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Alfred Hitchcock (III): Der zerrissene Vorhang – War es in der DDR wirklich so?

19 Sep

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Torn Curtain

Von Volker Schönenberger

Obacht – der folgende Text enthält Spoiler!

Spionage-Thriller // Wem hat sich der Kampf im Bauernhaus nicht nachhaltig ins Gedächtnis gebrannt? Die Art und Weise, wie Michael Armstrong (Paul Newman) seinen Bewacher Gromek (Wolfgang Kieling) ausschaltet, der ihn durchschaut hat und der Volkspolizei übergeben will, gehört zu den intensivsten Momenten von „Der zerrissene Vorhang“. Weil draußen Armstrongs Taxifahrer wartet, darf kein Schuss fallen. Gromek kriegt von der Bäuerin/Widerstandskämpferin einen Messerstich in den Hals, doch der schaltet ihn nicht aus. Erst Hiebe gegen die Knie mit dem Spaten bringen ihn zu Boden, dort schleppt Armstrong ihn mühsam zum Gasofen, in den er Gromeks Kopf befördert und dem Stasi-Agenten so den Rest gibt. Ganz ohne Score unterlegt – eine schweißtreibende Armlehnenkraller-Szene.

Der Film startet auf der in Richtung Kopenhagen fahrenden „MS Meteor“, die einen Haufen Wissenschaftler zu einem Kongress bringen soll. Da die Heizung ausgefallen ist, frieren die Passagiere vor sich hin. Der US-Kernphysiker Professor Michael Armstrong hingegen macht es sich mit seiner Assistentin und Verlobten Sarah Sherman (Julie Andrews) in der Kabine kuschelig.

Paul Newman als Überläufer

Bald darauf ist die Schmusestunde des Pärchens vorbei: Die bis ins Mark erschütterte Sarah muss mit ansehen, wie ihr Liebster von Kopenhagen nach Ost-Berlin fliegt und sich und sein Fachwissen der DDR ausliefert. Mit dem renommierten Forscher Professor Gustav Lindt (Ludwig Donath) will er an der Karl-Marx-Universität von Leipzig am Projekt der ultimativen nuklearen Verteidigungswaffe gegen Atomraketen arbeiten. Heimlich ist Sarah Professor Armstrong nach Ost-Berlin gefolgt. Trotz ihrer enormen Verwirrung entschließt sie sich, ihren Verlobten auch in Leipzig als seine Assistentin zu unterstützen.

Deutsche in Nebenrollen

Für viele Bundesdeutsche – für mich gilt das ganz sicher – war „Der zerrissene Vorhang“ immer ein außergewöhnlicher Film. Das lag zum einen an den mit bekannten deutschen Schauspielern besetzten Nebenrollen: der erwähnte Wolfgang Kieling („Der Anwalt“), Günter Strack („Ein Fall für zwei“, „Diese Drombuschs“) als ostdeutscher Wissenschaftler sowie Hansjörg Felmy („Tatort“) als Chef des Staatssicherheitsdienstes. Drei Deutsche bei Hitchcock – das war doch was.

Zum anderen vermittelte „Der zerrissene Vorhang“ ein Bild der DDR als finsterer Staat des Bösen, das sich viele Bundesbürger – zum Teil natürlich nicht zu Unrecht – gern zu eigen machten. Damals galt der Eiserne Vorhang inklusive der deutsch-deutschen Grenze als undurchdringlich. Hitchcock ließ ihn etwas reißen, wie schon der Titel offenbarte.

Armstrong wird entlarvt

Nach Gromeks Verschwinden zieht sich die Schlinge um Armstrong zu. Die Zuschauer wissen seit der Bauernhof-Szene, dass der US-Forscher keineswegs ein Überläufer ist, sondern die Scharade inszeniert hat, um Professor Lindt wichtige Forschungsergebnisse zu entlocken. Sarah hingegen bleibt lange unwissend, bis sich Armstrong irgendwann gezwungen sieht, ihr die ganze Wahrheit zu offenbaren – eine Szene, in der Regisseur Alfred Hitchcock seine romantische Ader walten ließ.

Flucht im Fake-Linienbus

Mit Charme und ein paar Tricks gelingt es dem US-Wissenschaftler doch, in den Kopf von Lindt vorzudringen und sich bedeutsame Formeln zu notieren. Von jetzt auf gleich zum Erfolg – das ist nicht unbedingt elegant erdacht, was Glaubwürdigkeit angeht. Ein kleiner Makel, der von der folgenden, quälend langen Flucht des US-Paars aber mehr als überdeckt wird. Ihr Spannungsbogen funktioniert auch bei wiederholten Sichtungen ganz vorzüglich. Die Szene im Bus der Widerstandskämpfer mit all den Insassen, die viel riskieren, um den Fremden die Flucht zu ermöglichen; die misstrauische Blondine, die die Spannungen im Fahrgastraum steigert; die Straßensperre; der langsam aufholende reguläre Bus; der Überfall durch die Deserteure, der weiter Zeit kostet und dem Bus eine unerwünschte Militär-Eskorte einbringt; die ahnungslose alte Dame, die der Bus deshalb aufnehmen muss: Was wird denn hier gespielt? Das ist in Rückprojektion gedrehte, virtuos inszenierte Hochspannung. Auch die folgende Szene im Theater, bei der die spröde Ballerina (Tamara Toumanova) Armstrong erkennt, ist an Intensität kaum zu überbieten. Eine Flammenkulisse bringt den Flüchtling auf die Idee, einen Tumult auszulösen: Feuer!

„Der zerrissene Vorhang“ hat nie zu den anerkannten Großtaten Alfred Hitchcocks aufgeschlossen, was den Klassikerstatus angeht. In den 60er-Jahren war Spionage nicht zuletzt dank James Bond ein beliebtes Thema, der Film war dann auch ein Kassenerfolg, aber kein Kritikerliebling. Hitchcock stand kein großes Budget zur Verfügung, das sieht man. Einige Kostüme und Kulissen wirken billig und wenig authentisch, der politische Aspekt ist etwas plump.

Mich haben die Kritikpunkte nie gestört. Es mag meiner Filmgucker-Biografie geschuldet sein – solche Filme habe ich in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren nur selten im Fernsehen zu sehen bekommen, deshalb war mir „Der zerrissene Vorhang“ immer lieb und teuer. An seiner Spannung ist jedenfalls nichts auszusetzen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Alfred Hitchcock sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 5. September 2013 als Blu-ray, 5. Juni 2008 als 3-fach-DVD (mit „Frenzy“ & „Saboteure“) 9. November 2006 als DVD

Länge: 128 Min. (Blu-ray), 122 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Torn Curtain
USA 1966
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Brian Moore
Besetzung: Paul Newman, Julie Andrews, Wolfgang Kieling, Hansjörg Felmy, Günter Strack, Lila Kedrova, Tamara Toumanova, Ludwig Donath, David Opatoshu, Mort Mills
Zusatzmaterial: Featurette „Torn Curtain – Der zerrissene Vorhang hebt sich“ (32 Min.), Filmmusik zum ersten Kapitel von Bernard Herrmann (15 Min.), Produktionsfotos, Original-Kinotrailer, Wendecover
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Packshots: © 2006/2013 Universal Pictures Germany GmbH

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