RSS

The Neon Demon – Schöner Wahnsinn

23 Jun

Neon_Demon-Plakat

The Neon Demon

Kinostart: 23. Juni 2016

Von Andreas Eckenfels

Horror-Groteske // Nach seinem stylishen Thriller-Meisterwerk „Drive“ schockte Regisseur Nicolas Winding Refn Kritiker und Publikum mit dem rätselhaft-brutalen Rachedrama „Only God Forgives“. Auch „The Neon Demon“ wird seit seiner Premiere bei den Filmfestspielen in Cannes heftig diskutiert. Refn erntete Lob, aber auch viele Buh-Rufe für seine bizarre Groteske auf die Modewelt. Egal auf welcher Seite man am Ende steht: Kalt wird dieser albtraumhafte Trip mit Sicherheit niemanden lassen.

Neon_Demon-1

Jesse träumt von der großen Modelkarriere

Landei Jesse (Elle Fanning) träumt von der großen Modelkarriere. Deshalb zieht die 16-Jährige nach Los Angeles und mietet sich in das heruntergekommene Motel des zwielichtigen Hank (Keanu Reeves) ein. Mit Hilfe der Visagistin Ruby (Jena Malone) erhält sie einen Vorstellungstermin bei der renommierten Agentin Jan (Christina Hendricks), die sofort die einzigartige Ausstrahlung der jungen Frau erkennt. Schnell steigt die bildhübsche Jesse zum Liebling von Fotografen und Modedesignern auf – und erntet damit zunehmend Neid und Missgunst von ihren Modelkolleginnen. Die greifen bald zu radikalen Mitteln.

Spiel mit den Extremen

„Schönheit ist nicht alles – sie ist das einzige“, sagt der von Allessandro Nivola gespielte Modedesigner einmal. Auch Refn muss sich immer wieder den Vorwurf gefallen lassen, dass seine Werke weniger von seiner Geschichte als von seinen hyperstylishen Bildkompositionen leben. Das ist bei „The Neon Demon“ nicht anders. Viel Neues erzählt er uns nicht über die Gemeinheiten der Fashionindustrie.

Neon_Demon-2

Wie eine große Schwester kümmert sich Visagistin Ruby um Jesse

Schönheitskult und Jugendwahn stehen bei Refn allerdings nur vordergründig im Fokus. Er ging ihm offenkundig nicht darum, eine weitere Satire auf die Mode- und Modelwelt abzuliefern. Vielmehr spielt Refn mit den Extremen; sucht danach, wann der Schönheitswahn in Bessenheit umschlägt und jemanden schließlich in den Wahnsinn treibt. Verarbeitete Refn in „Only God Forgives“ den Mythos von Ödipus, nimmt er sich nun also des Narziss an.

Elle Fanning überstrahlt alles

„Frauen würden töten um so auszusehen wie ich“, sagt Jesse auf dem Höhepunkt ihres Erfolges. Im Gegensatz zu ihren Modelfreundinnen Gigi (Bella Heathcote) und Sarah (Abbey Lee) strahlt Jesse eine natürliche Schönheit aus, die kein Beauty-Doc mit Hammer und Meißel hinbekommen könnte. Spätestens mit ihrer Rolle in „Somewhere“ hatte Elle Fanning sich aus dem Schatten ihrer großen Schwester Dakota gespielt. In „The Neon Demon“ wächst sie über sich selbst hinaus. Auch der Zuschauer kann den Blick nicht von dieser betörend schönen, aber nicht perfekten jungen Frau lassen – was natürlich auch daran liegt, wie Refn sie stets ins rechte Licht rückt.

Neon_Demon-3

Ganz in Weiß: Starfotograf Jack rückt Jesse ins rechte Licht

Die Strahlkraft von Elle Fanning und der eindrucksvolle Bilderreigen machen „The Neon Demon“ zum Erlebnis. Eine komplett in Weiß getauchte Szene in einem Fotostudio und eine Szene, in der Jesse auf einem Sprungbrett eines leeren Swimmingpools steht und zu schweben scheint, sind schlicht atemberaubend. Dazu wieder einmal ein genialer Electro-Score von Refns Hauskomponisten Cliff Martinez.

Parallelen zu Lynch und Jodorowsky

Wie schon in „Drive“ zeigt Refn auch die düstere Seite der Glitzerstadt Los Angeles. Zu Beginn, wenn Jesse neu in der „Stadt der Engel“ ist, scheint es so, als ob an jeder Ecke eine Gefahr auf das unschuldige Mädchen lauert. Dazu die belanglosen, betont klischeehaften Gespräche der Models und viele mysteriöse Gesellen, wie Starfotograf Jack (Desmond Harrington) und Keanu Reeves als Motel-Manager Hank. Diese Elemente entwickeln eine beängstigende Stimmung, die mich stark an David Lynchs „Mulholland Drive“ erinnert haben. Hollywood und Modebiz sind eben nicht weit voneinander entfernt. Doch während Lynch ein Rätsel nach dem anderem zu einem großen Mysterium aufbaut, setzt Refn auf offene Provokation.

Neon_Demon-4

Nicht nur Magermodel Sarah ist Jesse ein Dorn im Auge

Denn im letzten Drittel kann es Refn dann doch wieder nicht lassen: Heftige Schockszenen häufen sich. Es ist fast so, als ob der Regisseur eine Checkliste abarbeitet, was ihm zu seinem Thema Schönheitswahn und Besessenheit eingefallen ist. Dies zieht sein Werk unnötig in die Länge. Das Ganze gipfelt in einen bluttriefenden Finale, welches in letzter Konsequenz die ultimative und auch durchaus logische Antwort auf seine Ausgangsfrage liefert.

Neon_Demon-6

Nicht ganz so unschuldig: Jesse weiß genau, ihre Schönheit für ihre Zwecke zu nutzen

Mit diesen Brutalitäten spaltet er sein Publikum. Der Autor Refn ist eben auch ein großer Fan der Werke von Alejandro Jodorowsky, dem er im Abspann wieder einmal seinen Dank ausdrückt. Man sollte sich deswegen aber nicht schrecken lassen: An „The Neon Demon“ gibt es mehr zu lieben als zu hassen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Nicolas Winding Refn sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Keanu Reeves in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 117 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Neon Demon
USA/F/DK 2016
Regie: Nicolas Winding Refn
Drehbuch: Nicolas Winding Refn
Besetzung: Elle Fanning, Jena Malone, Bella Heathcote, Abbey Lee, Keanu Reeves, Christina Hendricks, Karl Glusman, Allessandro Nivola, Desmond Harrington
Verleih: Koch Films

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2016 Koch Films

Advertisements
 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: