RSS

Die glorreichen Sieben – Was für ein Remake eines Remakes!

23 Sep

die_glorreichen_sieben-remake-plakat

The Magnificent Seven

Kinostart: 22. September 2016

Von Volker Schönenberger

Western // Spätestens seit „Shooter“ 2007 mag ich Antoine Fuqua sehr, und als auch dem Western zugeneigter Blogger freue ich mich immer über neue Genreproduktionen. Aber dass Fuqua ein Remake eines der großen klassischen Western inszeniert – gewagt! Mit welcher Bravour er das allerdings meistert – Hut ab!

die_glorreichen_sieben-remake-12

Emma Cullen braucht Hilfe

Im Jahr 1879 werden die Farmer und Einwohner des kleinen Orts Rose Creek vom verbrecherischen Geschäftsmann Bartholomew Bogue (Peter Sarsgaard) und dessen „hired guns“ drangsaliert: Bogue betreibt in der Nähe eine Goldmine und will expandieren, bietet den Siedlern einen lächerlich geringen Betrag für ihr Land. In drei Wochen will er aus Sacramento wiederkommen. Seinem Angebot hat er vor seinem Abgang auf tödliche Weise Nachdruck verliehen.

die_glorreichen_sieben-remake-02

Besonnen, aber todesmutig: Sam Chisolm …

Die junge Emma Cullen (Haley Bennett) und ihr Begleiter Teddy Q (Luke Grimes) machen sich auf, Hilfe zu holen und mit schmalem Geldbeutel Kämpfer anzuheuern – Männer, die zu allem bereit sind. Die beiden haben das Glück, schnell auf Sam Chisolm (Denzel Washington) zu treffen, einen Kopfgeldjäger in staatlichem Auftrag. Emmas und Teddy Qs Angebot ist zwar alles andere als üppig, aber dass es alles ist, was sie haben, beeindruckt den Revolverschwinger. Er sagt zu und sucht sich auf dem Weg eine Schar weiterer Recken zusammen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

die_glorreichen_sieben-remake-03

… hat einen leichten Schlaf

Mittlerweile sind mir Kinofilme mit mehr als zwei Stunden Länge oft suspekt. Immer muss es episch sein! Das geht oft zu Lasten von Story und Spannungsbogen. Im Falle von „Die glorreichen Sieben“ allerdings stellt sich zu keiner Minute Langeweile ein. Allein der Filmtitel bedingt ja, dass wir uns mit sieben Helden vertraut machen, um mit ihnen bangen zu können, das braucht seine Zeit. Schauen wir sie uns an – Chisolm kennen wir bereits: Da ist Josh Faraday (Chris Pratt), ein Schnacker und Zocker, der selbst im allerletzten Moment, wenn gar nichts mehr geht, noch ein Ass aus dem Ärmel zaubern kann. Ihn gewinnt Chisolm als ersten Mitstreiter, indem er Faradays Pferd kauft, das der beim Glücksspiel verloren hat. Er schickt ihn los, einen weiteren abzuholen: Goodnight Robicheaux (Ethan Hawke), der im US-Bürgerkrieg als Scharfschütze für die Konföderierten die Reihen der Gegner gelichtet hat, darüber aber ein Trauma mit sich herumträgt, wie sich im Verlauf zeigen wird. Robicheaux hat einen Mitstreiter am Start: den Asiaten Billy Rocks (Lee Byung-hun), der beweist, dass es manchmal doch nicht so dumm ist, mit einem Messer zu einer Schießerei zu erscheinen.

die_glorreichen_sieben-remake-05

Der Kopfgeldjäger lässt sich für ein Himmelfahrtskommando anwerben …

Während Faraday die beiden genannten Recken rekrutiert, gewinnt Chisolm den nächsten Halsabschneider als Verbündeten: Outlaw Vasquez (Manuel Garcia-Rulfo), den Chisolm an sich auf seiner Suchliste führt. Er verspricht ihm aber zusätzlich zur klingenden Münze, dass er ihn nach Abschluss der Arbeit nicht mehr verfolgen wird. Das ist doch was! Und es überzeugt Vasquez. Da Chisolm den Filmtitel nicht kennt und daher nicht weiß, dass es glorreiche Sieben werden sollen, macht man sich auf in Richtung Rose Creek. Die Glückszahl wird eher zufällig vervollständigt: mit dem schmerbäuchigen Jack Horne (Vincent D’Onofrio), den seine Gottesfürchtigkeit nicht daran hindert, manch einen Mitmenschen ohne viel Federlesens ins Jenseits zu befördern – dem Vernehmen nach war es ihm in der Vergangenheit eine liebe Angewohnheit, Indianer zu skalpieren; last not least mit dem Komantschen Red Harvest (Martin Sensmeier), den sein Stamm verstieß. Wann immer er im Kampf einen Pfeil in seinen Bogen spannt, sind der Feinde unmittelbar darauf einer weniger.

die_glorreichen_sieben-remake-04

… und rekrutiert einige Mitstreiter …

Als die glorreichen Neun – Emma und Teddy Q nicht vergessen! – in Rose Creek eintreffen, kommt es umgehend zur ersten großen Auseinandersetzung: Von Bogue dort als Wachdienst zurückgelassene Schergen wollen das Feld nicht kampflos räumen. Das bekommt ihnen nicht gut. Allein der mit Mut nicht unbedingt üppig ausgestattete Sheriff überlebt, um Bogue die schlechte Nachricht zu überbringen. Chisolm kalkuliert messerscharf, wie viel Zeit bleibt, um die Einwohner auf Linie zu bringen und zur Kampfestauglichkeit zu trainieren, bevor Bogue mit neuen Söldnern anrückt. Glücklicherweise begeht der Regisseur nicht den Fehler, diese Grundausbildung ungeschickter Rekruten allzu klamottig auszuwalzen. Ein paar launige Übungseinheiten reichen völlig aus. In der Folge wird Rose Creek befestigt, man heckt den Verteidigungsplan aus, die dafür notwendigen Vorbereitungen werden getroffen.

die_glorreichen_sieben-remake-13

… darunter den Spieler Josh Faraday …

Western leben oft vom unvermeidlichen Showdown, und das gilt ganz sicher auch für „Die glorreichen Sieben“ – ob von Sturges oder Fuqua. Ein Trupp Schurken macht sich auf, eine vermeintlich unterlegene Schar mehr oder minder aufrechter Gestalten abzumurksen – da geht doch was. Der Body Count ist enorm, Dynamit und pfeifende Kugeln lassen den Zuschauer die Armlehnen des Kinosaals mit Schweiß durchtränken. Die Fallhöhe solcher Showdowns ist beträchtlich, aber was Antoine Fuqua da abliefert – da bleibt einem die Spucke weg und kaum Zeit zum Durchatmen.

die_glorreichen_sieben-remake-07

… den Outlaw Vasquez …

Auch schauspielerisch ist das nicht zu verachten. Peter Sarsgaards („Jarhead“) Bartholomew Bogue will man niemals über den Weg laufen, weil man immer fürchten muss, dass er einem entweder selbst eine Kugel verpasst oder einem seiner Söldner einen leichten Wink gibt, das zu erledigen. An Denzel Washington und Ethan Hawke gibt es ohnehin nie etwas auszusetzen – beide waren schon bei „Training Day“ 2001 gemeinsam unter Regisseur Fuqua tätig, Washington auch 2014 für „The Equalizer“. Auch Chris Pratt („Guardians of the Galaxy“, „Jurassic World“) und Vincent D’Onofrio („Der Richter – Recht oder Ehre“, „Criminal Intent“) fügen sich gut ein. Alle Darsteller müssen wir nicht abklappern, aber Lee Byung-hun sei noch genannt, der mit unter anderem „A Bittersweet Life“ (2005) und „I Saw the Devil“ (2010) herausragende koreanische Produktionen in seiner Vita stehen hat. Gern mehr internationale Rollen für diesen großartigen Schauspieler aus Fernost!

die_glorreichen_sieben-remake-09

… den Bürgerkriegsveteranen Goodnight Robicheaux …

Kommen wir zu den Kritikpunkten am Remake des Remakes. Ich suche ein wenig, aber es gibt welche: Dass Chisolm seinen Revolver mit dem Griff nach vorn trägt, sieht zwar cool aus, aber ohne es getestet zu haben, werde ich doch das Gefühl nicht los, dass man schneller ziehen und schießen kann, wenn der Griff nach hinten ragt. Und da Überleben vor Coolness kommt, wirkt das etwas unglaubwürdig. Auch der zweite Kritikpunkt dreht sich um Chisolm: Sein letztes Aufeinandertreffen mit Bösewicht Bogue ist arg theatralisch überzogen inszeniert. Auszuführen, wie sich die Theatralik gestaltet, würde allerdings zu sehr spoilern, also belassen wir es dabei.

die_glorreichen_sieben-remake-08

… und den geschickt mit Messern hantierenden Billy Rocks

Ihr merkt schon: Es gibt nicht viel zu kritisieren. Antoine Fuqua hat seine Western-Hausaufgaben gemacht und einen blitzsauberen und herausragenden Genrebeitrag abgeliefert. Verleiht er dem Genre neue Impulse? Eher nicht, was auch daran liegt, dass im Western letztlich alles gesagt ist. Also geht es darum, ob Fuqua das Genre damit am Leben erhält. Das gelingt ihm mit Pauken und Trompeten – und Fanfaren! Apropos Fanfaren: Ruhe in Frieden, James Horner! Der zweifach Oscar-gekrönte Komponist („Titanic“) lieferte mit dem Soundtrack zu „Die glorreichen Sieben“ seine letzte Arbeit ab. Treffliche Untermalung des heldenhaften Kampfes von Siedlern und glorreichen Sieben, wie nicht anders zu erwarten, großes Hollywood für die Ohren. Erst zum Abspann ertönen übrigens auch die weltberühmten Klänge der von Elmer Bernstein komponierten Titelmelodie des John-Sturges-Westerns.

die_glorreichen_sieben-remake-01

Ritt ins Verderben?

Um einigermaßen unvoreingenommen über die neue Version schreiben zu können, habe ich den gloriosen 1960er-Film erst wieder geschaut, nachdem ich weite Teile dieser Rezension beendet hatte. Nun kurz zum Vergleich: Manche Details und Aspekte der sieben Sturges-Recken finden sich in den neuen Helden wieder, ohne dass sie Kopien der alten Figuren sind. Einen Messerwerfer gab’s hüben wie drüben, doch Lee Byung-huns Billy Rocks ist nicht nur wegen seiner Herkunft ein ganz anderer Typus als James Coburns stoischer Britt. Im 1960er-Werk gab Robert Vaughn den Traumatisierten, Ethan Hawke legt seine Rolle heuer dennoch anders an. Einen stürmischen Jungspund, der unbedingt Revolverheld werden will wie weiland der von Horst Buchholz verkörperte Chico, sucht man 2016 vergebens. Einzig der besonnene Sam Chisolm erinnert ein wenig an den damaligen Anführer Chris Adams, aber Denzel Washington ist ein viel zu guter Schauspieler, als dass er eine Kopie von Yul Brynner abgeben würde. Und was den Schurken angeht: Den seinerzeit von Eli Wallach verkörperten Calvera kann man sowieso nicht kopieren, also versucht Peter Sarsgaard es gar nicht erst. Die Figuren unterscheiden sich ohnehin enorm, hier der eiskalte Geschäftsmann und Minenbesitzer, dort der schlitzohrige Bandit, der sich seine eigene Moral zurechtgelegt hat.

die_glorreichen_sieben-remake-14

Die glorreichen Sieben

Akira Kurosawas „Die sieben Samurai“ ist ein Meisterwerk. „Die glorreichen Sieben“ von John Sturges ist ebenfalls ein Meisterwerk. Ob „Die glorreichen Sieben“ von Antoine Fuqua als Meisterwerk anerkannt werden wird, lässt sich wohl erst sagen, wenn sich der Rauch verzogen und der Film etwas im Genre gesetzt hat. Dass die dritte Verfilmung in Zukunft auf einer Stufe mit den beiden Vorgängern stehen wird, erscheint zwar unwahrscheinlich, aber die Zeit wird es zeigen. So oder so hat Fuqua großartige Arbeit abgeliefert, zweites Remake hin oder her.

die_glorreichen_sieben-remake-06

Bald kommt es zu ersten Konfrontationen …

Kritik an Neuverfilmungen ist oft berechtigt. Aber ein toller Film bleibt ein toller Film, auch wenn der Stoff zuvor bereits für die große Leinwand umgesetzt worden ist. Und ein Klassiker bleibt ein Klassiker, auch wenn es eine Neuauflage gibt. Das nur als Hinweis, weil manch ein Filmfan offenbar fürchtet, Remakes könnten den Originalen etwas anhaben. Was für ein Unfug! In diesem Fall lautet der ganz klare Rat: Geht ins Kino und schaut euch Antoine Fuquas „Die glorreichen Sieben“ an und schiebt daheim John Sturges‘ und Akira Kurosawas Interpretationen der Story in den Player! Reihenfolge? Wie es euch beliebt.

die_glorreichen_sieben-remake-11

… und erbitterten Kämpfen

Die sieben Retter bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Die sieben Samurai (1954)
Die glorreichen Sieben (1960)
Die glorreichen Sieben (2016)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Antoine Fuqua sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Ethan Hawke, Chris Pratt und/oder Denzel Washington in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 132 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Magnificent Seven
USA 2016
Regie: Antoine Fuqua
Drehbuch: Richard Wenk, Nic Pizzolatto
Besetzung: Denzel Washington, Chris Pratt, Ethan Hawke, Vincent D’Onofrio, Lee Byung-hun, Manuel Garcia-Rulfo, Martin Sensmeier, Haley Bennett, Peter Sarsgaard, Luke Grimes, Matt Bomer, Jonathan Joss, Billy Slaughter, Vinnie Jones
Verleih: Sony Pictures Germany

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2016 Sony Pictures Germany

Advertisements
 
5 Kommentare

Verfasst von - 2016/09/23 in Film, Kino, Rezensionen

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

5 Antworten zu “Die glorreichen Sieben – Was für ein Remake eines Remakes!

  1. Kay Sokolowsky

    2016/09/30 at 20:27

    Lieber Volker, Deine Hymne auf das Remake des Remakes ZWINGT mich geradezu, diesen Film zu sehen – sehr schön, auf solche Art genötigt zu werden! – Bei der Gelegenheit ein Hinweis auf den Verriß, den die notorisch ahnungslose Verena Lueken für die „FAZ“ abgeliefert hat:
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/antoine-fuquas-remake-von-die-glorreichen-sieben-14449925.html
    So viele Fehler und schiere Blödigkeiten in so wenigen Zeilen muß ein/e Kritiker/in erst mal bringen. Chapeau, das ist Qualitätsjournalismus at its best!

     
  2. amourfoufilm

    2016/09/24 at 15:22

    Schön auch mal was positives zu lesen..

     
    • V. Beautifulmountain

      2016/09/25 at 09:39

      Hast du bislang über Fuquas Remake in erster Linie Negatives gelesen? Oder meinst du, dass wir hier zu viel Negatives veröffentlichen?

       
      • amourfoufilm

        2016/09/25 at 09:54

        Nein, dass ich bisher allgemein in allen möglichen Medien eher Negatives vernehmen konnte/musste.

         
      • V. Beautifulmountain

        2016/09/25 at 10:12

        Bei Facebook habe ich derzeit viele positive Kommentare erblickt. Auch ein paar Filmkenner aus meinem unmittelbaren Umfeld waren angetan. Vielleicht hast du zufällig zu viele Stimmen von Leuten vernommen, die Remakes grundsätzlich ablehnen.

         

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: