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David Cronenberg (VII): Die Fliege – Bäh, Igitt, großartig

27 Okt

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The Fly

Von Matthias Holm

SF-Horror // Laut dem „Lexikon der Filmbegriffe“ der Universität Kiel definiert sich der Body-Horror durch „die radikale, in der Regel destruktive Veränderung des (fast immer menschlichen) Körpers“. In diesem Subgenre war und ist David Cronenberg ein absoluter Meister – das bewies er schon 1981 mit „Scanners – Ihre Gedanken können töten“. Fünf Jahre später sollte Cronenberg dies mit einem Remake sogar auf die Spitze treiben.

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Der Teleportations-Selbstversuch …

Seth Brundle (Jeff Goldblum) scheint vor einem wahren wissenschaftlichen Durchbruch zu stehen – er hat einen Teleporter gebaut, der sogar funktioniert. Die Journalistin Veronica (Geena Davis) ist von der Maschine begeistert – und von ihrem Erfinder. Allerdings macht Veronicas Ex Stathis (John Getz) ihr immer noch Avancen. An einem feucht-fröhlichen Abend überschreitet Seth eine Grenze – im Selbstversuch steigt er in seine Erfindung. Was er nicht bemerkt: Eine Fliege hat sich mit ihm in die Teleportationskammer verirrt. Vermeintlich unverändert entsteigt Seth der zweiten Kammer des Geräts, doch bald bemerkt der Wissenschaftler, dass sich sein Körper langsam verändert.

„Wo bleibt der Horror?“

Es ist bemerkenswert, wie Cronenberg die Klaviatur des Schreckens beherrscht. Nach einiger Zeit während der Sichtung wurde ich gefragt, warum der Film denn unter dem Genre Horror liefe. „Abwarten“, war meine Antwort. Gegen Ende war dann klar, weswegen der Film auch bis heute noch schockiert. Aber der Reihe nach.

Der Zuschauer wird direkt in den Film geschmissen. Sofort sieht man die beiden Protagonisten in einem Gespräch, innerhalb kürzester Zeit werden die Figuren charakterisiert. So kann sich Cronenberg voll und ganz darauf konzentrieren, das Verhältnis der beiden zu vertiefen, sie wachsen dem Zuschauer ans Herz

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… hat fatale Folgen …

Umso tiefer dann der Fall, wenn sich das Grauen in den Film schleicht. Erst fühlt sich Seth großartig, er fühlt sich wie neu. Schon hier zeigt sich ein Element des Body-Horrors – beim Teleportieren wird der Wissenschaftler nämlich in alle Einzelteile zerlegt und wieder zusammengesetzt. Was für Brundle vorerst einen Reinigungsprozess darstellt, ist für die Zuschauer bereits der erste Schritt in seinen Untergang.

Verwandlung des Grauens

Ab diesem Punkt kann Cronenberg komplett aufdrehen. Seth Brundles Verwandlung zur „Brundlefly“ ist bis heute beispiellos. Die Arbeit, die in die praktischen Effekte gegangen ist, zahlt sich auch heute noch aus, gerade die Entfernung einzelner Körperteile wirkt fast schon grotesk im Grauen. Für ihr Make-up erhielten Chris Walas und Stephan Dupuis dann auch folgerichtig den Oscar, Walas durfte drei Jahre später die Fortsetzung inszenieren.

Darüber hinaus bewegt sich das Grauen auf einer weiteren Ebene: Die Beziehung, die Veronica und Seth aufgebaut haben, wird durch das Experiment komplett zerstört, sie will am Ende gar alles von ihm von sich weisen – im wahrsten Sinne des Wortes. Manie bei der Arbeit als Untergang einer Beziehung.

Hinfort mit Hemmungen – und Körperteilen!

Im Finale fällt die menschliche Hülle von der „Brundlefly“ und damit auch jegliche verbliebene Hemmung von Cronenberg. Weggeätzte Körperteile, menschliche Überreste – kein Wunder, dass die ungekürzte Fassung hierzulande eine Freigabe ab 18 Jahren hat. Das ist alles enorm widerlich und eklig – aber eben auch faszinierend. Am Ende gibt es auch keine Extrawurst für die Überlebenden. Wo in heutigen Filmen immer noch ein Epilog hinterhergeschoben wird, werden nach dem finalen Stoß in „Die Fliege“ sofort die Credits eingeblendet. Ekelhaft, abstoßend – grandios.

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… und gebiert ein Monster

Remakes werden oft kritisiert – vielfach zu Recht. Was David Cronenberg jedoch aus Kurt Neumanns 1958er-Klassiker mit Vincent Price gemacht hat, verdient höchstes Lob. Ein meisterhaftes, ganz eigenständiges und verstörendes Werk.

David Cronenberg bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Parasiten-Mörder (1975, geplant)
Die Brut (1979)
Scanners – Ihre Gedanken können töten (1981)
Dead Zone (1983)
Die Fliege (1986)
Naked Lunch (1991, geplant)
Crash (1996)
eXistenZ (1999, geplant)
Spider (2002)
A History of Violence (2005, geplant)
Maps to the Stars (2014)

Veröffentlichung: 30. Mai 2008 als Blu-ray, 19. September 2005 als DVD

Länge: 95 Min. (Blu-ray), 92 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Fly
USA/GB/KAN 1986
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: Charles Edward Pogue, David Cronenberg, nach einer Kurzgeschichte von George Langelaan
Besetzung: Jeff Goldblum, Geena Davis, John Getz, Leslie Carlson, George Chuvalo, Joy Boushel, David Cronenberg
Zusatzmaterial Blu-ray: Audiokommentare, Trivia Track, Making-of, Branching Clips, The Brundle Museum of Natural History, unveröffentlichte Szenen, erweiterte Szenen, Test Filmmaterial, geschriebenes Material, Promotion-Material, Bildergalerie, Easter Eggs
Zusatzmaterial DVD: Hinter den Kulissen, Interviews, Original Kinotrailer
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2016 by Matthias Holm

Die_Fliege-UK-Box

Englische Ultimate Collector’s Edition inklusive Original und Sequels

Fotos & Packshots: © Twentieth Century Fox Home Entertainment

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