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Das Geheimnis der Frau in Weiß – Psychothriller im Horrorfilm-Gewand

26 Okt

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The Woman in White

Von Ansgar Skulme

Psychothriller // Das nordwestliche England in den 1840er-Jahren: Der Zeichenlehrer Walter Hartright (Gig Young) wurde engagiert, um im Anwesen Limmeridge House, das sich in Cumberland befindet, zu unterrichten. Eigentlich ein ganz normaler Job, wie es scheint, gut bezahlt noch dazu. Da das teure Grundstück etwas abseits der Ortschaft liegt, muss Hartright den letzten Stück des Weges zu seinem neuen Arbeitsplatz des Nachts zu Fuß hinter sich bringen. Dabei begegnet ihm eine sich ausgesprochen seltsam verhaltende, verwirrt scheinende Frau (Eleanor Parker) mit erschöpftem und verängstigtem Gesicht, die in einen sonderbaren weißen Umhang mit Kapuze gehüllt ist. Ehe Hartright klären kann, was es wirklich mit ihr auf sich hat, ist sie schon wieder verschwunden. In Limmeridge House jedoch werden die mysteriösen Gestalten nicht weniger und plötzlich wird über Nacht auch noch das Personal ausgetauscht.

Der Roman „The Woman in White“ von Wilkie Collins gilt als einer der ersten modernen Stoffe, in denen sich eine Hauptfigur als (Gelegenheits-)Detektiv betätigt und schließlich den Täter ermittelt, wenn nicht als der erste seiner Art, der das heute durch Figuren wie Sherlock Holmes so beliebte Genre begründete. Er wurde 1859/60 in dem von Charles Dickens (!) gerade erst gegründeten Magazin „All the Year Round“ als Serial in Großbritannien veröffentlicht, gelangte als solches Serial in dem Magazin „Harper’s Weekly“ auch in die USA und wurde 1860 zudem sogleich in Buchform herausgebracht – über 25 Jahre bevor der berühmte Holmes das Licht der Literaturwelt erblickte. Bereits zu Stummfilmzeiten gab es mehrere Adaptionen, 1940 folgte ein erster Tonfilm unter dem Titel „Crimes at the Dark House“ – erneut zunächst eine britische Produktion. Im Jahre 1946 schließlich ließen die Warner Brothers den ersten US-Tonfilm produzieren, der sich der Geschichte annahm. Die Dreharbeiten endeten im Februar 1947, doch veröffentlicht wurde der Film erst im folgenden Jahr. Stilistisch bewegt sich das Werk im Windschatten der seinerzeit ausgesprochen populären Universal-Horrorfilme – das Set erinnert beispielsweise stark an Tod Brownings „Dracula“ (1931) und die Frau in Weiß zeigt deutliche Parallelen zu Vampir-Damen wie in MGMs „Das Zeichen des Vampirs“ (1935). „Das Geheimnis der Frau in Weiß“ ging nur wenige Monate nach Warners einzigem Horrorfilm der 40er-Jahre in Produktion, der sich mit der Konkurrenz von Universal allerdings absolut messen konnte: „Die Bestie mit den fünf Fingern“ (1946), in dem ein meisterlicher Peter Lorre seine letzte Rolle für Warner nach einer langen Ära spielte.

Sydney Greenstreet zeigt es allen

In neun seiner Filme bei Warner war Lorre, beginnend mit „Die Spur des Falken“ (1941), an der Seite von Sydney Greenstreet zu sehen, einem anderen Vertragsschauspieler des Studios, der in jenem berühmten Film noir 61-jährig sein Filmdebüt gab und bis 1949 beinahe sämtliche seiner insgesamt 24 Filme für Warner drehte. „Das Geheimnis der Frau in Weiß“ musste zwar ohne Peter Lorre auskommen, hatte dafür aber eben jenen Sydney Greenstreet als diabolischen Graf Fosco im Portfolio. Greenstreet verfügte über reichlich Selbstironie und ein breites schauspielerisches Repertoire. Er konnte sich lustig, unbedarft, aber auch düster geben und war einer, der sich innerhalb seiner Rollen zuweilen sogar selbst offensiv als „fett“ bezeichnete, jahrzehntelang auf der Bühne Erfahrung gesammelt hatte und nun beim Film im hohen Alter zeigte, wie man Szenen binnen Sekunden an sich reißen kann. Er soll ein optisches Vorbild für die populäre Star-Wars-Figur Jabba the Hutt gewesen sein und besticht im vorliegenden Film des Öfteren mit weit aufgerissenen Augen, die das pure Böse hinter der gemütlich wirkenden Fassade zum Vorschein bringen: ein ruhiges Gesicht mit nach unten gezogenen Mundwinkeln, in dem sich nur die Augen, hellwach und von aufgeschreckter Aufmerksamkeit gezeichnet, plötzlich zur Seite bewegen, einen unliebsamen Gegenspieler fokussieren, der ihm auf die Schliche zu kommen droht, und diesen Widersacher förmlich mit Blicken töten. Mit körperlich ruhigen, unaufgeregten, aber gleichzeitig höchst intensiven schauspielerischen Momenten dieser Art, in denen ein kleiner Teil des Gesichts alle Aufmerksamkeit generiert, zeigt Greenstreet nicht nur, welche Macht allein die Augen bei der Darstellung, speziell im Gruselfilm, haben, er stellt auch recht klar die lange schauspielerische Tradition einer solchen Verkörperung von diabolischer Bedrohlichkeit zur Schau. Das ist so gut, dass es gewissermaßen gleichzeitig auch selbstreflexiv und eine Hommage an die Schauspieltradition an sich ist. Schon in der ersten Einstellung, die ihn zeigt, ist klar, dass dieser Kerl nichts Gutes im Schilde führt. Trotzdem bleibt das Werk über mehr als eineinhalb Stunden spannend.

Dramaturgisch clever

Im Mittelteil des Films findet sich außerdem ein recht genialer dramaturgischer Schachzug, der die weiblichen Charaktere plötzlich zunehmend auf sich allein stellt. Die Idee, den zu Beginn als Hauptfigur und Erzähler eingeführten Hartright plötzlich aus der Geschichte zu nehmen, sodass unklar bleibt, ob er gen Ende noch einmal auftauchen wird oder nicht und welche Rolle er wirklich spielt, gibt dem Film einen interessanten doppelten Boden. So wie innerhalb der Story psychologische Spielchen mit mehreren Figuren getrieben werden, fühlt man sich auch als Zuschauer plötzlich ziemlich alleingelassen und verunsichert, da die stärkste Identifikationsfigur auf einmal weg ist. Ein solcher dramaturgischer Kniff ist für das klassische Hollywood eher untypisch und wirkt sich auf den Film sehr bereichernd aus. So ist das Werk auch ganz ohne übernatürliche Elemente oder brachiale Gewaltdarstellungen phasenweise nervenzehrend genug, dass man es durchaus als Horrorfilm verstehen kann. Der verrückten, geisteskranken Figuren gibt es zudem immerhin gleich mehrere. Da das psychologische Brechen der Menschen hier aber ganz oben auf dem Programm steht, ist „Das Geheimnis der Frau in Weiß“ in erster Linie trotzdem ein Psychothriller – und dafür ein recht exemplarisches, frühes Beispiel. Ferner punktet der Film mit angenehm altmodisch wirkender Musik, die die Story glaubhaft Mitte des 19. Jahrhunderts verortet und zudem wie ein mysteriöser Schleier traumtänzerisch über der ohnehin schon spannenden und gruseligen Geschichte schwebt.

Gut abgestimmte Besetzung

Aus dem Darstellerensemble stechen, neben Sydney Greenstreet als Graf Fosco und Eleanor Parker in der Titelrolle, vor allem Agnes Moorehead in der Rolle von Foscos Ehefrau und John Abbott als steinreicher Waschlappen Sir Frederick Fairlie hervor. Auch dabei: der Berliner Schauspieler Curt Bois, der während des Zweiten Weltkriegs in den USA zu den sogenannten Exilanten beim Film gehörte, in der Rolle von Fairlies persönlichem Diener. Freude macht zudem das Wiedersehen mit Edgar Norton, der eine seiner bekanntesten Rollen in „Frankensteins Sohn“ (1939) gespielt hatte, wo er einen richtungsweisenden Prototyp des Hausdieners verkörperte. Die Rolle des Butlers spielte er häufig, beispielsweise auch in einem weiteren großen Horrorklassiker: „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ (1931).

„Das Geheimnis der Frau in Weiß“ wurde durch die späte Veröffentlichung Edgar Nortons letzter Film einer langen Karriere. Selbst diesen kleinen Part des Nachtwächters im Irrenhaus vermochte der mittlerweile fast 80 Jahre alte Mime mittels eines höchst eigentümlichen, beinahe hopsenden Laufschritts zu einem großen Spaß mit Wiedererkennungswert werden zu lassen. Lediglich Gig Young wirkt als Walter Hartright leider etwas blass. Hier ist allerdings hinzuzufügen, dass gerade diese Tatsache den im vorausgegangenen Abschnitt beschriebenen Effekt, dass der Zuschauer sich ziemlich alleingelassen fühlen kann und verunsichert wird, sogar noch verstärkt. Möglicherweise wurde der eher bieder anmutende Young mit voller Absicht besetzt, die Schwächen einkalkulierend – eben kein souveräner Held, bei dem man ganz genau weiß, dass er es am Ende sowieso richten wird. Auf souveräne Helden zu verzichten war zudem ein typisches Merkmal des (Universal-)Horrorfilms – eine weitere Parallele dieses Films zum Genre. Zwar gab es auch im Universal-Horrorfilm natürlich diverse Strahlemänner, die den Heldenpart de facto erst einmal innehatten, aber den eigentlichen Stars – den Monstern – offenkundig nicht gewachsen waren. Soll heißen: Auf sie bauen konnte man als Zuschauer nicht. Paradebeispiel: Dracula wurde am Ende von einem alten Professor namens Van Helsing erledigt und nicht von John Harker; auch wenn dem schauspielerisch blutleeren David Manners in der Version von 1931 sicherlich die Aufgabe zukam, so etwas wie der Hingucker zu sein, war er nicht der Held, der am Ende die Ordnung wiederherstellt. In dieser Tradition bewegt sich letztlich auch Gig Young in „Das Geheimnis der Frau in Weiß“ bis hin zum Finale, bei dem so mancher einen Moment zu spät kommt.

Häufig verfilmter Stoff

Im Fernsehen wurde „The Woman in White“ in den folgenden 50 Jahren noch etliche Male neu aufgelegt. In Frankreich machte man den Stoff 1970 zu einer 13-teiligen Serie, in Großbritannien entstanden zudem gleich zwei Miniserien mit sechs bzw. fünf Episoden – erstmalig ausgestrahlt 1966 und 1982 –, eine weitere Miniserie realisierte man in Italien (1980) und auch in Deutschland ließ man sich nicht lumpen und legte 1971 den WDR-Dreiteiler „Die Frau in Weiß“ vor, der hierzulande von Studio Hamburg Enterprises in der zehnten Box der „Straßenfeger“-Collection auch bereits auf DVD veröffentlicht worden ist. Eric Pohlmann durfte sogar gleich zweimal in die Fußstapfen von Sydney Greenstreet treten, spielte den Grafen Fosco nicht nur in der deutschen Adaption, sondern auch schon 1957 in einer Episode der britischen Reihe „Hour of Mystery“, die „The Woman in White“ in Kurzform präsentierte. In den USA entstand nach dem vorliegenden Film aus den 40er-Jahren allerdings nur noch eine Version. Diese Adaption zeigte 1960 Walter Slezak in der Rolle des Grafen – es handelt sich um eine Folge der Reihe „Dow Hour of Great Mysteries“. Die bisher letzte Verfilmung stellt ein zweiteiliger britischer TV-Film von 1997 dar, die Version von 1948 blieb allerdings der bisher letzte für das Kino entstandene Film.

Deutschland spät dran, die USA jedoch auch

In Deutschland allerdings hatte „Das Geheimnis der Frau in Weiß“ keinen regulären Kinostart, sondern wurde erst einige Jahrzehnte später in München synchronisiert und in dieser Version dann im Fernsehen gezeigt. Dahingehend teilt sich der Film ein Schicksal mit sehr vielen wirklich guten, teils Kultstatus innehabenden 30er- und 40er-Produktionen aus Hollywood, die dem Horrorsektor zuzuordnen oder zumindest damit verwandt sind. Irgendwann kamen einige, wenn auch nicht die meisten dieser Filme nach Deutschland, wurden auch synchronisiert, aber eben erst sehr spät. Und die allermeisten davon kamen gar nicht erst ins Kino, sondern feierten TV-Premieren oder starteten direkt auf DVD. Diese Problematik betrifft jedoch auch andere Genres. So verwundert es wenig, dass fast alle Filme mit Sydney Greenstreet, die in den USA von 1941 bis 1949 starteten, in Deutschland entweder erst nach langer Zeit erstmalig synchronisiert wurden oder aber aus verschiedenen Gründen noch ein zweites Mal synchronisiert wurden, dann auf Kosten der älteren Synchronisation. Mit Ausnahme von Greenstreets letztem Film „Malaya“ (1949), der nur wenige Jahre später eine deutsche Fassung erhielt, gibt es nicht einen Film mit ihm, der (heute noch) in einer zeitgenössischen deutschen Synchronfassung für die Allgemeinheit verfügbar ist – selbst wenn man „zeitgenössisch“ so großzügig definiert, dass circa zehn Jahre verspätet erstellte Versionen noch dazu zählen. Schade! So entging dem deutschen Publikum lange Zeit einer der besten Gruselfilme, die im Hause Warner in den 30er- bis 50er-Jahren entstanden sind: „Das Geheimnis der Frau in Weiß“. Kleiner Trost: Mit Alf Marholm hält die deutsche Version immerhin seinen wohl passendsten Sprecher bereit. Er synchronisierte Greenstreet auch in der Eric-Ambler-Adaption „Die Maske des Dimitrios“ (1944), der heute geläufigen Synchronisation von „Konflikt“ (1945) sowie in dem ursprünglich als Fortsetzung zu „Die Spur des Falken“ konzipierten „Drei Fremde“ (1946). Marholm spielte vor der Kamera kurioserweise auch eine Nebenrolle in der bereits besagten dreiteiligen deutschen Version von „The Woman in White“ aus dem Jahre 1971, die schon allein deswegen einen Blick lohnt, weil der berühmte Regisseur Helmut Käutner hier als Schauspieler zu sehen ist: in der dankbaren Rolle des Sir Frederick Fairlie. Immerhin: Hoffnung, dass neben dieser bereits veröffentlichten deutschen Adaption des Stoffs auch eine deutsche DVD von „Das Geheimnis der Frau in Weiß“ erscheint, darf man sich durchaus berechtigt machen, da der Film selbst in den USA erst am 10. März 2016, im Rahmen der Warner Archive Collection, zum ersten Mal auf DVD veröffentlicht wurde.

Veröffentlichung (USA): 10. März 2016 als DVD

Länge: 109 Min. (Kino)
Altersfreigabe: FSK unbekannt
Originaltitel: The Woman in White
USA 1948
Regie: Peter Godfrey
Drehbuch: Steven Morehouse Avery, nach einem Roman von Wilkie Collins
Besetzung: Alexis Smith, Eleanor Parker, Sydney Greenstreet, Gig Young, Agnes Moorehead, John Abbott, John Emery, Curt Bois, Emma Dunn, Matthew Boulton
Verleih: Warner Archive Collection

Copyright 2016 by Ansgar Skulme

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Filmplakat: Fair Use, Packshot: © 2016 Warner Archive Collection

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