glücklicherweise sehr gut zur Geltung. Meisterhaft verstehen er und sein Kameramann Edward Scaife es, dem Schwarz-Weiß-Bild mit virtuosen Licht- und Schattenwechseln Grusel einzuhauchen. Die Handlung folgt John Holden (Dana Andrews), der per Flugzeug aus den USA in England eintrifft, um ebenfalls besagten Teufelskult zu untersuchen. Der Skeptiker und Harringtons ebenfalls angereiste Nichte Joanna (Peggy Cummins) erfahren bei ihrer Ankunft vom Tod des Forschers. Kurz darauf begegnet Holden erstmals Dr. Julian Karswell (Niall MacGinnis), dem Führer der Satanisten. Der prophezeit seinem Widersacher bald, er werde in drei Tagen sterben …

Auf der Bestenliste von Martin Scorsese

Dana Andrews als dem Realismus verpflichteter Wissenschaftler auf der einen und Niall MacGinnis als sinistrer Dämonenbeschwörer auf der anderen Seite ergänzen einander großartig. Ihr Duell gibt dem Film die nötige Würze. Über die Jahre hat „Der Fluch des Dämonen“ auch dank der fesselnden Story seinen Ruf als eine der Großtaten des Horrorgenres gefestigt. Meisterregisseur Martin Scorsese platzierte das Werk immerhin in seiner Liste der elf beängstigendsten Horrorfilme aller Zeiten – auf Rang neun. Scorsese gab nachträglich seinem Kollegen Tourneur in dessen Haltung recht: Vergesst den Dämon selbst – es ist das, was man nicht sieht, was so machtvoll wirkt. Bei einer erst jüngst zum wiederholten Mal stattgefundenen Abstimmung zu „The 100 best horror films“ der Londoner Zeitschrift „Time Out“ unter etlichen prominenten Filmschaffenden und -kritikern landete „Der Fluch des Dämonen“ auf Rang 67.

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Satansanbeter Karswell (2. v. l.) als Magier-Clown

Anolis Entertainment startet mit „Der Fluch des Dämonen“ die dritte „Galerie des Grauens“-Reihe. Beim Bonusmaterial hat sich das Label wie gewohnt nicht lumpen lassen. Das beginnt beim informativen und kurzweiligen Audiokommentar von Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad und hört bei der knapp achteinhalbminütigen Super-8-Fassung noch nicht auf. Schön sind auch das auf den Discs enthaltene Programm des Braunschweiger Filmfests mit zwei Texten über Jacques Tourneur und den Film sowie das 20-minütige Featurette „Speak of the Devil“ über die Entstehung von „Der Fluch des Dämonen“. Da kann man es beinahe schon als selbstverständlich ansehen, dass der geneigte „Galerie des Grauens“-Fan auf Blu-ray wie DVD gleichermaßen zwischen zwei Filmfassungen wählen kann: der ursprünglichen englischen Fassung, unter der „Night of the Demon“, so der Originaltitel, im Dezember 1957 in die britischen Kinos kam, sowie die um eine knappe Viertelstunde gekürzte US-Fassung. In den USA gelangte der Film unter dem Titel „Curse of the Demon“ in die Lichtspielhäuser. Die Langfassung ist vorzuziehen, fehlen der US-Version doch einige sehr gelungene Szenen, die für die Handlung auch gar nicht so unwichtig sind.

Nach einer Kurzgeschichte von M. R. James

Überaus lesenswert ist auch Uwe Sommerlads Booklet-Text, der die Entstehungsgeschichte des Films Revue passieren lässt und auch auf die Kurzgeschichte „Drei Monate Frist“ („Casting the Runes“) von M. R. James eingeht, die als Vorlage diente. Von den mit Liebe zum Detail produzierten Editionen aus dem Hause Anolis Entertainment können sich viele Publisher eine dicke Scheibe abschneiden – Majors ebenso wie kleine Label.

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Eine tödliche Botschaft

Lob verdient auch die Labelpolitik von Anolis bezüglich des HD-Transfers: Liegt für einen Titel der Reihe „Die Rache der Galerie des Grauens“ ein HD-Master vor, erscheint der Film in etwas höherer Auflage in Doppel-Disc-Edition inklusive Blu-ray und DVD. Blu-ray-Puristen können sich also die HD-Perlen herauspicken und werden nicht genötigt, die gesamte Reihe zu kaufen (Filmsammler lassen sich ja gern mal nötigen). Ein klitzekleines Haar in der Suppe habe ich allerdings gefunden: Sowohl im Booklet als auch im Rückseitentext wird Joanna als Harringtons Tochter bezeichnet. Sie stellt sich Holden auf der Trauerfeier deutlich vernehmbar als Nichte des Toten vor: Professor Harrington war mein Onkel – Professor Harrington was my uncle. Bei Anolis endlich mal was zum Meckern gefunden. Da arbeiten also doch nur Menschen. Käufer der Edition werden es verschmerzen können – und der Verfasser ärgert sich vermutlich am meisten. Halb so wild.

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Im Haus des teuflischen Kults

Endlich ist „Der Fluch des Dämonen“ bei uns erschienen. Die 1.300 Exemplare der Erstauflage mit der Sammlerbox zur Reihe „Die Rache der Galerie des Grauens“ waren bereits am Veröffentlichungstag out of print. Bis auch die Version ohne Box vergriffen ist und auf dem Sammlermarkt im Preis steigt, ist es nur eine Frage der Zeit. Für Freunde klassischen Schwarz-Weiß-Grusels ist „Der Fluch des Dämonen“ Pflichtprogramm – in dieser rundum gelungenen Edition mit bester Bild- und Tonqualität umso mehr.

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War das ein Dämon?

Die Filme der Anolis-Reihe „Die Rache der Galerie des Grauens“:

01. Der Fluch des Dämonen (Night of the Demon / Curse of the Demon, 1957)
02. Planet der toten Seelen (War of the Satellites, 1958)
03. Schrei, wenn der Tingler kommt (The Tingler, 1959)
04. Ausgeburt der Hölle (The Beast with a Million Eyes, 1955)
05. Im Sumpf des Grauens (The Alligator People, 1959)
06. Das Grauen schleicht durch Tokio (Bijo to ekitai ningen, 1958)
07. Angriff der Riesenkralle (The Giant Claw, 1957)
08. ???
09. ???
10. ???

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Jacques Tourneur sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 15. April 2016 als Doppel-Disc-Edition (Blu-ray & DVD), 26. Februar 2016 als Doppel-Disc-Edition (Blu-ray & DVD) mit Sammlerbox

Länge: 95 Min. (Blu-ray, britische Fassung), 91 Min. (DVD, britische Fassung), 81 Min. (Blu-ray, US-Fassung), 78 Min. (DVD, US-Fassung)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Night of the Demon / Curse of the Demon
GB 1957
Regie: Jacques Tourneur
Drehbuch: Charles Bennett, Hal E. Chester, nach der Kurzgeschichte „Casting the Runes“ von M. R. James
Besetzung: Dana Andrews, Peggy Cummins, Niall MacGinnis, Maurice Denham, Athene Seyler, Liam Redmond, Reginald Beckwith, Ewan Roberts, Peter Elliott, Rosamund Greenwood
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad, Dokumentation „Speak of the Devil“, Super-8-Fassung (8:25 Min.), englischer Kinotrailer, Programm Braunschweiger Filmfest, Bildergalerie, 20-seitiges Booklet mit einem Text von Uwe Sommerlad, Wendecover, nur Erstauflage: Schuber für alle Filme der Reihe
Vertrieb: Anolis Entertainment GmbH

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

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Fotos & Packshots: © 2016 Anolis Entertainment GmbH

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