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Der weiße Hai – Das große Meisterwerk des Tierhorrors

12 Aug

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Jaws

Von Simon Kyprianou

Dieser Film enthält alles, was man braucht, um Kino zu machen. Er ist wie die DNA des Filmemachens. (Steven Soderbergh)

Horror // In der Dämmerung am Strand geht eine junge Frau baden. Etwas packt sie und zieht sie in die Tiefe. Bald darauf werden ihre zerfleischten Überreste an der Küste des Städtchens Amity gefunden, kurz vor Beginn der touristischen Hochsaison an der US-Ostküste. Chief Brody (Roy Scheider) von der örtlichen Polizei würde die Strände am liebsten sperren lassen, Bürgermeister Vaughn (Murray Hamilton) will davon aber nichts wissen. Der Hai taucht erneut auf, und stellt Brody ein Drei-Mann-Kommando zur Eliminierung des Hais zusammen, bestehend aus ihm selbst, dem etwas verhuschten Hai-Experten Hooper (Richard Dreyfuss) und dem rauen Fischer Quint (Robert Shaw).

Elektroschocks fürs Publikum

Alfred Hitchcock wollte sein Publikum so spielen wie ein Klavier, Steven Spielberg wollte es lenken, wie man Bullen mit einem Elektrostab durch die Gehege lotst, auch wenn er diese Intention seiner früheren Filme in seinem späteren Werk nicht mehr ganz so radikal verfolgt, wie er in einem Interview preisgab.

Natürlich kann „Der weiße Hai“ als Reflexion über die diffusen Ängste der (amerikanischen) Mittelschicht verstanden werden, indem er eben jene Ängste in einem mehr oder minder abstrakten Objekt bündelt: dem Hai. Vor Haien an sich hat Spielberg nach eigenem Bekunden jedenfalls keine Angst. Für die Bewohner von Amity aber ist der Hai ein willkommenes Feindbild. Er gibt ihren Ängsten und ihrer Wut ein Ziel und schweißt die Gesellschaft als gemeinsamer Feind zusammen.

Angst vor dem Mob

Angst braucht man aber nicht in erster Linie vor dem Hai zu haben, schon eher kann man sich vor der gefährlichen Dynamik des wütenden Mobs in Amity und dem Bürgermeister fürchten, der resistent gegen rationale Argumente ist – jedenfalls so lange, wie rationale Argumente den Tourismus beeinträchtigen könnten. An der Szene auf der Fähre, in der Brody mit dem Bürgermeister diskutiert, kann man übrigens wunderbar Spielbergs effiziente und clevere Regie beobachten.

Spielbergs frühe Filme „Duell“ und „Der weiße Hai“ passen eigentlich gar nicht so recht zu seinem späteren Werk, dafür passen sie umso besser zueinander. Ein dritter Film, der sich mühelos dazu denken ließe, ist „Poltergeist“, bei dem ja immer gemunkelt wird, Spielberg hätte ihn maßgeblich gedreht und weniger der eigentliche Regisseur Tobe Hooper („Das Texas Kettensägen Massaker“). In einem Interview, das Spielberg kürzlich zum Start seines aktuellen Films „BFG – Big Friendly Giant“ gab und in dem das Gespräch auf „Poltergeist“ kam, ließ er sich jedenfalls die Formulierung entlocken „als ich den Film gedreht habe…“ (bezogen auf „Poltergeist“). Es kann sich natürlich auch einfach auf seine Produzententätigkeit bezogen haben oder eine Ungenauigkeit in der Übersetzung sein, bemerkenswert ist es aber doch.

Angriff aus dem Nichts

Es sind jedenfalls alles Filme über eine abstrakte Bedrohung, die aus dem Nichts kommt und plötzlich motivlos, aber dafür mit mäandernder Beharrlichkeit und absoluter Unerbittlichkeit über die Menschen herfällt. Vielleicht ist es also auch kein Zufall, dass „Der weiße Hai“ und „Duell“ auf dieselbe Art und Weise enden. In beiden Filmen reißt die Bedrohung die Mittelständler aus dem Trott des Alltags, aus der Langeweile ihres Lebens, gibt ihrem Leben für eine kurze Zeit einen Sinn.

Man hört immer wieder Gerüchte über Zuschauer, die seit dem Sehen des Films nicht mehr im Meer schwimmen waren. Spielbergs Regie ist zielgenau auf den größtmöglichen Schock ausgerichtet, giert stets nach dem Affekt, je einfacher die Mittel, je größer die Wirkung, desto besser. Fast erinnert „Der weiße Hai“ mit seinem Pochen auf den großen Schreck, der aber mehr in den Köpfen der Zuschauer als auf der Leinwand existiert, an die Werke von William Castle, jenen liebevollen Horror-Meister. An dieser Stelle ein Sichtungstipp: „Mörderisch“ („Homicidal“, 1961) von William Castle, der seine Spannung ebenfalls aus der Dynamik einer Kleinstadt spiest.

Was man nicht sieht, hört man umso mehr

Eine Schreckenspause wie in „Mörderisch“ kann man sich in „Der weiße Hai“ jedenfalls mühelos vorstellen. Wenn Robert Shaw im Schummerlicht seine Gruselgeschichte vorträgt, könnte das effektiver und gleichzeitig simpler nicht sein – genial einfach, einfach genial, sozusagen. Sehen tut man den Schrecken natürlich auch fast nie: nicht den Inhalt des Sargs, und den Hai selbst auch erst ganz zum Schluss. Hören tut man ihn dafür umso mehr, Spielberg koppelt John Williams’ deutlich an Bernard Herrmanns „Psycho“-Soundtrack angelehnten Score mit dem Erscheinen und Verschwinden des Hais, sodass die Musik selbst zum Träger des Horrors wird und nicht der Hai, den man ohnehin nicht sieht. „Der weiße Hai“ ist ein unglaublich effektiv und clever inszenierter Film eines damals jungen Regisseurs, der bis heute das Kino prägt wie kaum ein anderer.

Die Filme der Reihe bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Der weiße Hai (1975)
Der weiße Hai 2 (1978)
Der weiße Hai 3 (1983)
Der weiße Hai – Die Abrechnung (1987)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Steven Spielberg sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 3. Januar 2013 als Blu-ray, 15. November 2012 als Blu-ray (Edition Jahr100Film), 15. September 2005 als 30th Anniversary Edition DVD, 25. März 2004 als Special Edition DVD

Länge: 124 Min. (Blu-ray), 120 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Jaws
USA 1975
Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: Carl Gottlieb, Peter Benchley, nach Peter Benchleys Roman
Besetzung: Roy Scheider, Richard Dreyfuss, Robert Shaw, Lorraine Gary, Murray Hamilton, Carl Gottlieb, Jeffrey Kramer
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2016 by Simon Kyprianou
Packshots: © Universal Pictures Germany GmbH

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2 Antworten zu “Der weiße Hai – Das große Meisterwerk des Tierhorrors

  1. Aktion Morgenluft

    2016/08/13 at 12:10

    Unerreicht. Schöne Rezension.

     
  2. Dirk Busch

    2016/08/12 at 08:45

    Der beste Hai-Film ever.

     

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