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Sensation am Sonnabend – Wenn Gewalt, dann ehrlich

26 Sep

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Violent Saturday

Von Ansgar Skulme

Thriller // Eine Kleinstadt in Arizona mit nur wenigen Tausend Einwohnern: Im Umland wird in der Mine von Boyd Fairchild (Richard Egan) und dessen Vater (Raymond Greenleaf) erfolgreich Kupfer abgebaut, Shelley Martin (Victor Mature) ist einer ihrer besten Mitarbeiter. Nur privat läuft es nicht gut beim jungen Fairchild. Das Bankkonto ist prall gefüllt, doch die Ehe steht auf der Kippe. Seine Frau Emily (Margaret Hayes) trifft sich mit dem smarten Gil Clayton (Brad Dexter), Fairchild lernt indessen die attraktive Krankenschwester Linda (Virginia Leith) kennen, doch auf die hat auch der Geschäftsführer einer großen örtlichen Bank, Harry Reeves (Tommy Noonan), ein Auge geworfen. Wenn er nur wüsste, dass drei Gangster unter Federführung eines gewissen Harper (Stephen McNally) ein Auge auf seine Bank geworfen haben und schon bald wie ein großes Unwetter über die Alltagsprobleme der Stadt hereinbrechen werden.

„Violent Saturday“ machte seinem Originaltitel für damalige Verhältnisse alle Ehre. Die Kritiker störten sich an den Gewaltdarstellungen, obwohl es im Film derer eigentlich nicht viele gibt und sie zudem auch nicht gleichmäßig über die Handlung hinweg verteilt vorzufinden sind, sondern sich hauptsächlich gen Ende konzentrieren. Jedoch war es das Publikum der 50er-Jahre schlichtweg nicht gewohnt, dass in einem Film die von den Geschossen einer Flinte getroffenen Figuren durch die Wucht des Aufpralls nach hinten geworfen werden und umfallen wie nasse Säcke, die man beiseite wirft. Heute sind solche Darstellungen Standard, damals waren sie mutig und richtungsweisend. Richard Fleischer inszenierte die Brutalität, wie sie bei einem Raubüberfall und in dessen Folge glaubhaft erscheint, weder ausschweifend noch verharmlosend. Was lange aussieht wie ein Thriller mit dramenhaften, teils melodramatischen Dialogen, kippt plötzlich in einen Actionthriller. Damit ist ihm ein recht realistischer Banküberfall-Film gelungen, bei dem es im Gegensatz zu einigen anderen Einbruchsstreifen nicht darum geht, die Geschichte eines besonders spektakulären, nahezu übermenschlich gut geplanten Raubes zu erzählen, sondern vielmehr darum, wie plötzlich ein solches Verbrechen in den Alltag Ahnungsloser dringt und ihr Leben verändert. Der Überfall selbst nimmt nur einen recht kleinen Teil der Handlung ein, wurde zwischen ausführlich aufbereiteten Vorgeschichten und einem gepfefferten Finale verortet, für das man sich ebenfalls genügend Zeit genommen hat.

Die Premiere von „Violent Saturday“ sollte ursprünglich in Lancaster (Pennsylvania) stattfinden, da diese Stadt als Hochburg der Amischen galt und eine Familie dieser Glaubensgemeinschaft eine wichtige Rolle für die Handlung spielt. Der Bürgermeister untersagte die Aufführung jedoch, da er den Film zu brutal und hinsichtlich der Darstellung der Beziehungen zu offenherzig fand. Das mag ihm zur Begründung gereicht haben, aber was er wohl dazu gesagt hätte, dass die Amischen in der im selben Jahr entstandenen deutschen Synchronfassung als „Sekte“ bezeichnet werden und sich im Dialog sogar selbst als einer Sekte zugehörig bezeichnen? Wie unverblümt die deutsche Version in dieser Hinsicht daherkommt, ist durchaus überraschend, wenn man heutige Maßstäbe politischer Korrektheit anlegt.

Eine Sensation ist die Besetzung

Für die Handlung des Films, der zu großen Teilen in Bisbee (Arizona) gedreht wurde, wirkt der deutsche Titel „Sensation am Sonnabend“ reichlich vorsichtig und klingt eher nach Rummelplatz und Jahrmarktsattraktionen. Der Alternativtitel „Tod am Samstag“ ist zwar banal, aber immerhin etwas passender. In Spanien, Italien und Portugal verweist der Titel auf einen tragischen Samstag – das trifft es ziemlich auf den Punkt. Sensation am Sonnabend oder nicht: Die Besetzung des Films kann man durchaus als kleine Sensation werten. Mit Victor Mature, Richard Egan und Stephen McNally fährt der Thriller gleich drei Stars auf, die allesamt in den 50ern zu diversen Hauptrollen in Hollywood kamen. Dazu gibt es den späteren Topstar Lee Marvin und Ernest Borgnine, der für seine Titelrolle in „Marty“, welcher in den US-Kinos im selben Monat wie „Sensation am Sonnabend“ startete, im Folgejahr den Oscar gewinnen sollte. Außerdem konnte man mit Sylvia Sidney für die eher kleine, emotional aber sehr intensive Rolle der Elsie Braden eine Schauspielerin gewinnen, die in den 30ern für ein paar Jahre zu den ganz Großen in Hollywood zählte. Sie hatte mit Alfred Hitchcock, William Wyler und Fritz Lang gearbeitet, war ab den 40ern aber kaum noch in Filmen zu sehen.

Dazu gab es fürs Eintrittsgeld noch den versierten Charakterdarsteller J. Carrol Naish, der das Gangster-Trio mit McNally und Marvin komplettiert und im Fernsehen wenig später der neue Meisterdetektiv Charlie Chan wurde. Beim Film aber machte er schon seit vielen Jahren auf sich aufmerksam; gerade erst hatte er die Titelrolle in dem Western „Sitting Bull“ (1954) gespielt. Naish war von 1930 bis Anfang der 70er-Jahre in fast 200 Kinofilmen und zudem etlichen TV-Rollen zu sehen. Brad Dexter, der in „Sensation am Sonnabend“ den Liebhaber der Ehefrau gibt, wurde später einer der glorreichen Sieben in dem berühmten Western von 1960. Damit nicht genug, spendierte dieser „Violent Saturday“ dem eigentlich eher dem Comedy-Bereich zuzuordnenden Tommy Noonan noch eine interessante dramatische Rolle als zugeknöpfter, schüchterner Spießer, der seine Gefühle zu unterdrücken versucht und sich heimlich nachts um die Häuser schleicht. In diesem Zusammenhang nimmt der Film auch kein Blatt vor den Mund, als der Spanner schließlich mit seinem Tun konfrontiert wird – nur einer der vielen Aspekte, hinsichtlich derer sich das Werk um eine ehrliche Darstellung verdient macht. Dass die angenehm souverän und natürlich aufspielende, mit einer außergewöhnlichen, schönen Stimme gesegnete Virginia Leith nur eine äußert kurze Filmkarriere mit weniger als zehn Rollen dieser Größenordnung hatte, ist sehr schade. Sie bildet ein hervorragendes Pendant zu der hin und her gerissenen Margaret Hayes, deren Rolle die wohl tragischste im gesamten Film ist. Hayes‘ Besetzung kam, genau wie auch die von Virginia Leith, für so einen Film eher überraschend. Der nur wenige Wochen zuvor in den Kinos gestartete „Die Saat der Gewalt“ (1955) war der erste Kinofilm der 50er, in dem man Margaret Hayes hatte sehen können.

Besondere Produktionsumstände

Der Film markiert also ein Zusammentreffen vieler bereits etablierter und angehender Stars mit neu- und wiederentdeckten Schauspielern. Ebenso zeigte 20th Century Fox mit dieser Produktion gleichzeitig ein altes und ein neues Gesicht. Da ist zum einen der Faktor, dass dem Film rückblickend der eher zweifelhafte Ruf zukommt, einer der am niedrigsten budgetierten Filme gewesen zu sein, die in dem von Fox dominierten CinemaScope-Verfahren und zudem mit Farbe von De Luxe gedreht wurden. Mit anderen Worten: Der Film sah teuer aus, man durfte neueste technische Equipments nutzen und die Schauspieler dürften auch einiges an Geld gekostet haben, ansonsten jedoch war Sparen angesagt. Haushalten musste man auch damit, dass der zunächst veranschlagte Kameramann Charles G. Clarke Ende 1954 während der Produktion erkrankte und durch Milton Krasner ersetzt wurde – den Credit für die Kameraarbeit behielt allerdings Clarke. Gleichzeitig war „Sensation am Sonnabend“ aber auch ein Prestigeprojekt für Buddy Adler, der damit, nach seiner Zeit bei Columbia Pictures, zum ersten Mal einen Fox-Film produzierte und ab 1956, als Nachfolger des berühmten Darryl F. Zanuck, die Geschicke des gesamten Studios übernahm – wenngleich ihm bis zu seinem Tod nur noch wenige Jahre vergönnt waren. Von Columbia war Adler das Arbeiten mit niedrigen Budgets bereits gewohnt und er dürfte seinen Anteil daran haben, dass der vorliegende Film mit eher wenig Geld in der Hinterhand trotzdem sehr ansehnlich geworden ist. Für den Hauptdarsteller Victor Mature hingegen standen die Zeichen auf Abschied. Es war sein letzter Film für Fox – unter dem Strich hatte er, unterbrochen vom Krieg und einigen Leihen an andere Studios, etwa 15 Jahre für Fox gearbeitet.

Kritik fällt schwer

So ganz nebenbei schafft es der Film auch noch, kurz und knapp eine recht gute, zum Schluss durchaus ans Herz gehende Vater-Sohn-Geschichte um den von Mature verkörperten Shelley Martin zu erzählen, in der es um Heldenhaftigkeit und die manchmal nicht einfache Anforderung an einen Vater geht, glaubhaftes Vorbild für sein Kind zu sein. Dieser Shelley Martin ist überhaupt eine interessante „Hauptrolle“, taucht erst nach etlichen Minuten – eher spät für jemanden, der in einem Hollywood-Film der damaligen Zeit an erster Stelle des Vorspanns genannt ist – in der Story auf und seine Geschichte wird auf Augenhöhe mit den anderen Charakteren im Film, aber nicht im Vordergrund erzählt. Er wird im Grunde erst im Finale zum Protagonisten inmitten des breitgefächerten Schauspieleraufgebots. Dass der Film nicht auf einen von vornherein wie ein späterer Sieger wirkenden Helden setzt, macht die Erzählung umso glaubwürdiger. Fast noch bemerkenswerter allerdings ist, dass Richard Fleischer einen Schauspieler wie Victor Mature, von dem man genau einen solchen wie der sichere Sieger wirkenden Heldenpart durchaus erwarten mochte, so gekonnt in dieser Rolle in Szene setzte, dass er tatsächlich wie ein fürsorglicher, ganz normaler Familienvater wirkt, der unglücklich und zufällig in die Geschehnisse stolpert und erst aus der absoluten Not heraus über sich hinaus wächst.

Fleischer bewies mit dieser Regiearbeit rundum, dass er unter den Großen Hollywoods angekommen war. „Sensation am Sonnabend“ war sein erster Film nach dem berühmten „20.000 Meilen unter dem Meer“ und hat ebensolche Blockbuster-Qualitäten. Für Richard Fleischer war „Sensation am Sonnabend“ in gewisser Weise aber auch die wohlverdiente Veredelung seiner eigenen filmischen Wurzeln. Er hatte seine Regielaufbahn mit Kurzfilmen, Dokumentationen und eigenen Kompilationen von Stummfilmen begonnen, seine Regiearbeit „Design for Death“ (1947) gewann sogar den Oscar als beste Dokumentation – es sollte sein einziger bleiben. Seinen Durchbruch im Bereich abendfüllender Spielfilme feierte er dann jedoch Ende der 40er, Anfang der 50er mit einigen Film noirs, wie etwa dem fast komplett in einem Zug spielenden „Um Haaresbreite“ (1952), der in der Kategorie „Beste Originalgeschichte“ für den Oscar nominiert war. Dem Film noir hatte er vieles zu verdanken und „Sensation am Sonnabend“ war nun der erste Genrebeitrag, den er in Farbe und der erste, den er in CinemaScope drehen durfte.

Alle Weichen für eine gute deutsche Veröffentlichung gestellt

Da Pidax Film in den vergangenen Jahren schon diverse 20th-Century-Fox-Filme aus den 50ern veröffentlicht hat – darunter auch mehrere ansehnliche CinemaScope-Produktionen in Farbe – sollte man, was eine Veröffentlichung dieses Films auf dem deutschen Markt anbelangt, seine Hoffnungen wohl vor allem in dieses Label setzen. In den USA und Großbritannien gibt es „Violent Saturday“ mittlerweile sowohl als Blu-ray als auch als DVD. Die deutsche Synchronfassung ist trotz des eingangs erwähnten, aus heutiger Sicht eher kuriosen Umgangs mit den Amischen absolut gelungen. Für Victor Mature gibt es dessen Stammsprecher Curt Ackermann zu hören – der zwar einige Stars sehr gut vertonte, aber für niemanden so ideal passte wie für Mature und Jeff Chandler. Für Richard Egan ist Horst Niendorf zu hören, der ihn 1955 noch in mehreren anderen Filmen sprach. Außerdem ist auch Günter Pfitzmann wieder dabei, der in Fleischers „20.000 Meilen unter dem Meer“ gerade erst Kirk Douglas in der Hauptrolle synchronisiert hatte und hier nun für Lee Marvin zu hören ist. Dazu gesellen sich charismatische Stimmen wie der spätere erste „Asterix“ Hans Hessling als Sprecher von J. Carrol Naish, der erste „Fred Feuerstein“-Stammsprecher Eduard Wandrey für Ernest Borgnine und der erste „Winnetou“-Sprecher der Horst-Wendlandt-Ära Herbert Stass als Stimme von Tommy Noonan. Ein zeitloser Film aus einem nach wie vor höchst beliebten Genre, mit richtungsweisenden Actionszenen, einer recht glaubwürdig erzählten Story voller interessanter Figuren, mit Stars gespickt, in Farbe und für die volle Breitwandpracht fotografiert, dazu eine hochwertige Synchronisation und alles in nur 90 Minuten auf den Punkt gegart – beste Voraussetzungen für eine Veröffentlichung bei uns! Mit „Die Spinne“ („Black Widow“, 1954) wäre auch schnell ein zweiter in Scope und in Farbe von De Luxe gedrehter Noir aus dem Hause Fox gefunden, der eine ganz andere Geschichte erzählt, aber sich als weiteres Beispiel für die im Allgemeinen eher seltenen Noirs in Farbe gut parallel veröffentlichen ließe.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Ernest Borgnine, Lee Marvin und/oder Victor Mature sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung USA: 8. Juli 2014 als Blu-ray, 12. April 2011 als DVD
Veröffentlichung Großbritannien: 28. April 2014 als Dual Format Edition (Blu-ray & DVD)

Länge: 90 Min. (Kino)
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Violent Saturday
Deutscher Alternativtitel: Tod am Samstag
USA 1955
Regie: Richard Fleischer
Drehbuch: Sydney Boehm, nach einem Roman von William L. Heath
Besetzung: Victor Mature, Richard Egan, Stephen McNally, Virginia Leith, Tommy Noonan, Lee Marvin, Margaret Hayes, J. Carrol Naish, Sylvia Sidney, Ernest Borgnine
Verleih: 20th Century Fox
Vertrieb: Twilight Time (USA), Eureka (GB)

Copyright 2016 by Ansgar Skulme
Packshots: © 2014 Twilight Time (US-Blu-ray), Eureka (GB-Blu-ray)

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Eine Antwort zu “Sensation am Sonnabend – Wenn Gewalt, dann ehrlich

  1. Fatherleft

    2016/09/28 at 10:29

    Habe ich gestern gerade aus England bekommen und angesehen: Klasse Film für seine Zeit und man merkt die Einflüsse auf Herrn Tarantino mit „Reservoir Dogs“ sehr deutlich. Da bekommt Michael Madsens Kommentar zu Harvey Keitel „I bet you’re a big Lee Marvin fan aren’t ya.“ eine ganz andere Bedeutung 🙂

     

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