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Lucky M. füllt alle Särge – Abstruse Jagd zu Easy-Listening-Rhythmen

28 Sep

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Lucky, el intrépido

Von Dirk Ottelübbert

Agenten-Abenteuer // Ein sinistrer, von Hustenanfällen geschüttelter Killer tötet in der „geheimnisvollen Stadt London“ (so verkündet es die Einblendung) einen Mann mit einem Koffer voll Falschgeld. Danach: Titelvorspann, eine leicht bekleidete Blondine tanzt zu spacigem Beat vor Spiegelwänden. Bei einem Maskenball erscheint Top-Agent Lucky M. (Ray Danton) auf der Bildfläche, passenderweise als Superheld verkleidet. Ein Tänzchen und ein paar Kloppereien später steht Lucky vor der vermummten Bruderschaft der „Erzengel“. Deren Chef informiert ihn über den Mord vom Anfang und erteilt Lucky den Auftrag, einer gefährlichen Dollarfälscherbande das Handwerk zu legen und die Druckplatten der Blüten sicherzustellen.

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Auf dem Maskenball knallt’s gleich

Nach Stippvisite in Rom – inklusive weiterer Leichen – düst der Frauenheld und selbst ernannte Verkleidungskünstler mit seinem jungen Helfer Michele (Dante Posani) per Flugzeug in Richtung Albanien – ein „kleines, seltsames Land mit schlechtem Ruf“. Die Fälscher-Papierfabrik im Dörfchen Diglas steht leer, dafür dürfen sich Lucky und Michele mit herumknallenden Milizionären und deren glutäugiger Chefin abplagen.

Showdown auf den Antillen

Auf Lopogan schließlich, einer Insel der Kleinen Antillen, treffen die zwei Jungs, durch Bartänzerin Brunhilde (Barbara Bold) zum Trio ergänzt, auf den Boss der Blüten-Mafia. Es gibt ein Wiedersehen mit dem hustenden Anzugträger, und es zeigt sich, dass außer Lucky auch andere Parteien scharf auf die Druckplatten sind. Am Ende lösen sich der Agent, sein Kumpel, der Koffer mit den Platten und der ganze Film in Knall und Rauch auf. Das passt.

Ein verrückter, zusammengestoppelter Murks, den Jess Franco (1930–2013) da heraushaut. Der notorische Vielfilmer und Exploitation-Gott tobte durch alle möglichen Genres – Psychothriller, Krimi, Horror natürlich, Splatter, Zombiefilme, Pornos. Er drehte „Vampyros Lesbos“ und „Nachts, wenn Dracula erwacht“ (beide 1970), letztgenannter immerhin mit Christopher Lee, „Jack the Ripper – Der Dirnenmörder von London“ (1976) mit Klaus Kinski, Sexploitation wie „Frauen für Zellenblock 9“ (1977) und den Untoten-Langweiler „Oase der Zombies“ (1982). Uns Rezensenten von „Die Nacht der lebenden Texte“ ist der gute Franco immer mal wieder über den Weg gelaufen – siehe Auflistung unten.

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Lucky in den Klauen der albanischen Miliz

Auch als Kinogänger war der Spanier ein Maniac. Er verschlang Filme und verwurstete in „Lucky M. füllt alle Särge“ eine ganze Wagenladung zeitgenössisches Kino. Die vier Drehbuchkritzler, einer davon Franco selbst, inhalierten offenbar eine Menge Nouvelle Vague, sie kannten die Belmondo-Filme (von Philippe de Brocas „Cartouche, der Bandit“ und „Abenteuer in Rio“ bis zu Godards „Pierrot le Fou“), schauten „Fantomas“ und „Die Maus, die brüllte“, Fellini und Jacques Tati, „Beau Brummell – Rebell und Verführer“, Richard Lesters „Der gewisse Kniff“ und – dass wir die bloß nicht vergessen! – die ersten vier Bond-Abenteuer.

Mit dem Holzhammer auf die Meta-Ebene

Nur zu gern würde man diesem Film parodistisches Feuer bescheinigen, Schmiss, Dynamik, Exzess. Aber die Klamotte ist nicht bei Trost und nicht bei der Sache, es bleibt alles Pustekuchen, eine haltlose Posse in Cinemascope. Es gibt die schon erwähnten blödsinnigen Einblendungen, die Hauruck-Versuche, eine Meta-Ebene zu setzen – Luftikus Lucky entschuldigt seine Ballerei mit Ich muss doch mein Soll erfüllen oder äußert angesichts seiner Liquidierung, er habe doch für fünf Fortsetzungen unterschrieben. Da ist in Rom der „Schwarzmarkt der Agenten“ – Männer mit Regenschirmen preisen im Flüsterton Top-Secret-Infos an: Bei der Abnahme von zehn Geheimnissen Mengenrabatt. Auf eine halbwegs abgefahrene Kameraperspektive kommen fünf ungeschlachte und mies getimte Actionsequenzen. „Lucky M. füllt alle Särge“ simuliert Stringenz und ist dabei Abschweifung, Scharade, Parodie einer Parodie einer Parodie.

Jess Francos Fans sind treue Seelen

Natürlich kann und darf man auch die Simulation eines Films vergnüglich finden und sich freuen, dass Pidax „Lucky M. füllt alle Särge“ in akzeptabler Qualität erstmals auf DVD unters Volk bringt. Der Kino-Guerilla Jess Franco verfügt ja über eine treue Fangemeinde. Ich zähle nicht dazu, unterschreibe aber trotzdem gern den Satz aus dem „Spiegel online“-Nachruf vom April 2013: Franco sei ein Hochstapler des voyeuristischen Kinos – aus Liebe zum Film.

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Sitzen Lucky (l.) und Michele in der Falle?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Jess Franco sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 30. September 2016 als DVD

Länge: 82 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Lucky, el intrépido
SP/IT/BRD 1967
Regie: Jesús Franco
Drehbuch: José Luis Martínez Mollá, Julio Buchs, Remigio Del Grosso, Jesús Franco
Besetzung: Ray Danton, Barbara Bold, Dieter Eppler, Maria Luisa Ponte, Dante Posani, Beba Loncar, Teresa Gimpera
Zusatzmaterial: sechs geschnittene Szenen, Bildergalerie, Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2016 by Dirk Ottelübbert
Fotos & Packshot: © 2016 Al!ve AG / Pidax Film

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