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Freud – Das wird man ja wohl noch untersuchen dürfen

20 Jul

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Freud – The Secret Passion

Von Ansgar Skulme

Drama // Der junge Sigmund Freud (Montgomery Clift) interessiert sich für die tiefen Ursprünge seelischer und psychischer Erkrankungen. Im Wien der 1880er-Jahre ist für unkonventionelle Methoden und ein konsequentes Eintauchen in die Abgründe des menschlichen Geistes aber noch kein Platz. Freud findet in Dr. Joseph Breuer (Larry Parks) einen offenen Befürworter und auch seine Familie unterstützt ihn nach Kräften, doch gleichzeitig droht er mit seinen Untersuchungen den Ruf seiner Angehörigen zu gefährden. Und seinen eigenen erst recht …

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Freuds (r.) größter Befürworter: Dr. Joseph Breuer

Einem Projekt, für das ursprünglich Jean-Paul Sartre das Drehbuch schreiben sollte, kann man ohne den leisesten Zweifel attestieren, von vornherein hoch ambitioniert gewesen zu sein. Sartre stellte das Buch sogar fertig und überarbeitete es nach erster Kritik, doch da es stets deutlich zu umfangreich blieb, musste Regisseur John Huston es verwerfen und Sartre zog sich enttäuscht aus der Produktion zurück. Seine erste Drehbuchversion wäre im Kino umgerechnet etwa fünf Stunden lang gelaufen, die zweite circa acht. Stattdessen erschien seine Variante später unter dem Titel „The Freud Scenario“ in gedruckter Form.

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Der Ruf ihrer Familie leidet: Freud mit seiner Ehefrau Martha

Auch ohne Sartres Vorlage geriet der Film allerdings immer noch so lang, dass er auf Anweisung des Studios zunächst auf die Länge gekürzt wurde, in der er nun auf DVD vorliegt, ehe man ihn für die Kinoauswertung noch einmal um rund 20 weitere Minuten kürzte. Die entsprechenden Passagen wurden folglich nie deutsch synchronisiert und liegen hier nun im Original mit Untertiteln vor. Erst in der nun angebotenen Fassung gibt der Film ein schlüssiges, bemerkenswert konsequentes Gesamtbild ab. Das Werk scheint keine Tabus zu kennen, über die man nicht zumindest reden könnte. So wie auch Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, selbst.

Montgomery Clift perfekt besetzt

Das starke Drehbuch wird von bedrückenden schwarz-weißen Bildern voller großer, oftmals leer erscheinender Räume, düsterer Straßen und leerer Wege unterstützt, in denen verruchte Damen und bornierte Spießer in Schwarz und mit Zylindern umherstolzieren. Freud wandelt in einer Art Irrgarten mit unsichtbaren Mauern, wo ihn nur wenige verstehen, aber viele verhöhnen. Dabei erweist sich Montgomery Clift als geniale, fast schon tragisch gute Besetzung: ein Schauspieler, der privat selbst sehr unter Ausgrenzung litt, da seine Homosexualität nicht in der von ihm erhofften Form respektiert wurde, und der sich Zeit seines Lebens weigerte, oberflächliche heterosexuelle Liebhaberrollen zu spielen, die gut in das Hollywood der 50er-Jahre gepasst hätten. Clift war depressiv, hatte Alkohol- und Drogenprobleme sowie einen schweren Autounfall hinter sich, der seine Karriere beeinflusste. Er spielt diese Rolle – die sich stellenweise wie eine Parabel auf sein eigenes Schicksal verstehen lässt – aber mit einer Demut und Würde, die bis zum Schlussplädoyer berührt. Und obwohl John Huston ihn am Set schlecht behandelte, planten sie für 1967 mit „Spiegelbild im goldenen Auge“ bereits das dritte gemeinsame Projekt, nach „Misfits – Nicht gesellschaftsfähig“ (1961) und „Freud“. Doch dazu kam es nicht mehr.

Die kurze Karriere eines legendären Schauspielers

Montgomery Clift hatte bereits für seinen ersten Hollywood-Film „Die Gezeichneten“ (1948) eine Oscar-Nominierung errungen und es seither auf gut ein Dutzend überwiegend hochkarätige Rollen und weitere Nominierungen gebracht. „Freud“ war sein 16. Kinofilm, sollte jedoch der letzte werden, der noch zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde. Seine gesundheitlichen Probleme führten zu rechtlichen Auseinandersetzungen mit dem verantwortlichen Universal-Studio. Zunächst wollte Universal Geld von Clift, weil die Dreharbeiten seinetwegen mehrmals hatten unterbrochen werden müssen, da er sowohl psychisch als auch vor allem körperlich in keiner guten Verfassung mehr war. Als der Film in den Kinos jedoch gute Resonanz erntete, wendete sich das Blatt. Clift bekam schließlich recht und wurde entschädigt, hatte durch das langwierige Prozessieren jedoch über längere Zeit keine Rolle mehr bekommen.

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Ein ungelöster früher Fall: Carl von Schlosser (r.)

Schließlich drehte er als Nachfolgefilm zu „Freud“ den Spionagestreifen „Lautlose Waffen“ (1966), eine französische Produktion, die in Deutschland realisiert wurde. Er starb jedoch kurz nach Fertigstellung und noch vor dem Kinostart. Er wurde seinerzeit daheim bereits von einem privaten Pfleger betreut, da seine Gesundheit zu angegriffen war, doch auch der konnte das nächtliche Ableben des erst 45 Jahre alten großen Schauspielers durch einen Herzinfarkt am 23. Juli 1966 nicht verhindern. Angeblich lief in der Nacht seines Todes Clifts erster Film mit Regisseur John Huston, „Misfits“, im Fernsehen, dessen andere beide Stars, Marilyn Monroe und Clark Gable, bereits kurz nach dem Dreh verstorben waren. Auf die Frage des Pflegers, ob sich Clift den Film mit ihm ansehen wolle, soll er „Auf keinen Fall!“ entgegnet haben – nach so überlieferten Angaben des Pflegers waren dies seine letzten Worte, bevor er ihn einige Stunden später tot auffand. Montgomery Clift wurde nur 45 Jahre alt.

Ein verleugnetes Meisterwerk

Dass dieser Film trotz seines berühmten Regisseurs – selbst wenn man Montgomery Clift als Star einmal außen vor lässt – in den USA bis heute nicht auf DVD veröffentlicht wurde, scheint die Bedeutsamkeit der erzählten Geschichte regelrecht zu unterstreichen. Zu schonungslos legt das Werk Finger in Wunden, prangert gesellschaftliche Tabus, bornierten Zynismus und altkluges Einerlei an. Ganz zu schweigen von dem offenen Umgang mit Themen wie früh erwachender Sexualität, Prostitution, Vergewaltigung und Inzest. Kurzum: Der Film reiht Streitpunkte, die so mancher bis heute nicht hören oder besprechen will, aneinander wie Perlen auf einer Perlenkette.

Wir befinden uns zwar nicht mehr in den 1880er-Jahren, dennoch gibt es immer noch genügend abwertendes Geplänkel über Freud, sein Schaffen und vor allem viele der damit korrespondierenden Themen – und nach wie vor Tendenzen der Tabuisierung und des Totschweigens unliebsamer Dinge in einer vorgeblich modernen Gesellschaft. Dass ausgerechnet so ein Film in seinem Herkunftsland nach nunmehr knapp 54 Jahren noch nie auf DVD erschienen ist, ist wohl kaum reiner Zufall. Angst, dass sich ein Film von John Huston auf DVD nicht verkauft, dürfte eine geringe Rolle spielen.

Gefeiert, vergessen, wiedergefunden

Dem Drehbuch, das der Berliner Produzent des Films Wolfgang Reinhardt gemeinsam mit Charles Kaufman (basierend auf einer Story von Kaufman) verfasste, brachte die forsche, kritische Handlung eine hochverdiente Oscar-Nominierung ein. Wohlgemerkt waren in diesem Jahr nur zwei US-Filme in der Kategorie nominiert, aber weder „Freud“ noch die Komödie „Ein Hauch von Nerz“ konnten gewinnen. Reinhardt, der in seiner Karriere zwar nicht viele Filme als Autor und/oder Produzent fertigstellte, dabei allerdings eine Vorliebe für Biopics hatte, kannte Montgomery Clift schon von der Arbeit an „Rom, Station Termini“ (1953) und errang mit „Freud“ seinen größten Erfolg. Ebenso wurde auch die beklemmende, zumeist atonale und dissonante Musik von Jerry Goldsmith nominiert, der hier gewissermaßen seinen Durchbruch feierte – sie unterstützt die düsteren, trostlosen Bilder auf kongeniale Weise. Goldsmith jedoch verlor das ungleiche Duell mit Maurice Jarre und dessen Musik für das teure Epos „Lawrence von Arabien“. Bei den Golden Globes gab es zudem Nominierungen als bester Film, für den Regisseur und für die beiden größten weiblichen Rollen: Susannah York als Patientin Cecilie und Susan Kohner in ihrer letzten Kinorolle als Freuds Ehefrau. Die Directors Guild und die Writers Guild of America würdigten die Produktion ebenfalls mit Nominierungen, nicht zuletzt war „Freud“ 1963 auch auf der Berlinale zu sehen, wo er um den Goldenen Bären konkurrierte.

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Die größte Herausforderung: Cecilie Koertner

Danach jedoch – so hat es den Anschein – verschwand der Film im Giftschrank. Hierzulande entdeckte ihn der TV-Sender arte vor einigen Jahren wieder und präsentierte ihn in guter Qualität zur besten Sendezeit, auf DVD kam er jedoch erst 2012 – fast 50 Jahre nach dem Kinostart – in Großbritannien zu seiner Weltpremiere. Und das auch noch in einem Letterbox-Format, anstelle einer anamorphen Präsentation. Die vorliegende Edition von Pidax, kann sich, trotz dünnen Bonusmaterials, daher vielleicht sogar als bisher weltweit beste Veröffentlichung bezeichnen lassen. Dass der deutsche Ton in den ersten Minuten leicht asynchron ist, sei dieser lobenswerten DVD vergeben. Trotz allem ist die deutsche Fassung sehr gelungen, in der vor allem Clifts Stammsprecher Paul Edwin Roth als Sigmund Freud und der leider nur selten im Synchronstudio aktiv gewesene Carl-Heinz-Schroth als Dr. Breuer, den beiden Rollen der nimmermüden Ärzte und Forscher, brillieren.

Veröffentlichung: 15. Juli 2016 als DVD

Länge: 134 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch (nur für die nicht synchronisierten Szenen)
Originaltitel: Freud – The Secret Passion
USA 1962
Regie: John Huston
Drehbuch: Charles Kaufman & Wolfgang Reinhardt
Besetzung: Montgomery Clift, Susannah York, Larry Parks, Susan Kohner, Eric Portman, Eileen Herlie, Fernand Ledoux, David McCallum, Rosalie Crutchley, David Kossoff
Zusatzmaterial: Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne (Nr. 6502), Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2016 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2016 Al!ve AG / Pidax Film

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