RSS

Brian De Palma (I): Dressed to Kill – Blondinen bevorzugt

07 Jun

Dressed_to_Kill-Cover-A-hoch Dressed_to_Kill-Cover-B-hoch

Dressed to Kill

Mit diesem Beitrag beginnt bei „Die Nacht der lebenden Texte“ eine Rezensionsreihe über Brian De Palma. Ohne Anspruch auf ein vollständiges Abdecken seiner Filmografie und in loser zeitlicher Abfolge werden verschiedene Autoren De Palmas Regiearbeiten in Augenschein nehmen.

Von Volker Schönenberger

Thriller // Suspense hat er wirklich drauf, der Brian De Palma. Soll man ihn doch als Hitchcock-Nachahmer kritisieren – wenn dabei Filme mit solchen Spannungsmomenten rauskommen wie in „Dressed to Kill“, kann es uns doch recht sein. Von Hitchcock zu lernen, heißt vom Besten zu lernen – und De Palma hat viel gelernt.

Suspense in der Metro

Wenn die von De Palmas damaliger Ehefrau Nancy Allen („Carrie – Des Satans jüngste Tochter“, „RoboCop“) gespielte Prostituierte Liz Blake in der New Yorker Metro in den Zug steigt, ahnt man, dass sie in großen Schwierigkeiten steckt. Unbemerkt von ihr steigen am einen Ende ihre Verfolgerin und am anderen Ende eine Horde rüpelhafter und sexistischer Halbstarker ein, von der sie eben noch auf dem Bahnsteig belästigt worden ist, Etwas wird mit Liz geschehen, aber was und wann? Kurz kann sie sich noch sicher fühlen, weil sich ein Polizist in ihrem Abteil aufhält. Dann aber steigt der aus …

Die unerfüllten Gelüste einer Hausfrau

Die Geschichte beginnt mit Kate Miller (Angie Dickinson), New Yorker Hausfrau, voll mit unerfüllten sexuellen Fantasien. Unverhohlen versucht sie, ihren Psychiater Dr. Robert Elliott (Michael Caine) zu verführen. Als das misslingt, sucht sie das Metropolitan Museum auf. Mit einem Besucher beginnt kurz darauf ein wortloses Spielchen sexueller Anziehung, bis sich die Begierde schließlich in einem Taxi entlädt – danach auch im Appartement des Unbekannten. Doch im Gebäude lauert eine Blondine mit Sonnenbrille und Rasiermesser …

Wie verführe ich einen Psychiater?

Auch auf sexuelle Spannung versteht sich Brian De Palma. Das beweist er mit der zehnminütigen dialogfreien Sequenz im Museum ebenso wie mit einer Szene gegen Ende, wenn auch Liz versucht, Dr. Elliott zu verführen (und sie sieht mächtig sexy aus in ihrer Reizwäsche). In einem Essay im Booklet der Arrow-Blu-ray bezeichnet die US-Filmwissenschaftlerin Maitland McDonagh „Dressed to Kill“ als „American Giallo“. Das ist natürlich unschwer zu entdecken, aber gerade war ich dabei, einige Elemente aufzuzählen, da fiel mir auf, dass sie zu viel enthüllen. Einige Leserinnen und Leser dieses Textes mögen ihn noch nicht gesehen haben und kommen nun auf den Geschmack, daher spare ich mir Spoiler. Glaubt mir einfach, dass „Dressed to Kill“ deutliche Anleihen beim italienischen Giallo nimmt, diesem stilvollen Subgenre des Thrillers, das Mordszenen weidlich inszeniert und in dem gern mal scharfe Klingen gezeigt werden, wie sie weibliche Haut durchschneiden.

Hitchcock, Hitchcock, immer wieder Hitchcock – bis unter die Dusche

Auch das große Vorbild „Psycho“ eint De Palmas Film mit seinen italienischen Vorläufern. Hier besteht ebenfalls die Gefahr, zu viel zu verraten. Jedenfalls beginnt und endet „Dressed to Kill“ mit einer Duschszene. Beide sind zwar sinnlicher und betörender als bei Hitchcock, die Referenz ist aber unverkennbar.

Ist „Dressed to Kill“ frauenfeindlich?

Eine weitere Parallele zu den Giallo-Filmen: Wie diese sah sich „Dressed to Kill“ mit Vorwürfen des Frauenhasses konfrontiert. In erwähntem Essay schreibt Maitland McDonagh, eine Organisation namens „Women Against Violence and Pornography in Media“ habe davor gewarnt, ein Erfolg des Films könne dazu führen, dass Frauenmörder zum größten Antörner der 80er werden. Man kann es auch übertreiben.

Bei der Criterion-Blu-ray die Auflage beachten

Was für eine Bildqualität! Habe ich den Metro-Goldwyn-Mayer-Löwen zu Beginn des Films schon je so gestochen scharf erblickt? Aber was will man vom englischen Label Arrow Video anderes erwarten? Kurz der Blick über den Großen Teich: Bei „The Criterion Collection“ ist erst im September 2015 eine Blu-ray mit neuem 4K-Transfer erschienen. Wie groß die qualitativen Unterschiede zwischen beiden Versionen sind, entzieht sich mangels Sichtung der Criterion-Disc meiner Kenntnis, mir reicht meine Arrow-Scheibe. Bonusmaterial haben beide massig. Wer sich die Criterion-Edition zulegt, möge darauf achten, beim Kauf die Zweitauflage („Second Printing“ auf dem Backcover) zu erwischen. Die Erstauflage hatte einen technischen Fehler.

30 Sekunden mehr

Arrow- wie Criterion-Blu-ray gleichermaßen enthalten den Unrated Cut, der 30 Sekunden länger ist als die R-Rated-Fassung. Die deutsche DVD mit der kürzeren Variante ist im Handel vergriffen. Da wird es Zeit für eine Neuveröffentlichung – zumindest für jene Filmgucker, die Wert auf die deutsche Tonspur legen. Wer eine der beiden Blu-rays sein eigen nennt, macht jedenfalls mit dieser Perle des stilvollen 80er-Slasherkinos nichts falsch. American Giallo in Perfektion!

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Brian De Palma sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Michael Caine in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 29. Juli 2013 als Blu-ray (GB, Arrow Video), 8. September 2015 als Blu-ray und DVD (USA, The Criterion Collection), 4. Dezember 2006 als DVD (Twentieth Century Fox Home Entertainment)

Länge: 105 Min. (Blu-ray), 100 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18 (R-Rated-Fassung, nach Neuprüfung nun FSK 16)
Sprachfassungen: Deutsch (nur Fox), Englisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: Dressed to Kill
USA 1980
Regie: Brian De Palma
Drehbuch: Brian De Palma
Besetzung: Michael Caine, Angie Dickinson, Nancy Allen, Keith Gordon, Dennis Franz, David Margulies, Brandon Maggart
Zusatzmaterial Arrow Video: Symphony of Fear (Producer George Litto discusses his working relationship with Brian De Palma), Dressed in White (Angie Dickinson on her role in the film), Dressed in Purple (Nancy Allen discusses her role in the film), Lessons in Filmmaking (Keith Gordon discusses „Dressed to Kill“), The Making of a Thriller, A Film Comparison (Unrated, R-Rated, TV-Rated), Slashing Dressed to Kill (Brian De Palma and stars Nancy Allen and Keith Gordon discuss the changes that had to be made to avoid an X-rating), Original Trailer, Gallery, Wendecover mit alternativem Plakatmotiv, 36-seitiges Booklet (mit Essay von Maitland McDonagh: Dressed to Kill: American Giallo, Interview von David Bird mit Stephen Sayadian, Photo Art-Director des „Dressed to Kill“-Posters, dazu viele Bilder)
Zusatzmaterial The Criterion Collection: New conversation between Brian De Palma and filmmaker Noah Baumbach, new interviews with actor Nancy Allen, producer George Litto, composer Pino Donaggio, shower-scene body double Victoria Lynn Johnson, and poster photographic art director Stephen Sayadian, The Making of “Dressed to Kill” (2001), new profile of cinematographer Ralf Bode, featuring filmmaker Michael Apted, Interview with actor-director Keith Gordon (2001), pieces from 2001 about the different versions of the film and the cuts made to avoid an X-Rating, Gallery of storyboards by Brian De Palma, Trailer, Booklet (essay by critic Michael Koresky)
Vertrieb: Arrow Video (GB), The Criterion Collection (USA), Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

Advertisements
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: