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California – Sehenswertes Epos mit noch mehr Potenzial

08 Sep

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California

Von Ansgar Skulme

Western // Saloons sind ihr Leben, doch als Lily Bishop (Barbara Stanwyck) es in einem derselben wieder einmal zu weit getrieben hat, fliegt sie im hohen Bogen raus, landet im Dreck und bedankt sich mit ihren ersten Worten im Film zynisch dafür. Da sie sich in der Stadt nicht mehr sehen lassen kann, schließt sich Lily einem Siedlertreck unter Führung von Jonathan Trumbo (Ray Milland) an. Nach Kalifornien soll es gehen, das noch nicht zu den Vereinigten Staaten gehört und reichlich Land für Interessierte wie Michael Fabian (Barry Fitzgerald) bietet. Doch dort ist der Goldrausch ausgebrochen, viele werden unvernünftig und einige bekommen den Hals nicht voll. Besonders gefürchtet ist ein früherer Seefahrer namens Coffin (George Coulouris), der eine mordlustige Meute um sich geschart hat. Und wer es nicht mit plumpen Morden allein riskieren will, gibt sich eben als Politiker …

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Manchem sollte man besser nicht den Rücken zudrehen

Wenn man einmal davon absieht, dass der Schurke angeblich Pharaoh (!) mit Vornamen heißt und sein Nachname obendrein übersetzt „Sarg“ bedeutet, ist der Film alles andere als schräg. Vielmehr ist „California“ ein Werk, das sich gut in eine Reihe mit anderen großen Paramount-Wildwestabenteuern der 30er und 40er, wie insbesondere „Die scharlachroten Reiter“ (1940) und „Die Unbesiegten“ (1947), fügt. Filme, welche den Namen Epos vorbehaltsfrei verdienen. In den 30er- und 40er-Jahren waren Western in Farbe noch vergleichsweise selten, doch Paramount ließ sich seit jeher nicht lumpen, was Technicolor anbelangte, war beispielsweise auch im Südsee-Film Ende der 30er mit farbigen Genrebeiträgen federführend. Cecil B. DeMille, der „Die scharlachroten Reiter“ und „Die Unbesiegten“ jeweils mit Gary Cooper und Paulette Goddard in den Hauptrollen inszenierte, wurde nicht umsonst einer der absoluten Vorreiter unter den Farbfilmregisseuren. DeMille war Paramounts Mann für die großen Stoffe, auch schon in den 30ern, als er noch in Schwarz-Weiß drehen musste, und seine Western manifestierten stets große Mythen: „Der Held der Prärie“ (1936) thematisiert Wild Bill Hickok (auch Gary Cooper), Calamity Jane und Buffalo Bill als Legenden des Wilden Westens, „Union Pacific“ (1939) widmet sich dem Mythos Eisenbahn – in einer Hauptrolle: Barbara Stanwyck. „Die scharlachroten Reiter“ ist einer der eher wenigen US-Filme mit Western-Charakter, in denen es um Kanada geht – stilistisch ein Western, inhaltlich durch den Handlungsort Kanada natürlich nur bedingt. Der Film gab den Kanadiern gewissermaßen ihr eigenes Epos unter Bezugnahme auf die sogenannte Nordwest-Rebellion, gleichzeitig war es DeMilles erster vollständig in Farbe produzierter Film. „Die Unbesiegten“ wies schließlich auf die weitaus frühere richtungsweisende Konfrontation zwischen Engländern und Franzosen zu Beginn der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hin. Alles Stoffe der ganz elementaren, grundsteinlegenden Sorte also. Geschichten, die zusammenschweißen und dem Publikum sozusagen seine gemeinsamen Ursprünge als großes Leinwandabenteuer erzählten, für das keine Kosten und Mühen gescheut wurden.

DeMille-Style mit neuen Verantwortlichen

„California“ bewegt sich in genau diesem Fahrwasser, allerdings übertrug man die Regie nicht DeMille, sondern John Farrow. Der hatte bis dato zwar schon ein paar durchaus erinnerungswürdige Filme, wie etwa „China“ (1943) und „In Ketten um Kap Horn“ (1946) – beide mit Alan Ladd – gedreht sowie mit „The Hitler Gang“ (1944) den ersten Film überhaupt inszeniert, in dem man mit Ernsthaftigkeit versuchte, die Person Adolf Hitler in einer Art Biopic aufzuarbeiten, jedoch hatte er ein Projekt von der Tragweite eines solchen Farbspektakels noch nicht realisieren dürfen. Auch hier geht es um die frühe Erschließung des Landes, um das Besiedeln, das Neuerschaffen von gesellschaftlicher Kultur, die damit zusammenhängende Aufbruchsstimmung und die parallel entstehenden Gefahren. Ein Gründer-Epos made in America, wenn man so will, das einen entsprechend direkten Titel trägt, der den Film gewissermaßen mit einem ganzen Staat und dessen Entstehung gleichsetzt. Kein Zufall ist sicherlich, dass der hier sehr kaltschnäuzige Ray Milland und die als Pendant sehr widerspenstige Barbara Stanwyck in ihren Rollen obendrein ziemlich an Gary Cooper und Paulette Goddard bei DeMille erinnern. Dass Peter Pasetti hier Ray Milland synchronisierte, ebenso wie Cooper in „Die scharlachroten Reiter“ und „Die Unbesiegten“: sicher ebenfalls kein Zufall.

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Eine Hassliebe, wie sie im Buche steht

Schlagfertige Frauen und abgebrühte Kerle mit trockenen Sprüchen, die immer bereit zu handeln sind, schienen genau richtig inmitten einer solch ungeordneten, in Veränderung begriffenen Filmwelt, einer Geschichtsstunde voller kurioser, aber auch hinterhältiger Gestalten, die alle ihren Teil vom Kuchen wollen, der später einmal allerorts den Namen „Vereinigte Staaten von Amerika“ tragen wird. Solcherlei Figuren hatten es Paramount in ihren damaligen Western angetan. Da werden die Frauen zur Not auch offen beleidigt oder gar geohrfeigt, wenn nicht ins Gesicht geschlagen, wissen allerdings auch gut dagegen zu halten. Nun ja, das ist immerhin weltoffener als die Frau gutbürgerlich daheim am Herd anzuketten, was seinerzeit schließlich auch diverse Filme probierten. Typen mit Ecken und Kanten so weit das Auge reicht, in einer mit Mut zum Pathos erzählten Geschichte, die das teils recht illusorische Bild vom gemeinsam mittels redlicher Arbeit erschaffenen Amerika propagiert, so gut es nur geht – das zeichnete DeMille aus, in diesem Fall nun auch Farrow. Dazu immer wieder die regelrecht übervollen Bilder, reich an Farben – volle Saloons, mit Requisiten dicht bestückte Räume, große beratschlagende Siedlergruppen, marodierende Meuten und dergleichen mehr, ergänzt von nicht minder farbenprächtigen, herrlichen Naturkulissen.

Vielfalt auf die etwas andere Art

Ist die Natur auch schön inszeniert, ist es mit dem Realismus und der Natürlichkeit trotzdem so eine Sache. Indianer sieht man den ganzen Film über nahezu gar nicht, bei DeMille hingegen immerhin zahlreiche, auch wenn sie von diesem oft als stumpfsinnige und brutale Gesellen dargestellt wurden. Kurzum: Ureinwohner gab es in Kalifornien offenbar keine oder zumindest in „California“ nicht, dafür aber sprechen die „Weißen“ Dialekte und Slangs – sie kamen schließlich von überall her nach Kalifornien –, was man auch recht kurios in die deutsche Synchronfassung zu transportieren versuchte. Kölsche Mundart in Kalifornien? Warum nicht. Generell eine sehr hörenswerte, sehr frühe deutsche Fassung, in der ähnlich wie auch in „Die scharlachroten Reiter“ und „Die Unbesiegten“ oder auch „Wem die Stunde schlägt“ (1943) etliche Sprecher zu hören sind, die man schon wenige Jahre später nicht mehr wiederfindet. Sprecher wie Otto Wernicke (besser bekannt als Kommissar Lohmann in Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“), Rudolf Reif und Bruno Hübner. Ein ganz besonderer Höhepunkt ist Hans Hinrich als deutsche Stimme von George Coulouris, der den zunehmend wirrer werdenden Kapitän mit einem beeindruckend ruhig vorgetragenen Wahnsinn vertonte. Wem das gefällt, der sollte sich auch unbedingt einmal „Das Phantom der Oper“ in der Version von 1943 ansehen – in der deutschen Fassung synchronisierte Hinrich die von Claude Rains verkörperte Titelfigur. Es verwundert nicht, dass die Wahl ebenfalls auf Hinrich fiel, als für den wortführenden der beiden titelgebenden Auftragsmörder in „Die Killer“ (1946), gespielt von William Conrad, eine entsprechend trockene, abgebrühte deutschsprachige Variante gesucht wurde.

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Von einer Frau um den Verstand gebracht

Während die in diesem Artikel besagten Filme von Cecil B. DeMille schon seit einigen Jahren alle in Deutschland auf DVD verfügbar sind – wenngleich diverse andere Epen von DeMille aus anderen Genres leider nicht –, kommt die Veröffentlichung von „California“ recht spät. Ob es daran liegt, dass John Farrow als Regisseur und Ray Milland als Star beide seit jeher eher wenig besprochen worden sind: Wer weiß? Aber besser spät als nie! Ähnlich wie der thematisch sehr gut vergleichbare Michael-Curtiz-Western „Goldene Erde Kalifornien“ (1938) hat zwar auch „California“ das Problem, dass die epische Grundausrichtung, die vor allem am Anfang bis hin zur Musik von Victor Young noch sehr stark deutlich gemacht wird, eigentlich eine Laufzeit von mindestens 30 Extra-Minuten gut verkraftet hätte; trotz allem aber ist der Film sehr ansehnlich, spannend erzählt und wartet zudem mit einer relativ ungewöhnlichen Schurkenfigur auf, was gerade im Western durchaus eine Wohltat ist. Man kann „California“ daher attestieren, dass er sich von der breiten Masse nicht nur wegen der kostspieligen Produktion in Farbe abhebt, auch wenn die Geschichte eigentlich noch viel mehr Potenzial gehabt hätte als Kalifornien kompakt in gut 90 Minuten anzureißen. Beispielsweise kommen die von Anthony Quinn und Gavin Muir verkörperten, recht interessanten Figuren leider ziemlich kurz. Ebenso hätten auch DVD und Blu-ray mehr Potenzial als ein Booklet, einen Wiederaufführungstrailer, eine Bildergalerie und optionale englische Untertitel gehabt. Die Präsentation des Hauptfilms lässt allerdings nichts zu wünschen übrig. Ein fast 70 Jahre alter höchst aufwendiger Farbfilm erstrahlt in würdigem Glanz!

Die Geschichte von Mister Trumbo

Apropos würdig – abschließend bleibt ein kleines Rätsel im Raum: Ob der Name der Hauptfigur Jonathan Trumbo als würdigende Anspielung auf den Drehbuchautor Dalton Trumbo gedacht war, der im Jahr des Erscheinens des Films, 1947, vor das Komitee für unamerikanische Umtriebe treten sollte, die Aussage verweigerte und dadurch lange Zeit starken Repressionen ausgesetzt wurde, ist nicht konkret überliefert, allerdings durchaus denkbar. Trumbo ist schließlich nicht gerade ein Allerweltsname und die zeitliche Parallele auffällig. Dalton Trumbo wurde 2015 durch die seinen Nachnamen tragende Verfilmung seiner Geschichte mit einem Oscar-nominierten Bryan Cranston in der Hauptrolle einem breiten Publikum bekannt. In diesem Kontext erscheint dann auch der eingangs erwähnte Name Pharaoh Coffin als Gegenspieler dieses Jonathan Trumbo in einem etwas anderen, möglicherweise recht subversiven Licht.

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Die Lage ist ernst – der Deserteur darf vorsprechen

Die „Edition Western Legenden“ von Koch Films:

01. Die weiße Feder (White Feather, 1955)
02. Rache für Jesse James (The Return of Frank James, 1940)
03. Der letzte Wagen (The Last Wagon, 1956)
04. Union Pacific (Union Pacific, 1939)
05. Rio Conchos (Rio Conchos, 1964)
06. Schiess zurück Cowboy (From Hell to Texas, 1958)
07. Herrin der toten Stadt (Yellow Sky, 1948)
08. Die schwarze Maske (Black Bart, 1948)
09. Ritt zum Ox-bow (The Ox-Bow Incident, 1943)
10. 100 Gewehre (100 Rifles, 1969)
11. Shoot Out – Abrechnung in Gun Hill (Shoot Out, 1971)
12. Der große Aufstand (The Great Sioux Uprising, 1953)
13. Der Tag der Vergeltung (Untamed Frontier, 1952)
14. Duell mit dem Teufel (The Man from Bitter Ridge, 1955)
15. Grenzpolizei Texas (The Texas Rangers, 1936)
16. El Perdido (The Last Sunset, 1961)
17. Trommeln des Todes (Apache Drums, 1951)
18. Drei Rivalen (The Tall Men, 1955)
19. Quantez, die tote Stadt (Quantez, 1957)
20. Reiter ohne Gnade (Kansas Raiders, 1950)
21. Die Höhle der Gesetzlosen (Cave of Outlaws, 1951)
22. Western Union (Western Union, 1941)
23. Ritt in den Tod (Walk the Proud Land, 1956)
24. Vorposten in Wildwest (Two Flags West, 1950)
25. Santiago der Verdammte (The Naked Dawn, 1955)
26. Verschwörung auf Fort Clark (War Arrow, 1953)
27. Vom Teufel verführt (The Rawhide Years, 1955)
28. Der große Bluff (Destry Rides Again, 1939)
29. Gold aus Nevada (The Yellow Mountain, 1954)
30. Rivalen im Sattel (Bronco Buster, 1952)
31. Feuer am Horizont (Canyon Passage, 1946)
32. Noch heute sollst du hängen (Star in the Dust, 1956)
33. Frisco Express (Wells Fargo, 1937)
34. Schieß oder stirb (Gun for a Coward, 1957)
35. Der große Minnesota Überfall (The Great Northfield, Minnesota Raid, 1972)
36. Mit roher Gewalt (The Spoilers, USA 1955)
37. Die Welt gehört ihm (The Mississippi Gambler, USA 1953)
38. Rebellen der Steppe (Calamity Jane and Sam Bass, USA 1949)
39. Der Vagabund von Texas (Along Came Jones, USA 1945)
40. Auf verlorenem Posten (The Lone Hand, USA 1953)
41. California (California, USA 1947)
42. Der blaue Mustang (Black Horse Canyon, USA 1954)
43. Die Meute lauert überall (Raw Edge, USA 1956)
44. Rächer der Enterbten (The True Story of Jesse James, USA 1957)
45. Schüsse peitschen durch die Nacht (Showdown at Abilene, USA 1956)
46. Flucht vor dem Tode (The Cimarron Kid, USA 1952)
47. Stunden des Terrors (A Day of Fury, USA 1956)
48. Der große Zug nach Santa Fé (Cattle Drive, USA 1951)
49. Der eiserne Kragen (Showdown, USA 1963)

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Aus dem Dreck emporgekommen

Veröffentlichung: 8. September 2016 als Blu-ray und DVD

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: California
USA 1947
Regie: John Farrow
Drehbuch: Frank Butler & Theodore Strauss, nach einer Geschichte von Boris Ingster
Besetzung: Ray Milland, Barbara Stanwyck, Barry Fitzgerald, George Coulouris, Albert Dekker, Anthony Quinn, Frank Faylen, Gavin Muir, James Burke, Eduardo Ciannelli
Zusatzmaterial: US-Wiederaufführungstrailer, Bildergalerie, Booklet
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2016 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2016 Koch Films

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