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Alfred Hitchcock (I): Eine Dame verschwindet – Frivoles Frühwerk

15 Sep

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The Lady Vanishes

Alfred Hitchcock (1899–1980) ist ohne Zweifel der Großmeister des Suspense und gehört zu den einflussreichsten Filmemachern überhaupt. Das Spannungskino hat keiner wie er geprägt. Ohne auszuschließen, dass wir beizeiten auch Klassiker wie „Der unsichtbare Dritte“ und „Psycho“ berücksichtigen werden, ist der Gedanke doch eher, den Lesern von „Die Nacht der lebenden Texte“ weniger bekannte Werke nahezubringen – auch und besonders solche aus Hitchcocks frühen Schaffensphasen. Die unter dieser Rezension zu findende Auflistung ist insofern als „work in progress“ zu verstehen. Jedenfalls sind bereits einige Rezensionen geschrieben und zur Veröffentlichung fertig, sodass wir die Reihe zügig mit Leben füllen werden.

Von Simon Kyprianou

Thrillerkomödie // Zu Filmbeginn finden wir uns in einer urigen kleinen Pension in einer Berglandschaft wieder. Die Herberge ist eingeschneit und dient einigen Gästen als notdürftige Zwischenstation bis zu Abfahrt des Zuges am nächsten Morgen. In der Pension begegnet die junge Iris Henderson (Margaret Lockwood) dem extrovertierten Gilbert Redman (Michael Redgrave) und der alten Dame Miss Foy (May Whitty). Ersteren kann sie auf den Tod nicht ausstehen, mit der alten Dame jedoch freundet sie sich an. Als Miss Foy bei der gemeinsamen Zugfahrt am nächsten Vormittag spurlos verschwindet, müssen sich die Streithähne Iris und Gilbert zusammentun, um sie zu finden.

Hitchcock mochte verschlossene Räume

Alfred Hitchcock hat oft mit der furchteinflößenden Ausweglosigkeit abgeschlossener Räume gearbeitet, ihre Begrenzungen genutzt, um die Dynamik der Geschichte zu verdichten. Immer da wurde seine Herkunft vom Theater deutlich. „Eine Dame verschwindet“ ist ein schneller, geradezu hektischer Film. Ganz wie der Zug, in dem er spielt, ist er ständig in Bewegung, ein Film der sich keinen Spaß versagt, keinen Irrsinn und keinen augenzwinkernd vorgetragenen Twist. Die verspielt-dramatische Inszenierung verwandelt den Zug in einem Kosmos der Absurditäten, in dem Irrsinn an der Tagesordnung zu sein scheint und die wunderbar überzogenen Screwball-Protagonisten ein ironisch-überdramatisiertes Mordkomplett auflösen müssen.

Wenn die Geschichte der verschwundenen Dame zum Ende hin explosionsartig in ein ironisches Action-Finale mündet, lässt Hitchcock alle Suspense fallen und ist nur noch am wunderbar übertriebenen Happening interessiert, das sich selbst wahrlich kein bisschen mehr ernst nimmt.

Der Meister der Suspense war auch für Spaß zu haben

Viele Frühwerke von Hitchcock standen im Zeichen von herrlich-überzogener Unterhaltung, man denke nur an den bekloppten Stuhlkampf aus der frühen Version von „Der Mann der zuviel wusste“, den es im Remake nicht mehr gab. Dabei ist „Eine Dame verschwindet“ vielleicht das schönste dieser frivolen Frühwerke: Die Inszenierung ist wunderbar selbstbewusst und virtuos schnell, die Dialoge machen großen Spaß. Orson Welles sollen sie sogar so großen Spaß gemacht haben, dass er sich den Film gleich elf Mal ansah.

In Deutschland ist „Eine Dame verschwindet“ auf DVD beim Label Phoenix Bild- u. Tonträger Vertrieb erschienen, auf Blu-ray bei Great Movies GmbH. Die Qualität der Veröffentlichungen ist vergleichsweise lieblos. Kenner greifen ohnehin zur DVD oder Blu-ray aus dem Hause The Criterion Collection, die man blind kaufen kann.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Alfred Hitchcock sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 31. Oktober 2014 als Blu-ray und DVD, 26. April 2007 als DVD
Veröffentlichung USA: 6. Dezember 2011 als Blu-ray und Doppel-DVD (The Criterion Collection)

Länge: 96 Min.
Altersfreigabe (der deutschen Editionen): FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch (Criterion: nur Englisch)
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: The Lady Vanishes
GB 1938
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Sidney Gilliat
Besetzung: Margaret Lockwood, Michael Redgrave, Paul Lukas, Dame May Whitty, Cecil Parker, Linden Travers, Googie Withers
Zusatzmaterial (Criterion): Audio commentary featuring film historian Bruce Eder, Crook’s Tour (a 1941 feature-length adventure film starring Basil Radford and Naunton Wayne as Charters and Caldicott, their beloved characters from The Lady Vanishes), Excerpts from François Truffaut’s legendary 1962 audio interview with director Alfred Hitchcock, Mystery Train (a video essay about Hitchcock and The Lady Vanishes by Hitchcock scholar Leonard Leff), Stills gallery of behind-the-scenes photos and promotional art, New essays by critic Geoffrey O’Brien and Hitchcock scholar Charles Barr, Booklet
Vertrieb USA: The Criterion Collection

Copyright 2016 by Simon Kyprianou

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