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William Friedkin (IV): Atemlos vor Angst – Himmelfahrtskommando im Dschungel

27 Jun

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Sorcerer

Von Simon Kyprianou

Action-Abenteuer // Vier verzweifelte Männer haben ihr Leben in eine Sackgasse manövriert: ein arabischer Terrorist (Amidou), ein französischer Geschäftsmann (Bruno Cremer), ein mexikanischer Auftragskiller (Francisco Rabal) und ein irischer Gangster (Roy Scheider). Abgebrannt lungern sie in einem schäbigen Nest in Südamerika herum. Ihr einziger Wunsch ist es, von dort wegzukommen. Aber dazu brauchen sie Geld, daher nehmen sie das selbstmörderische Angebot einer Ölfirma an: Sie sollen Nitroglyzerin zu einer brennenden Ölquelle transportieren, die nicht mit Wasser gelöscht werden kann, sondern nur mit einer kontrollierten Sprengung. Das Nitroglyzerin ist allerdings hoch explosiv, bei der kleinsten Erschütterung kann es in die Luft gehen. Vier Männer, zwei Lastwagen, der Transport über miese Pisten durch den Dschungel ist lebensgefährlich, die Belohnung entsprechend hoch.

Neuverfilmung von „Lohn der Angst“

Mit „French Connection – Brennpunkt Brooklyn“ (1971) und „Der Exorzist“ (1973) hatte Regisseur William Friedkin zwei höchst erfolgreiche Filme inszeniert, nun konnte sich seine Projekte nach Belieben aussuchen – er ließ sich aber bis 1977 viel Zeit für sein nächstes Kinoprojekt. Was ihn reizte war eine Neuverfilmung des Romans „Lohn der Angst“, der von Henri-Georges Cluzot bereits 1953 verfilmt worden war. Friedkin hat aber stets betont, dass es ihm nicht darum ging, ein Remake von Clouzots Film zu drehen – angesichts von dessen Klasse ohnehin ein überflüssiges Unterfangen –, es ging ihm vielmehr darum, seine eigene Version der Geschichte zu inszenieren, einer Geschichte, von der er dachte, dass sie die aktuelle Weltlage miteinander streitender Großmächte reflektiert, die trotz der Differenzen zur Zusammenarbeit gezwungen sind.

Kein Remake, sondern eigenständiges Werk

Demnach hat Friedkins „Atemlos vor Angst“ ästhetisch und inszenatorisch wenig mit Clouzots „Lohn der Angst“ gemein. Dominik Graf hat Clouzot mal einen „sterilen Kinoprofessor“ genannt und trifft es damit auf den Punkt. Clouzots Filme, so großartig sie zweifellos sind, haben immer etwas Anorganisches an sich, etwas unangenehm Sauberes, auch „Lohn der Angst“. Friedkins Film ist da ganz anders: wild, wirr, schnell, chaotisch und exzessiv. Friedkin inszeniert die Geschichte konzentriert und druckvoll. Mehr noch als bei Clouzot kristallisieren sich bei Friedkins Version Ausweglosigkeit und Existenzialismus heraus, die bei Friedkin später in halluzinatorischen Wahnsinn übergehen. Der pulsierende Soundtrack von Tangerine Dream tut sein Übriges. Friedkin hatte die deutschen Elektro-Pioniere mehr oder weniger spontan engagiert hat, nachdem er in Deutschland eins ihrer Konzerte besucht hatte. Ihre Musik trägt maßgeblich zur drückenden, schwülen Atmosphäre von „Sorcerer“ bei.

Pannen und Missgeschicke bei den Dreharbeiten trieben das Budget in die Höhe. Die berühmte Brückenszene, sicher die beste Szene des Films, bereitete dabei die meisten Schwierigkeiten, weil der Fluss, der als Kulisse dienen sollte, unerwartet austrocknete.

Hätte Steve McQueen Erfolg garantiert?

Für den großen Misserfolg von „Sorcerer“ an den Kinokassen macht sich Friedkin selbst verantwortlich, denn er schlug eine Beteiligung von Steve McQueen aus, der an Roy Scheiders Rolle interessiert war, aber auf einer Rolle für seine damalige Frau Ali McGraw bestand. Mit Roy Scheider wurde die Rolle zwar gut besetzt, aber Scheider war kein Superstar und Kassenmagnet wie McQueen. Als der Film in die US-Kinos kam, wurde er von den Kritikern verrissen und vom Publikum ignoriert. Allerdings trug auch der große Erfolg von „Krieg der Sterne“ dazu bei, andere Produktionen des Filmjahrs 1977 zu kannibalisieren, worunter auch „Sorcerer“ zu leiden hatte.

Deutsche Veröffentlichung von „Atemlos vor Angst“ lässt auf sich warten

Als Reaktion auf das schlechte US-Einspielergebnis gelangte nur eine um 30 Minuten gekürzte Version auf den europäischen Markt. Bis heute ist der Film in Deutschland nicht auf DVD erschienen. Im Ausland sieht es besser aus, dort erlebt „Sorcerer“ gerade eine Art Renaissance, erscheint in hervorragenden, von Friedkin persönlich neu gemasterten DVD- und Blu-ray-Editionen. Im vergangenen Jahr lief die korrekte Fassung zum ersten Mal im deutschen Fernsehen – bei Arte. Hoffen wir auf eine baldige Heimkino-Veröffentlichung bei uns.

William Friedkin bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Der Exorzist (1973)
Atemlos vor Angst (1977)
Cruising (1980)
Leben und Sterben in L.A. (1985, geplant)
Die 12 Geschworenen (1997)
Die Stunde des Jägers (2003, geplant)

Veröffentlichung (USA): 22. April 2014 als Blu-ray im Mediabook und DVD, (Warner), 17. November 1998 als DVD (Universal)

Länge: 121 Min.
Altersfreigabe: FSK nicht geprüft (USA: R-rated)
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: Sorcerer
USA 1977
Regie: William Friedkin
Drehbuch: Walon Green, nach einem Roman von Georges Arnaud
Besetzung: Roy Scheider, Bruno Cremer, Francisco Rabal, Amidou, Joe Spinell, Anne-Marie Deschodt
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2016 by Simon Kyprianou

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