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Geheimnisse in goldenen Nylons – Warum so hektisch?

17 Sep

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Geheimnisse in goldenen Nylons

Von Ansgar Skulme

Agenten-Abenteuer // Der professionelle Taschendieb Charles (Georges Géret), der unter dem Künstlernamen Carlos firmiert, beobachtet zufällig den Diebstahl eines Aktenkoffers und entschließt sich kurzerhand, die Diebe zu bestehlen – und das in dreistester, spontaner Weise, direkt vor dem Fluchtauto seiner Opfer. Als er das Objekt der Begierde bald darauf in Sicherheit öffnet, staunen er und sein Freund Adelgate (Jean Tissier) nicht schlecht über den Inhalt. Die Carlos in die Hände gefallenen Dokumente interessieren sowohl CIA als auch KGB und urplötzlich befindet sich der kleine Gauner zwischen den Fronten. Der Sowjet Bardieff (Werner Peters) macht sich gemeinsam mit einem eiskalten Killer (Horst Frank) auf die Jagd, während die Amerikaner den smarten Womanizer Stephen Daine (Peter Lawford) schicken. Ein Katz-und-Maus-Spiel von Berlin über Paris nach Wien beginnt.

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Sie wittern den Braten – die Beute ist heiß!

„Geheimnisse in goldenen Nylons“ hat im Großen und Ganzen alles, was ein toller Agentenfilm braucht: einen mysteriösen Aktenkoffer als MacGuffin, risikofreudige Helden, schöne Frauen, fiese Schurken, Verfolgungsjagden, wortgewandte Flirts, Schießereien, eine internationale Besetzung mit vielen Stars und bekannten Gesichtern sowie oben drauf Metropolen als Schauplätze – dazu als Vorlage einen Roman („Dead Run“ von Robert Sheckley), ein arriviertes Produzententeam um Artur Brauner und einen erfahrenen Regisseur in der Verantwortung, der sogar selbst das Drehbuch verfasste.

Geschüttelt, nicht gerührt

Um eines gleich vorweg zu nehmen: Zu viele Klischees kann es in einem Agentenfilm der 60er-Jahre gar nicht geben, denn Klischees waren gerade zum damaligen Zeitpunkt fest verankerter Teil dieses Genres, das sowieso von Übertreibungen lebt. Dies gilt ganz besonders für die vielen von James Bond inspirierten europäischen Produktionen, zu denen auch der vorliegende Film gehört. Daran scheitert dieser Film also auch nicht. Es wäre obendrein zu viel gesagt, dass der Film enttäuscht, allerdings verheizt er sein Potenzial in fast schon beispielloser Art und Weise. Frauenrollen kommen recht gut weg: Ira von Fürstenberg ist witzig und voller Selbstironie als Daines Angebetete und die bildhübsche Maria Grazia Buccella macht neben Georges Géret nicht nur eine gute Figur, sondern gefällt vor allem durch ihre eher unaufdringliche Darstellung, die sie sich konsequent bewahrte, egal ob man sie nun gerade in den titelgebenden goldenen Nylons sieht oder etwas dezenter bekleidet. Eva Pflugs Job als Geheimagentin war hingegen resoluter – sie durfte nicht auf Männerfang gehen, überzeugte aber gleichsam. Soweit die Damen. Wolfgang Kieling allerdings hat beispielsweise nur eine einzige Szene, der „Dr.Mabuse“ der 60er-Jahre Wolfgang Preiss ist auch nicht viel länger zu sehen, dafür folgt das Werk im Mittelteil relativ lange nur dem Taschendieb und scheint die anderen Darsteller phasenweise beinahe zu vergessen, statt die Besetzung bestmöglich zu nutzen. Zudem wirken viele Szenen sehr überhastet. Der Schnitt und die Kameraarbeit sind gar nicht das Problem, sogar durchaus modern für die damalige Zeit, aber man merkt dem Film durchweg an, dass man versuchte, zu viele Stars und die großen Namen mehrerer Schauplätze in weniger als 90 Minuten unterzubringen, obwohl der Fokus der Erzählung eigentlich auf dem eher unbekannten Georges Géret als Carlos liegt. Der Film bricht mit dem Credo „Qualität statt Quantität“ auf ganzer Linie – Hauptsache viel! Man versäumte es, die Wahrzeichen der großen Städte in die Handlung einzubauen, wie es ein guter James-Bond-Film gemacht hätte, und zu guten Figuren in einem Agentenfilm gehört auch der eine oder andere gute Abgang bzw. Tod – dahingehend bleibt hier aber jegliche Besonderheit aus. Selbst wirklich wichtige Figuren sterben so unspektakulär als seien sie Statisten, in einfallslosen Allerweltsbildern ohne jeglichen Wiedererkennungswert. Bei einem guten Bond-Film erinnert man sich noch nach langer Zeit an den Tod so mancher Figur – wie oft wurde von Goldfingers Abgang durch das Flugzeugfenster geschrieben! Dass Wolfgang Preiss und Horst Frank dann auch noch mit den Stimmen von Martin Hirthe und Klaus Kindler zu hören sind, macht die Verwirrung komplett. Alle vorhandenen Zutaten des Films hätten ein perfektes Menü ergeben können, doch stattdessen wurden sie kräftig geschüttelt bis kein Stein mehr auf dem anderen stand. Rühren wäre in dem Fall wohl besser gewesen.

Null-Null-Lawford: Ein Quantum Trost

Mittendrin Peter Lawford als eigentlicher Hauptdarsteller – mochte der französische Regisseur den französischen Taschendieb noch so sehr in den Vordergrund inszenieren. Dieser Lawford überrascht! Er musste eine unglaublich stereotype Heldenfigur darstellen, die mit der deutschen Stimme des Vielsprechers Arnold Marquis nicht gerade individueller wird, und spielt sie erstaunlich einsatzfreudig – keine Spur von einem Star aus Hollywood, der wirkt, als hätte er diesen Film nur für das Geld und die Möglichkeit, mal wieder eine Hauptrolle in einem Kinofilm zu spielen, gemacht. Bei der hektischen Inszenierung eine durchaus bemerkenswerte Leistung. Hut ab! Als Mitglied des sogenannten „Rat Packs“ hatte der auch im Privatleben sehr flirtfreudige Lawford zwar Rollen in Filmen wie „Ocean’s Eleven“ aka „Frankie und seine Spießgesellen“ (1960) ergattert und es in Las Vegas nicht nur auf der Bühne bunt getrieben, dafür jedoch den Preis gezahlt, dass er gemeinsam mit Joey Bishop im Schatten der anderen Mitglieder des Rat Packs stand – Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis Jr. Dadurch spielte Lawford im Hollywood-Kino Ende der 50er / Anfang der 60er nur noch Nebenrollen und wirkte manchmal gelangweilt, obwohl er zehn Jahre zuvor durchaus noch einige Hauptrollen innegehabt hatte, wenn auch oft im Schatten eines bekannteren weiblichen Stars. Seine an erster Stelle des Vorspanns genannten Rollen waren seit jeher rar gesät und in „Geheimnisse in goldenen Nylons“ bot sich ihm eine gute Chance, sich als der große Star aus Hollywood zu geben. Diese nutzte der gebürtige Londoner prächtig. Sogar die zeitgenössische Kritik erwähnte ihn positiv und stellte ihn als eine Art Lichtblick heraus, während der Film ansonsten weitgehend verrissen wurde.

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Mitleid zählt nicht zu den Stärken des blonden Totmachers

Große Spielfreude merkt man allerdings auch Werner Peters an, einem Schauspieler, der selbst in eher unglücklichen Inszenierungen immer positiv dadurch auffällt, wie ernst er seine Rollen nahm, mochten sie noch so stereotyp sein, und sich, wenn angebracht, immer wieder lustige Feinheiten einfallen ließ, die inmitten allen Durcheinanders trotzdem bestehen. Als er nach der von ihm veranlassten Ermordung einer Figur spontan seinen Hut absetzt und für einen kurzen Moment eine sarkastisch-demütige Trauerpose einnimmt, gewinnt der Film für genau diesen kurzen Moment an Charisma, wenn nicht sogar Größe. Solche Details machen den Spaß bei einem Agentenstreifen letztlich aus. Und genau das ist eben auch der Unterschied zwischen der Darstellung eines Werner Peters und der Darstellung des ihm zur Seite gestellten Horst Frank, der den eiskalten Killer natürlich gut kann, ihn aber spielt als hätte man den Autopilot eingeschaltet und für mehrere Filme einfach durchlaufen lassen. Selbstverständlich ist die von Frank verkörperte Figur insofern teilnahmslos, dass sie kein Mitleid empfindet, trotzdem wirkt die Darstellung in einer Weise teilnahmslos, die damit nicht gleichzusetzen ist.

Bitte mehr Eurospy-Filme!

Dadurch, dass der Film viel zu hektisch in Szene gesetzt wurde, kann man ihm zumindest nicht absprechen, einigermaßen kurzweilig zu sein. Langeweile kommt nicht wirklich auf und um den Film im eigentlichen Wortsinn schlecht zu finden, ist er außerdem einfach zu gut besetzt. Das Nebeneinander von Schauspielern aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Österreich gibt ihm als Koproduktion auch eine angenehm bunte Note. Pidax hat hier eine wirklich recht seltene Produktion ausgegraben, die man als Fan des 60er-Genrekinos durchaus einmal gesehen haben sollte – und dafür braucht es diese DVD! Das Bonusmaterial lässt sich relativ spärlich an, allerdings gilt es, das als PDF auf der Disc enthaltene Booklet nicht zu übersehen, welches der Ausgabe des Internationalen Film-Kuriers entspricht, die dem Film bei Kinostart gewidmet wurde. Das PDF findet sich, wenn man die DVD in den Computer einlegt und die Ordner-Ansicht öffnet.

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Verstecken oder getötet werden

Etwas schade ist, dass die Veröffentlichung nur die deutsche Sprachfassung enthält. Zwar ist der Film letztlich eine deutsche Produktion mit einem deutschen Originaltitel, er wurde aber nicht auf Deutsch gedreht, sondern offenbar mehrsprachig – ähnlich den „Winnetou“-Filmen. Eine Fassung mit dem „Live-Ton“ vom Set dürfte somit leider nicht existieren. Es ist allerdings anzunehmen, dass sich in der englischsprachigen und der französischen Fassung einige Darsteller selbst synchronisiert haben, was in der deutschen Version zumindest für Eva Pflug, Werner Peters, Wolfgang Kieling und Siegfried Wischnewski gilt. Interessant wäre auch zu wissen, ob nur in der deutschen Version dieselbe Titelmelodie erklingt, die auch schon in „Die Todesstrahlen des Dr. Mabuse“ (1964) – ebenfalls eine Artur-Brauner-Produktion – verwendet wurde. Der Film wäre nicht das erste Beispiel dafür, dass in verschiedenen Sprachfassungen unterschiedliche Musik zu hören ist – und seien es nur verschiedene Titelmelodien. Zu hoffen bleibt, dass in Zukunft noch viele weitere sogenannte „Eurospy“-Filme in Deutschland auf DVD erscheinen, da dieses Genre der europäischen Bond-Kopien bisher leider nur äußerst spärlich ausgewertet wurde. Noch nicht einmal die Jack-Clifton-Filme gibt es hierzulande als DVDs und von den Agent-3S3-Filmen bisher keine remasterte Version. Von vielen weiteren auf sich allein gestellten Filmen ohne Fortsetzung ganz zu schweigen, unter denen sich der eine oder andere durchaus gelungene, unterhaltsame Streifen befindet. Zuweilen finden sich in diesen oft international besetzten Produktionen auch Stars aus Hollywood – wie etwa in „Der Chef schickt seinen besten Mann“, den Sergio Sollima mit Stewart Granger, dem Original-Bond-Girl Daniela Bianchi („Liebesgrüße aus Moskau“) und Peter van Eyck inszenierte. Vor allem aber sind diese Filme voll von charismatischen Charakterdarstellern aus aller Herren Länder und präsentieren einige schöne Schauplätze bis hin zu wirklich exotischen Handlungsorten.

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Der Chef schickt seine beste Frau

Veröffentlichung: 9. September 2016 als DVD

Länge: 85 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
BRD/F/IT/USA 1967
Regie: Christian-Jaque
Drehbuch: Christian-Jaque, Michel Lévine, nach einem Roman von Robert Sheckley
Besetzung: Peter Lawford, Ira von Fürstenberg, Georges Géret, Maria Grazia Buccella, Horst Frank, Werner Peters, Wolfgang Preiss, Siegfried Wischnewski, Jean Tissier, Wolfgang Kieling
Zusatzmaterial: Illustrierter Film-Kurier (Nr. 203) als PDF, Bildergalerie
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2016 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © Al!ve AG / Pidax Film

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Eine Antwort zu “Geheimnisse in goldenen Nylons – Warum so hektisch?

  1. amourfoufilm

    2016/09/18 at 12:21

    hör das erste mal von dem Film..aber klingt nicht schlecht 👍

     

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