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Der Gefangene von Alcatraz – Burt Lancasters bewegender Birdman

27 Jul

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Birdman of Alcatraz

Von Volker Schönenberger

Gefängnisdrama // Das ist die Insel Alcatraz. Ein Mann, der dort 17 Jahre inhaftiert war, verlässt sie heute. Der Name dieses Mannes ist Robert Stroud. Er hat die meiste Zeit seines Lebens hinter Gittern verbracht, davon 43 Jahre in Einzelhaft. Er hat nie ein Telefon benutzt und ist nie in einem Auto gefahren. Es ist lange her, dass er der Gemeinschaft freier Menschen angehörte, denn bereits vor dem Ersten Weltkrieg haben sich die Zuchthaustore hinter ihm geschlossen und sollten sich nie mehr öffnen. Für eine schwere Schuld begann eine schwere Sühne. Mein Name ist Tom Gaddis. Ich schrieb ein Buch über diesen Mann. Diese als Durchbrechen der vierten Wand inszenierten Worte leiten „Der Gefangene von Alcatraz“ ein. Schauspieler Edmond O’Brien richtet sie in der Rolle von Tom Gaddis ans Publikum.

Verlegung nach Leavenworth

Die Handlung beginnt 1912, als Robert Stroud (Burt Lancaster) ins berüchtigte Zuchthaus Leavenworth verlegt wird, ein Bundesgefängnis in Kansas, das vom prinzipientreuen Harvey Shoemaker (Karl Malden) geleitet wird. Nach einer Auseinandersetzung mit einem Mithäftling kommt Stroud erstmals in Leavenworth in Isolation. Es wird nicht das letzte Mal bleiben. Als ihm ein Wärter aufgrund eines leichten Vergehens den Besuch seiner Mutter Elizabeth (Thelma Ritter) streichen will, ersticht Stroud den Mann. Dafür wird er 1918 zum Tod durch Erhängen verurteilt. Mutter Stroud gelingt es, den US-Präsidenten Woodrow Wilson zu bewegen, die Todesstrafe in lebenslange Haft umzuwandeln.

In der Folge bleibt Stroud in Einzelhaft. Bei einem Hofgang im Gewitter entdeckt der Häftling eines Tages einen hilflosen Vogel. Er päppelt ihn hoch und entdeckt damit einen Lebenssinn: die Vogelzucht.

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Robert Stroud widmet sein Leben der Vogelzucht …

„Der Gefangene von Alcatraz“ gehört zweifellos zu den nachhaltigsten und bewegendsten filmischen Plädoyers für einen humanen Strafvollzug überhaupt. Regisseur John Frankenheimer nimmt sich bei seinem Porträt von Robert Stroud einige biografische Freiheiten, zeigt aber in unpathetischen Bildern die Entwicklung des verbitterten und gewalttätigen Mannes zu einem fachlich anerkannten Vogelkundler. Der echte Robert Stroud hatte im Lauf der Jahre in Fachzeitschriften publiziert und vogelkundliche Bücher veröffentlicht. Der „Birdman“ starb 1963 in einem Gefängnis in Missouri.

Burt Lancaster spielt groß auf

Zwangsläufig liegt auf Burt Lancaster eine große Last, den Film zu tragen – er tut das mit Bravour. Strouds Gewalttätigkeit zu Beginn und sein peu à peu nachlassender Zorn wirken glaubhaft. Der Zuschauer weiß um die Schuld des Insassen – speziell nach dem Erstechen des Gefängniswärters –, kommt aber nicht umhin, mit dem Totschläger mitzufühlen. Beeindruckend und mit einer Oscar- und Golden-Globe-Nominierung als bester Hauptdarsteller gewürdigt – in dem Jahr war mit Gregory Peck in „Wer die Nachtigall stört“ aber ein übermächtiger Kontrahent am Start.

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… und wird zu einem anerkannten Ornithologen

Dennoch haben auch die anderen Darsteller Lob verdient: Thelma Ritter („Alles über Eva“) und der den Mithäftling Feto Gomez spielende Telly „Kojak“ Savalas („Stoßtrupp Gold“) erhielten Oscar-Nominierungen als Nebendarsteller, auch Karl Malden („Die Straßen von San Francisco“) und die übrigen Schauspieler tragen mit glaubwürdiger Schauspielkunst ihr Teil bei. Eine vierte Oscar-Nominierung gab’s für Kameramann Burnett Guffey, der in seiner Laufbahn zwei Academy Awards gewann: für „Verdammt in alle Ewigkeit“ (1953) und „Bonnie und Clyde“ (1967).

Vier Nominierungen, aber kein Oscar

„Der Gefangene von Alcatraz“ blieben die Academy Awards verwehrt, was besonders für Thelma Ritter bedauerlich ist – es war die sechste und letzte Oscar-Nominierung ihrer Karriere. Stets als Nebendarstellerin nominiert, blieb ihr die Trophäe jedes Mal verwehrt.

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Strouds Mutter hält lange zu ihm

Man mag die Verklärung des echten Robert Stroud kritisieren. Insofern erhält „Der Gefangene von Alcatraz“ seine Größe und Bedeutung sicher nicht als Biopic, als Gefängnisdrama aber umso mehr. Auch als hinreißende Darstellung des Wandels eines Mannes vom verbitterten Misanthropen zu einem Menschen, der mit sich im Reinen ist, verdient das Drama höchstes Lob; dabei ist irrelevant, ob sich der echte Robert Stroud auf diese Weise verändert hat oder nicht.

Keine Extras auf der Blu-ray

Die deutsche Blu-ray-Erstveröffentlichung verursacht keine Begeisterungsstürme, ist aber anständig geraten, wenn auch ohne Extras. Das Schwarz-Weiß-Bild ist weitgehend scharf, beim Ton sind die Dialoge in der Original-Sprachfassung wie auch in der deutschen Synchronisation gleichermaßen deutlich zu verstehen. Auf Score verzichtet der Film über weite Strecken, das passt auch gut zur ruhigen Dramaturgie ohne Effekthascherei – auf klare Feindbilder wie etwa sadistisches Aufsichtspersonal verzichtet der Film. Insofern reicht das Beibehalten des Mono-Tons völlig aus. Eine solide HD-Veröffentlichung, ans Cover hätte man aber jemanden ranlassen sollen, der sich damit auskennt.

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Dann tritt Stella Johnson in sein Leben

Wer Knastfilme nicht nur in Form von Action wie mit Stallone („Lock Up – Überleben ist alles“) und Van Damme („Mit stählerner Faust“) genießen, sondern auch ernsthaften Dramen wie „Brubaker“ und „Attica – Revolte hinter Gittern“ etwas abgewinnen kann, kommt an „Der Gefangene von Alcatraz“ nicht vorbei.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von John Frankenheimer sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Burt Lancaster in der Rubrik Schauspieler.

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Mit seinem Mitinsassen Feto Gomez (l.) versteht sich Stroud gut

Veröffentlichung: 24. Mai 2016 als Blu-ray und DVD (Concorde), 14. März 2008 als DVD (Fox), 2. Mai 2002 als DVD (MGM)

Länge: 149 Min. (Blu-ray), 142 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Birdman of Alcatraz
USA 1962
Regie: John Frankenheimer, Charles Crichton (uncredited)
Drehbuch: Guy Trosper, nach der Vorlage „Sehet die Vögel unter dem Himmel“ („Birdman of Alcatraz“) von Thomas E. Gaddis
Besetzung: Burt Lancaster, Karl Malden, Thelma Ritter, Telly Savalas, Neville Brand, Betty Field, Edmond O’Brien
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: Concorde Home Entertainment

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2016 Concorde Home Entertainment

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2 Antworten zu “Der Gefangene von Alcatraz – Burt Lancasters bewegender Birdman

  1. V. Beautifulmountain

    2016/07/28 at 15:28

    Vielen Dank, lieber Kay!

    Bei all den billigen und schmuddeligen modernen Genrefilmen, die ich hier so verwurste, ist ein gewisses Ausgleichsprogramm einfach Pflicht. Und das findet man nun mal im klassischen Kino. Deshalb wird es hier auch künftig große – und weniger große – Filme alter Schule geben, zumal sich unter meinen ständigen Autoren der eine oder andere Experte auf dem Gebiet befindet.

    Danke für den Tipp mit „Le Trou“ – den hatte ich gar nicht auf dem Zettel. Einem guten Knastfilm bin ich immer zugetan. Bei uns leider nie erschienen. Hm, vor französischen Originalen mit englischen Untertiteln schrecke ich etwas zurück. In den USA (Criterion) und England ist der auf DVD erschienen. Es juckt schon etwas …

    Mein Favorit ist – wenig überraschend – Frank Darabonts „The Shawshank Redemption“, bei uns als „Die Verurteilten“ bekannt. Natürlich eine sichere Wahl, aber eher Knast-Märchen als -Drama. Sehr bewegt hat mich als Jugendlicher auch der oben erwähnte, fürs US-Fernsehen gedrehte „Attica Revolte hinter Gittern“ (1980).

     
  2. Kay Sokolowsky

    2016/07/27 at 22:20

    Was ich an diesem Blog so sehr mag, ist sein Interesse an den großen Filmen alter Zeit – und einer der ganz großen Filme dieser alten Zeit ist für mich der „Birdman of Alcatraz“. Man kann nicht oft und eindringlich genug an ihn erinnern. Seine tiefe Menschlichkeit allein ist es wert.
    Aber auch das Handwerk: Kamera, Montage und Dialog demonstrieren eine Meisterschaft, die unbedingt studierenswert ist, eine unübertreffliche Lakonie. Und Burt Lancasters schauspielerische Leistung kann sich durchaus mit der von Robert De Niro in „Raging Bull“ oder der von Dustin Hoffmann in „Rain Man“ messen. Einfach zum Niederknien. – Für mich der – neben „Le Trou“ von Jacques Becker – beste Knastfilm, der je gedreht wurde.
    Danke, Volker, daß Du diesen One-of-hundred-Lieblingsfilme von mir hier so schön gewürdigt hast!

     

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