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The Blair Witch Project – So begann das Found-Footage-Grauen

03 Okt

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The Blair Witch Project

Von Volker Schönenberger

Horror // Sicher, lange vor 1999 hat es Filme gegeben, die ganz oder teilweise mit Found-Footage-Technik inszeniert worden sind. Ruggero Deodatos berüchtigter Kannibalen-Schocker „Nackt und zerfleischt“ („Cannibal Holocaust“, 1980) sei als ein Beispiel genannt. Aber erst „The Blair Witch Project“ löste die Welle aus, die seitdem kontinuierlich speziell über das Horrorgenre schwappt: mit geringen finanziellen Mitteln gedrehte Produktionen, in denen das Filmmaterial in dokumentarischer Anmutung von den Protagonisten zu kommen scheint – seien sie im Film Dokumentarfilmer, als Mitglieder einer militärischen oder polizeilichen Einheit mit Helmkameras ausgestattet oder mit anderer Begründung.

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Heather will das Geheimnis der Hexe von Blair ergründen

Angesichts der Schwemme der Found-Footage-Streifen wird heute oft übersehen, dass „The Blair Witch Project“ damals auch in anderer Hinsicht innovativ war: Die drei Hauptdarsteller erhielten Kameras in die Hände gedrückt und wurden mit der Anweisung in den Wald geschickt, munter drauflos zu improvisieren. Obendrein bereiteten die Produzenten dem Kinostart den Boden, indem sie im Internet detailliert die Hintergrundgeschichte der Hexe von Blair sowie das Verschwinden dreier Filmstudenten als Tatsachen lancierten. Dazu passte, dass die drei Hauptfiguren des Films die Namen ihrer Schauspieler erhielten und diese drei Schauspieler bis zur Filmpremiere in der Internet-Filmdatenbank IMDb als „missing, presumed dead“ gelistet waren – was sich heute allerdings nicht mehr belegen lässt. Das war virales Marketing, als den Begriff noch niemand kannte.

Drei Filmstudenten verschwinden

Die seitdem vielfach kopierte Texttafel-Einblendung zu Beginn des Films setzt das fort: In October of 1994, three student filmmakers disappeared in the woods near Burkittsville, Maryland while shooting a documentary. A year later their footage was found. Die drei Filmstudenten, das sind Heather (Heather Donahue), Mike (Michael C. Williams) und Josh (Joshua Leonard), die zu Beginn ihrer Recherchen einige Einwohner von Burkittsville zum Mythos der Hexe von Blair befragen und dann in die Wälder aufbrechen, um diesem Mythos für ihre Doku auf die Spur zu kommen. Auf ihren eigenen Filmaufnahmen sehen wir, wie sie tiefer und tiefer in den Wald vordringen und sich bald verlaufen. Da Mike meint, dass ihnen die Landkarte nichts mehr nützt, wirft er sie weg, was Heather stinksauer macht. Die Spannungen zwischen den nun vollends orientierungslos im Wald umherirrenden Nachwuchs-Dokumentarfilmern steigen, auch ihre Angst wächst. Nicht zu Unrecht …

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Kameramann Josh soll alles auf Film bannen

Schleicht da etwas oder jemand ums Zelt herum? Im tiefsten Dickicht nachts im Zelt zu liegen und das Geräusch brechender Zweige zu hören – durchaus beängstigend, wenn es effektiv inszeniert ist. Den Found-Footage-aus-Prinzip-Verächtern zum Trotz ist das bei „The Blair Witch Project“ gegeben – ganz von ungefähr kam der Erfolg jedenfalls nicht, und die Zahl der Epigonen ist Legion, das spricht Bände. Selbst nach der im Lauf der Jahre über Gebühr erfolgten Beanspruchung mit einigen gelungenen und vielen missratenen Found-Footage-Filmen entfaltet „The Blair Witch Project“ auch heute noch seine überaus gruselige und intensive Wirkung – und das umso nachhaltiger, da der Film die Auflösung am Ende schuldig bleibt und mit einer ebenso verwirrenden wie verstörenden letzten Einstellung endet.

Bigfoot als Inspiration

Eduardo Sánchez, der das Drehbuch zusammen mit Daniel Myrick schrieb und sich mit ihm auch die Regie teilte, hat die Pseudo-Doku „The Legend of Boggy Creek“ (1972) von Charles B. Pierce („Der Umleger“) als Inspiration genannt, die sich einer Bigfoot-Legende bediente. Diesem mystischen Affenwesen mit den großen Füßen hat sich Sánchez 2014 mit „Exists – Die Bigfoot-Legende lebt“ selbst gewidmet, mit dem er bewies, dass er es auch 15 Jahre später drauf hat, fesselnde Found-Footage-Filme zu inszenieren. Mit der nur ein Jahr nach „The Blair Witch Project“ entstandenen überflüssigen Fortsetzung „Blair Witch 2“ haben er und Myrick nicht viel mehr zu tun gehabt, außer ihren Namen als „Executive Producer“ herzugeben. Ob Teil 3 den Mythos wiederaufleben lässt oder endgültig zu Grabe trägt, bleibt abzuwarten.

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Mike ängstlich im Zelt – geht draußen etwas vor?

Die Methode, mit Handkamera eine authentische, dokumentarische Atmosphäre zu erzeugen, kann bei manchen Filmguckern aufgrund der wackligen Bilder Übelkeit auslösen. Besonders „Cloverfield“ von Matt Reeves („Planet der Affen – Revolution“) reizte das 2008 aus. Insofern verwundert die Ablehnung nicht, die Found Footage von manchen Filmfans entgegenschlägt. Bei „The Blair Witch Project“ fällt einem insbesondere Heather nach einiger Zeit gehörig auf die Nerven. Das ändert aber nichts daran, wie clever und wirkungsvoll der Film inszeniert ist.

Found Footage ist schnell abgedreht

Nicht ernst nehmen muss man die zahlreichen Verächter, die Found Footage aus Prinzip mit Missachtung strafen, weil es nichts weiter als Geldmacherei mit geringstem finanziellen Einsatz sei. Das trifft zwar sicher auf viele Vertreter zu; nicht zu leugnen ist auch, dass der technische Fortschritt bei Kameras Heerscharen talentloser Stümper auf den Plan gerufen hat – man kann heutzutage mit ganz wenig Geld einen Spiefilm drehen. Unter all dem billig heruntergekurbelten Kram – wenn auch heute ohne Kurbel – finden sich aber immer wieder überzeugende Werke, deren Filmemacher Found Footage versiert bis brillant einsetzen. Manchmal wundert man sich zwar, wie lange die Protagonisten die Kamera in der Hand behalten, statt sie fallen zu lassen und schreiend das Weite zu suchen, aber sei’s drum.

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Heather gerät in Panik

Jedenfalls sind im Horrorgenre seit 1999 außer etlichen entbehrlichen auch diverse überaus gelungene Werke entstanden. Beispiele gefällig? Bitte schön: „Cloverfield“, der erste „Paranormal Activity“-Film, der erste „[Rec]“-Film, Ti Wests „The Sacrament“, „The Borderlands – Eine neue Dimension des Bösen“, „The Bay“, „Trollhunter“ und „Afflicted“. Allein dafür hat „The Blair Witch Project“ seine Existenzberechtigung, aber auch ohne die Nachahmer ist die Suche nach der Hexe von Blair ein großes Grusel-Vergnügen.

Veröffentlichung: 6. Oktober 2016 als DVD, 17. Oktober 2013 als Blu-ray, 9. Mai 2000 als DVD & 2-Disc Special Edition DVD

Länge: 81 Min. (Blu-ray), 78 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Blair Witch Project
USA 1999
Regie: Daniel Myrick, Eduardo Sánchez
Drehbuch: Daniel Myrick, Eduardo Sánchez
Besetzung: Heather Donahue, Michael C. Williams, Joshua Leonard
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regie und Produzenten, Dokumentation „Curse of the Blair Witch“, Alternative Enden, Interview mit den Regisseuren, neu entdecktes Filmmaterial, Teaser, Trailer, Wendecover
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © Studiocanal Home Entertainment

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3 Antworten zu “The Blair Witch Project – So begann das Found-Footage-Grauen

  1. Stepnwolf

    2016/10/08 at 07:53

    Der war damals ziemlich creepy. Ich glaube, wenn ich den heute noch einmal sehe, wäre der Effekt komplett weg. Aber als Referenz für ein neues Genre ist „Blair Witch Project“ definitiv die beste Wahl, gerade auch durch die intelligente damalige Vermarktung…

     
  2. Michael Behr

    2016/10/03 at 20:53

    Ich muss gestehen, dass ich den Hype um BWP damals schon nicht verstanden habe. Okay, es ist eine Leistung, dass der Film quasi zusammenimprovisiert ist und über sein virales Marketing muss man nicht lange reden. Aber wenn er denn wirklich eine Handlung gehabt hätte, nachdem es in den Wald ging, hätte er mir besser gefallen. So ist der Film trotz seiner „billigen“ Machart filmhistorisch interessant, aber deswegen, meiner Meinung nach, leider kein besonders guter Film.

     
  3. Sumi

    2016/10/03 at 17:18

    Ich finde den auch immer noch gut. Ich habe ihn aber kürzlich einer Freundin gezeigt, die ist junge 21 Jahre und war gerade 4 als der Film raus kam. Sie sah ihn zum ersten mal. Sie versteht zwar, dass BWP für das Horrorgenre ein wichtiger Meilenstein war und findet ihn auch nicht schlecht, aber ich schätze wenn man den heute das erste mal sieht und schon so viel in die Richtung gewohnt ist, ist das irgendwie nicht mehr so beeindruckend.

     

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