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Alfred Hitchcock (VI): Die Vögel – Das Grauen aus dem Unbewussten

28 Okt

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The Birds

Von Sven Wedekin

Horror // Gruselfilme, die keine Erklärung für das mysteriöse Geschehen liefern, mit denen die Charaktere konfrontiert werden, haben auf das Publikum schon immer eine besondere Faszination ausgeübt. Wenn man nicht weiß, woher und warum das Grauen in das scheinbar geordnete Alltagsleben einbricht, erzeugt dies beim Zuschauer ein unbewusstes Gefühl der Angst. Eine Bedrohung wirkt eben doppelt gefährlich, wenn man keine Ahnung hat, woher sie kommt oder was sie ausgelöst hat.

Einem Klassiker des Horrorkinos ist es gelungen, besonders tief in das kollektive Bewusstsein und Unterbewusstsein einzudringen, da er ein Szenario zeigt, welches nicht nur unerklärlich, sondern gleichzeitig völlig unwahrscheinlich und gerade deshalb umso gruseliger ist: In Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ von 1963 fallen tausende Möwen, Raben, Krähen und sogar Spatzen über ein kalifornisches Küstenstädtchen her, welches so idyllisch erscheint, dass es sich niemand als Schauplatz einer Naturkatastrophe der unheimlichen Art vorstellen könnte.

Etwas wird geschehen …

Es gibt wohl niemanden, der die Story von einem der bekanntesten Filme des britischen Meisters des Suspense nicht kennt. In „Die Vögel“ zeigt er sich auf der Höhe seiner Kunst. Langsam, aber stetig baut er eine Spannung auf, die auf den Zuschauer eine fast schon hypnotische Wirkung hat. Jeder im Kino weiß, dass etwas Schlimmes passieren wird, aber niemand weiß, was und wann. Und zu allem Überfluss weiß auch niemand, warum.

Bis die dramatischen Ereignisse in Gang kommen, vergeht eine fast schon quälend lange Zeit. Hitchcock führt die Charaktere ganz in Ruhe ein und etabliert deren Beziehungen zueinander, bevor es zur ersten – noch eher glimpflich verlaufenden – Vogelattacke kommt. Jeder, der einen blutigen Horrorfilm erwartet, wird sicherlich zunächst enttäuscht sein. Das Grauen kommt hier auf leisen Pfoten angeschlichen – oder besser: Es fliegt unbemerkt vom Himmel herab.

Gefiederte Killer

Hitchcock vermochte es, sein Publikum auf vollkommene Weise selbst zu einem Teil der Filmhandlung zu machen, indem er ihm die Angst der Figuren am eigenen Leib spüren und über die Natur der Vogelangriffe rätseln lässt. Diese Angst wird durch die Tatsache verstärkt, dass Vögel gemeinhin beileibe nicht als gefährliche Tiere gelten. Im Gegenteil: Menschen, die sich Vögel als Haustiere halten, verwöhnen sie in der Regel ganz besonders intensiv, fast so als wollten sie sich bei ihnen dafür entschuldigen, sie in enge Käfige eingesperrt und so ihrer Freiheit beraubt zu haben. In Hitchcocks Film jedoch wird der Spieß umgedreht: Hier sind es die Menschen, die in Käfige – sprich in ihre Häuser – eingesperrt sind, während die Vögel draußen auf sie lauern wie die sprichwörtliche Rache der Natur. Ein typisches Beispiel für den makabren Humor des Regisseurs.

Vögel haben in Hitchcocks Werk ja schon immer eine Sonderrolle gespielt. Man denke nur an die ausgestopften Exemplare, welche die Räume von Bates Motel in „Psycho“ bevölkern. Für seine Vorliebe für diese Tiere hat der Filmemacher nie eine Erklärung geliefert. Viele Kenner seiner Filme sehen in ihnen Symbole für Gefahr und Tod.

Gerade in dieser Ambivalenz liegt die Faszination von Hitchcocks Thriller: Er verbindet Elemente einer Liebeskomödie mit einem Horrorszenario, in dem scheinbar völlig harmlose Tiere zu gefährlichen Killern werden. Zudem fügt er seiner Story Nebenhandlungen hinzu, die dem Film eine zusätzliche, tiefenpsychologische Dimension verleihen. Der von Rod Taylor dargestellte, scheinbar selbstbewusste, aber eigentlich bindungsunfähige Rechtsanwalt Mitch Brenner ist hin- und hergerissen zwischen seiner dominanten Mutter (Jessica Tandy) und seiner neusten Eroberung Melanie Daniels (Tippi Hedren als typische Hitchcock-Blondine). Die Vögel sind nach dieser Leseart eine Metapher auf die gestörten zwischenmenschlichen Beziehungen der Charaktere untereinander.

Die Angst, die niemals endet

Man mag diesen Deutungen folgen oder nicht, fest steht, dass sie verdeutlichen warum „Die Vögel“ ein exemplarisches Beispiel für Alfred Hitchcocks Meisterschaft ist, sein Publikum zu manipulieren und auf einer unterbewussten Ebene anzusprechen. Er beherrschte diese Form der Manipulation perfekt, weswegen etliche seine Werke eine herausragende Stellung in der Filmgeschichte einnehmen. „Die Vögel“ sticht hier besonders heraus, da er gleichzeitig zum Prototypen und Vorbild aller späteren Tierhorrorfilme wie zum Beispiel „Der weiße Hai“ wurde. Hitchcock griff die Ängste der Menschen vor einer animalischen Bedrohung auf, die niemand kontrollieren oder gar bekämpfen kann, und lehrte sie so auf unnachahmliche Art das Fürchten, wie er es drei Jahre früher schon in „Psycho“ (1960) vorgemacht hatte, wo er vielen – vor allem weiblichen – Zuschauern Angst vor dem Duschen eingejagt hatte.

In „Die Vögel“ spielt er noch eindrucksvoller mit den Gefühlen und Erwartungen des Publikums. Die Bedrohung durch die Tiere steigert sich unaufhaltsam, ihre Angriffe fordern immer mehr Opfer, es gibt nichts, was man ihnen entgegensetzen könnte. Am Ende bleibt den drei Hauptfiguren zusammen mit Mitchs kleiner Schwester nur die Flucht, die von den Vögeln – so scheint’s – mit Gekrächze wie ein Sieg euphorisch „gefeiert“ wird.

Auch San Francisco sollte dran glauben

Ursprünglich plante Hitchcock ein Ende, in dem die Protagonisten bis nach San Francisco kommen und zu ihrem Entsetzten feststellen müssen, dass die gesamte Stadt von Millionen Vögeln regelrecht eingenommen wurde. Aus finanziellen Gründen musste dieser Schluss fallen gelassen werden. Das tatsächlich verwendete Ende ist dann auch wesentlich beunruhigender, da es offen lässt, ob die Vogelangriffe nun aufhören oder ob die Bedrohung fortbesteht. Denn so wie man sich nie sicher sein kann, ob die Dämonen, die wir alle mit uns herumschleppen, jemals ganz verschwinden, so werden auch die Vögel stets da sein, und wir können nie wissen, ob sie nicht im nächsten Augenblick zu uns herabstürzen, um uns zu terrorisieren …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Alfred Hitchcock sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 16. Mai 2013 als Blu-ray und DVD, 5. Juni 2008 als Doppel-DVD (mit „Marnie“), 9. November 2006 als DVD

Länge: 119 Min. (Blu-ray), 115 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Birds
USA 1963
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Evan Hunter, nach einer Kurzgeschichte von Daphne du Maurier
Besetzung: Rod Taylor, Tippi Hedren, Suzanne Pleshette, Jessica Tandy, Veronica Cartwright, Ethel Griffies, Charles McGraw
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2016 by Sven Wedekin
Packshots: © 2016 Universal Pictures Germany GmbH

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Eine Antwort zu “Alfred Hitchcock (VI): Die Vögel – Das Grauen aus dem Unbewussten

  1. Morgen Luft

    2016/10/28 at 15:14

    Überschüttendes Lob dalass

     

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