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Rebellen der Steppe – Hollywood, die Mythen- und Legendenschmiede

04 Jul

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Calamity Jane and Sam Bass

Von Ansgar Skulme

Western // Sam Bass (Howard Duff) scheint eigentlich keiner Fliege etwas zuleide tun zu können. Ein paar Pferdewetten jedoch und zwei schöne Frauen als Ansporn machen binnen kurzer Zeit einen Gesetzlosen aus ihm. Bass holt sich wieder, wovon er glaubt, dass es ihm zusteht, und findet nicht nur in Calamity Jane (Yvonne De Carlo) eine Verbündete. Für Bass weicht so mancher vom Pfad der Tugend ab (unter anderem: Lloyd Bridges) – dabei hat Kathy Egan (Dorothy Hart) doch so sehr an ihren Sam geglaubt …

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Sam Bass und seine Gang mit dem Rücken zur Wand

„Rebellen der Steppe“ ist einer der vielen Western aus dem klassischen Hollywood-Kino, deren Originaltitel nur aus den Namen historischer Personen bestehen. Wir sprechen also von Filmen, die mehr oder minder vortäuschen, die tatsächliche Geschichte einer (oder, wie hier, mehr als einer) Person aus dem Wilden Westen zu erzählen. Dabei suggerieren sie durch den bloßen Namen der Personen im Titel eine gewisse Wirklichkeitsnähe – da der Film praktisch mit dem Namen der Person gleichgestellt wird –, sind oftmals aber trotzdem weitestgehend frei erfunden. Unter den Filmen dieses Schlages ist „Rebellen der Steppe“ ein Exemplar der dreisteren Sorte, da das Werk schon im Titel zwei Personen in unmittelbaren Zusammenhang stellt, für die noch nicht einmal nachgewiesen ist, dass sie einander in der Realität jemals kennengelernt haben: Sam Bass und Calamity Jane.

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Jeder Gesetzlose findet eines Tages seinen Meister

Überliefert ist lediglich, dass sich beide etwa zur selben Zeit, Mitte/Ende der 1870er-Jahre, in South Dakota aufgehalten haben, sie außerdem etwa im selben Alter waren und ähnlich gelagerte rebellische Interessen gehabt haben mögen. Genauer weiß man sogar, dass beide in der berüchtigten Stadt Deadwood anzutreffen gewesen sind, die 125 Jahre später einer TV-Serie ihren Namen geben sollte. Der Mann, dem Calamity Jane im wahren Leben verfallen war, war jedoch nicht Sam Bass, sondern vielmehr wohl Wild Bill Hickok, der ziemlich genau zwei Jahre vor Bass das Zeitliche segnete. Sam Bass wiederum war gewissermaßen einer der Gründerväter des später durch zahlreiche große Musiker traurig berühmt gewordenen „Klub 27“ – er starb genau an seinem 27. Geburtstag.

Routine, nach allen Regeln der Kunst

Kurzum ist der Film ein Musterbeispiel dafür, wie Hollywood Legenden und Mythen schuf, aber wenn man sich mit der historischen Fragwürdigkeit des Werks anfreunden kann, kommt man als Fan des Genres gut auf seine Kosten. Auf den Regisseur George Sherman war einfach so gut wie immer Verlass – ein routinierter Genre-Veteran, an dem vor allem im Western kein Weg vorbeiführt, wenn man nur ein wenig über den Tellerrand der John Fords, der Howard Hawks‘ und der Anthony Manns schaut. Sherman hatte mit beiden Hauptdarstellern zuvor bereits Western gedreht und führte sie zielsicher durch die Geschichte, die in ihrer Narration und hinsichtlich der Charakterzeichnung von Sam Bass oftmals an Gangsterfilme der 1930er-Jahre erinnert, in denen James Cagney oder Edward G. Robinson die Hauptrollen spielten. Filme, die vom kleinen Mann handeln, der schließlich ein großer Gesetzloser wird und ein auf die schiefe Bahn geratenes Gefolge um sich schart, das für den trügerischen Glanz des Ruhms alles Gewesene hinter sich lässt. Plötzlich sind die Nachbarn Gangster, denen man das vorher nie zugetraut hätte, und stehen zu Männern wie Sam Bass, lassen sich sogar für sie umbringen. Man muss dem Film allerdings auch verzeihen können, dass Bass demzufolge wie eine nach Schema F konzipierte „From rags to riches“-Figur („von Lumpen zu Reichtümern“) daherkommt und alle anderen Charaktere – darunter selbst Calamity Jane – sogar noch weitaus oberflächlicher gezeichnet sind. Stilistisch ist das Werk sehenswert, inhaltlich aber nicht mehr als weitestgehend höhepunktfreier Durchschnitt und keinesfalls einer von Shermans besten fünf Western, sondern eher einer seiner schwächeren. Einer der prägnantesten Momente ist im Grunde die abschließende Schießerei, in der plötzlich die einleitende, furiose Fanfare aus Robert Siodmaks „Die Killer“ (1946) – ebenfalls aus dem Hause Universal – erklingt, mit der Miklós Rózsa seinerzeit den Vorspann dieses Film-noir-Klassikers eröffnet hatte. Dass in einem solchen Film urplötzlich ein solches Glanzstück US-amerikanischer Filmmusik zitiert wird, kommt überraschend, aber cool. Nur wird dieses Kuriosum den meisten Betrachtern leider nicht einmal auffallen.

Das heimliche Highlight: Norman Lloyd

Der aus heutiger Sicht vielleicht interessanteste Aspekt an diesem Western, ist die Mitwirkung von Norman Lloyd. Gerade ist der 100. Geburtstag von Olivia de Havilland in aller Munde und Kirk Douglas nähert sich diesem Jubiläum auch mit großen Schritten; Norman Lloyd jedoch wird am 8. November bereits 102 Jahre alt und ist sogar immer noch im Filmgeschäft aktiv. Nachdem Wally Cassell, ein für seine vielen Nebenrollen in Film noirs populärer Nebendarsteller, im April 2015 im Alter von 103 Jahren starb, dürfte Lloyd mittlerweile der älteste noch lebende Schauspieler aus der Ära des Classical Hollywood sein. Seine erste namentlich genannte Rolle in einem Kinofilm spielte er – man sage und schreibe – 1942 in Alfred Hitchcocks „Saboteure“, in dem er sich bereits ein bis heute denkwürdiges Finale in der Fackel der Freiheitsstatue mit Hauptdarsteller Robert Cummings liefern durfte. Lloyd, der praktisch von diesem ersten Film an ein bekanntes Gesicht war, ist eine Art lebendiges Stück Filmgeschichte, nicht nur weil er zu den Hollywood-Schauspielern gehörte, die in der sogenannten „Ära“ des Senators McCarthy auf der schwarzen Liste standen. Seine letzte Kinorolle in den 50er-Jahren spielte er neben Charlie Chaplin in „Rampenlicht“ (1952), zuvor konnte man ihn unter anderem in Hitchcocks „Ich kämpfe um dich“ (1945) und Hollywoods 1951er-Remake von Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ (1931) sehen.

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Ihr Leben mögen sie lassen, aber ihre Liebe nicht

Als „Rebellen der Steppe“ erschien, hatte Norman Lloyd bis dato kaum mehr als zehn Filme gedreht, die verschlagene, verräterische Rolle, die er verkörpert, ist jedoch typisch für ihn. Zumindest wenn man die wenigen Filme zurate zieht, die er bis 1952 drehte – und danach folgten in über 60 weiteren Jahren nur noch sehr wenige weitere Kinoauftritte. Hitchcock nahm sich Lloyds während der 50er-Jahre an und führte ihn mit seiner Serie „Alfred Hitchcock präsentiert“, für die Lloyd auch vermehrt als Regisseur tätig wurde, zum Fernsehen. Seine wohl bekannteste Rolle in späteren Jahren spielte Norman Lloyd in den 80er-Jahren in der Serie „Chefarzt Dr. Westphall“, wo er in über 130 Folgen den Dr. Daniel Auschlander darstellte. Der bekannteste Kinofilm aus seinem Spätwerk ist sicherlich „Der Club der toten Dichter“ (1989). Im Fernsehen war er zuletzt 2010 bei einem Gastauftritt in der zweiten Staffel von Ed O’Neills neuer Erfolgsserie „Modern Family“ zu sehen und im Kino 2015 unter der Regie von Judd Apatow in „Dating Queen“, zu dem es auch interessantes und lustiges Making-of-Material mit Lloyd, mitsamt eines Interviews, gibt. Eine spektakuläre Filmografie, die von dem recht bizarren Umstand gekrönt wird, dass „Rebellen der Steppe“ offenbar sein einziger Western geblieben ist, in knapp 102 Lebensjahren und in mehr als 75 Jahren Filmkarriere. Das muss man als Veteran aus dem Classical Hollywood erst einmal geschafft haben. Aber da der Western als Genre erst nach dem Zweiten Weltkrieg langsam wieder zur Blüte gelangte und Lloyd Ende der 40er/Anfang der 50er zunächst keine weitere Rolle im Genre spielte, verpasste er „dank“ Senator McCarthy die größte Phase des Genres schließlich praktisch in aller Gänze – im Kino wie auch im Fernsehen. Festzuhalten ist aber: Unter den gut 20 Filmen, die Norman Lloyd von 1942 bis 1952 ablieferte, sind einige wirklich namhafte und noch mehr sehenswerte Exemplare. Das wäre bei einem Schauspieler dieses Alters durchaus mal eine kleine Retrospektive wert.

Koch rettet das Andenken von George Sherman

Koch Films – vormals Koch Media – hat George Sherman über die Jahre schon etliche Veröffentlichungen spendiert, darunter sogar eine eigene Box, daher lohnt sich der Kauf schon allein um des bloßen Komplettierens willen. Das Bild ist, wie für Koch üblich, auf hohem Niveau und der Ton gut erhalten. Wissen sollte man allerdings, dass als deutsche Fassung eine in München entstandene Fernsehsynchronisation vorliegt. Diese ist schauspielerisch ordentlich gelungen und mit einigen bekannten Stimmen versehen, hat aber atmosphärisch die üblichen Schwächen Jahrzehnte später angefertigter Synchronisationen von klassischen Filmen. Der Film lief zwar Anfang der 50er-Jahre in den deutschen Kinos, die entsprechende Synchronfassung von 1951, die seinerzeit in Berlin angefertigt wurde, scheint aber nicht mehr erhalten oder auffindbar zu sein. Das Bonusmaterial bietet den für die „Western Legenden“-Reihe üblichen Umfang, einschließlich Booklet, Bildergalerie und Originaltrailer. Zweifelsohne bei weitem nicht der beste Film der Western-Reihe von Koch, aber gut besetzt und in herrlichem Technicolor souverän inszeniert – daher für Genre-Fans absolut zu empfehlen.

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Jane & Bass: Erst Fremde, dann ein eingespieltes Team

Die „Edition Western Legenden“ von Koch Films:

01. Die weiße Feder (White Feather, 1955)
02. Rache für Jesse James (The Return of Frank James, 1940)
03. Der letzte Wagen (The Last Wagon, 1956)
04. Union Pacific (Union Pacific, 1939)
05. Rio Conchos (Rio Conchos, 1964)
06. Schiess zurück Cowboy (From Hell to Texas, 1958)
07. Herrin der toten Stadt (Yellow Sky, 1948)
08. Die schwarze Maske (Black Bart, 1948)
09. Ritt zum Ox-bow (The Ox-Bow Incident, 1943)
10. 100 Gewehre (100 Rifles, 1969)
11. Shoot Out – Abrechnung in Gun Hill (Shoot Out, 1971)
12. Der große Aufstand (The Great Sioux Uprising, 1953)
13. Der Tag der Vergeltung (Untamed Frontier, 1952)
14. Duell mit dem Teufel (The Man from Bitter Ridge, 1955)
15. Grenzpolizei Texas (The Texas Rangers, 1936)
16. El Perdido (The Last Sunset, 1961)
17. Trommeln des Todes (Apache Drums, 1951)
18. Drei Rivalen (The Tall Men, 1955)
19. Quantez, die tote Stadt (Quantez, 1957)
20. Reiter ohne Gnade (Kansas Raiders, 1950)
21. Die Höhle der Gesetzlosen (Cave of Outlaws, 1951)
22. Western Union (Western Union, 1941)
23. Ritt in den Tod (Walk the Proud Land, 1956)
24. Vorposten in Wildwest (Two Flags West, 1950)
25. Santiago der Verdammte (The Naked Dawn, 1955)
26. Verschwörung auf Fort Clark (War Arrow, 1953)
27. Vom Teufel verführt (The Rawhide Years, 1955)
28. Der große Bluff (Destry Rides Again, 1939)
29. Gold aus Nevada (The Yellow Mountain, 1954)
30. Rivalen im Sattel (Bronco Buster, 1952)
31. Feuer am Horizont (Canyon Passage, 1946)
32. Noch heute sollst du hängen (Star in the Dust, 1956)
33. Frisco Express (Wells Fargo, 1937)
34. Schieß oder stirb (Gun for a Coward, 1957)
35. Der große Minnesota Überfall (The Great Northfield, Minnesota Raid, 1972)
36. Mit roher Gewalt (The Spoilers, USA 1955)
37. Die Welt gehört ihm (The Mississippi Gambler, USA 1953)
38. Rebellen der Steppe (Calamity Jane and Sam Bass, USA 1949)
39. Der Vagabund von Texas (Along Came Jones, USA 1945)
40. Auf verlorenem Posten (The Lone Hand, USA 1953)
41. California (California, USA 1947)
42. Der blaue Mustang (Black Horse Canyon, USA 1954)
43. Die Meute lauert überall (Raw Edge, USA 1956)
44. Rächer der Enterbten (The True Story of Jesse James, USA 1957)
45. Schüsse peitschen durch die Nacht (Showdown at Abilene, USA 1956)

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Nur gut, dass die Kerle eine Frau im Team haben

Veröffentlichung: 7. Juli 2016 als DVD

Länge: 82 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: Calamity Jane and Sam Bass
USA 1949
Regie: George Sherman
Drehbuch: George Sherman, Maurice Geraghty, Melvin Levy
Besetzung: Yvonne De Carlo, Howard Duff, Dorothy Hart, Lloyd Bridges, Willard Parker, Norman Lloyd, Marc Lawrence, Milburn Stone, Roy Roberts, Ann Doran
Zusatzmaterial: Bildergalerie mit seltenem Werbematerial, Trailer, Booklet
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2016 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2016 Koch Films

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