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Kennwort 777 – Die Gerechtigkeit muss siegen

16 Sep

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Call Northside 777

Von Ansgar Skulme

Drama // Der Immigrant Frank Wiecek (Richard Conte) wird gemeinsam mit einem Freund (George Tyne) des Mordes beschuldigt und landet lebenslänglich im Zuchthaus. Für die Verurteilung maßgeblich ist einzig die Aussage von Wanda Skutnik (Betty Garde), die behauptet, ihn bei der Tat gesehen zu haben. Viele Jahre später stößt der Chefredakteur der Chicago Times Brian Kelly (Lee J. Cobb) auf eine Annonce von Wieceks Mutter (Kasia Orzazewski), die eine Belohnung von 5.000 Dollar aussetzt, um den Fall neu aufzurollen. Kelly beauftragt den Journalisten P.J. McNeal (James Stewart), daraus eine Story zu machen. Als McNeal feststellt, dass sich die alte Frau die Belohnung mühsam mit dem Schrubben von Fußböden zusammenspart, gewinnt er trotz anfänglicher Skepsis ein zunehmendes Interesse daran, ihr zu helfen.

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Eine junge Familie – ins Unglück gestürzt

Basierend auf dem wahren Fall von Joseph Majczek und Theodore Marcinkiewicz, dem der Journalist James McGuire ab Oktober 1944 nachging, ist Henry Hathaway die Inszenierung einer sehr spannenden und fast schon minutiös geschilderten Jagd nach dem rechtzeitigen Beweis für die Unschuld des Verurteilten gelungen. Semi-dokumentarisch gehaltene Film noirs, die eine Verbrecherjagd schildern, wurden in der zweiten Hälfte der 40er-Jahre zum Trend. In diesem Fall geht es zwar nicht um die Jagd nach dem wirklichen Täter, sondern um den Unschuldsbeweis, ansonsten jedoch bewegt sich der Film vollauf mit dieser Welle.

Ein Meilenstein für Chicago

Ein eindeutiges Kennzeichen für den hohen dokumentarischen Anspruch solcher Film noirs findet sich etwa in der Tatsache, dass sich der Erfinder des Lügendetektors, der in der Story zum Einsatz kommt, Leonarde Keeler, in „Kennwort 777“ praktisch selbst spielt und den Test mit dem Gefangenen durchführt. Der Einsatz von Laiendarstellern wurde etwa zeitgleich im italienischen Neorealismus sehr beliebt, war aber auch in solchen US-Produktionen durchaus üblich, wenngleich es oft nur einzelne Rollen pro Film betrifft. Des Öfteren wurden Geschichten in der Rahmenhandlung von tatsächlichen Beamten erzählt bzw. eröffnet und geschlossen, die teilweise während der Handlung als Erzähler fungierten. Zudem setzte man in „Kennwort 777“ für einige Rollen auf unbekannte Schauspieler: Joanne De Bergh und Kasia Orzazewski, in den Rollen der Ehefrau und der Mutter Wieceks, gaben beide ihr Filmdebüt; für John McIntire, der in der Rolle des Sam Faxon energisch zu verhindern versucht, dass die Arbeit von Justiz, Polizei und somit letztlich auch des Staates durch eine Begnadigung Wieceks diskreditiert werden, war es die erste namentlich genannte Filmrolle. Er wurde bald darauf ein gefragter Charakterdarsteller in Hollywood und hatte später mehrjährige Hauptrollen in den Westernserien „Wagon Train“ und „Die Leute von der Shiloh Ranch“ – in letztgenannter als Nachfolger von Lee J. Cobb, der in „Kennwort 777“ ebenfalls zu sehen ist. Nachgewiesen wird der dokumentarische Anspruch aber auch damit, dass es sich hierbei um den ersten abendfüllenden Hollywood-Spielfilm handelt, dessen Außenaufnahmen komplett in und um Chicago gedreht wurden, und man auch die Nachtszenen untypischerweise konsequent bei Nacht filmte – mochte es eine noch so große technische Herausforderung sein. Die Aufnahmen aus der Metropolregion Chicago zeigen unter anderem das letzte genutzte Panopticon der USA im Stateville-Hochsicherheitsgefängnis.

Alter Film, doch jung geblieben

Man kann geteilter Meinung sein, wie sinnhaft es ist, dass ein Film, der mit einem Mord beginnt und auch später in der Handlung Waffen zeigt, eine Freigabe ohne Altersbeschränkung bekommt – die er in Deutschland für seine DVD-Auswertungen erhalten hat –, sollte gerade deswegen allerdings auch nicht glauben, dass es sich bei „Kennwort 777“ um einen eher harmlosen Genrevertreter ohne Biss handelt. Der Film ist praktisch völlig zeitlos und wirkt durch den Einsatz des von James Stewart sehr offen und direkt verkörperten Journalisten mit zunehmender Dauer immer fesselnder. Man kann das Werk durchaus mit thematisch ähnlichen Produktionen wesentlich jüngeren Datums wie etwa „Zodiac – Die Spur des Killers“ (2007) vergleichen, in dem Jake Gyllenhaal den recherchierenden Zeitungsmitarbeiter verkörperte. James Stewart ermöglicht dem Zuschauer einen sehr guten Zugang zu dem Fall, da man sich mit der Figur ausgesprochen gut identifizieren kann und er schließlich sogar anfängt, für die Interessen der Öffentlichkeit zu sprechen – etwa als er heimlich ein Dokument auf einem Polizeirevier sichtet, das eigentlich öffentlich ist, aber unter Verschluss gehalten wird, und sich deswegen mit dem Diensthabenden anlegt. Dazu gibt es recht forsche Dialoge zwischen ihm und seiner filmischen Ehefrau, die auch heute noch zu amüsieren wissen, die gegenseitige Anziehung und Liebe der beiden in nur wenigen Szenen transparent machen. Dadurch wirkt der Film umso liebenswerter, ehrlicher und in seinen Ansinnen umso interessanter. Auch als der von Lee J. Cobb verkörperte Chefredakteur seine Motivation, den Fall bringen zu wollen, damit begründet, dass seine eigene Mutter ebenfalls Böden geschrubbt habe, um ihm die Schule zu finanzieren, gibt das dem Film eine sehr – nennen wir es – „bürgernahe“ Komponente. Und dies ist neben der dokumentarisch interessierten Kameraarbeit seine große Stärke.

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McNeal verbeißt sich in den Fall

Nur der deutsche Titel zeugt nicht gerade von einem Bemühen um Wirklichkeitsnähe. Mit „Northside 777“ ist die Telefonnummer gemeint, die in der Anzeige der Mutter angegeben ist. Mit einem Kennwort hat das wenig zu tun und ein solches kommt auch ansonsten nicht im Film vor. Man mag eine Bitte wie „Verbinden Sie mich doch mit Northside 777“ zwar durch die Kombination von Wort und Zahl für das deutsche Ohr, das diese Methodik der Telefonnummernvergabe nicht gewohnt ist, auch als Kennwort verstehen, dann jedoch müsste auch der Name „Northside“ – notfalls eingedeutscht – mit im Titel stehen. Von einem Kennwort bzw. Passwort allerdings, das nur „777“ heißt, würde heute nicht nur jeder IT-Experte abraten – egal wofür man es benutzt. Das mag banal klingen, aber wenn man als Laie vor einem DVD-Regal steht und diesen beileibe wirklich albernen Titel auf dem Niveau von „Passwort 0815“ oder „Geheimcode 0123“ liest, wird man von dem Film bei Weitem nicht den Intellekt erwarten, den er bietet – und das ist schlecht für die Vermarktung, zumindest wenn sich der Kunde dann denkt „Ach, die alten Schinken nun wieder … was für ein Quatsch.“ Aber das ist nicht Pidax‘ Schuld, sondern den deutschen Verleihern damaliger Zeiten anzulasten.

Alles gut, aber keine Neuentdeckung

Die DVD von Pidax lässt für den Preis wenig zu wünschen übrig. Es gibt ein Booklet von Reiner Boller, welches wie bei diesem Label üblich auch einen Nachdruck der Ausgabe der Illustrierten Film-Bühne beinhaltet, die sich mit „Kennwort 777“ befasst – hierbei handelt es sich um eine Art Kino-Programmheft, wie es damals für jeden Film üblich war. Dazu gesellen sich der Originaltrailer und der deutsche Vorspann des Films. Festzuhalten ist allerdings, dass „Kennwort 777“ vor zehn Jahren schon einmal von Universum Film in Deutschland auf DVD veröffentlicht wurde und die vorliegende Veröffentlichung insofern nur eine Neuauflage mit etwas erweitertem Bonus und neuen Menüs ist. Bei all den teils international renommierten Film noirs, die es bei uns immer noch nicht auf DVD gibt – wie etwa „Der Panther“ (1950) oder „Der Henker saß am Tisch“ (1950), welche allerdings von anderen Studios und nicht 20th Century Fox stammen –, sieht der Genre-Fan eine solche Veröffentlichung mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Zumal die Universum-DVD bis heute nicht vergriffen und die Auskopplung als Double Feature in der Box „Hollywood Highlights 2“ – gemeinsam mit „Der Engel mit der Mörderhand“ (1968) – sogar nach wie vor für einen sehr günstigen Preis zu haben ist. Den Originaltrailer gab es auch damals schon als Bonus, wenngleich kein Booklet.

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Wenn nur ein Zeuge die Täter identifiziert, sind sie schuldig

Einen Coup hätte man landen können, wäre es gelungen die von Reiner Boller auch in seinem Text erwähnte Kinosynchronisation mit Hans Nielsen in der Hauptrolle aufzutreiben. Auf der DVD befindet sich jedoch nur die für die ARD erstellte Neusynchronisation von 1969 mit Eckart Dux als Sprecher von James Stewart, die auch schon auf der Universum-DVD zu finden ist und zu der auch der nun als Bonus enthaltene deutsche Vorspann gehört. Auch wenn es Dux wirklich gut gelungen ist, Stewarts recht eigentümliche Sprechweise ins Deutsche zu übertragen und die Sprecher auch ansonsten durchweg überzeugen – besonders rührend ist Erna Großmann, die die Mutter mit vor Kummer wimmernder, teils fast erstickender Stimme spricht –, sind die Akustik und Geräuschkulisse in solch einer Fassung eben doch anders geartet als im Original oder einer Kinosynchronisation aus den 40er-/50er-Jahren. Es mag aber sein, dass die alte Kinosynchronisation dieses Films wirklich verschollen ist und nicht mehr verfügbar gemacht werden konnte. Lobenswert ist allemal, dass dieser starke Film durch eine neuerliche Veröffentlichung nun wieder langfristig einem großen Publikum zugänglich ist, das sich neu begeistern lassen möchte.

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Unermüdlich auf der Suche nach dem Licht im Dunkel

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Henry Hathaway sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit James Stewart unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 17. März 2017 als Blu-ray, 16. September 2016 und 25. September 2006 als DVD

Länge: 106 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Call Northside 777
USA 1948
Regie: Henry Hathaway
Drehbuch: Jerome Cady & Jay Dratler, nach Artikel von James P. McGuire & Jack McPhaul
Besetzung: James Stewart, Richard Conte, Lee J. Cobb, Helen Walker, Betty Garde, Kasia Orzazewski, Joanne De Bergh, Howard Smith, Moroni Olsen, John McIntire, Paul Harvey
Zusatzmaterial: Booklet von Reiner Boller inkl. Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne Nr. 380, Originaltrailer, deutscher Vorspann der ARD-Synchronfassung von 1969
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2016 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © Al!ve AG / Pidax Film

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Eine Antwort zu “Kennwort 777 – Die Gerechtigkeit muss siegen

  1. amourfoufilm

    2016/09/16 at 10:47

    schon lange auf der Liste..danke für die Erinnerung 😊

     

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