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Snowden – Der großer Bruder sieht alles

21 Sep

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Snowden

Kinostart: 22. September 2016

Von Andreas Eckenfels

Politthriller // Im Juni 2013 geisterte plötzlich ein Name durch die weltweite Medienlandschaft: Edward Snowden. Der 1983 geborene US-Geheimdienstmitarbeiter brachte eine unfassbare Enthüllung ans Licht: Seit Jahren überwachen die USA unter dem Deckmantel des Anti-Terrorkampfes die globale Telekommunikation und das Internet. Dabei belauscht die dafür zuständige NSA nicht nur mutmaßliche Terroristen, sondern auch ihre eigenen Bürger ebenso wie ausländische Regierungen, die der USA an sich in Freundschaft verbunden sind.

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Der schüchterne Computernerd Edward Snowden …

Die US-Regierung erklärte den Whistleblower Snowden daraufhin zum Staatsfeind Nummer 1. Der Geheimnisverräter flüchtete ins Exil nach Moskau, wo er noch heute weilt. Doch für einen Großteil der Weltbevölkerung ist Snowden ein moderner Held und Idealist, der zum Wohle aller ein großes privates Opfer eingegangen ist und damit die Debatte um Privatsphäre und Datenmissbrauch ins Licht der Öffentlichkeit gerückt hat.

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… lernt die extrovertierte Lindsay Mills kennen

Für die Verfilmung von Snowdens Lebensgeschichte konnte man sich keinen passenderen Regisseur als Oliver Stone („JFK – Tatort Dallas“) wünschen. Als Vorlage für sein Drehbuch nutzte er das Sachbuch „The Snowden Files“ von Luke Harding und den Roman „Time of the Octopus“ von Anatoli Kutscherena, Snowdens russischem Anwalt. Über Kutscherena nahm der für seine akribischen Recherchen bekannte Stone auch Kontakt zu Snowden auf: Mehrere Male traf der Regisseur den Whistleblower in Moskau.

Das Weltbild eines Patrioten wird zerstört

Was wäre wohl geschehen, wenn der US-Soldat Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) 2004 nicht bei einem Morgenappell vom Hochbett gesprungen und dabei so unglücklich aufgekommen wäre, dass er sich beide Beine brach und seine Militärkarriere damit vorzeitig an den Nagel hängen musste? Es bleibt eine hypothetische Frage. Der Patriot will dennoch seinem Land dienen. Er bewirbt sich beim CIA, wo sein späterer Ausbilder Corbin O’Brian (Rhys Ifans) Snowdens außergewöhnliches Talent für das Programmieren und die Kryptografie schnell erkennt. Von da aus beginnt sein Aufstieg in die Untiefen der Geheimdiensttechniken, deren Missbrauch letztendlich sein komplettes Weltbild zerstören soll. Aus diesem Grund fällt er ohne das Wissen seiner Freundin Lindsay Mills (Shailene Woodley) eine folgenschwere Entscheidung.

Die von der Dokumentarfilmerin Laura Poitras (Melissa Leo) aufgezeichneten Interviews, welche Snowden mit den Journalisten Glenn Greenwald (Zachary Quinto) und Ewen MacAskill (Tom Wilkinson) im Mira-Hotel in Hongkong unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen führte, bieten die Rahmenhandlung und unterbrechen auch immer wieder die ansonsten chronologisch erzählte Biografie.

Überwachung bis ins Schlafzimmer

Die Interviews lieferten bereits die Grundlage für die höchst, gelungene Oscar-prämierte Doku „Citizenfour“. Wer diese gesehen hat, kann sich „Snowden“ eigentlich sparen. Die Fiktionalisierung des Stoffes kann nicht die Kraft der echten Bilder übertrumpfen. Zudem hat „Snowden“ für Zuschauer, die mit seiner Lebensgeschichte vertraut sind, kaum Überraschungen zu bieten. Das Biopic klappert die einzelnen Stationen nach und nach chronologisch ab. Wie man das besser machen kann, hat zuletzt Danny Boyle mit „Steve Jobs“ gezeigt.

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Corbin O’Brian erkennt Snowdens großes Talent und stellt ihn beim CIA ein

Auch visuell fällt Stone nicht viel ein: Der Einsatz von Aufnahmen aus Überwachungskameras oder anderen Linsen sollen die ständige Beobachtung und Bedrohung Snowdens suggerieren. Dies gipfelt in einer recht plakativen Szene, in der Snowden und Mills Sex haben und er plötzlich innehält: Sein Blick wandert zu dem ausgeschalteten Notebook, welches aufgeklappt auf dem Schreibtisch steht – die Kamera fährt auf die Webcam. Beobachtet gerade jemand die private Zweisamkeit?

Weiter bemüht Stone immer wieder das Bild des kleinen Mannes, der gegen das große System kämpft: Bei einem Videoanruf wird das Bild von Corbin O’Brian vor Snowden übergroß auf eine Wand projiziert. Ja, der große Verschwörungstheoretiker Stone nutzt das Bild von „Big Brother is watching you“ etwas zu häufig.

Blasser Held, starker Darsteller

Nicht falsch verstehen: Stone liefert einen phasenweise spannenden Politthriller ab, der inhaltlich eng am Puls der Zeit pocht und wichtige Fragen aufwirft. Auch als reines Porträt eines Patrioten und Idealisten bietet „Snowden“ gutes Unterhaltungskino. Aber ein großes Problem ist nun mal, dass Snowden ein sehr glatter und schüchterner Held ohne große Ecken und Kanten ist, der im Vergleich zu einem Exzentriker wie etwa Mark Zuckerberg einfach blass rüberkommt – siehe „The Social Network“.

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In einem kleinen Hotelzimmer in Hongkong filmt Laura Poitras Snowdens Enthüllungen

Ganz und gar nicht blass kommen dagegen die beiden Hauptdarsteller daher. Wie schon in dem völlig zu Unrecht an den Kinokassen untergegangenen „The Walk“ verkörpert Joseph Gordon-Levitt mit voller Hingabe erneut eine real existierende Person. Selbst Snowdens Stimme imitiert er genau. Es ist aber auch Shailene Woodleys („Die Bestimmung – Allegiant“) Darstellung der treuen und linksliberalen Mills zu verdanken, dass Snowdens schrittweise Abkehr seiner konservativen Werte und unkritischen Sichtweise auf die US-Regierung überzeugend wirkt.

Eine Überraschung im Ärmel

Oliver Stone hätte man in der Inszenierung dieses hochbrisanten und aktuellen Themas etwas mehr Mut gewünscht. Immerhin holt er gegen Filmende dann doch noch eine Überraschung aus dem Ärmel, die hier aber nicht verraten werden soll.

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Snowden will wichtige Dokumente aus dem hochgesicherten NSA-Gebäude schmuggeln

Und wer weiß – Snowden ist noch jung. Er ist schon jetzt einer der wichtigsten Menschen des 21. Jahrhunderts. Sicher kommt in ein paar Jahren „Snowden 2.0“ mit neuen Enthüllungen aus seinem Leben in die Kinos. Hoffen wir, dass der Whistleblower bis dahin endlich wieder in Freiheit leben darf und sich nicht mehr im Exil verstecken muss. Wer sich jenseits vom bewegten Bild etwas ins Thema einlesen will, dem sei Glenn Greenwalds Buch „Die globale Überwachung – Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen“ ans Herz gelegt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Nicolas Cage sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 135 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: Snowden
USA/D 2016
Regie: Oliver Stone
Drehbuch: Kieran Fitzgerald, Oliver Stone
Besetzung: Joseph Gordon-Levitt, Shailene Woodley, Scott Eastwood, Nicolas Cage, Melissa Leo, Zachary Quinto, Tom Wilkinson, Rhys Ifans, Joely Richardson
Verleih: Universum Film

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2016 Universum Film

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