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Alfred Hitchcock (II): Der Mieter – Früher Geniestreich des Suspense-Großmeisters

17 Sep

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The Lodger – A Story of the London Fog

Von Bianca Mewes

Thriller // Mit „Der Mieter“ legt der gerade mal 27-jährige Alfred Hitcock 1927 seinen dritten Spielfilm vor, der sogleich als einer der besten englischen Filme seiner Zeit gefeiert wird. In diesem packenden Stummfilm-Thriller sind bereits viele Merkmale zu erkennen, die Hitchcock später zu einem der brillantesten Regisseure werden lassen und ihm den Beinamen „Master of Suspense“ einbringen werden. Hitchcock selbst bezeichnet „Der Mieter“ als ersten „richtigen“ Hitchcock.

Jack The Ripper is in Town

Die Geschichte von „The Lodger“, so der Originaltitel, ist eindeutig von den Morden des Jack the Ripper inspiriert, der im London um 1889 sein Unwesen trieb, fünf Prostituierte ermordete, zum Teil ausweidete und nie von Scotland Yard gefasst wurde.

So geht auch in „Der Mieter“ ein Frauenmörder in London um, der zu Beginn des Films gerade sein siebtes Opfer ermordet hat, eine blonde junge Frau. Just zu diesem Zeitpunkt quartiert sich ein düsterer Reisender in der Pension der Familie Bunting ein, der des Nachts stets verschwindet und erst in den frühen Morgenstunden zurückkehrt. Als in der Nähe des Hauses ein weiterer Mord geschieht, kommt der Hausdame ein finsterer Verdacht.

Alfred Hitchcock schreibt das Drehbuch nach der gleichnamigen Vorlage von Marie Belloc-Lowndes. Der Roman ist zu dieser Zeit sehr populär, bereits einige Male verfilmt worden. Er dient später als Vorlage für ein Radiohörspiel mit Peter Lorre als „The Lodger“.

Hitchcock erkennt die Möglichkeiten des Romans sofort und setzt ihn werkgetreu um. Allerdings muss er sich, was das Finale betrifft, zum ersten – aber nicht einzigen – Mal den Vorgaben eines Produktionsstudios beugen: Man will vermeiden, dass der Hauptdarsteller und damalige englische Frauenschwarm Ivor Novello als Mörder um die Ecke kommt. So wurde das Ende „geglättet“ (wie auch später im Klassiker „Verdacht“, in dem Cary Grant lange als mörderischer Ehemann unter selbigem steht).

Hitchcocks Motive

Wunderbar zu erkennen sind in diesem Frühwerk bereits viele Motive, die später Markenzeichen der Hitchcockschen Dramaturgie und Bildgestaltung werden sollen: Zum einen ist da der unschuldig Verfolgte, der unter Verdacht steht und zusehen muss, wie er sich aus dieser misslichen Lage befreit – so wie in „Der Fremde im Zug“, „Der falsche Mann“, „Frenzy“ und „Ich beichte“. Parallel dazu der Polizist/Detektiv/Recherchierende, der nicht nur aus beruflichen Gründen agiert, sondern vor allem aus persönlichen, wie später in „Im Schatten des Zweifels“ und in „Bei Anruf Mord“. Dann gibt es bereits in „Der Mieter“ die komödiantische Brillanz, die Hitchcock allzu oft in die Beziehungsebene schiebt: kleine Neckereien unter Liebenden, mit einem Hauch Ironie und Sarkasmus gewürzt. Nicht zu vergessen die Blondine(n), die zum ersten Mal Opfer von Gewalt werden und/oder zum Sinnbild der Begierde.

Und natürlich Hitchcocks Cameo-Auftritt zu Beginn des Films, der später eines seiner berühmtesten Merkmale werden sollte.

Hinzu kommen all die wunderbaren Bildelemente, die bis heute stilprägend sind, wie zum Beispiel die gläserne Decke, über die der vermeintliche Mörder läuft, um die Unruhe des Mannes visuell zu verdeutlichen. Oder aber die Treppe, die die bodenständige Familie vom mutmaßlichen Mörder trennt, der im ersten Stock wohnt. Selbst die Handschellen bekommen eine doppelte Bedeutung, da sie zunächst als Spielzeug der Liebenden eingesetzt werden und doch Symbol der Niederlage des Täters werden.

1932 wird, wieder mit Ivor Novello, ein Remake gedreht. Hitchcock, der angefragt wird, lehnt die Regie jedoch ab.

Deutscher Expressionismus

Hitchcocks Stil in „The Lodger“ ist eindeutig vom deutschen Expressionismus beeinflusst, der zu Beginn der 20er-Jahre mit „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“, „Das Kabinett des Doktor Caligari“ und „Der müde Tod“ stilprägend ist. Er lernt den deutschen Film während des Drehs seiner ersten beiden Filme kennen („Irrgarten der Leidenschaft“ und „Der Bergadler“), die deutsch-englische Koproduktionen waren, und übernimmt in der Umsetzung seines ersten Thrillers viele Elemente, etwa verzerrte Bilder, Gesichter und Personen im Halbschatten, symbolhafte Gegenstände, bewusst übertrieben ausgeführte Gestik und Mimik, kontrastreiche Beleuchtung, und parallel stattfindende Handlungsstränge, um die düstere Atmosphäre des Films zu unterstreichen. Allerdings setzt Hitchcock Bildtafeln und Zwischentitel außergewöhnlich reduziert ein, löst sich damit vom Expressionismus etwas ab. Er setzt auf das Einblenden von Zeitungsartikeln, um die Handlung, oder aber Leuchttafeln an Gebäuden, um den Ort des Geschehens zu etablieren.

Obwohl „The Lodger“ im kommenden Jahr seinen 90. Geburtstag feiert, ist er noch immer sehenswert und fesselnd. Hitchcock erzählt die Geschichte um den Frauenmörder rasant und mit seinen rund 70 Minuten Laufzeit erfreulich stringent und pointiert. Er setzt – wie später auch – falsche Fährten und etabliert erstmals den „Suspense“, sein berühmtestes Spannungselement, mit dem er die Erwartungen der Zuschauer anheizt, sie aber schließlich aus ganz unerwarteter Richtung erfüllt. Für Filmliebhaber und Hitchcock-Fans ist der Film ein absolutes Muss. Für andere aber ebenso, denn die dramaturgische Erzählweise ist vergleichbar mit modernen Thrillern.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Alfred Hitchcock sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 31. Juli 2015 als Blu-ray und DVD (im Kombipack mit „Leichtlebig“), 4. Juni 2003 als Teil der 6-DVD-Box „Alfred Hitchcock – The Early Years“

Länge: keine Angabe (Blu-ray), 71 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: The Lodger – A Story of the London Fog
Alternativtitel: The Case of Jonathan Drew / Der Schrecken von London
GB 1927
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Eliot Stannard, nach einem Roman von Marie Belloc Lowndes
Besetzung: June, Ivor Novello, Marie Ault, Malcolm Keen, Arthur Chesney
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Indigo (Kombipack), Concorde Home Entertainment (6-DVD-Set)

Copyright 2016 by Bianca Mewes
Packshots: © Indigo (Kombipack), Concorde Home Entertainment (6-DVD-Set)

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Eine Antwort zu “Alfred Hitchcock (II): Der Mieter – Früher Geniestreich des Suspense-Großmeisters

  1. Morgen Luft

    2016/09/17 at 07:56

    Peter Lorre als „The Lodger“ Groß! https://www.youtube.com/watch?v=wuluORLtUO0

     

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