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The Cabin in the Woods – Hütten-Horror auf die Spitze getrieben

29 Okt

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The Cabin in the Woods

Von Matthias Holm

Horror // Um eine Sache von vornherein klarzustellen: Niemand sollte den folgenden Text lesen, bevor man „The Cabin in the Woods“ gesehen hat. Da ich mich hier an einem Interpretationsansatz versuche, ist die zuvor erfolgte Sichtung Voraussetzung, weil Ihr euch ansonsten dank einiger Spoiler in meinem Text um einige Überraschungen bringt. Davon ganz abgesehen, ist es ein fantastischer Horror-Film, den man unbedingt gesehen haben sollte. Also minimiert dieses Fenster, schiebt euch den Film rein und kommt später wieder.

Fertig? Dann los.

College-Kids + Hütte im Wald = gar nicht gut

Die Geschichte wirkt auf den ersten Blick wie ein absolut generischer Horrorfilm: Eine Gruppe von College-Studenten macht in der titelgebenden entlegenen Hütte im Wald Urlaub. An einem feucht-fröhlichen Abend finden die hübschen jungen Leute einen geheimen Keller, voll mit merkwürdigen Artefakten. Als Dana (Kristen Connolly) eine bestimmte Stelle aus einem Tagebuch zitiert, erhebt sich plötzlich eine Zombiefamilie aus ihren Gräbern und fängt an, die Gruppe zu dezimieren.

Doch etwas ist von Anfang an anders als in üblichen Backwoods-Horrorstreifen: Immer wieder werden Szenen eingestreut, die Wissenschaftler zeigen. Von einem unterirdischen Komplex aus überwachen sie das Geschehen auf Schritt und Tritt und scheinen dabei einen Plan zu verfolgen.

From left to right: Curt (Chris Hemsworth), Holden (Jesse Williams), Jules (Anna Hutchison), Marty (Fran Kranz) and Dana (Kristen Connolly) in THE CABIN IN THE WOODS.

Noch leben alle Studenten

Bleiben wir vorerst auf der offensichtlichen Ebene. „The Cabin in the Woods“ ist ein hervorragend geschriebener Horrorfilm mit stark humoristischem Einschlag – kein Wunder, hat Drew Goddard das Drehbuch doch gemeinsam mit „Avengers“-Mastermind Joss Whedon verfasst. Dabei kommen beide Seiten nicht zu kurz: Sobald die Zombie-Redneck-Folter-Familie – etwas komplett anderes als gewöhnliche Zombies – Jagd auf ihre Opfer macht, fliegen ordentlich die Fetzen. Zuvor sorgen vor allem Marty (Fran Kranz) – der Drogenkonsument und obligatorische Außenseiter der Gruppe – und die Wissenschaftler Sitterson (Richard Jenkins) und Hadley (Bradley Whitford) für gut gesetzte Witze, die nur im ersten Augenblick absurd wirken. Wenn dann im so blutigen wie exzessiven Finale im geheimen Forschungslabor beide Teile ineinandergreifen, steht einer ausgelassenen Horrorparty nichts mehr im Wege. Doch der Film bietet viel mehr.

Drew Goddard, der vor „The Cabin in the Woods“ unter anderem als Drehbuchschreiber für die Whedon-Serien „Buffy“ und „Angel“, sowie dem Found-Footage-Film „Cloverfield“ in Erscheinung trat, ist mit seinem Regiedebüt ein kleines Meisterstück gelungen. Denn man muss gar nicht allzu genau hinsehen, um zu merken, dass es bei „The Cabin in the Woods“ nicht um das bloße Widerkäuen abgestandener Klischees geht. Wir haben es vielmehr mit einem Meta-Kommentar zu tun, der nicht nur das Horrorgenre reflektiert, sondern auch dessen Konsumenten.

Die Realität Horrorfilm

Wer sich in der Realität von „The Cabin in the Woods“ befindet, lebt in einem Horrorfilm. Das bestätigen die Figuren selbst, an einer Stelle sagt die Chemikerin Lin (Amy Acker), die Monster seien nicht aus Albträumen entsprungen, sondern der Grund, weswegen man überhaupt Albträume hat – in dieser Welt sind Monster real. Dabei gibt es eine Regel – und nun spoilere ich massiv:

Denkt dran: Wer hier ohne vorherige Sichtung des Films weiterliest, ist selbst schuld!

Damit die sogenannten „Alten“ nicht wieder auferstehen und die Welt zerstören, muss die Menschheit regelmäßig Opfer bringen. Dafür sind die angesprochenen Wissenschaftler zuständig, wobei jedes Land eine eigene Abteilung hat. Das Ritual der Opferung in den USA, dem die Zuschauer beiwohnen, folgt dabei der Regel, dass die Opfer in einer bestimmten Reihenfolge dran glauben müssen. Hier haben wir auch schon den ersten Hinweis zu Entschlüsselung des Ganzen. Denn die Jungspunde, die dahingerafft werden, entsprechen bestimmten Archetypen des Horrorgenres: die Hure, der Narr, der Sportler, der Gelehrte und die Jungfrau, wobei der Tod der Letztgenannten optional ist – „Final Girls“ haben ja eine Existenzberechtigung. Kommt das jemandem bekannt vor? Immerhin gibt es wissenschaftliche Abhandlungen über das Final Girl und den unausweichlichen Tod von Figuren, die sich während eines Horrorfilms außerehelicher Unzucht hingeben. Sex kills!

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„Guten Tag, wir wollen mit ihnen über Gott und die Welt reden.“

Dieses Ritual lässt sich also hervorragend in unsere Welt übertragen, die Figurenkonstellation der Protagonisten ist uns wohlbekannt, ähnlich wie das Setting mit der Hütte im Wald – die Anleihen beim jüngst vom Index gestrichenen „Tanz der Teufel“ sind offensichtlich. Einen weiteren Aspekt bringen die Wissenschaftler Hadley und Sitterson ins Spiel. Sie erklären dem unwissenden Wachmann Truman (Brian White) die Regeln der Welt, in der sie leben, und damit auch uns Zuschauern. Außerdem lenken sie das Geschehen, sorgen dafür, dass die Opfer die – je nach Ansichtsweise – richtigen oder falschen Entscheidungen treffen. Wenn man also davon ausgeht, dass „The Cabin in the Woods“ eine Art wahr gewordenes Horror-Universum darstellt, macht sie das zu den Regisseuren des Films, in denen den Studenten lediglich die Aufgabe zukommt, draufzugehen.

Ach – deshalb verhalten die sich immer so doof!

Diesen Umstand nutzt Goddard immer wieder für kluge Blicke auf das Genre. Am offensichtlichsten ist es beim klassischen „Wir müssen uns aufteilen“-Fehler. Eigentlich verhält sich die Gruppe nach dem Zombie-Redneck-Folter-Familien-Angriff durchaus klug und beabsichtigt, zusammenbleiben, doch Hadley und Sitterson funken dazwischen und zwingen die Gruppe zu irrationalen Entscheidungen. Anderes überlassen sie den Protagonisten ihres Films selbst: Diese ignorieren etwa die Warnungen des Tankwarts Mordecai (Tim DeZarn), und sie treffen in dem geheimnisvollen Keller selbst die Wahl, wie sie zu Tode kommen – ohne es zu ahnen, versteht sich. So verhalten sich die potenziellen Opfer eines Horror-Streifens, sie dürfen nicht von der Norm abweichen. Doch wieso eigentlich nicht? Gerade Hadley scheint während des Films immer wieder Reue zu zeigen und wünscht Dana sogar, dass sie überlebt.

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Sitterson, Lyn und Hadley (v. l.) wohnen dem Massaker als stille Beobachter bei

Wer aber sind die Alten, von denen immer wieder geredet wird und die am Ende so imposant auftauchen, in dieser Rechnung?

Ganz einfach: die Zuschauer. Wir sind der Grund dafür, dass diese Art Film existiert, denn wenn sie nicht mehr gesehen werden, gibt es sie logischerweise irgendwann nicht mehr. Gehen wir doch zurück in unsere Realität. Man braucht nur in einen Elektrofachmarkt des Vertrauens im Horrorregal zu stöbern und wird eine Menge Filme finden, von denen man nie gehört hat – Blog-Betreiber Volker rezensiert diese B-Schinken ja regelmäßig. Viele von ihnen bedienen sich der altbewährten Schemata und Stereotypen. Das ist aus Sicht der Produzenten und Publisher nicht falsch, es befriedigt den Durst der Fans. Folgt ein Werk mal nicht den ausgetretenen Pfaden, reagieren Horrorfans schnell ungehalten. Man braucht nur das Internet nach Meinungen zu solch außergewöhnlichen Filmen wie „Der Babadook“, „The Witch“ und „It Follows“ durchsuchen, um ein paar Beispiele der jüngsten Vergangenheit zu nennen. Da wird dann unreflektiert und pauschal draufgehauen; differenziert begründen kann die Mehrheit ihre Meinung nicht – will sie auch nicht, denn wäre das ehrlich, müsste man seine eigenen Limitierungen einräumen. Vielen reicht es als Kritik, ein „Der ist Rotz“ rauszuhauen – eine gern genommene Wortwahl.

Und hier schlagen wir den Bogen zurück zu den Alten.

Das erste Mal treten diese nämlich in Erscheinung, nachdem der Narr Marty für tot befunden wurde. Während wir bei allen anderen Figuren die Sterbeszenen deutlich zu sehen bekommen, wird Martys Ableben nicht gezeigt. Wie wir etwas später erfahren, liegt das einfach daran, dass er sich gegen seine Angreiferin zur Wehr setzt und überlebt. Doch die Alten/Zuschauer lassen sich nicht für dumm verkaufen – obwohl die Wissenschaftler/Regisseure ihnen weismachen wollen, die Figur sei tot, wissen sie es besser. Auch das Ende spricht für diese Theorie: Obwohl die Leiterin des Projekts (wunderbarer Gastauftritt: Sigourney „Ripley“ Weaver) noch versucht, alles geradezurücken, überleben am Ende zwei Figuren das Gemetzel. So ist die Norm gebrochen, der Zuschauer ist unzufrieden, ihm gefällt der Film nicht und er vergisst ihn. Im Falle von „The Cabin in the Woods“ wird dies deutlich drastischer dargestellt – wird ein Film nicht geschaut, wird er eben zerstört, was hier durch die Auferstehung der Alten symbolisiert wird, die das Ende der Welt zur Folge haben wird.

Gegen die Vorhersehbarkeit

So schließt sich der Kreis. Sitterson und Hadley tun ihre Aufgabe, weil sie sie tun müssen – sie begleiten Menschen auf die Schlachtbank, nur damit die Alten Ruhe geben. Dabei bedienen sie sich Tricks und Kniffen, bei denen man sich als Zuschauer immer gefragt hat, wieso die in Horrofilmen so häufig vorkommen. Sobald man allerdings von dieser Routine abweicht, dann ist es auch wieder nicht richtig. Damit prangert Drew Goddard die Vorhersehbarkeit an, die so vielen Horrorfilmen anhaftet – häufig weiß man ab dem Start, wer sterben und wer überleben wird. Und mit diesem Punkt im Hinterkopf hat er einen der wohl unvorhersehbarsten und besten Horrorfilme dieser Generation geschaffen.

Dies ist nun eine Interpretation, die sich allerdings im Ganzen erst nach der x-ten Sichtung dieses Films gefestigt hat. Und genau das ist das Herausragende an „The Cabin in the Woods“. Wenn man als Zuschauer auf all die kleinen Feinheiten achtet, wird man belohnt. So steht zum Beispiel auf der Tafel, die die Wissenschaftler für ihre Monsterwetten benutzen, auch einfach nur der Name „Kevin“. Auch der gesamte Meta-Kommentar auf die Vorhersehbarkeit des Genres wird dem Zuschauer zwar deutlich gezeigt, doch nie driftet der Film in prätentiöses Kunstfilm-Getue ab. So kann man sich „The Cabin in the Woods“ anschauen, wenn man auf anspruchsvollen Horror steht – oder man schiebt ihn in den Player, weil man nur sehen will, wie ein Mann von einem Einhorn aufgespießt wird, um nur eine Szene des fulminanten Finals zu artikulieren. Wehe, wenn sie losgelassen!

Fran Kranz stars as ‘Marty’ in THE CABIN IN THE WOODS.

Kreative Verteidigungsmöglichkeit

Veröffentlichung: 1. Februar 2013 als Blu-ray und DVD, 20. November 2015 als Blu-ray und DVD im Doppelpack mit „Tucker & Dale Vs. Evil“

Länge: 95 Min. (Blu-ray), 91 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Cabin in the Woods
USA 2012
Regie: Drew Goddard
Drehbuch: Joss Whedon, Drew Goddard
Besetzung: Kristen Connolly, Chris Hemsworth, Anna Hutchinson, Fran Kranz, Jesse Williams, Richard Jenkins, Bradley Whitford, Brian White, Amy Acker
Zusatzmaterial: Interactive Experience, We Are Not Who We Are – Making The Cabin in the Woods, An Army Of Nightmares – Make-up & Animatronic Effects, The Secret Secret Stash – Marty’s Stash, Hi, My Name is Joss and I’ll Be Your Guide, Wondercon Q&A, Trailer
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2016 by Matthias Holm

Fotos, Packshot & Trailer: © 2012 Universum Film

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5 Antworten zu “The Cabin in the Woods – Hütten-Horror auf die Spitze getrieben

  1. wuschol

    2016/10/29 at 16:01

    Die Alten – weitere Aufschlüsse geben die unschlagbaren und noch heute inspirierenden Geschichten von H.P.Lovecraft.

     
    • Matthias Holm (@MatzeHolm)

      2016/10/30 at 08:37

      Der Name liegt dies durchaus nahe, das stimmt. Wobei mir die Alten aus den Lovecraft-Geschichten, soweit ich sie gelesen habe, immer etwas anders vorkamen und ich kann mich an keine Geschichte erinnern, in der sie aktiv nach Opfern gefordert haben. Bin aber auch nicht so tief drin im gesamten Cthulu-Kram, muss immer noch das weiter lesen 🙂

       
  2. Michael Behr

    2016/10/29 at 10:28

    Für mich einer der intelligentesten und originellsten Horrorfilme der letzten zehn Jahre! Ich muss unbedingt die Sequenz mit den ganzen Horrorfiguren in ihren Kammern noch einmal im Bild-für-Bild-Modus ansehen.

     
    • Matthias Holm (@MatzeHolm)

      2016/10/30 at 08:34

      Die ist klasse, wobei ich rein vom Spaß-Faktor her die Wett-Szene mit den aufgelisteten Monstern noch ein Ticken besser finde 😀

       
      • Michael Behr

        2016/10/30 at 10:05

        Stimmt, vom Spaß-Faktor ist die besser. Aber ich mag die ganzen Verweise auf alles Mögliche und Unmögliche :-).

         

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