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Aghet – Ein Völkermord – Oder etwa doch nicht?

03 Aug

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Aghet – Ein Völkermord

Von Volker Schönenberger

Geschichts-Doku // „Aghet“ ist das armenische Wort für „Katastrophe“. Vergleichbar mit dem hebräischen Wort „Shoah“, mit dem Juden den Holocaust bezeichnen, steht „Aghet“ für die große Katastrophe des armenischen Volks: den Völkermord an den Armeniern in der Türkei, der am 24. April 1915 begann und bis 1916 zwischen 300.000 und anderthalb Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Die christliche Minderheit war bereits im 19. Jahrhundert in der Türkei verfolgt worden.

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Die Ereignisse gelten als belegt, die Bezeichnung Völkermord wird gemeinhin akzeptiert. Nicht so in der Türkei: Dort wird der Völkermord seit jeher vehement abgestritten, wiederholt kam es deshalb zwischen der Türkei und anderen Staaten zu diplomatischen Verstimmungen, auch und besonders seit der Amtsübernahme von Präsident Recep Tayyip Erdoğan.

Schauspieler zitieren Zeitzeugen

Dokumentarfilmer Eric Friedler („Das Schweigen der Quandts“, „Der Sturz – Honeckers Ende“) nutzt einen dramaturgischen Kniff zur Aufarbeitung des Geschehens: Er lässt Zeitzeugen zu Wort kommen, deren Aussagen von zahlreichen deutschen Schauspielern vorgetragen werden, darunter Martina Gedeck, Sylvester Groth, Hannah Herzsprung, Burghart Klaußner, Gottfried John, Joachim Król, Axel Milberg, Peter Lohmeyer, Ulrich Noethen, Katharina Schüttler und Ludwig Trepte. Sie verkörpern Politiker, damals in der Türkei postierte Auslandskorrespondenten, aber auch einfache Türken und Armenier, die Zeugen der Ereignisse waren. Friedler verzichtet auf die Inszenierung von Spielszenen und aufwändige Kostümierung der Darsteller, die Worte sprechen für sich. Die Zitate stammen größenteils von Dokumenten aus dem politischen Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin, waren in der Zeit des „Dritten Reichs“ zusammengestellt, aber lange Zeit zurückgehaltenen worden. Die Türkei war während des Ersten Weltkriegs ein wichtiger Bündnispartner des Deutschen Reichs.

Die von den Schauspielern vorgetragenen Zeitzeugenberichte werden illustriert durch zahlreiche Fotos – bedrückende, drastische Fotos, weit deutlicher als die hier abgebildeten. Weitere Aspekte erfahren die Zuschauer durch eine Stimme aus dem Off.

Wer in der Türkei Aufklärung fordert, lebt gefährlich

Die Doku „Aghet – Ein Völkermord“ beginnt vergleichsweise reißerisch mit einer Anreihung von Bildern wütender Türken, die – auch in Deutschland – gegen die Interpretation der Ereignisse als Völkermord protestieren. Offenbar hat die konsequente Leugnung durch ihre Regierungen über die Jahrzehnte beim türkischen Volk Früchte getragen. Dem Dokumentarfilmer zufolge werden jedoch immer mehr Stimmen laut, die rückhaltlose Aufklärung fordern. Sie leben allerdings gefährlich: Am 19. Januar 2007 wurde in Istanbul der türkische Journalist armenischer Abstammung Hrant Dink auf offener Straße erschossen.

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Arthur Abraham kommt zu Wort, deutscher Boxweltmeister armenischer Abstammung, der einen seiner Siege noch im Ring den Opfern der Ereignisse im Jahr 1915 widmete. Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Grünen und Sohn türkischer Eltern, äußert seine Zuversicht, die Türkei werde auf Dauer nicht umhin kommen, den Völkermord anzuerkennen. Die Doku entstand 2010, seitdem ist viel geschehen, Özdemirs Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Staaten wie Frankreich und Deutschland haben den Genozid verurteilt, entsprechende Forderungen an die Türkei sind jedoch unterblieben. Im Zeichen der Flüchtlingskrise ist das Land anscheinend erneut zu wichtig, um es zu vergrätzen. Es dient zudem als Militärstützpunkt der USA, die von dort Luftangriffe in den Nahen und Mittleren Osten fliegen kann. Auch Deutschland hat Soldaten auf dem NATO-Stützpunkt Incirlik in der Türkei stationiert.

War die Ermordung der Armenier ein Genozid?

Die jüngsten Umwälzungen in der Türkei lassen die Installation einer Erdoğan-Diktatur befürchten, was das Thema der ermordeten Armenier dort wohl auf unabsehbare Zeit in der Versenkung verschwinden lassen wird. War es ein Völkermord? Auch wenn ich mich nach Sichtung eines Films und oberflächlichem Einlesen im Netz kaum zum Experten der Ereignisse aufschwingen kann, besteht daran wohl kaum ein Zweifel.

Die Doku ist 2010 mit dem Deutschen Fernsehpreis und 2011 mit dem Grimme-Preis prämiert worden. 2011 bei uns als DVD erschienen, war „Aghet – Ein Völkermord“ eine Weile vergriffen, ist jüngst aber von Studio Hamburg Enterprises inklusive eines ausführlichen Booklets wieder aufgelegt worden. Ein wichtiger Beitrag zum Thema.

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Veröffentlichung: 21. April 2011 als DVD

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Aghet – Ein Völkermord
D 2010
Regie: Eric Friedler
Drehbuch: Eric Friedler
Zusatzmaterial: 32-seitiges Booklet, Trailershow
Vertrieb: Studio Hamburg Enterprises

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2016 Studio Hamburg Enterprises

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