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Alfred Hitchcock (IV): Im Schatten des Zweifels – Joseph Cottens unerreichter Schurke

15 Okt

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Shadow of a Doubt

Von Bianca Mewes

Thriller // Alfred Hitchcock prägte den Satz, ein Thriller sei nur so gut wie sein Bösewicht. Mit der Besetzung von Joseph Cotten in der Rolle des mörderischen Onkels Charlie in „Im Schatten des Zweifels“ zeigt der englische Meisterregisseur ein wunderbares Gespür für die Ausarbeitung eines perfiden, aber dennoch charismatischen Antagonisten.

In der Kleinstadt Santa Rosa lebt die etwas biedere Familie Newton, bestehend aus Vater, Mutter und zwei Töchtern. Die älteste Tochter Charlie (Teresa Wright) freut sich wohl am meisten, als ihr Onkel, der ebenfalls Charlie heißt, seinen Besuch aus New York ankündigt. Die beiden verbindet seit jeher eine Freundschaft und tiefes Vertrauen. Doch irgendwie ist Onkel Charlie diesmal anders als sonst – er zeigt sich mürrisch, launisch und böse. Da entdeckt die junge Charlie einen Zeitungsartikel, der darauf hinweist, dass die Polizei von New York noch immer nach dem mysteriösen Witwenmörder sucht, der die Stadt unsicher macht. Ein Verdacht keimt in ihr auf …

Ein etwas anderes Filmset

„Im Schatten des Zweifels“ entsteht 1942/1943, Amerika ist seit fast zwei Jahren in den Zweiten Weltkrieg involviert. Ungewöhnlich für die damalige Zeit ist das Set des Films: Hitchcock arbeitet am liebsten an Filmsets, die in Studios aufgebaut werden, um gleichbleibende und drehfreundliche Bedingungen zu schaffen – besonders beachtlich ist gut zehn Jahre später das Filmset von „Das Fenster zum Hof“, bei dem er eine gesamte Häuserfront samt Wohnungen aufbauen lässt und damit das bis dato größte Filmset der Filmgeschichte schafft. Da diese Bauten in der Entstehung aber sehr teuer sind und die USA sich im Krieg befinden, wird der Etat von „Im Schatten des Zweifels“ gekürzt und Hitchcock somit gezwungen, an einem „realen“ Drehort zu drehen. So entsteht der Film zum größten Teil tatsächlich in Santa Rosa, die Statisten sind Bewohner des Orts. Der Atmosphäre des Films kommt diese Herangehensweise zugute, atmet der Film doch tatsächlich die Luft der biederen Kleinstadt und seiner Bewohner, die auf den gutsituierten Weltbürger aus New York treffen – die Kluft beider Welten wirkt umso authentischer.

Das im Film verwendete Haus der Familie Newton steht noch heute in Santa Rosa. Eine kleine Anekdote sei hier noch erwähnt: Die damaligen Bewohner des Hauses sind so stolz, dass ihr Haus Teil eines Filmsets werden sollte, dass sie es frisch anstreichen lassen. Als Hitchcock das zu Gesicht bekommt, ist er entsetzt, da das nicht zu der im Film gezeigten Familie und deren finanziellen Situation passt. Kurzerhand lässt er es wieder „schmutzig streichen“ und ist mit dem Ergebnis zufrieden.

Prominenter Drehbuchschreiber: Thornton Wilder

1938 erscheint Thornton Wilders Theaterstück „Unsere kleine Stadt“, das Hitchcock damals sehr schätzt. An dieses Stück erinnert er sich, als er die Idee zu „Im Schatten des Zweifels“ entwickelt. Um die Kleinstadt-Atmosphäre so realistisch wie möglich zu gestalten, fragt er bei Thornton Wilder an, ob dieser bereit sei, das Drehbuch zum Film zu entwickeln. Erfahrung hat Wilder, denn er schrieb bereits das Drehbuch für die Verfilmung von „Unsere kleine Stadt“. Der Film erhielt 1941 sechs Oscar-Nominierungen und großes Kritikerlob.

Wilder will den Auftrag zunächst nur wegen der verlockend hohen Gage annehmen. Nach dem ersten Treffen mit Hitchcock allerdings ist der Dramatiker so von dem Projekt überzeugt, dass der künstlerische Aspekt der ausschlaggebende Punkt in seiner Entscheidungsfindung wird. Ebenfalls am Drehbuch beteiligt ist Patricia Collinge, die Mrs. Newton in dem Film spielt. Als langjährige Theaterautorin bringt sie große Erfahrung mit und schreibt unter anderem eine Liebesszene zwischen Tochter Charlie und dem Polizisten Graham. Sie wie auch die vier weiteren am Drehbuch beteiligten Schreiber (wie immer auch Hitchcocks Frau Alma) werden im Abspann aber nicht erwähnt.

Hitchcocks hybrider Lieblingsfilm

In den Gesprächen mit François Truffaut bezeichnet Hitchcock „Im Schatten des Zweifels“ als seinen Lieblingsfilm. Was ihn – und die Fans des Films – bis heute so fasziniert, ist die Tatsache, dass es Hitchcock hier gelungen ist, eine spannende Geschichte mit einer feinen Charakterzeichnung zu kombinieren. Obwohl er der Antagonist des Films ist, erscheint Onkel Charlie nicht nur böse. Nein, er ist gutaussehend, gebildet, charmant und undurchsichtig. Ja, faszinierend. Und das ist 1942 tatsächlich neu.

Hitchcock gelingt mit „Im Schatten des Zweifels“ darüber hinaus ein sehr früher „Hybrid“: Der Film beginnt schon fast als Komödie, so liebevoll grotesk und bieder wird die Familie Newton gezeichnet. Wortwitz und Klischees werden pointiert miteinander verwoben, sodass man mehr als einmal schmunzeln, wenn nicht sogar herzhaft lachen muss. Dann entwickelt sich der Film zum Thriller – dies dank Cottens hervorragender Darstellung des zunehmend bösartigen Onkels Charlie –, um am Ende in ein Drama zu münden. Durchwoben ist „Im Schatten des Zweifels“ zudem von einer „Coming of Age“-Nuance, die durch die Figur der Tochter Charlie personifiziert wird.

Hitchcocks frühe Muse

Zu seiner Hauptdarstellerin Teresa Wright hatte Hitchcock während des Drehs eine sehr herzliche Beziehung. Zwar war seine erste Muse Ingrid Bergmann, mit der er insgesamt drei Filme dreht, aber mit Teresa Wright verbindet ihn etwas Vertrauensvolles – wie später auch mit Janet Leigh. Mit beiden wird er aber nur einen einzigen Film drehen. Hitchcock bewundert Wright für ihre Professionalität und ihr Talent. Sie ist bestens vorbereitet und spielt ihre Figur mit damals eher unüblichem Understatement. Zudem ist sie immer freundlich und geduldig, zeigt nie divenhaftes Verhalten oder Koketterie. Das schätzt der Regisseur sehr.

Wright gilt Anfang der 40er-Jahre als eine der hoffnungsvollsten Schauspielerinnen ihrer Zeit, wird 1942 als beste Nebendarstellerin in „Die kleinen Füchse“ Oscar-nominiert und gewinnt ein Jahr nach „Im Schatten des Zweifels“ den Oscar als beste Nebendarstellerin für ihre Darstellung in „Mr. Miniver“, wobei sie in diesem Jahr gleichzeitig als beste Hauptdarstellerin in „Der große Wurf“ ins Rennen geht. Weitere wunderbare Rollen bekleidet sie in „Die besten Jahre unseres Lebens“ (1946) und in „Die Männer“ (1950). Doch Wright lehnt das Studiosystem mit seinen Knebelverträgen ab, was zum Bruch mit ihrem Förderer Samuel Goldwyn (Inhaber des Studios MGM) und zum Ende ihrer Karriere führt. Die guten Rollen bleiben aus und werden an Stars vergeben, die sich den Studios mittels mehrjährigen Verträgen verpflichten. Freischaffende Künstler (die bekannteste wird ein paar Jahre später Bette Davis sein) haben es in den frühen 40er-Jahren schwer. Zwischen 1950 und 1997 spielt Teresa Wright nur noch in neun Filmen, darunter in Francis Ford Coppolas „Der Regenmacher“.

„Im Schatten des Zweifels“ ist ein unterbewerteter Hitchcock-Thriller, der in den Bestenlisten nie weit oben auftaucht, wenn er überhaupt genannt wird – zu Unrecht, wie ich finde. Denn wie immer bietet auch dieser Hitchcock-Klassiker viele Details, die es zu entdecken lohnt. Doppelungen, Verführungen, wunderbare Requisiten, die im Verlauf des Films an Wichtigkeit zunehmen, sich bis auf die Spitze aufbauende Spannung, der Hitchcocksche Humor, der sich zumeist in den Beziehungen der Menschen untereinander wiederfindet, Hitchcocks Cameo-Auftritt und einer der besten und charismatischsten Bösewichte der Filmgeschichte. Zudem besticht der Film mit wunderbar zurückgenommenem Spiel, das zu jener Zeit eher unüblich ist. 1991 wird „Im Schatten des Zweifels“ in die „National Film Registry“ aufgenommen, ein Verzeichnis amerikanischer Filme, die als besonders erhaltenswert angesehen werden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Alfred Hitchcock sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 5. September 2013 als Blu-ray, 5. Juni 2008 als DVD (im Doppelpack mit „Psycho“), 9. November 2006 als DVD

Länge: 108 Min. (Blu-ray), 104 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch u. a.
Originaltitel: Shadow of a Doubt
USA 1943
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Thornton Wilder, Sally Benson, Alma Reville
Besetzung: Teresa Wright, Joseph Cotten, Macdonald Carey, Henry Travers, Hume Cronyn, Wallace Ford, Clarence Muse
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2016 by Bianca Mewes

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Packshots: © Universal Pictures Germany GmbH

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2 Antworten zu “Alfred Hitchcock (IV): Im Schatten des Zweifels – Joseph Cottens unerreichter Schurke

  1. Bette Davis left the Bookshop

    2016/10/15 at 14:50

    Diesen Film sehe ich immer wieder sehr gerne. Stimmt, er hat Schwächen, aber die wiegen für mich nicht so schwer, als dass ich das Gesamtwerk nicht schätzen könnte und mich nicht bestens unterhalten fühlte.

     
  2. JAH

    2016/10/15 at 12:35

    Shadow of a Doubt ist schon in vielen Dingen sehr interessant, die „Genremischung“ hast du ja bereits gut beschrieben, aber für die große Klasse reicht es mir nicht. Da ist diese Peinlichkeit, dieselbe wie in Sabotage, vom jungen Polizisten, der sich an das junge Mädchen ranmacht, das in einen charismatischen Kriminellen verliebt ist. Der Polizist hat in beiden Fällen so etwas schleimig-höfliches ohne Kanten und ohne Charme.
    Das fröhliche Ende, in dem sie dann zusammengefunden haben, ist mir jedes Mal wahnsinnig unangenehm.

     

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