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Goldene Erde Kalifornien – Michael Curtiz’ vergessenes Epos

09 Jul

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Gold Is Where You Find It

Von Ansgar Skulme

Western // In Kalifornien tobt ein erbitterter Widerstreit zwischen Farmern, angeführt von dem altmodischen Colonel Ferris (Claude Rains), und an der Goldsuche interessierten Bergbauern und Minenbesitzern unter der Führung des Moguls Harrison McCooey (Sidney Toler). In Jared Whitney (George Brent) hat McCooey einen fähigen Ingenieur in seinen Reihen, doch der freundet sich ausgerechnet mit Colonel Ferris‘ Sohn Lance (Tim Holt) an und verguckt sich obendrein in Ferris‘ Tochter Serena. Umso mehr sich die Lage zuspitzt, umso ärger gerät Whitney zwischen die Fronten …

Um alle unter der Regie von Michael Curtiz entstandenen Hits aus den 30er-Jahren aufzuzählen, reichen die Finger an zwei Händen nicht. Man kann guten Gewissens behaupten, dass wohl von keinem Hollywood-Regisseur so viele verschiedene 30er-Jahre-Filme noch in den 2000er-Jahren deutsch synchronisiert hierzulande im frei empfangbaren Fernsehen wiederholt worden sind. Er war einer derjenigen, die schon im Zwei-Farben-Verfahren von Technicolor Tonfilme drehen durften, bevor das Drei-Farben-Verfahren ab 1935 seinen Siegeszug antrat. Freilich wird mit Curtiz‘ Technicolor-Blütezeit heute vor allen Dingen „Die Abenteuer des Robin Hood“ (1938) assoziiert, wenngleich dieser Film eigentlich von William Keighley begonnen und von Curtiz erst während der Produktion übernommen wurde. Doch es gab da noch einen Film, den man nicht vergessen sollte, Curtiz‘ ersten und einzigen vor „Robin Hood“ entstandenen Film im Drei-Farben-Verfahren, schon 1937 abgedreht und ein Vierteljahr vor dem berühmten Errol-Flynn-Epos im Kino gestartet: „Goldene Erde Kalifornien“, Originaltitel „Gold Is Where You Find It“.

Olivia de Havilland am Vorabend des Weltruhms

An zweiter Stelle des Vorspanns genannt finden wir den Namen von Olivia de Havilland, deren Karriere sich seit 1935 im Aufwind befand und die mit dem nachfolgenden „Robin Hood“-Abenteuer endgültig zum Superstar werden sollte. Hier ist sie, wenngleich von den Warner Brothers längst als Star ins Feld geführt, in einer etwas knapp gehaltenen Rolle zu sehen, die vor allem in der stark gekürzten deutschen Fassung ein wenig untergeht, welche zuletzt im TV auf TNT Film lief – es fehlen gut 20 Minuten. Es erscheint rätselhaft, warum der Film in Deutschland so extrem geschnitten wurde, obwohl die Synchronfassung ohnehin erst in den 60er-Jahren entstand.

In den USA ist mittlerweile aber, erst vor knapp zwei Jahren, zumindest die Originalversion in der Warner Archive Collection auf DVD erschienen – und das natürlich ungekürzt. Fans der mittlerweile 100-jährigen de Havilland sollten daher besser gleich zur US-DVD greifen, auch wenn die deutsche Synchronfassung handwerklich gut gelungen ist – darin ist mit Heinz Engelmann ein Altmeister zahlreicher Western-Synchronrollen für Claude Rains zu hören. Die massiven Kürzungen könnten auch eine Erklärung dafür sein, warum der Film in Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Curtiz-Regiearbeiten aus den 30ern eher selten wiederholt wurde und trotz seines Alleinstellungsmerkmals, dass es Curtiz‘ erster Film im Drei-Farben-Verfahren von Technicolor war, bis heute nicht bei uns auf DVD herausgebracht worden ist.

Für ein Epos sicher kurz, aber …

Zugegebenermaßen sind gut 90 Minuten für ein Epos keine besonders stattliche Länge, jedoch bringt die historisch bedeutsame Geschichte ebenso wie die Besetzung alle erforderlichen Anlagen für eine epische Erzählung mit sich. Curtiz hatte schon etliche Jahre keinen Western mehr gedreht und realisierte auch in der Folge zunächst nur ein paar Genre-Beiträge mit Errol Flynn, ehe er erst 1954, nach 14 Jahren Pause, wieder zum Western zurückkehrte. In „Goldene Erde Kalifornien“ jedoch zeigt er eindrucksvoll die Befähigung des Genres zur unterhaltsamen Geschichtsstunde, als hätte er nur darauf gewartet, seinen monumentalsten Western endlich drehen zu können. Der Konkurrenzkampf zweier amerikanischer Träume, das Duell von Landwirtschaft mit Goldsuche, werden für starke Bilder und dramatische Wendungen genutzt. Spaß macht zudem das motiviert wirkende Darsteller-Ensemble, unter anderem mit dem späteren zweiten „Charlie Chan“ der großen 20th-Century-Fox-Ära, Sidney Toler, der seinen Minen-Mogul McCooey mit gutem Gespür für die Ausrichtung der Kamera und die eigenen Blickrichtungen stets galant ins rechte Bild rückt – wahrscheinlich Tolers beste Rolle, bevor er als Chan Kult-Status erlangte.

Claude Rains, der bei den Dreharbeiten noch nicht einmal 50 Jahre alt war, spielt wie selbstverständlich den in die Jahre gekommenen Farmer-Patriarchen, eine Rolle, die um die 15 Jahre mehr auf dem Rücken haben dürfte. Es sollte die einzige Westernrolle in Rains‘ langer Karriere bleiben. Tim Holt, der wenig später zu einem Star der Fließband-Produktion im Western-Genre wurde, spielte hier seine erste große Rolle – ein früher A-Western gefolgt von vielen B- und C-Western, ein Strudel aus dem ihn praktisch nur John Ford für „Faustrecht der Prärie“ (1946), John Huston für „Der Schatz der Sierra Madre“ (1948) und Produzenten-Legende Howard Hughes für den Film noir „Ein Satansweib“ (1951) zwischenzeitlich herausholten. Bekannte Western-Gesichter wie George „Gabby“ Hayes und Russell Simpson sowie weitere gefragte Charakterdarsteller der alten Schule (Harry Davenport, Henry O’Neill) und der etwas jüngeren Generation (John Litel) runden das Gesamtbild ab.

Und dann ist da noch Barton MacLane in seiner Paraderolle als käuflicher, fieser und brutaler Misthund, die er in zahlreichen Filmen verkörperte. MacLane war auf den grobschlächtigen, harten Brocken, der seine Dialoge, wenn man so will, oft beinahe bellte, derart stark abonniert, dass sich in den 40er- und 50er-Jahren unter US-Teenagern sogar der Ausspruch „Don’t give me that Barton MacLane!“ durchsetzte. Damit wurden Zurechtweisungen durch Autoritätspersonen kommentiert, denen die Teenies somit gewissermaßen unterstellten, in ihrem Gestus und/oder Duktus auf Barton MacLane zu machen. Nicht zuletzt sollte erwähnt werden, dass das relativ späte Auftauchen einer seinerzeit wirklich namhaften Schauspielerin wie Margaret Lindsay innerhalb der Geschichte durchaus ein zusätzlicher Aspekt ist, der dem Werk epischen Charakter verleiht. Eine Schauspielerin dieses Formats trat nicht ohne Grund in einer Nebenrolle auf. Zu vergleichen ist dies etwa mit dem Auftauchen diverser Stars im Laufe der Geschichte von „Die zehn Gebote“ (1956).

Einzig fehlt das Zugpferd

Herrliche Technicolor-Bilder, ein Regisseur der das Genre noch neu für sich zu entdecken vermochte, ein in der Breite sehr gut aufgestelltes Darsteller-Ensemble inklusive einiger später durch bestimmte Rollen bzw. Rollentypen Kult gewordener Schauspieler (Toler, Hayes, MacLane), eine historisch relevante Geschichte, ein mit Gespür für epische Dramatik geschriebenes Drehbuch und dazu noch Musik von Max Steiner – da bleibt eigentlich nur ein Thema offen: der Hauptdarsteller. Und der könnte eine weitere Erklärung dafür sein, warum „Goldene Erde Kalifornien“ über all die Jahre nie der Sprung in die erste Riege des Genres gelungen ist. George Brent ist einer der Darsteller, denen man schnell nachsagt, zu oberflächlich gewesen zu sein, zu oft zu sehr den Strahlemann hervorzukehren. Ein gutaussehender Typ mit gepflegtem Oberlippenbart, dem allerdings aus irgendeinem Grunde das gewisse Etwas von Errol Flynn oder Clark Gable fehlte. Er spielt die Rolle engagiert und ist auch in den tragischen Momenten durchaus überzeugend – es wäre unfair, ihm vorzuwerfen, dass er die ganze Zeit nur gut auszusehen versucht; jedoch gelingt es ihm nicht, dieser groß angelegten Story die nötige Portion Führungsqualität mitzugeben.

So bleibt unter dem Strich ein Film, der aus seinem Potenzial zu wenig macht, aber trotzdem ein hohes Niveau erreicht und eigentlich nur wegen einer für die Story zu geringen Laufzeit und dem falschen Hauptdarsteller daran scheitert, sich auf Augenhöhe mit den ganz großen epischen Klassikern des Genres einzureihen. Nichtsdestotrotz muss unbedingt unterstrichen werden, dass es sich hierbei um das im Grunde erste Western-Epos im Drei-Farben-Verfahren von Technicolor, wenn nicht gar den ersten wirklich großen in Farbe gedrehten Western per se handelt und so oder so um einen der besten, inhaltlich wie stilistisch komplettesten Western der 30er-Jahre.

Olivia de Havilland bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Goldene Erde Kalifornien (1938)
Der stolze Rebell (1958)
Wiegenlied für eine Leiche (1964)

Michael Curtiz bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Goldene Erde Kalifornien (1938)
Der stolze Rebell (1958)
Die Comancheros (1961)

Veröffentlichung (USA): 7. Oktober 2014 als DVD

Länge: 94 Min.
Altersfreigabe: FSK unbekannt
Originaltitel: Gold Is Where You Find It
USA 1938
Regie: Michael Curtiz
Drehbuch: Warren Duff, Robert Buckner, nach einer Geschichte von Clements Ripley
Besetzung: George Brent, Olivia de Havilland, Claude Rains, Margaret Lindsay, John Litel, Marcia Ralson, Barton MacLane, Tim Holt, Sidney Toler, George „Gabby” Hayes, Russell Simpson, Harry Davenport, Henry O’Neill
Vertrieb: Warner Archive Collection

Copyright 2016 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

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