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Schrei, wenn der Tingler kommt – Wenn die Angst langsam übers Rückgrat krabbelt

10 Sep

Tingler-Packshot

The Tingler

Von Andreas Eckenfels

Horror // In den 50er-Jahren muss es einen Heidenspaß gemacht haben, einen Horrorstreifen von William Castle im Kino zu besuchen. Der Regisseur ließ sich immer neue Dinge einfallen, um das Publikum auch jenseits der Leinwand ordentlich zu erschrecken. Mit dem Eintrittspreis von „Macabre“ (1958) schloss man gleichzeitig eine Lebensversicherung über 1.000 Dollar ab, falls man während der Sichtung vor Furcht sterben sollte. Bei „House on Haunted Hill” (1959) wurden während der Vorstellung Skelette per Angelschnur durch den Kinosaal gezogen. Und für „Schrei, wenn der Tingler kommt“ ließ Gimmick-Meister Castle kleine Summer unter den Kinositzen anbringen, die während der Vorstellung kurze Vibrationen unter den Hinterteilen der überraschten Kinobesucher auslösten. Er gab der Technik den Namen „Percepto!“.

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Dr. Chapin (l.) erforscht die Angst

Zu Beginn von „Schrei, wenn der Tingler“ gibt sich Castle persönlich die Ehre und gibt den Zuschauern in seiner Einführung eine Warnung mit auf dem Weg, welche mit den Worten „Ein Schrei zur rechten Zeit könnte Ihr Leben retten“ endet. Da steigt die Vorfreude auf ein schreckliches Vergnügen.

Der Tingler ist unter uns

Dr. Warren Chapin (Vincent Price) experimentiert mit der Angst: Der Pathologe ist davon überzeugt, dass eine Kreatur im menschlichen Körper lebt, welche sich von der Angst seines Wirtes ernährt. Seine Vermutung: Nur ein erlösender Schrei kann den Menschen davor schützen, dass der „Tingler“, wie er ihn nennt, nicht zur vollen Größe heranwachsen und dem Wirt das Rückgrat brechen kann. Da sie nicht schreien kann, entpuppt sich die gehörlose Martha (Judith Evelyn) als perfektes Versuchskaninchen, um seine Theorie zu untermauern. Tatsächlich stirbt die Frau kurze Zeit später, nachdem sie sich zu Tode erschrocken hat. Während der Autopsie kann Dr. Chapin einen ausgewachsenen Tingler aus ihrem Rücken entfernen. Doch das Krabbeltier entkommt …

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Dabei schreckt der Pathologe auch vor Selbstexperimenten nicht zurück

Mit dem dritten Titel beglückt uns Anolis mit einem weiteren Grusel-Sahnestück innerhalb der auf zehn Filme angelegten „Die Rache der Galerie des Grauens“-Reihe. Die Geschichte ist absurd, originell und trashig zugleich. Die Angst manifestiert Castle schließlich als eine Art Tausendfüßer, bei dessen Anblick es den zeitgenössischen Zuschauern sicher eiskalt den Rücken hinuntergelaufen ist – und das, obwohl die Schnur deutlich zu sehen ist, mittels der die Kreatur bewegt wird. Lebt der Tingler tatsächlich in unseren Körpern? So ganz abwegig erscheint es nicht, wenn man den Ausführungen von Dr. Chapin Glauben schenken mag. Diese abstrakte Angst vor der versinnbildlichten Angst ist ein geschickter Schachzug von Castle.

Und dann wird die Leinwand schwarz

Immerhin gibt uns Castle auch gleich die Gebrauchsanleitung an die Hand, wie wir den Tingler besiegen können: In der grandiosen Kino-im-Kino-Szene wuselt die Kreatur durch die Stuhlreihen, dann wird die Leinwand auf einmal für eine Zeitlang komplett schwarz. Vincent Price fordert die Zuschauer dazu auf, zu schreien, was die Stimmbänder hergeben. Nur so könne man sich schließlich vor dem Bösen schützen. Das ist Mitmachkino vom Feinsten, welches man im heutigen Heimkinozeitalter nur schwer nachvollziehen kann, aber seine Wirkung deshalb dennoch nicht verfehlt. Bei dem Film-im-Film, welcher in dem Stummfilmkino in Ausschnitten gezeigt wird, handelt es sich übrigens um „Der Überfall auf die Virginiapost“ („Tol’able David“, 1921) von Henry King.

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Die gehörlose Martha wird zu Tode erschreckt

Die Axt über dem Gesicht von Martha ist als gruselige Momentaufnahme in die Horrorgeschichte eingegangen. Selbst, wer „Schrei, wenn der Tingler kommt“ noch nicht gesehen hat, kennt dieses bedrohliche Bild kurz vor dem Schreckenstod der Figur. Welche Überraschungen Castle in dieser Sequenz seinen verblüfften Zuschauern auftischt, will ich hier für Noch-nicht-Kenner nicht verraten. Diese zeigt bestens, dass der Regisseur einerseits ein Meister seines Fachs ist, andererseits, aber auch Spaß dabei hatte, spektakuläre Effekte auch auf der Leinwand zu nutzen, die für reichlich Gesprächsstoff sorgen. Filmhistorisch ist „Schrei, wenn der Tingler kommt“ zudem interessant, weil darin erstmals die damals noch legale Droge LSD geschluckt wird, mit der der wie immer hervorragende Vincent Price als Dr. Chapin sich als Selbstexperiment in einen Zustand der Angst versetzen will.

Die Filme der Anolis-Reihe „Die Rache der Galerie des Grauens“:

01. Der Fluch des Dämonen (Night of the Demon / Curse of the Demon, 1957)
02. Planet der toten Seelen (War of the Satellites, 1958)
03. Schrei, wenn der Tingler kommt (The Tingler, 1959)
04. Ausgeburt der Hölle (The Beast with a Million Eyes, 1955)
05. Im Sumpf des Grauens (The Alligator People, 1959)
06. Das Grauen schleicht durch Tokio (Bijo to ekitai ningen, 1958)
07. Angriff der Riesenkralle (The Giant Claw, 1957)
08. ???
09. ???
10. ???

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Den Tingler gibt es wirklich!

Vincent Price bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Die Fliege (1958)
House on Haunted Hill (1959)
Schrei, wenn der Tingler kommt (1959)
Die Verfluchten (1960)
Das Pendel des Todes (1961)
Die Maske des Roten Todes (1964)
Stadt im Meer (1965)
Das Schreckenskabinett des Dr. Phibes (1971)
Die Rückkehr des Dr. Phibes (1972)
Theater des Grauens (1973)
Das Haus der langen Schatten (1983)

Veröffentlichung: 19. August 2016 als Blu-ray und DVD

Länge: 81 Min. (Blu-ray), 78 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Tingler
USA 1959
Regie: William Castle
Drehbuch: Robb White
Besetzung: Vincent Price, Judith Evelyn, Darryl Hickman, Patricia Cutts, Pamela Lincoln, Philip Coolidge
Zusatzmaterial: Audiokommentare, Dokumentation „Scream For Your Life“, US-Trailer, deutscher Trailer, „Scream“-Szene Kinosaal, „Scream“-Szene Autokino, Bildergalerie
Vertrieb: Anolis Entertainment GmbH

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2016 Anolis Entertainment GmbH

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