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Schicksalsspiel – Der St.-Pauli-Romeo und die Hansa-Rostock-Julia

13 Okt

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Schicksalsspiel

Von Volker Schönenberger

Drama // Zwei Häuser, beide gleich an Würdigkeit, aus altem Hass entwickeln neuen Streit … denn aus der beiden Feinde Schoß entsprang ein Liebespaar, verfolgt von Schicksalslist, des unglücksel’ger, traur’ger Untergang mit seinem Tod begräbt der Feinde Zwist. Diese Zeilen aus William Shakespeares Liebesdrama „Romeo und Julia“ eröffnen die Geschichte von Roland (Niels-Bruno Schmidt) und Conny (Nicolette Krebitz).

Bei den ersten Gesprächen, die wir im Fußball-Sonderzug von Hamburg nach Rostock zu hören bekommen, fragt man sich, ob Fußballfans auf Auswärtsfahrt beim Bier wirklich so viel Unsinn erzählen. Aber es ist wohl so. Die Atmosphäre im Zug wirkt jedenfalls einigermaßen authentisch, auch wenn ich selbst während meiner Auswärtsfahrten nie Zeuge einer Polonaise im Gang geworden bin. Hey, da ist ja Sven Brux! Der heutige Organisationsleiter und Sicherheitsbeauftragte – war er bei zum Zeitpunkt der Dreharbeiten schon Fanbeauftragter? – äußert sich in zwischengeschalteten Sequenzen mit einigen anderen über das Dasein als Fußballfan, die Brisanz von Auswärtsfahrten im Allgemeinen und dem Duell FC St. Pauli gegen Hansa Rostock im Besonderen. Wir sehen Sven auch als Komparse im Zug. Schauspielgott! Ach nein, er spielt sich ja selbst, das ist keine Kunst.

Als St.-Pauli-Fans in die Hansa-Rostock-Kneipe

Roland, Manni (Steffen Wink) und zwei ihrer Kumpels verlassen den Sonderzug etwas früher als die Masse. Die vier verstecken die Fan-Utensilien unter ihren Jacken und betreten die Kneipe von Connys Vater, in der die junge Frau kellnert. Der Laden ist voller Hansa-Rostock-Fans, darunter Connys Bruder Lalla (Jürgen Vogel) und dessen Freund Knacki (Benno Fürmann), zwei aggressive Zeitgenossen. Für Roland und Conny ist es Liebe auf den ersten Blick. Das ändert sich auch nicht, als die vier St.-Pauli-Fans enttarnt werden und fluchtartig das Weite suchen müssen.

Ein paar Dialoge sind minimal neben der Spur, das Spiel der Darsteller wirkt bisweilen ein wenig ungelenk. Das fällt besonders bei den beiden prominentesten Namen auf: Jürgen Vogel gefällt sein Part als aggressiver großer Bruder offenbar so gut, dass er es ein wenig übertreibt, und Benno Fürmann lässt sich da mangels Erfahrung noch mitreißen. Spaß machen die beiden natürlich trotzdem. Das Liebespaar hingegen überzeugt auf ganzer Linie, Conny und Roland stehen ohnehin im Mittelpunkt. Wir hoffen und bangen mit den beiden und müssen doch fürchten, dass dem St.-Pauli-Romeo und der Hansa-Julia kein Happy End beschieden sein wird. Oder etwa doch? Der Showdown ist kurz und schmerzvoll.

Manni übertreibt es etwas

Wirkt der Konflikt Ossi gegen Wessi etwas plakativ? Schon möglich, aber eine Weile war er in den 90ern wohl auch recht ausgeprägt. Soziale Missstände sind Thema – Lalla, Knacki und ihre anderen Hansa-Rostock-Kumpels lassen sich perspektivlos treiben, ihre Aggressivität rührt nicht zuletzt vom ihrem Gefühl, auf der Verliererseite zu stehen. Bei St.-Pauli-Fan Manni geht es in erster Linie um das Gefühl, vom besten Freund alleingelassen worden zu sein, weil der sich verliebt hat. Steffen Wink bringt das glaubhaft rüber, sein Manni krankt aber an übertriebenen Aktionen wie einem unvermittelten Autodiebstahl mitten im Hamburger Schanzenviertel und einem provozierten Unfall samt Überschlag des geklauten Fahrzeugs. Das musste nicht sein. Dafür ist es sehr charmant, dass wie bei Romeo und Julia auch bei Roland und Conny ihr Balkon als bedeutsames Motiv herhält.

„Schicksalsspiel“ erhielt 1994 den Grimme-Preis als bestes Fernsehspiel. Eine verdiente Auszeichnung, denn trotz ein paar Übertreibungen hat das Drama doch eine Wahrhaftigkeit, die es über andere vor Fußball-Hintergrund angesiedelte Produktionen heraushebt. Obwohl die Fußballfankultur letztlich in erster Linie als Aufhänger für eine verbotene Liebe von Bedeutung ist, ist es doch schön, dass Drehbuchautor und Regisseur Bernd Schadewald seine Hausaufgaben gemacht hat. Fanszenen in Spielfilmen haben wir schon deutlich stümperhafter inszeniert gesehen. Ich erinnere nur an den unsäglichen „Gegengerade“ (2011), der ebenfalls in der Fanszene des FC St. Pauli angesiedelt war. Als Liebesdrama mit Sozialdrama-Schlagseite ist „Schicksalsspiel“ aller Ehren wert.

Bleibt nur die Frage: Stimmen wir wirklich immer wieder dieselben Gesänge an?

Veröffentlichung: 30. September 2016 als DVD

Länge: 84 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel:
Originaltitel: Schicksalsspiel
D 1993
Regie: Bernd Schadewald
Drehbuch: Bernd Schadewald
Besetzung: Niels-Bruno Schmidt, Nicolette Krebitz, Benno Fürmann, Jürgen Vogel, Steffen Wink, Ilja Jens Goldbach, Stefan Kukofka
Zusatzmaterial: Wendecover
Vertrieb: Studio Hamburg Enterprises

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Packshot: © 2016 Studio Hamburg Enterprises

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