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Mahana – Eine Maori-Saga: Schafe scheren für die Ehre

01 Sep

Mahana-Plakat

Mahana

Kinostart: 1. September 2016

Von Solveig Westphalen

Drama // Familie ist eine Tyrannei, geführt von ihrem schwächsten Mitglied. Die Worte von George Bernard Shaw, zitiert von einem weißen Lehrer in einer Maori-Schule, stehen am Beginn von „Mahana – Eine Maori-Saga“. Zitat und Titel des Films beschreiben dessen Inhalt bereits im Kern. Basierend auf dem autobiografischen Roman „Bulibasha: King of the Gypsies“ von Witi Ihimaera (Autor der Vorlage zu „Whale Rider“, 2002) entführt Regisseur Lee Tamahori („James Bond 007 – Stirb an einem anderen Tag“, 2002) die Zuschauer in das Neuseeland seiner eigenen Jugend.

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Trotz Tamihanas (l.) Zorn gibt Simeon nicht klein bei

Wir befinden uns in den 1960er-Jahren an der Ostküste Neuseelands. Tamihana Mahana (Temuera Morrison) ist das Oberhaupt einer Maori-Familie, die sich durch harte Arbeit als Schafscherer und unbedingten Familienzusammenhalt eine gesicherte Existenz aufgebaut hat. Allerdings führt Tamihana seine Familie mit strenger Hand. Gegen seinen Willen gibt es keine Hochzeitserlaubnis und nicht einmal einen Kinobesuch. Nach seinem Wort müssen sich alle Familienmitglieder richten, begründet auf der Maori-Tradition des Respekts vor den Clan-Ältesten. Schnell ahnt der Zuschauer, dass Tamihana trotz seiner vermeintlichen Stärke das im Zitat erwähnte schwächste Glied der Familie ist, an der ihr Zusammenhalt zerbrechen wird.

Der Nachwuchs begehrt auf

Tamihanas 14-jähriger Enkel Simeon (Akuhata Keefe) stellt als einziger die Autorität des Großvaters und dessen Entscheidungen in Frage. Trotz drohender Konsequenzen will sich Simeon auch nicht an der Fehde seiner Familie gegen den benachbarten Clan von Oberhaupt Rupeni Poata (Jim Moriarty) beteiligen. Nicht nur, weil er Rupenis Enkelin Poppy (Yvonne Porter) mag, sondern auch, weil er Ungerechtigkeit verabscheut. So spricht er sich bei einem Gerichtsbesuch seiner Schule vor dem Richter für einen Sohn des Poata-Clans aus, der wegen des Ritts mit einem Pferd in eine Kinovorstellung für zwei Jahre ins Gefängnis soll. Das bleibt Rupeni nicht verborgen, aber auch nicht Tamihana, der darüber außer sich ist. Endgültig eskaliert die Lage, als Simeon mehr über den Auslöser der Clan-Fehde erfahren will, die vor langer Zeit zwischen seiner Großmutter Ramona (Nancy Brunning), Tamihana und Rupeni begann …

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Schafe sind die Existenzgrundlage des Mahana-Clans

Um es vorweg zu nehmen: Subtilität und Mehrdeutigkeit sucht der Zuschauer in der Erzählstruktur und den Dialogen des Films vergeblich. Die Vorhersehbarkeit der Geschichte ist schon fast irritierend. Selbst das große Familiengeheimnis lässt sich früh erahnen. Überraschend, dass „Mahana“ trotzdem zu fesseln vermag. Verdanken tut das Regisseur Tamaori seinem Cast und der Wahrhaftigkeit ihres Spiels, allen voran des jungen Akuata Keefe. Man glaubt wirklich, es sei ihre eigene Geschichte, die sie spielen, eingebettet in eine atemberaubend schöne und wilde Landschaft, in deren Weite man sich beim Betrachten zu gern verliert.

Lee Tamahori dreht wieder in Neuseeland

Mit Tamahoris erstem neuseeländischen Film nach mehr als 20 Jahren („Die letzte Kriegerin“, 1994) setzen der Regisseur und der Autor Ihimaera dem Land ihrer Jugend ein filmisches Denkmal. Beide berichten, in ihrem Leben Familien-Patriarchen wie Tamihana erlebt zu haben. Ebenso seien einige Szenen des Films Teil ihrer eigenen Biografie. Autor Ihimaera z. B. erlebte die Szene vor Gericht, in der Simeon eine Verteidigungsrede für seine Landsleute vor dem Richter hält, genau so wirklich. Der Fokus von „Mahana“ liegt in der liebevoll genauen Betrachtung der damaligen Lebensrealität der Maori-Gesellschaft. Laut Tamahori war das sein Ziel: Der Film ist zur Hälfte eine verklärte Erinnerung an meine Jugend und zur anderen Witis (Ihimaeras) sehr realistische, genau beobachtete Geschichte. Er beschreibt das Leben der Maori auf dem Land, bevor sie verstärkt in die großen Städte zogen. Ihimaera sieht darin eine Art Vorgeschichte zu Lee Tamahoris Meisterwerk „Die letzte Kriegerin“ („Once Were Warriors“) von 1994, der die Problematik des Verlustes der festen Clan-Strukturen, von Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und daraus resultierender Gewalt bei den Maoris in den Städten beschreibt. „Die letzte Kriegerin“ ist übrigens erst im März 2016 als 3-Disc Limited Collector’s Edition mit Blu-ray und DVD im Mediabook erschienen.

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Familien werden beim Schafschur-Wettbewerb zu Rivalen

In „Mahana“ sind die Strukturen noch vorhanden, müssen sich aber an eine Gesellschaft im Wandel anpassen. Ein Highlight des Films sind die dramaturgisch äußerst packend umgesetzten Final-Runden des „Golden Shears“-Schafscher-Wettbewerbs, in denen sich die beiden Clans, aber auch erstmals zwei Teams der Mahana-Familie als Konkurrenten gegenüberstehen. Überdeutlich wird hier der Stolz der Männer auf diese physisch harte Arbeit. Doch die alten Rezepte haben ausgedient. Unbedingter Gehorsam gegenüber den Ältesten genügen nicht, um die Familien erfolgreich in die Zukunft zu führen: Köpfchen, Weitsicht und ein Blick für die sich verändernde Welt sind gefragt – Fähigkeiten, die Simeon besitzt. Er vereint in sich den Respekt für die Traditionen und das Wissen einer neuen Generation. Er nutzt beides mutig im Sinne der Familie, aber eben auch im Sinne der einzelnen Mitglieder.

Eine Frau als zentrale Figur

Auf den ersten Blick wirkt „Mahana – Eine Maori-Saga“ wie ein klassisches Nachfolge-Drama zwischen zwei Männern: dem alten und dem kommenden Patriarchen. Auf den zweiten Blick aber wird deutlich, dass die zentrale Figur des Films Simeons Großmutter Ramona ist. Für Darstellerin Nancy Brunning ist es typisch für Autor Ihimaera, dass es in seinen Büchern auch ein weibliches Element gibt, das in den meisten Fällen das stärkere ist. Es wirkt anfangs nur nicht so, sondern schleicht sich erst langsam ein. Und so ist es nur konsequent, dass in der alles entscheidenden Szene, in der sich die verfeindeten Clans im Kriegstanz Haka gegenüberstehen, deutlich wird, dass allein Ramonas Schicksal Ursprung aller Handlungen der zentralen Figuren ist und war. Nun endlich kommt ans Licht, welchen Preis sie für das Glück der Familie gezahlt hat.

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Simeon steht auf der Seite seiner Großmutter Ramona

Länge: 103 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Mahana
NZ 2016
Regie: Lee Tamahori
Drehbuch: John Collee, nach einem Roman von Witi Ihimaera
Besetzung: Temuera Morrison, Akuhata Keefe, Nancy Brunning, Jim Moriarty, Regan Taylor, Maria Walker, Sienna MacKinlay, Tuhiwhakauraoterangi Wallace-Ihakara, Kyra McRae, Eds Eramiha, Ngahuia Piripi
Verleih: Prokino Filmverleih GmbH

Copyright 2016 by Solveig Westphalen
Filmplakat & Fotos: © 2016 Prokino Filmverleih GmbH

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Ein Kommentar

Verfasst von - 2016/09/01 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Eine Antwort zu “Mahana – Eine Maori-Saga: Schafe scheren für die Ehre

  1. Sarah

    2016/09/06 at 16:10

    Eine schöne Besprechung des Films 🙂 Ich würde ihn auch noch gerne sehen. Ich habe selbst für einige Zeit in Neuseeland gelebt und bin ein großer Fan von „The Whale Rider“ – deshalb interessiert mich „Mahana“ natürlich umso mehr.

     

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