RSS

Das alte Gewehr – Abschied in der Nacht: Die Schrecken von Oradour als verstörendes Rachedrama

05 Aug

Das_alte_Gewehr-Packshot

Le vieux fusil

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Beim Massaker von Oradour ermordeten Angehörige der Waffen-SS am 10. Juni 1944 nahezu alle Bewohner des zentralfranzösischen Dorfs Oradour-sur-Glane – 642 Tote stehen nur sechs Überlebenden gegenüber. Der Ort wurde völlig zerstört. Die Tat war Teil einer Vergeltungsaktion gegen vorangegangene Erfolge der Partisanen der Résistance.

Das_alte_Gewehr-4

Clara in den Fängen der Deutschen

„Das alte Gewehr – Abschied in der Nacht“ bricht die Ereignisse auf den fiktiven Arzt Julien Dandieu (Philippe Noiret) herunter, der 1944 in Montauban aufgrund akuten Material- und Medikamentenmangels Probleme hat, die vielen Patienten ausreichend zu versorgen. Aus Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen der deutschen Besatzer schickt er seine Frau Clara (Romy Schneider) und die gemeinsame Tochter Florence (Catherine Delaporte) zum Familienstammsitz, einem alten Schloss. Das erweist sich als schwerer Fehler.

Ab hier akute Spoiler-Warnung

Trotz des Alters und diverser DVD-Veröffentlichungen wollen sich manche Leser den Film womöglich anschauen, ohne die Handlung vorab bis zu Ende erzählt zu bekommen, daher sei gewarnt: Die folgenden vier Absätze enthalten gravierende Spoiler.

Das_alte_Gewehr-3

Clara und Julien – Erinnerung …

Als Dandieu etwas später zu seiner Familie stößt, stellt er fest, dass das Dorf Schauplatz eines Massakers geworden ist: Die Deutschen haben jede Person ermordet, derer sie habhaft werden konnten. Es ist starker Tobak, was uns Regisseur Robert Enrico da vorsetzt: Romy Schneider wird vergewaltigt und mit einem Flammenwerfer ermordet. Dies erfährt der Zuschauer in einer kurzen, aber drastischen Rückblende, nachdem der Chirurg den verbrannten Leichnam seiner Frau entdeckt hat.

Vom Flammenwerfer gejagt

Nun kramt Dandieu ein altes Schrotgewehr hervor und begibt sich seinerseits auf einen Vergeltungsfeldzug. Dieser bildet einen seltsamen Kontrast zu weiteren Rückblenden, die das Kennenlernen des Paars zeigen und auch in Verbindung mit dem Soundtrack von bizarrer Leichtigkeit sind. Dandieus Jagd auf die Mörder wird zum Katz-und-Maus-Spiel, das auch ihn zum Gejagten macht: In einer ausführlichen Sequenz hetzt ihn ein Deutscher mit Flammenwerfer durchs Schloss.

Das_alte_Gewehr-2

… an vergangenes Glück

Angesichts des bedrückenden Themas wirkt die gezeigte Gewalt schockierend und gerade für damalige Verhältnisse verstörend, aber das sollte sie wohl auch. Dem Kritiker von „Der Spiegel“ waren im September 1975 die Deutschen zu eindimensional gezeichnet, geradezu Karikaturen: Versoffen sind diese Deutschen und geil, großmäulig, feige, brutal. Die Meinung kann man haben, aber letztlich war die Inszenierung des Feindes als tumb wohl auch notwendig, einer zahlenmäßig weit überlegenen Eliteeinheit scharfsinniger Soldaten könnte ein im Kriegshandwerk wohl ungeübter Arzt kaum Paroli bieten.

Dandieus Rache ist fesselnd inszeniert, aber auch sein Psychogramm lässt nicht kalt: Die Rückblenden offenbaren das Familienglück, das so grausam zerstört worden ist. Klar, dass er am Ende zusammenbricht. Philippe Noiret ist versiert genug, die Facetten seiner Figur glaubwürdig herauszuarbeiten: Sein Tötungshandwerk vollzieht er eiskalt und durchdacht, unterbrochen nur von kurzen Momenten des Innehaltens, in denen er sich an schöne Zeiten mit Clara erinnert – besagte Rückblenden. Dass er längst zerbrochen ist, wissen die Zuschauerinnen und Zuschauer da natürlich schon. Wer würde angesichts dieses Grauens nicht zerbrechen?

Ab hier wieder frei von Spoilern

1976 wurde der französische Filmpreis César zum ersten Mal verliehen. „Le vieux fusil“, so der Originaltitel, erhielt die Trophäe als bester Film, auch die Schauspielkunst von Philippe Noiret und die Musik von François de Roubaix waren der „Académie des Arts et Techniques du Cinema“ Césars wert.

Das_alte_Gewehr-5

Julien greift zum Gewehr

Als Antikriegsdrama funktioniert „Das alte Gewehr – Abschied in der Nacht“ nicht. Wenn Feinde Barbaren sind und Massaker anrichten, erscheint es gerechtfertigt, zum Gewehr zu greifen und sie zu töten. Das nimmt dem Film aber nichts von seiner Intensität. Auch wenn in einigen überharten Sequenzen Exploitation-Elemente mitschwingen: ein jederzeit sehenswertes Drama über die Schrecken des Krieges.

Bereits in diversen DVD-Fassungen und seit Januar 2013 auch auf Blu-ray erhältlich, veröffentlicht Studio Hamburg Enterprises den Film nun als Neuauflage in beiden Formaten. Mangels Sichtung der DVD und älteren Veröffentlichungen kann ich über die Qualität der neuen Blu-ray keine Vergleiche anstellen – sie ist in Ordnung und enthält obendrein beide deutschen Synchronfassungen. In der alten bundesdeutschen Fassung waren einige Dialoge entschärft worden, die DEFA hingegen war fürs DDR-Kino weniger zurückhaltend. Beide veröffentlichten Blu-ray-Editionen sind offenbar ungeschnitten, das gilt auch für die aktuelle DVD-Version. Für die älteren DVDs vermag ich das nicht zu sagen.

Veröffentlichung: 5. August 2016 als Blu-ray und DVD, 29. Januar 2013 als Blu-ray, 6. Oktober 2008, 21. Juni 2007, 1. Januar 2007 und 21. August 2003 als DVD

Länge: 97 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch (sowohl DEFA- als auch westdeutsche Synchronfassung), Französisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Le vieux fusil
F/BRD 1975
Regie: Robert Enrico
Drehbuch: Robert Enrico, Pascal Jardin, Claude Veillot
Besetzung: Philippe Noiret, Romy Schneider, Jean Bouise, Catherine Delaporte, Karl-Michael Vogler, Caroline Bonhomme, Madeleine Ozeray, Jean-Paul Cisife, Antoine Saint-John
Zusatzmaterial: Alternativszene (westdeutsche Schnittfassung, 2:06), Diashow, Soundtrack (22:45), Trailershow
Vertrieb: Studio Hamburg Enterprises

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2016 Studio Hamburg Enterprises

Advertisements
 

Schlagwörter: , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: