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Ausgezählt – Marvel im Titel, Rocky im Herzen

24 Sep

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Iron Man

Von Ansgar Skulme

Sportdrama // Coke Mason (Jeff Chandler) und „Speed“ O’Keefe (Rock Hudson) verdienen sich ihr Geld mit einem Knochenjob im Untertagebau. Nachdem Coke mehrfach mit seinem Kollegen Alex Mallick (James Arness) aneinandergeraten ist, wird eine Auseinandersetzung der beiden in einem Sportstudio kurzerhand in den Boxring verlegt. Coke nimmt Mallick ordentlich auseinander und sein geschäftstüchtiger, älterer Bruder George (Stephen McNally) erkennt schnell, dass er sich eine goldene Nase verdienen kann, wenn er Cokes Manager wird und ihm Kämpfe um große Titel ermöglicht. Das Publikum allerdings hasst Coke für seinen brutalen und rachsüchtigen Kampfstil. Er boxt stets, als würde er es seinen Gegnern heimzahlen wollen, sobald diese ihn einmal hart getroffen haben – so wie einst Alex Mallick. Doch im Ring wartet eines Tages auch sein langjähriger Freund „Speed“ O’Keefe auf ihn.

Boxer- und Kampfsportfilme sind ein bis heute sehr der Tradition verpflichtetes Filmgenre, das sich in seinen dramaturgischen Elementen und hinsichtlich der Eigenheiten der Plots seit Jahrzehnten verhältnismäßig wenig gewandelt hat. Man könnte 50 oder gar 70 Jahre alte Drehbücher heute noch verfilmen, ohne dass die Geschichten veraltet wirken würden. Oft wird die Story eines armen Kerls inszeniert, der im Kampf seine Selbstverwirklichung findet, damit erfolgreich wird, gleichzeitig aber auch sich selbst zu verlieren droht, sodass alte Freunde mit ihm brechen oder er mit ihnen. Schließlich muss eine Entscheidung getroffen werden, ob sich der Held auf seine früheren Werte rückbesinnt oder sich dem ergibt, was der Erfolg bzw. das in mehrerlei Hinsicht brutale Business aus ihm gemacht haben. Vorausgesetzt, dass es nicht schon zu spät für ihn ist. „Ausgezählt“ gehört zu den besten Vertretern, die das Genre in den 50er-Jahren hervorgebracht hat, wobei sich der Film im Windschatten von einigen Werken aus den späten 40er-Jahren bewegt, so insbesondere „Ring frei für Stoker Thompson“ (1949) mit Robert Ryan und „Zwischen Frauen und Seilen“ (1949) mit Kirk Douglas, die in den USA binnen einer Woche in den Kinos gestartet waren. Empfehlenswert ist auch „Killer McCoy“ (1947) mit einem hervorragenden Mickey Rooney in einer seiner diversen guten dramatischen Rollen.

Universal antwortet mit seinen Stars

„The Set-Up“, so der Originaltitel besagten Films mit Robert Ryan, war eine RKO-Produktion, „Killer McCoy“ wurde von MGM in die Kinos gebracht und „Champion“ mit Kirk Douglas von den United Artists veröffentlicht. Da war es nur eine Frage der Zeit, dass Universal reagierte. Mit „Iron Man“ fand sich ein gut ins Gefüge passender, kurzer und bündiger Titel, der damals noch keine rechtlichen Probleme machte, weil die berühmte Marvel-Comicfigur gleichen Namens erst 1963 das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Der Titel „Iron Man“ für diese Story war zudem schon wesentlich früher entstanden, da es sich bei „Ausgezählt“ um eine Verfilmung des zweiten Romans von W. R. Burnett handelt, einem der Drehbuchautoren von „Gesprengte Ketten“ (1963). Sein erster Roman zuvor: „Little Caesar“, kurz nach Print-Veröffentlichung bereits mit Edward G. Robinson verfilmt und zeitlos berühmt geworden. Auch für „Iron Man“ dauerte es vom Buch zum Film nicht länger.

„Ausgezählt“ ist das Remake eines 1931 noch unter Federführung des Produzenten Carl Laemmle Jr. bereits für Universal realisierten Films mit dem „Im Westen nichts Neues“-Star Lew Ayres in der Hauptrolle. Diese Regiearbeit von „Dracula“-Regisseur Tod Browning lief ebenfalls unter dem Titel des Romans. Mit Jeff Chandler – der im Rahmen der Promotion des Films unter anderem vor 25.000 Zuschauern zwei Runden waschecht gegen Jersey Joe Walcott boxte –, Stephen McNally, Rock Hudson und James Arness warf man mehrere Stars in den Topf, die Anfang der 50er in zahlreichen Universal-Filmen zu sehen waren. Dazu Joseph Pevney, der ein hauseigener Regisseur war, welcher seine Karriere beim Film zunächst als Schauspieler begonnen hatte, ehe er 1950 mit dem Film noir „Ohne Skrupel“ recht bald sein Regiedebüt gab, Universal seither eng verbunden war und auch blieb. Pevney drehte den Großteil seiner Kinofilme für Universal, ehe er sich Anfang der 60er-Jahre aufs Fernsehen verlegte und fortan weitgehend Serienepisoden und TV-Filme inszenierte. Er war für die Genrefilm-Produktion im Hause Universal in den 50ern einer der wichtigsten Regisseure.

Kurzweilig, gut gespielt, sehenswert

Man mag dem Film vorwerfen, dass er etwas überraschungsarm ist, allerdings gilt das, wie bereits erwähnt, letztlich für viele Boxer- und Kampfsportfilme. Entscheidend ist vielmehr, ob Darsteller und Regie zu fesseln wissen, und dahingehend ist „Ausgezählt“ gut aufgestellt. Jeff Chandler ist sehr überzeugend als Wolf im Schafspelz – man kauft ihm sowohl den redlichen Bergarbeiter als auch den brutalen Schläger ab, bei dem im Kampf plötzlich die Lichter der Vernunft ausgehen. Wenn sein eher sanftmütiges Gesicht auf einmal von Cuts und Schwellungen gezeichnet ist, spiegelt sich darauf die ganze Tragik der Geschichte bildhaft wider. Stephen McNally, der in den 50ern unter allen Hollywood-Schauspielern mit am besten den Spagat zwischen Heldenrollen und Schurkenparts schaffte – und mehr Hauptrollen spielte als manchem bewusst sein dürfte –, liefert als windiger Geschäftemacher ein Kabinettstückchen ab; nicht minder überzeugend ist Jim Backus als dicker Fisch unter den Sportjournalisten, der schließlich umsattelt und die Seiten wechselt. Und Rock Hudson, dessen „Speed“ O’Keefe dem immer verbitterter werdenden Coke Mason bis es nicht mehr zu gehen scheint die Treue hält und sich sogar von ihm verprügeln lässt, spielte seine Rolle mit einer berührenden Hingabe, die die finale Konfrontation der beiden schließlich zu einer besonders spannenden und mitreißenden Szene erhebt. Nicht zu vergessen die beiden Damen zwischen den anderen großen Rollen in dieser von Männern reichhaltig gespickten Geschichte: Evelyn Keyes als Masons Ehefrau gibt der Story von der Rahmenhandlung aus die notwendige empathische Ebene; Joyce Holden spielt die Rolle der Fotografin „Tiny“ Ford, die zwischen die Ehepartner gerät, mit angenehmer, souveräner Würde – keine Spur von einem ehebrecherischen Flittchen. Masons vorübergehende Entfremdung von seiner Frau wird generell sehr erwachsen und ehrlich inszeniert.

Die Synchronfassung als i-Tüpfelchen

Final veredelt wird das Werk von der deutschen Synchronfassung, die nach einem Dialogbuch von Edgar Flatau unter ebendessen Regie 1955 in der Synchronabteilung von Rank Film in Hamburg entstand. So bekommt man einige Sprecher zu hören, die es damals in Kinofilmen aus den großen Studios Hollywoods eher selten zu erleben gab, weil die Synchronhochburgen seit jeher Berlin und München gewesen sind. Beispielsweise hört man den im Lauf der Jahrzehnte als betagte Erzählerstimme – auch in Hörspielen – sehr populär gewordenen Hans Paetsch in einer recht frühen Sprecherrolle als deutsche Stimme von Jim Backus. Heinz Piper, der einige Jahre später durch das Intro des berühmten Silvester-Sketches „Dinner for One“ vor der Kamera bundesweit bekannt wurde, sprach Kenneth Patterson in der kleinen Rolle des Herb Daly. Gleichzeitig wurde aber auch Wert auf Kontinuität gelegt: So ließ man für Jeff Chandler seinen Stammsprecher Curt Ackermann und für Rock Hudson bereits Gert Günther Hoffmann nach Hamburg kommen, obwohl Hoffmann erst seit dem Vorjahr für Hudson im Einsatz war und ihn auch 1954 trotzdem noch nicht exklusiv gesprochen hatte. Diese Kombination aus Sprecher und Star behielt jedoch lange Bestand und der vorliegende Film beweist, dass man sich im Hause Universal seinerzeit schon eindeutig für Hoffmann als reguläre Stimme dieses immer populärer werdenden, vertraglich ans Studio gebundenen Schauspielers entschieden hatte. Es war nicht der einzige schon einige Jahre zuvor produzierte Universal-Film, der durch die verspätete Synchronisation zu einer Besetzung mit Hoffmann für Rock Hudson kam. Rückwirkend ist „Ausgezählt“ allerdings tatsächlich der am frühesten gedrehte Film, in dem Gert Günther Hoffmann als deutsche Stimme von Hudson zu hören ist – auch wenn die Synchronfassung nicht die erste mit Hoffman für Hudson war, die entstand – und so gesehen ein Meilenstein.

Taufrische US-DVD – was wird daraus bei uns?

Da der Film erst am 8. Juli 2016, innerhalb der „Universal Vault Series“, in den USA erstmals auf DVD veröffentlicht wurde, darf man gespannt sein, ob sich Koch Films seiner bald einmal im Rahmen der Film-noir-Collection annehmen wird. In dieser maßgeblich auf Universal-Filmen basierenden Reihe wäre er gut aufgehoben. Die Story taugt thematisch und die Inszenierung handwerklich ebenso zum Film noir wie auch zum Sportlerdrama. Was die 40er und 50er anbelangt, ist der Boxerfilm stilistisch sowieso gewissermaßen ein Subgenre des Film noirs. Universal legte 1955 mit „Der Schläger von Chicago“, unter der Regie von Jerry Hopper und mit Tony Curtis in der Hauptrolle einen weiteren gelungenen Boxerfilm vor, der sich ebenfalls gut in einer solchen Film-noir-Collection machen würde – Jim Backus war einmal mehr in einer Nebenrolle als Mentor der Hauptfigur dabei; diesmal als Vater des Protagonisten. Auch die, neben „Ausgezählt“, von Joseph Pevney für Universal inszenierten Noirs – „Ohne Skrupel“ (1950), „Geheimpolizist Christine Miller“ (1950), „Playgirl“ (1954), „Das Haus am Strand“ (1955), „Der Tod war schneller“ (1957)“ sowie der exotische Noir „Istanbul“ (1957) mit Errol Flynn – lohnen zudem allesamt einen Blick. Die US-DVD von „Ausgezählt“ wird bei Amazon übrigens als „The Iron Man“ gelistet – wohl um Verwechslungen mit all den mittlerweile entstandenen Marvel-Filmen zu vermeiden. So ist das eben, wenn man eines Tages von der Vergangenheit eingeholt wird.

Veröffentlichung (USA): 8. Juli 2016 als DVD

Länge: 81 Min. (Kino)
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Iron Man
Alternativtitel: Ein Mann aus Stahl
USA 1951
Regie: Joseph Pevney
Drehbuch: George Zuckerman, Borden Chase, nach einem Roman von W. R. Burnett
Besetzung: Jeff Chandler, Evelyn Keyes, Stephen McNally, Rock Hudson, Joyce Holden, Jim Backus, James Arness, Steve Martin, George Baxter, Pál Jávor
Verleih: Universal International Pictures

Copyright 2016 by Ansgar Skulme

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Filmplakat: Fair Use, Packshot: © 2016 Universal

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Eine Antwort zu “Ausgezählt – Marvel im Titel, Rocky im Herzen

  1. amourfoufilm

    2016/09/24 at 15:16

    Für alle die dachten sie kennen alle Iron Man Filme… 😋

     

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