RSS

Auf verlorenem Posten – Das Mysterium Joel McCrea

04 Sep

Auf_verlorenem_Posten-Packshot

The Lone Hand

Von Ansgar Skulme

Western // Zachary Hallock (Joel McCrea) trifft gemeinsam mit seinem Sohn Joshua (Jimmy Hunt) in einem Städtchen ein. Während Hallock dort ein Stück Land erwirbt, beobachtet der Kleine die Ermordung des städtischen Sheriffs durch eine Banditenbande und wenig später einen weiteren Mord, der auf das Konto derselben vermummten Leute geht. Doch ausgerechnet sein Vater will von den Vorfällen nichts wissen und lässt sich obendrein sogar auf die Bande ein, obwohl er damit nicht nur die Liebe seines Kindes, sondern auch seiner neuen Frau Sarah (Barbara Hale) aufs Spiel setzt.

Auf_verlorenem_Posten-1

Wie sehr verdient sich Papa das Vertrauen seines Sohnes?

Der kleine Jimmy Hunt musste in „Invasion vom Mars“ (1953) schon einmal mit ansehen, wie sein Vater plötzlich anfing, sich merkwürdig zu verhalten, und büßte dort schließlich das Vertrauen in sein gesamtes Umfeld ein. „Auf verlorenem Posten“ war sein unmittelbar nächster Film und startete nur etwa zwei Monate später in den US-Kinos. Allerdings machte der Junge erneut einen recht guten Job als von der Erwachsenenwelt enttäuschtes Kind mit felsenfesten Überzeugungen. Ein Kinderfilm ist der Streifen deswegen aber trotzdem nicht und die Freigabe ab 12 geht in Ordnung, auch wenn die starke Ausrichtung auf den kleinen Kerl, dessen treuer Gefährte ein kleiner Hund ist, inmitten all der freien Natur und grüner Wiesen stark an deutsche Heimatfilme erinnert, da vieles doch etwas arg betulich anmutet – einschließlich der Performance des Hauptdarstellers, aber dazu später mehr.

Wenn man sich auf die Bösen freut …

Man muss zudem davon ausgehen, dass dieser Film, mit einem Kind an der Seite eines bekannten Western-Stars, vor allem produziert wurde, um im Windschatten von „Mein großer Freund Shane“ (1953) Kasse zu machen, denn „Auf verlorenem Posten“ startete nur wenige Wochen später und man wusste mit Sicherheit schon ein Weilchen vorab um die Pläne der Konkurrenz. All das ist an sich nicht verwerflich, wäre die Geschichte nicht so schrecklich vorhersehbar, einschließlich der Rollen, die die Figuren im Gesamtgefüge schließlich spielen. Am Ende des Films werden zwei Geheimnisse gelüftet, keins davon kommt überraschend. Beispielsweise wird die relativ simple Grundregel missachtet, dass es kein Täterrätsel geben kann, wenn im Film so wenige Charaktere eingeführt werden, dass sowieso nur einer als großer „Unbekannter“ in Frage kommt. Zudem ist die Figur so schlecht geschrieben und wird uninspiriert genug eingeführt, dass man eigentlich sofort weiß, was Sache ist. Neben dem offen und ehrlich geradeaus redenden Jungen und seinen lustigen Streitereien mit seinem etwa gleichaltrigen „Onkel“, wissen daher vor allem Alex Nicol und James Arness in den Rollen der von vornherein klar definierten Schergen zu gefallen. Gerade Nicol spielte in einigen Western ziemlich üble Zeitgenossen der Sorte, die auch in den Rücken schießt – er bediente dieses Rollenprofil hier erneut. Als Western-Fan dieser Epoche des US-Kinos macht einem so ein Wiedersehen genauso viel Spaß wie beispielsweise dem Krimi-Fan das Wiedersehen mit Klaus Kinski in einem Edgar-Wallace-Film, aber viel mehr hat der Film leider nicht zu bieten. Barbara Hale („Das unheimliche Fenster“, „Seminola“) ist wie üblich liebenswert und überzeugend, ihr Job aber wirklich undankbar, da ihre Gefühle für die Hauptfigur für das Publikum schwierig nachvollziehbar sind. Nicht ihre Schuld, aber ein Dilemma.

Was hätte helfen können …

Mittel- und unterklassige Western, selbst wenn man nur Tonfilme aus den 30ern bis 50ern rechnet, gibt es wie Sand am Meer und eine solche Schema-F-Produktion ist keine Seltenheit. Ich muss an dieser Stelle anfügen, dass ich wirklich gern Western dieser durchschnittlichen Kategorie schaue und keineswegs allgemein zu einem Verriss ansetzen würde, weil es durch gute Nebendarsteller, sympathische Stars und teilweise interessante Regie-Ansätze auch immer wieder sehenswerte Elemente gibt, selbst wenn die Storys einigermaßen belanglos sind, wobei auch dahingehend immer wieder positive Überraschungen zutage treten – und seien sie nur im Detail zu finden. Gefilmt ist „Auf verlorenem Posten“ sicherlich durchaus nett, in Technicolor macht es mehr Spaß als in Schwarz-Weiß und George Sherman war allgemein ein wirklich guter Western-Regisseur, auch wenn er hier beileibe einen seiner schwächsten Genrebeiträge hervorgebracht hat. Problematisch ist schlichtweg, dass der Film an allen Ecken und Enden an viel zu viel merklicher (!) Routine krankt. Es gibt tatsächlich nur einen Faktor, der einem ohne großartige Höhepunkte routiniert inszenierten Film mit einer routinierten, vorhersehbaren Story, die wirkt, als hätte man alles schon diverse Male gesehen, noch zu etwas Glanz verhelfen kann: der Hauptdarsteller. Auch er allein mag das Blatt nicht unbedingt wenden können, selbst wenn er seine Sache gut macht, aber seine Klasse kann den Ausschlag geben. Macht er seine Sache jedoch nicht gut, hat der Film keine Chance mehr. Universal hatte seinerzeit einige Stars unter Vertrag, die regelmäßig Western drehten und mit Rory Calhoun oder Jeff Chandler wäre der Film womöglich sogar noch irgendwie rund geworden, vielleicht sogar mit Audie Murphy. Man kann sich so ziemlich jeden in der Rolle vorstellen, der damals in B-Filmen Rang und Namen im Genre hatte – sei es nun Rod Cameron, George Montgomery, John Payne, Sterling Hayden, Dale Robertson oder Forrest Tucker.

Auf_verlorenem_Posten-2

Neues Glück in idyllischer Kulisse

Joel McCrea jedoch spielt diesen Hallock enttäuschend hölzern und teilnahmslos. So hölzern, dass man in manchen Szenen sogar haarklein zu merken glaubt, wie ihm der Regisseur vorher erklärte, an welcher Stelle er stehenbleiben und wie er sich dann umdrehen soll. Wenn er die Blickrichtung wechselt und es eigentlich spontan rüberkommen müsste, um gut zu sein, wirkt es jedes Mal einstudiert. Die frühe Szene im Film, als der Sheriff erschossen wird und der kleine Junge alles mitbekommt, spricht Bände: Während Jimmy Hunt wirklich alles gibt und man kurz sogar Angst um seinen Hund hat, der in das Geschehen rennt, tut sich McCrea wenig später sichtlich schwer damit, auch nur den Hauch einer Emotion in seinem Gesicht zu zeigen, als er die Leiche betrachtet. Da sind keine Wut, keine Angst, keine Überraschung und auch nicht das Gegenteil. Sein Gesicht ist völlig teilnahmslos, nicht einmal der Versuch einer Reaktion scheint sich abzuzeichnen, obwohl da ein Toter vor ihm liegt und diese Szene die Handlung in Gang bringen soll. Er ist unglaubwürdig und bleibt es auch. Egal, ob er um sein Kind oder die Frau buhlt, man nimmt es ihm weitestgehend nicht ab, dass ihn die beiden auch nur einen Pfifferling interessieren – bei der Frau gar nicht, bei dem Jungen nur stellenweise.

Verkettung widriger Umstände

Man möchte McCrea des Öfteren regelrecht zurufen: „Nun tu‘ doch wenigstens mal so als ob!“ Vergebens. Sein Blick bleibt durchweg entweder neutral – fast schon bemerkenswert ambivalent und undefinierbar – oder von einem, teils schlichtweg unangebrachten Dauerlächeln durchsetzt, das ihn ziemlich fragwürdig in die Ecke des Stars Typ „Strahlemann“ rückt. Nun gibt es für Stars, deren schauspielerische Fähigkeiten nicht die besten waren, immer noch die Möglichkeit in den Actionszenen zu punkten – Audie Murphy rettete sich auf diese Weise oftmals noch recht brauchbar aus der Affäre. Leider ist McCrea auch in dieser Beziehung absolut nicht glaubwürdig. Die Szene, in der Zachary Hallock von einer Kutsche fällt und sich mittels Stuntman von hinten an dem Gefährt nach oben zieht – in voller Fahrt, versteht sich – und danach noch einen Gegner auf der Kutsche vermöbelt, ist so unfreiwillig komisch, dass man sie fast schon als Höhepunkt des Films werten muss. Man kauft ihm weder ab, dass er schon ein Weilchen im Westen gelebt hat, noch dass er in den gezeigten Kämpfen als Sieger bestehen würde, geschweige denn dass er derartige Sprünge, Stürze und Klimmzüge zu meistern im Stande wäre. Hier wäre allerdings auch die Regie gefragt gewesen, das Ganze etwas realistischer zu inszenieren. Der Mann war schließlich schon fast 50 und solche Stunts machten selbst etliche jüngere Kollegen nicht in jedem Film.

Die letzten Meilen bis Peckinpah

Es gab im Hollywood-Western der 50er-Jahre nur zwei Stars, die zwar häufig im Genre aktiv waren, im Gesamtpaket aber oft so derart vollumfänglich deplatziert wie beschrieben wirken. Der einzige, der dahingehend mit Joel McCrea konkurrieren konnte war Randolph Scott. Scott allerdings war schauspielerisch zumeist noch etwas überzeugender, wenngleich er ebenfalls viel zu soft und als Held in diesem Genre dadurch letztlich unglaubwürdig wirkt. Unglückliche Kostümierungen, wie etwa das ständige Tragen von Halstüchern – nicht unbedingt Markenzeichen kantiger Helden –, tun ihr übriges. Dass Sam Peckinpah ausgerechnet diese beiden für „Sacramento“ (1962) unter all den vielen Western-Stars engagierte, um noch einmal alles aus ihnen heraus zu kitzeln, wird seine Gründe gehabt haben und mit einer relativ individuellen Geschichte und einem zudem hochmotivierten Regisseur, sah die Welt dann auch noch einmal etwas anders aus. Wer also den kleinen Jimmy Hunt als eigentlichen Star des Films akzeptiert, der wird in „Auf verlorenem Posten“ ein paar schöne Momente vorfinden. Zugegeben: Die Dialoge der beiden Kinder sind wirklich niedlich gemacht und lustig.

Auf_verlorenem_Posten-3

An dieser Hauptfigur (l.) prallt alles ab

Bild und Ton der DVD wissen ebenfalls zu gefallen und werden niemandem den Spaß verderben, da sie die von Koch Films gewohnte gute Qualität der vergangenen Jahre bieten. Im Jahre 1973 erschien ein italienischer Polizeifilm, der deutschsprachig nur in der DDR synchronisiert wurde und leider hierzulande sehr selten ist. Der Film erhielt in Deutschland ebenfalls den Titel „Auf verlorenem Posten“ und ist in allen Belangen des filmischen Erzählens weitaus besser und interessanter. Somit kann abschließend zumindest noch eine vollumfängliche Empfehlung zu diesem deutschen Filmtitel ausgesprochen werden. Dieser 1973er-Film wäre eine große Freude auf DVD und ist, wie viele italienische Polit- und Polizeifilme der 70er, sehr zeitlos geblieben.

Auf_verlorenem_Posten-4

Kinder, Hund und grüne Wiesen – der Western als US-Heimatfilm

Die „Edition Western Legenden“ von Koch Films:

01. Die weiße Feder (White Feather, 1955)
02. Rache für Jesse James (The Return of Frank James, 1940)
03. Der letzte Wagen (The Last Wagon, 1956)
04. Union Pacific (Union Pacific, 1939)
05. Rio Conchos (Rio Conchos, 1964)
06. Schiess zurück Cowboy (From Hell to Texas, 1958)
07. Herrin der toten Stadt (Yellow Sky, 1948)
08. Die schwarze Maske (Black Bart, 1948)
09. Ritt zum Ox-bow (The Ox-Bow Incident, 1943)
10. 100 Gewehre (100 Rifles, 1969)
11. Shoot Out – Abrechnung in Gun Hill (Shoot Out, 1971)
12. Der große Aufstand (The Great Sioux Uprising, 1953)
13. Der Tag der Vergeltung (Untamed Frontier, 1952)
14. Duell mit dem Teufel (The Man from Bitter Ridge, 1955)
15. Grenzpolizei Texas (The Texas Rangers, 1936)
16. El Perdido (The Last Sunset, 1961)
17. Trommeln des Todes (Apache Drums, 1951)
18. Drei Rivalen (The Tall Men, 1955)
19. Quantez, die tote Stadt (Quantez, 1957)
20. Reiter ohne Gnade (Kansas Raiders, 1950)
21. Die Höhle der Gesetzlosen (Cave of Outlaws, 1951)
22. Western Union (Western Union, 1941)
23. Ritt in den Tod (Walk the Proud Land, 1956)
24. Vorposten in Wildwest (Two Flags West, 1950)
25. Santiago der Verdammte (The Naked Dawn, 1955)
26. Verschwörung auf Fort Clark (War Arrow, 1953)
27. Vom Teufel verführt (The Rawhide Years, 1955)
28. Der große Bluff (Destry Rides Again, 1939)
29. Gold aus Nevada (The Yellow Mountain, 1954)
30. Rivalen im Sattel (Bronco Buster, 1952)
31. Feuer am Horizont (Canyon Passage, 1946)
32. Noch heute sollst du hängen (Star in the Dust, 1956)
33. Frisco Express (Wells Fargo, 1937)
34. Schieß oder stirb (Gun for a Coward, 1957)
35. Der große Minnesota Überfall (The Great Northfield, Minnesota Raid, 1972)
36. Mit roher Gewalt (The Spoilers, USA 1955)
37. Die Welt gehört ihm (The Mississippi Gambler, USA 1953)
38. Rebellen der Steppe (Calamity Jane and Sam Bass, USA 1949)
39. Der Vagabund von Texas (Along Came Jones, USA 1945)
40. Auf verlorenem Posten (The Lone Hand, USA 1953)
41. California (California, USA 1947)
42. Der blaue Mustang (Black Horse Canyon, USA 1954)
43. Die Meute lauert überall (Raw Edge, USA 1956)
44. Rächer der Enterbten (The True Story of Jesse James, USA 1957)
45. Schüsse peitschen durch die Nacht (Showdown at Abilene, USA 1956)
46. Flucht vor dem Tode (The Cimarron Kid, USA 1952)
47. Stunden des Terrors (A Day of Fury, USA 1956)
48. Der große Zug nach Santa Fé (Cattle Drive, USA 1951)
49. Der eiserne Kragen (Showdown, USA 1963)
50. Garten des Bösen (Garden of Evil, USA 1954)

Auf_verlorenem_Posten-5

Der heimliche Star des Films (l.)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Joel McCrea sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 8. September 2016 als DVD

Länge: 76 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: The Lone Hand
USA 1953
Regie: George Sherman
Drehbuch: Joseph Hoffman, nach einer Geschichte von Irving Ravetch
Besetzung: Joel McCrea, Barbara Hale, Alex Nicol, Charles Drake, Jimmy Hunt, James Arness, Roy Roberts, Frank Ferguson, Wesley Morgan, Helen Spring
Zusatzmaterial: Bildergalerie, Booklet
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2016 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2016 Koch Films

Advertisements
 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

3 Antworten zu “Auf verlorenem Posten – Das Mysterium Joel McCrea

  1. Ansgar Skulme

    2016/09/08 at 14:13

    Da gehe ich prinzipiell mit. Aber leider waren tendenziell die meisten seiner Filme nicht mit solchen Regisseuern gesegnet. Auch ein rauhbeinigeres Rollenprofil wie etwa in „Die Letzten der 2. Schwadron“ vermochte sicherlich schon zu helfen, dass er nicht total blass wirkte. All das ändert letztlich aber nichts daran, dass George Sherman beileibe kein schlechter Regisseur war, McCrea selbst unter dessen Regie gegenüber anderen Western-Stars aber deutlich abfällt.

     
    • gabelingeber

      2016/09/09 at 15:50

      Ich hatte nicht behauptet, dass Sherman ein schlechter Regisseur sei. Aber er spielt doch in einer anderen Liga als Hitchcock und Peckinpah, auch als Tourneur. Das kann man auch, ohne gleich schlecht zu sein.

       
  2. gabelingebergabelingeber

    2016/09/08 at 07:19

    Da muss ich aber zu einer kleinen Ehrenrettung ausholen: Joel McCrea war, im Team mit einem guten Regisseur, durchaus zu zufriedenstellenden Leistungen fähig. Ein grosser Schauspieler war er zugegebenermassen nicht, und er konnte unter mangelnder Anleitung enervierend hölzern sein; doch es ging auch anders, wie er etwa unter Hitchcock, Tourneur oder Peckinpah bewies. Es gibt Filme, da möchte ich ihn nicht missen.

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: