RSS

Archiv für den Monat Mai 2016

William Friedkin (III): Cruising – Damals verfemt, heute gepriesen

Cruising-Packshot

Cruising

Von Simon Kyprianou

Krimidrama // Immer mehr mysteriöse Mordfälle ereignen sich in der homosexuellen Sadomaso-Szene von New York City. Die Polizei tappt im Dunkeln, daher soll ein Undercover-Ermittler Licht in den Fall bringen. Die Wahl fällt auf den jungen Polizisten Steve Burns (Al Pacino), dessen Leben durch die Ermittlungen aus den Fugen geraten wird.

Inspiriert vom Serienkiller Paul Bateson

Bei den Dreharbeiten zu „Der Exorzist“ gab es einige Szenen, die Regisseur William Friedkin in einem echten Krankenhaus gedreht hat – mit dem echten medizinischen Personal der Einrichtung als Statisten. Jahre später las Friedkin in der Zeitung, dass einer jener Krankenhausmitarbeiter wegen vielfachen Mordes innerhalb des homosexuellen S&M-Milieus angeklagt war. Friedkin besuchte den Mann, Paul Bateson, in Haft und der erzählte ihm, einige dieser Morde habe er wirklich begangen, die Polizei wolle aber mit ihm einen Deal abschließen: Sofern Bateson mehr Morde gestehe, als er wirklich begangen hat, werde sein Strafmaß verringert und die Polizei stehe in gutem Licht da und könne sich mit erfolgreichen Schlagzeilen schmücken. Bateson ging schließlich auf den Deal ein.

Recherchen im Schwulen-Milieu mit der Mafia

Diese Geschichte war für Friedkin, wie er in Interviews immer wieder offenbart hat, der Ursprung von „Cruising“ und auch der Ursprung der Ungewissheit, die „Cruising“ bestimmt. Bei der Suche nach geeigneten Drehorten bediente sich der Regisseur bei seinen Kontakten zur New Yorker Mafia, denen zur damaligen Zeit die meisten Schwulen-Clubs gehörten.

Die Homosexuellenszene war empört

Quälende Ungewissheit und Paranoia bestimmen den Film, an dessen Ende sich der Zuschauer über nichts sicher sein kann: nicht über die Sexualität der Hauptfigur, nicht darüber, ob die Hauptfigur selbst zum Mörder geworden ist, nicht darüber ob der Mörder gefasst wurde. Dazu Friedkins Besessenheit von Realismus und Authentizität – da hatte es der Film schwer. Bei Publikum und Kritik fiel „Cruising“ größtenteils durch, desgleichen bei der homosexuellen Community. Sogar drei Nominierungen für die Goldene Himbeere hagelte es – für Drehbuch, Regie und als schlechtester Film. Zusammen mit Friedkins vorherigem monumentalen Flop „Atemlos vor Angst“ (1977) verzeichnet „Cruising“ das Ende seiner großen Hollywood-Karriere.

Heute als Meisterwerk anerkannt

Friedkins Filme wurden im Laufe seiner Karriere immer düsterer und pessimistischer, in „Cruising“ kulminiert das endgültig. „Cruising“ ist ein diffuser Neo-Giallo, der keine Zugeständnisse an seine Zuschauer macht, wie es Friedkins frühere Filme noch taten. Steve Burns ist die vielleicht radikalste aller Friedkin-Figuren, radikal in dem Sinne, dass sie sich dem Zuschauer verschließt. „Cruising“ hatte trotzdem großen Einfluss auf viele Filmemacher. Nicolas Winding Refn („Drive“, „Only God Forgives“) beispielsweise lobpreist ihn immer wieder, heute gilt der Film als Meisterwerk.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von William Friedkin sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Al Pacino in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 19. Oktober 2007 als Special Edition DVD

Länge: 98 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch und Englisch für Hörgeschädigte, Deutsch, Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Finnisch, Türkisch, Griechisch
Originaltitel: Cruising
USA/BRD 1980
Regie: William Friedkin
Drehbuch: William Friedkin, nach einem Roman von Gerald Walker
Besetzung: Al Pacino, Paul Sorvino, Karen Allen, Richard Cox, Don Scardino, Joe Spinell, Jay Acovone, Gene Davis, Sonny Grosso, Ed O’Neill
Zusatzmaterial: Audiokommentar von William Friedkin, Die Geschichte von „Cruising“, Geistervertreibung: „Cruising“, US-Kinotrailer
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2016 by Simon Kyprianou

 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

An American Terror – Von Amokplänen zum Torture Porn

An_American_Terror-Packshot

An American Terror

Von Volker Schönenberger

Horror-Action // Ein paar Highschool-Bullys – natürlich Mitglieder des Footballteams – auf der einen, drei Nerds auf der anderen Seite – so abgedroschen beginnt „An American Terror“. Die Außenseiter Sammy (Taylor Hulett), Ray (Joe Abplanalp) und Josh (Graham Emmons) wollen das nicht länger hinnehmen. Ein Amoklauf erscheint als probates Mittel der Vergeltung. Wie man Sprengkörper baut, lässt sich im Internet herausfinden, nur bei Schusswaffen hapert es. Als das Trio auf einem abgelegenen Schrottplatz ein Waffenlager entdeckt, glaubt es sich am Ziel. Tatsächlich sind die drei in einem Albtraum gelandet.

An_American_Terror-1

Noch ahnen die Teenager nicht …

Da der Rückseitentext von „An American Terror“ es auch schon verrät und das Covermotiv auch nicht gerade subtil ist, kann ich es auch verraten: Im Verlauf entwickelt sich der Film zügig von einem Teenager-Rachedrama zu einem Serienkiller-Torture-Porn-Exzess. Der ist sogar atmosphärisch und fesselnd geraten, man merkt dem Film aber jederzeit das geringe Budget an. Dem aus der Musikbranche stammenden Regisseur Haylar Garcia fehlt bei seinem Spielfilmdebüt ganz offenkundig noch die nötige Erfahrung, aus wenig viel zu machen. Er zeigt aber ein paar solide Ansätze. Nach hinten heraus allerdings fehlten ihm die Ideen. Am Ende wird fast eine Viertelstunde lang das Amokthema wieder aufgegriffen, das geschieht aber ohne Linie. Ein Epilog nach dem Abspann deutet die Möglichkeit einer Fortsetzung an. Kann man machen, muss aber nicht sein.

An_American_Terror-6

… dass unter dem Schrottplatz …

Ohnehin muss ich leider von der deutschen Fassung abraten. Es beginnt schon beim dreisten Etikettenschwindel: Die FSK hat der gekürzten Fassung von „An American Terror“ eine 16er-Freigabe erteilt, doch weil sich Horrorfilme mit rotem FSK-18-Logo besser verkaufen lassen, wanderte eben ein solches auf das Cover – vermutlich wegen eines 18er-Trailers im Zusatzmaterial. Die billige deutsche Synchronisation ist auch nicht angetan, Begeisterung auszulösen. Über die 3D-Version mache ich mir lieber gar nicht erst Gedanken. Haylar Garcia hat seinen Horror-Erstling sicher nicht mit 3D-Kameras gedreht.

An_American_Terror-2

… das Grauen …

Schade um einen dreckigen kleinen Independent-Metzelfilm, der zwar keine Bäume ausreißt, aber eine sorgfältigere deutsche Veröffentlichung verdient hätte – vor allem eine ungeschnittene. Wenn man dann noch bedenkt, dass sich viele Gewaltszenen im Zwielicht eines unterirdischen Foltergewölbes abspielen, wird klar, dass speziell die deutsche Fassung nichts für Gorehounds ist. Dann lieber die US-DVD. Ab dafür.

An_American_Terror-3

… in Gestalt eines fetten Serienkillers lauert

Veröffentlichung: 27. Mai 2016 als 3D Blu-ray (inkl. 2D-Version), Blu-ray und DVD

Länge: 83 Min. (Blu-ray), 80 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18 (Film mit FSK-16-Freigabe)
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: An American Terror
USA 2014
Regie: Haylar Garcia
Drehbuch: Haylar Garcia
Besetzung: Joe Abplanalp, Troy Alan, Graham Emmons, Kathryn Gould, Michael Haskins, Taylor Hulett, Louise Macdonald, Patrick Sheridan, Jennifer Wilde
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Trailershow
Vertrieb: White Pearl Movies / daredo (Soulfood)

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2016 White Pearl Movies / daredo (Soulfood)

 

Schlagwörter: , , , , ,

Winterkrieg – Das finnische Bollwerk gegen die Rote Armee

Winterkrieg-Cover-BR-KF Winterkrieg-Cover-BR-DC

Talvisota

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Er tobte nur kurz: Im sogenannten Winterkrieg (auch: Sowjetisch-Finnischer Krieg) kämpften zwischen dem 30. November 1939 und dem 13. März 1940 Finnland und die Sowjetunion um Teile der Karelischen Landenge, die die Sowjetunion für sich beanspruchte. Die Rote Armee wurde dabei phasenweise von den zahlenmäßig weit unterlegenen finnischen Streitkräften gestoppt.

Winterkrieg-01

Das Infanterieregiment JR23 rückt zusammen

Nach erbitterten Kämpfen mit großen Verlusten auf beiden Seiten sah sich Finnland dennoch gezwungen, mit dem Friedensvertrag von Moskau große Territorien an die Sowjetunion abzutreten, behielt dafür aber seine Unabhängigkeit. Der Winterkrieg bewirkte in Finnland ein Zusammenrücken und das Erstarken des finnischen Nationalgefühls.

Winterkrieg-04

In banger Erwartung …

1989 verfilmte der finnische Regisseur Pekka Parikka den Roman von Antti Tuuri über die Auseinandersetzung. Es war die bis dato teuerste finnische Kinoproduktion und in Finnland ein großer Erfolg. Der ausbleibende internationale Erfolg führte allerdings zum Bankrott der Produktionsfirma – so dachte ich in der ersten Fassung meiner Rezension. Tatsächlich war es offenbar deutlich komplizierter, wie mir Antti Tuuri, Autor des dem Film zugrundeliegenden Romans und des Drehbuchs, dankenswerterweise mitteilte. Hier bin ich einem Problem des Internets aufgesessen: Wenn sich eine Fehlinformation erst einmal ausreichend verbreitet hat, wird sie zur Wahrheit. Lest Antti Tuuris richtigstellenden Kommentar unter dieser Rezension!

Winterkrieg-07

… des Ansturms der Rotarmisten

„Winterkrieg“ folgt dem finnischen Infanterieregiment JR23, das nach Karelien abkommandiert wird, um dem zu erwartenden Ansturm der Roten Armee entgegenzutreten. Dabei sind auch die Brüder Martti (Taneli Mäkelä) und Paavo Hakala (Konsta Mäkelä). Nach einer quälend langen Zeit des Ausharrens kommt es bei eisigen Temperaturen zu ersten Gefechten. Das tödliche Ringen in den Schützengräben hat begonnen. Die auch an Waffenmaterial unterlegenen Finnen müssen zu Behelfsmitteln greifen und setzen schließlich erstmals Molotowcocktails ein.

Winterkrieg-08

Erbitterter Kampf …

Schon die Länge deutet an, dass es Regisseur Pekka Parikka darum ging, ein Epos zu erschaffen, den Kampf der finnischen Soldaten als Heldendrama zu inszenieren. Das Sterben ist blutig und schmutzig, wenn auch weniger drastisch als heute oft üblich. „Winterkrieg“ hat internationales Niveau und vermag mit seinem Fokus auf den einfachen Infanteristen zu fesseln, hat aber einige Längen. Mit einer Stunde zusätzlich gedrehtem Material entstand daraus später eine fünfteilige Miniserie – eine solcherart gestückelte und dramaturgisch anders aufbereitete Fassung funktioniert womöglich etwas besser. In Deutschland sind die Kinofassung und der 70 Minuten längere Director’s Cut erschienen. Obwohl „Winterkrieg“ dem Kriegsfilmgenre keine neuen Facetten gibt, ist es doch löblich, wenn auch dieser ansonsten international weniger im Fokus stehende Schauplatz des Zweiten Weltkriegs seine filmische Würdigung erhält. Etwas überambitioniert, aber beeindruckend.

Winterkrieg-09

… gegen die Invasoren

Veröffentlichung: 6. November 2015 als Blu-ray und DVD (Director’s Cut) sowie als Blu-ray und DVD (Kinofassung)

Länge: 197 Min. (Director’s Cut, Blu-ray), 191 Min. (Director’s Cut, DVD), 125 Min. (Kinofassung, Blu-ray), 121 Min. (Kinofassung, DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Finnisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Talvisota
FIN 1989
Regie: Pekka Parikka
Drehbuch: Pekka Parikka, Antti Tuuri, nach einem Roman von Antti Tuuri
Besetzung: Taneli Mäkelä, Konsta Mäkelä, Vesa Vierikko, Timo Torikka, Heikki Paavilainen, Antti Raivio, Samuli Edelmann, Vesa Mäkelä, Aarno Sulkanen, Esko Kovero, Martti Suosalo, Markku Huhtamo, Matti Onnismaa, Ville Virtanen, Leea Klemola
Zusatzmaterial: Trailershow, Wendecover, nur Director’s Cut: Interview mit Dr. Agilof Kesselring (Militärhistoriker, Lehrbeauftragter der Universität Helsinki) zu den historischen Hintergründen, Wochenschaubeiträge: Bombardement am Ladogasee & Blick in die Zukunft, Rundfunkberichte: Ansprache von Präsident Kyösti Kallio vom 6. Dezember 1939, Ankündigungen und Hinweise, Der erste Luftangriff auf Helsinki
Vertrieb: Pandastorm Pictures

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshots: © 2015 Pandastorm Pictures

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: