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Cherry Falls – Sex oder stirb: Ein Opfer widriger Umstände

27 Okt

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Cherry Falls

Von Andreas Eckenfels

Horror // Mitte der 1990er-Jahre kam es zu einer Renaissance des Slasher-Films: Im Fahrwasser des Erfolgs der „Scream“-Reihe wetzten zahlreiche maskierte Killer ihre Messer und suchten hilflose Teenager heim, die sie blutig um die Ecke bringen konnten. Und wer überlebte nach der üblichen Formel am Ende? Genau: das „Final Girl“, eine tapfere Heldin, die sich meist dadurch auszeichnete, dass sie keusch geblieben ist und sich ihre Jungfräulichkeit brav bewahrt hat.

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Jody hat ihren Freund Kenny noch nicht rangelassen

Doch 2000 kam mit „Cherry Falls“ ein Film, der diese häufig durchgekaute Prämisse gewitzt umkehrte und dessen deutscher Titel die Handlung reißerisch auf den Punkt brachte: Sex oder stirb! Denn der Killer, der im passend benannten Städtchen Cherry Falls sein Unwesen treibt, hat es offenbar nur auf Jungfrauen abgesehen. Während also der örtliche Sheriff Maken (Michael Biehn) auf Mörderjagd geht, beschließen seine Tochter Jody (Brittany Murphy) und die anderen Teenager der Stadt, dass es nur einen Schutz vor der Ermordung gibt: Sie müssen Sex haben, um zu überleben.

Killer stört Sex-Orgie unter Teenies

Diese ironischen Spitzen auf das Slasher-Genre in „Cherry Falls – Sex oder stirb“ würdigte man seinerzeit: Der Australier Geoffrey Wright („Romper Stomper“) wurde beim Sitges Film Festival 2000 mit dem Regiepreis geehrt. Es amüsiert noch heute. Wenn Sheriff Maken seine Tochter hoffnungsvoll fragt, ob sie schon mit ihrem Freund Kenny (Gabriel Mann) geschlafen habe, ist das durchaus ungewohnt und überraschend. Dazu hat das Finale auch noch eine Sex-Orgie unter den Schülern zu bieten. Da alle das gleiche Ziel haben, nehmen die cleveren Damen die Macht über ihren Körper selbst in die Hand. Sie bringen die schüchternen Jungs dazu, ihnen Geschenke zu versprechen, die sie im Gegenzug für den Sex erhalten. Natürlich stört am Ende der Killer das Massen-Techtelmechtel, was zu einem ordentlichen Blutbad führt.

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Jody und Kumpel Timmy lauschen beim Elternabend und erfahren, auf welche Art von Opfern es der Killer abgesehen hat: Jungfrauen!

So eine Offenheit war man von den durchkalkulierten Hollywood-Schlitzern wie „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“ (1997) und „Düstere Legenden“ (1998) nicht gewohnt, die ernst und konservativ daherkamen. Genau diese unbekümmerte Art sollte auch zur Mythenbildung des Films beitragen. Zuletzt drehte übrigens der großartige „It Follows“ (2014) die Verhältnisse der Formel „Sex führt zum Tod“ ebenfalls um.

Ins US-TV verbannt

Als „Cherry Falls – Sex oder stirb“ am 26. Oktober 2000 in den deutschen Kinos anlief, war schon bekannt, dass Wrights US-Debüt nichts Gutes widerfahren war: Es hieß, der Slasher sei heftig verstümmelt worden, nur bei einer Testvorführung in den USA sei der Film ungekürzt gelaufen. Dabei führten mehrere Faktoren zu den extremen Kürzungen: Die Produktionsfirma Rogue Pictures wurde von Polygram an die Universal Studios verkauft. Die neuen Eigentümer hatten keine Lust darauf, dass ihr erster Kinofilm in den Blickpunkt einer zu dieser Zeit landesweit geführten Debatte rückte, für die er prädestiniert erschien: Im US-Senat wurde das Thema „Sex und Gewalt in Filmen und die Auswirkungen auf Jugendliche“ heftig diskutiert. Um Negativschlagzeilen zu verhindern, beschlossen die neuen Studiobosse, den Film so gut es ging aus dem Verkehr zu ziehen.Wenige Wochen vor dem offziellen Start in den USA wurde beschlossen, dass der Film nicht im Kino, sondern nur im US-TV seine Premiere feiern sollte. Wie die Produzentin Marschall Persinger im Bonusmaterial berichtet, wurde der Slasher mit einem Budget von 14 Millionen US-Dollar somit zu einem der teuersten Fernsehfilme aller Zeiten.

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Die Teenager aus Cherry Falls reagieren zunächst besorgt …

Ein Grund für die TV-Ausstrahlungen war auch, dass die amerikanische Filmfreigabestelle MPAA etliche Szenen beanstandete, die am Ende der Schere zum Opfer fielen. Wie Wright im Audiokommentar berichtet, waren etliche Morde in ihrer ursprünglichen Form wesentlich blutiger und auch die Sex-Orgie um einiges freizügiger. Viele Detailaufnahmen der Kills fehlen und es gibt lediglich Blümchensex unter den Teenies zu sehen – ganz ohne nackte Tatsachen. Besonders bei dem Rückblick, der die dunkle Hintergrundgeschichte erzählt, sei einiges an Material herausgeschnitten worden. In dieser entschärften Fassung kam der Slasher auf den weltweiten Markt.

Wo sind die fehlenden Schnipsel?

Als der US-Distributor „Shout! Factory“ die Blu-ray von „Cherry Falls – Sex oder stirb“ ankündigte, war somit die Hoffnung der Horrorgemeinde groß, dass endlich die ungekürzte Fassung des Slashers veröffentlicht werden würde. Schließlich hatte das Filmlabel das Unmögliche unter anderem bereits bei Clive Barkers „Cabal – Die Brut der Nacht“ („Nightbreed“) und aktuell bei William Peter Blattys „Der Exorzist III“ möglich gemacht.

Doch die Fans wurden enttäuscht: So sehr sich „Shout! Factory“ bemühte, die fehlenden Schnipsel konnten nicht aufgetrieben werden. Schön, dass wenigstens das teilweise eigenproduzierte und hochwertige Bonusmaterial der US-Horrorexperten auch auf der deutschen Scheibe von Koch Films zu finden ist. Darin ist auch zu erfahren, dass anfangs keinem Geringeren als David Lynch der Regiejob angeboten worden war.

Mit der Entstehungsgeschichte des Slashers im Hinterkopf merkt man dem Film an, dass er nicht nur in den Gewaltspitzen und den Sexszenen, sondern auch in der Handlung etwas zerstückelt zusammengesetzt wirkt. Dennoch wird mit Blut nicht gespart und die subversiven Untertöne wirken für das Genre immer noch erfrischend. Die viel zu früh verstorbene Brittany Murphy (1977–2009) ist hinreißend als Final Girl. Hier sei speziell auf die wunderbar gespielte Fußfetisch-Szene hingewiesen, in der sie ihren Freund mit ihren Verführungskünsten ganz schön unter Druck setzt. Michael Biehn („Terminator“) ist in Genreproduktionen sowieso ein gern gesehener Darsteller. Wie er im Interview ausführt, hatte er das Drehbuch bereits nach 15 Seiten weggelegt, weil er den Film für einen herkömmlichen Slasher hielt. Sein Agent riet ihm, weiterzulesen – daraufhin sagte Biehn für die Rolle des Sheriffs zu. Eine gute Entscheidung.

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… doch sie beschließen, dass sie nur eine Sache schützen kann: Sex!

„Cherry Falls – Sex oder stirb“ wurde seinerzeit leider ein Opfer widriger Umstände. Wahrscheinlich wäre er in der heutigen Zeit, in der Sex und Gewalt etwa in HBO-Serien sogar als Gütesiegel angesehen wird, besser aufgehoben gewesen. Hoffentlich kommt es eines Tages so, wie Wright es vorausgesagt hat: Der Regisseur geht davon aus, dass kein Studio gefilmtes Material verliert – es muss also nur gefunden werden. Dann könnten wir den Slasher endlich in seiner vollen Pracht erleben.

Veröffentlichung: 27. Oktober 2016 als Blu-ray und DVD

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Cherry Falls
USA 2000
Regie: Geoffrey Wright
Drehbuch: Ken Selden
Besetzung: Brittany Murphy, Michael Biehn, Jay Mohr, Amanda Anka, Jesse Bradford, DJ Qualls, Candy Clark, Joe Inscoe, Gabriel Mann, Michael Weston
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Geoffrey Wright, Featurette „Lose it or die“, Featurette „Cherry Falls Deputy Mina“, Interviews, Behind-the-Scenes-Featurette, Bildergalerie
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2016 Koch Films

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