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Martyrs (2008) – Von Schmerzen, die jede Vorstellungskraft sprengen

31 Okt

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Martyrs

Von Volker Schönenberger

Horrorthriller // Ein Mädchen rennt verstört und blutend über ein verlassenes Industriegrundstück. Wir befinden uns im Jahr 1971. Dokumentarische Filmaufnahmen im Anschluss geben Aufschluss darüber, dass die Kleine über Monate hinweg gefangen gehalten, aber nicht sexuell missbraucht wurde. Das Mädchen kommt in ein Waisenhaus, erholt sich nur langsam, das Trauma bleibt allgegenwärtig. Die aus den Fängen Unbekannter geflüchtete Lucie, so ihr Name, freundet sich mit Anna an, die wie sie im Waisenhaus lebt.

Es klingelt an der Tür

15 Jahre später sehen wir eine scheinbar ganz normale Familie – Vater, Mutter, zwei Kinder. Es ist Sonntagmorgen. Man frühstückt, es gibt etwas Streit um die Ziellosigkeit des Sohnes, nichts Dramatisches. Unvermittelt klingelt es an der Tür.

Allein die nun folgenden zwei Minuten sind schon härtestes Kaliber, aber sie bereiten die Zuschauer nicht einmal annähernd darauf vor, was auf sie zukommt. Die Eheleute des Hauses, so erfahren wir, waren damals für das Leid des Mädchens verantwortlich. Zur jungen Frau herangewachsen, hat Lucie (Mylène Jampanoï) unterstützt von ihrer Freundin Anna (Morjana Alaoui) ihre Peiniger aufgespürt.

Ab hier wird gespoilert

Wenn es auch nur eine Leserin oder einen Leser gibt, die oder der „Martyrs“ noch nicht kennt und bei der oder dem die Lektüre dieses Textes das Interesse weckt, lohnt es sich, an dieser Stelle mit der Inhaltsangabe nicht weiter fortzufahren und sie erst nach Beendigung der Sichtung fortzusetzen. Den Trip, auf den Drehbuchautor und Regisseur Pascal Laugier Anna, Lucie und die Zuschauer schickt, konsumiert man am besten unvoreingenommen – aber gewarnt: Es ist ein tiefschwarzer und überaus schmerzhafter Trip, zudem bar jeden Humors, der kurze Momente des Durchatmens hätte bringen können. Die in der zweiten Hälfte gezeigte psychische und physische Gewalt übersteigt mit ihrem entsetzlichen Finale jedes Maß.

„Martyrs“ lässt uns lange Zeit im Unklaren darüber, wo die Reise hingeht, auch wenn von Anfang an klar ist, dass es eine grausame Reise ist, die wir antreten. Wenn sich das Schreckensszenario dann restlos entfaltet, ist auch die Spaßfraktion der Horrorfans schon lange verstummt. Ab und zu gibt es beim Fantasy Filmfest eben die Art Film, die selbst das Partyvolk und die hartgesottenen Splatter-Schenkelklopfer unter den Zuschauern zum Schlucken bringt. „Martyrs“ war 2008 so ein Kandidat. Nach besagtem Finale werden wir mit einem Epilog entlassen, der den Rest an Aufklärung bringt, den es braucht, die sparsame Story rund zu machen. Danach ist Schweigen. Der Abspann zeigt noch einmal Lucie und Anna als junge Mädchen, fröhlich im Park spielend – ein Kontrast zum vorher Gesehenen, den man zynisch finden kann. „Martyrs“ sitzt tief und wirkt lange nach.

Selbstzweckhafte Gewalt oder Reflexion über Schmerz?

Man kann das selbstzweckhaft nennen, und das ist „Martyrs“ auch vielfach vorgeworfen worden: Gewalt um ihrer selbst willen sei verherrlichend, gar menschenverachtend. Dabei verkennen die Kritiker, dass der Film stets seiner inneren Logik folgt, die Folgen exzessiv angewandter Gewalt ausloten zu wollen. Das Bestechende daran ist, dass der Zuschauer gleichzeitig auslotet, wo seine Grenzen liegen. Und dabei geht es nicht um das Ertragen ultrabrutaler Ausweidungs- und Entbeinungsszenarien – phasenweise wird schlicht verprügelt –, sondern um die Nachvollziehbarkeit des Schmerzes, der auf der Leinwand oder dem Bildschirm gerade erlitten wird. Unmaßgeblich hingegen ist, ob wir die Motivation der Täter nachvollziehen können. Sie mögen in ihrem Tun verblendet sein und einer so irrigen wie irren Vorstellung unterliegen, nach der Schmerz zu Erleuchtung über das Jenseits führe, aber der Wahn der Täter kann uns egal sein. Entscheidend ist, was der Schmerz mit den Opfern macht.

Im Mai 2008 in Cannes uraufgeführt und anschließend weltweit auf Festivals gezeigt, darunter dem Fantasy Filmfest in Deutschland, hat „Martyrs“ allerorten heftige Debatten ausgelöst. Von großem Abscheu bis zu Lobpreisungen als Meisterwerk war und ist die ganze Bandbreite der Meinungen vertreten. Kaum jemanden hat der Film jedoch kaltgelassen – das kann als Leistung verbucht werden. Der böse Stempel muss genannt werden: Jawohl, „Martyrs“ ist Torture Porn – sogar in Reinkultur. Vielleicht ist es sogar die Quintessenz des Torture Porns, denn anders als etwa Eli Roths „Hostel“ (2005) und „Hostel 2“ (2007) und die „Saw“-Reihe geht es nicht um die Zurschaustellung verschiedener Methoden der Schmerzverabreichung und des Sadismus, von denen eine origineller als die andere sein muss, sondern darum, die Wirkung auf das bedauernswerte Opfer abzubilden.

Kurz in ungeschnittener Form im Verleih

„Martyrs“ erschien 2009 in Deutschland mit dem SPIO/JK-Siegel „strafrechtlich unbedenklich“ in ungeschnittener Form auf Verleih-DVD und wurde in dieser Fassung 2012 indiziert. Tiberius Film hat eine um etwa fünf Minuten gekürzte Fassung von der FSK prüfen lassen und eine Freigabe ab 18 Jahren erhalten. Mangels Motivation, die neue Fassung zu sichten, kann ich über Unterschiede zur Uncut-Version keine Angaben machen. Fünf Minuten sind lang, denkbar, dass der Geist des Films gelitten hat. Manch ein Interessierter ohne Kenntnis von Filmbörsen und Online-Bezugsquellen in Österreich und der Schweiz wird sich mit der FSK-18-Fassung zufrieden zeigen. Uncut-Puristen werden sie ohnehin meiden wie der Teufel das Weihwasser, die brauchen sowieso keinen Schnittbericht.

Die Kultusministerin schaltet sich ein

In Frankreich erhielt „Martyrs“ anfangs eine Altersfreigabe ab 18 Jahren, was bedeutete, dass er nicht ins Kino hätte kommen dürfen. Dort werden selbst extreme Horrorfilme daher in der Regel mit einer Altersfreigabe ab 16 Jahren versehen. Erst nach einer heftigen Debatte und Intervention durch die französische Kultusministerin Christine Albanel wurde das Werk auf die niedrigere Freigabe herabgestuft und gelangte auf diese Weise ins Kino.

Im Vergleich zum Original ist das US-Remake von 2015 nur eine Banalität. Unentschieden laviert es zwischen 1:1 kopierten Szenen und krampfhaft um Eigenständigkeit bemühten Modifikationen hin und her – ein lahmer Aufguss ohne den Willen, den Geist der Vorlage einzufangen. Aber was ist das auch für ein Versuch, ein derart kontroverses und außergewöhnliches Werk wie „Martyrs“ mit US-Blut einer Frischzellenkur zu unterwerfen? Zum Scheitern verurteilt.

Mit „High Tension“ („Haute tension“, 2003) und „Inside“ („À l’intérieur“, 2007) bildet „Martyrs“ die heilige Dreifaltigkeit des französischen Terrorkinos und führt sie in gewisser Hinsicht zu einem Schlusspunkt. Was kann danach noch kommen?

Veröffentlichung: 3. November 2016 als limitierte 2-Disc Blu-ray Edition mit Original & Remake

Länge: 94 Min. (um etwa fünf Minuten gekürzt)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Martyrs
F 2008
Regie: Pascal Laugier
Drehbuch: Pascal Laugier
Besetzung: Morjana Alaoui, Mylène Jampanoï, Catherine Bégin, Mike Chute, Anie Pascale, Gaëlle Cohen, Xavier Dolan, Juliette Gosselin, Robert Toupin, Patricia Tulasne
Zusatzmaterial: Trailershow, O-Card, (Vertikalschuber)
Vertrieb: Tiberius Film

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

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Fotos & Packshot: © 2016 Tiberius Film

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3 Antworten zu “Martyrs (2008) – Von Schmerzen, die jede Vorstellungskraft sprengen

  1. Sebastian

    2016/11/01 at 07:16

    Der Film ist insgesamt sehr intensiv. Ich teile deine Meinung, dass die Gewaltdarstellung eigentlich nicht als selbstzweckhaft betrachtet werden kann, sondern im Kontext der Story schlicht notwendig ist.

    Was mich Anfangs etwas gestört hat, war der Punkt, dass der Film nicht zu wissen schien, in welche Richtung er nun eigentlich will. Ein bisschen House Invasion, ein bisschen Mysterie, ein bisschen Psychothrill. Nach dem Einstieg aber dann sehr gelungen. Deiner abschließenden Aufzählung würde ich vielleicht noch Frontier(s) hinzufügen, auch wenn das Genre nicht ganz passt.

     
    • V. Beautifulmountain

      2016/11/01 at 07:57

      Die Home Invasion ist ja schnell vorüber, die Familie ist in zwei Minuten tot. Ich verstehe deinen Punkt, fand die Unsicherheit, wo es denn hingeht, aber gerade reizvoll.

      Frontier(s) passt schon, die beiden anderen sind ja ebenfalls anders gelagert als Martyrs. Für mich fällt Frontier(s) nur qualitativ hinter den dreien zurück, deshalb spreche ich von der Dreifaltigkeit. Aber ich weiß, dass den viele mögen und mit den drei anderen auf eine Stufe stellen. In den Dunstkreis gehört finde ich auch der ganz eigene belgische Vertreter Martyrium, den ich vor ein paar Tagen rezensiert habe: https://dienachtderlebendentexte.wordpress.com/2016/10/29/martyrium/

       
  2. Michael Behr

    2016/10/31 at 13:46

    Genau, es wird „schlicht verprügelt“. Aber gerade das sind mit die eindrücklichsten Szenen im ganzen Film. Der Gedanke daran sorgt schon für Beklemmungen.

     

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