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Ein Hologramm für den König – Schlaflos in Saudi-Arabien

01 Nov

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A Hologram for the King

Von Andreas Eckenfels

Tragikomödie // Nach ihrer Kollaboration am Sci-Fi-Epos „Cloud Atlas“ (2012) konnte Regisseur Tom Tykwer („Lola rennt“) den zweifachen Oscar-Preisträger Tom Hanks erneut für ein gemeinsames Projekt begeistern: die Adaption des Romans „Ein Hologramm für den König“ von Bestsellerautor Dave Eggers.

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Alan Clay wird von einem IT-Unternehmen nach Saudi-Arabien geschickt

Geschäftsmann Alan Clay (Tom Hanks) wird von einem amerikanischen IT-Unternehmen mit einem dreiköpfigen Team sprichwörtlich in die Wüste geschickt: Der 54-Jährige soll dem König von Saudi-Arabien (Mohamed Attifi) für dessen geplante Mega-City ein innovatives Hologramm-Kommunikationssystem präsentieren – und hoffentlich auch verkaufen. Für Clay ist der Auftrag eine große Gelegenheit: Er hat sich von seiner Frau getrennt, ist hoch verschuldet und kann sich die Studiengebühren seiner Tochter Kit (Tracey Fairaway) nicht mehr leisten.

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Niemand weiß, wann der König erscheinen wird

Während seine drei Mitarbeiter in einem Zelt mitten in der Wüste ohne Wlan, Klimaanlage und Essen schwitzend die Technik aufbauen, versucht Clay erfolglos seine Ansprechpartner vor Ort zu finden. Denn: Der König kommt einfach nicht. Also nutzt Clay die Wartezeit dazu, um Land, Leute und Gebräuche kennenzulernen. Dabei behilflich sind ihm sein Fahrer Yousef (Alexander Black), die dänische Geschäftsfrau Hanne (Sidse Babett Knudsen) und die einheimische Ärztin Zahra (Sarita Choudhury) mit der Clay nach und nach zärtliche Bande knüpft.

Die Folgen der Globalisierung

Tykwers Film beginnt mit einem Traum, der zunehmend zum Albtraum wird: Der Geschäftsmann gibt darin seine eigene Version des Musikvideos „Once in a Lifetime“ der Talking Heads zum besten. Der Song ist für Clay längst zur Realität geworden. Sein Leben liegt so gut wie in Trümmern. Zudem bereitet ihm eine dicke Zyste auf seinem Rücken Sorgen. Nur der Deal in Saudi-Arabien kann ihn noch retten. Gleichzeitig hat Clay als Mann im fortgeschritten Alter mit veränderten Arbeitsbedingungen zu kämpfen.

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Die dänische Geschäftsfrau Hanne …

Die Globalisierung schreitet eben unablässig voran und lässt viele Menschen scheitern, die bei dem Tempo nicht mithalten können. Nicht mehr in den USA, sondern im Nahen Osten wird jetzt das große Geld verdient – dem Öl sei dank. Doch wie Clay auf seiner Reise erkennt, ist das Land voller Widersprüche, die Tykwer mit leichtem Augenzwinkern zur Schau stellt. Die im Bau befindliche Mega-City besteht bisher lediglich aus ein paar wenigen Mustergebäuden. Ob sie jemals fertig wird, ist fraglich. Der Fortschrittswillen des Landes wird stets durch die Religion und für Westler meist absurd anmutende traditionelle Werte ausgebremst.

Sidekick nach realem Vorbild

Neben dem wie immer hervorragenden Hanks, der einen Running Gag mit unter ihm zerbrechenden Stühlen über sich ergehen lassen muss, erweist sich Alexander Black als ein wunderbar witzig gezeichneter Sidekick – nach realem Vorbild, den Eggers und später auch Tykwer bei ihren Recherchen getroffen haben. Sehr gern würde Yousef Clay zu den öffentlichen Hinrichtungen fahren, was der Amerikaner aber dankend ablehnt. Der Fahrer liebt US-Bands von Chicago bis Electric Light Orchestra, mit denen er dem stets übermüdeten Clay ganz schön auf die Nerven geht. Außerdem hat er große Angst davor, ein eifersüchtiger Ehemann könne einmal Rache in Form einer Autobombe an ihm üben.

Die beiden von Sidse Babett Knudsen („Inferno“) und Sarita Choudhury („Die Tribute von Panem – Mockingjay (1)“ verkörperten Frauenfiguren sind bereits Teil der Globalisierung geworden. Die Dänin ist für den Job in den Nahen Osten gezogen, fühlt sich dort aber nicht heimisch. Die Ärztin Zahra, etwa im gleichen Alter wie Clay und somit noch mehr als die jungen Leute den traditionellen Werten verpflichtet, ist erfolgreich in ihrem Beruf, befindet sich aber gerade im Scheidungsprozess von ihrem Mann.

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… und die Ärztin Zahra sorgen dafür …

„Ein Hologramm für den König“ verbindet Selbsfindungstrip, Culture-Clash und Globalisierung zu einer amüsant-entspannten Tragikomödie mit starken Darstellern, von der man allerdings keine tiefergehende Diagnose der aktuellen Weltlage erwarten sollte. Viele Probleme werden nur angedeutet, auch Clays Vergangenheit wird nur in wenigen Szenen beleuchtet. Besonders das letzte Drittel enttäuscht mit einem recht dick auf- und viel zu schnell vorgetragenen Ende. Es fühlt sich an, als hätten die Macher ordentlich aufs Tempo gedrückt, weil sie dringend den Film fertigstellen mussten. Dies will nicht recht zur zuvor gewählten gemächlichen Erzählweise passen. Dafür stimmen die atmosphärischen Bilder der exotischen Wüstenkulisse versöhnlich, aufgenommen von Tykwers Stammkameramann Frank Griebe. Allerdings wurde nicht in Saudi-Arabien gedreht, sondern in Marokko.

Kommerzieller Flop

Der Film wurde mit einem weltweiten Einspielergebnis von etwa acht Millionen US-Dollar zum kommerziellen Flop. Unter den Werken, in denen Hanks in seiner langen Karriere die Hauptrolle übernahm, konnte nur „Liebe ist ein Spiel auf Zeit“ (1986) weniger Gewinn an den Kinokassen einfahren. Dennoch hält dies den Hollywood-Star nicht davon ab, demnächst in einer weiteren Verfilmung eines Romans von Dave Eggers mitzuwirken: Im Frühjahr 2017 soll „Der Circle“ mit Hanks und Emma Watson in den Hauptrollen in den Kinos starten. Tom Tykwer arbeitet derweil an der ambitionierten TV-Krimiserie „Babylon Berlin“, eine Ko-Produktion von Sky und ARD, die in der deutschen Hauptstadt Ende der 20er-Jahre angesiedelt ist.

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… dass sich Clay nicht komplett verloren fühlt

Noch ein Wort zur Blu-ray beziehungsweise betrifft dies auch die DVD-Fassung: Für Originalton-Gucker wie mich ist es eine große Enttäuschung, dass die englische Sprachfassung des Films mit deutschen Zwangsuntertiteln ausgestattet ist. Zuletzt hatte Warner Home Video bei dem Horrorfilm „Unfriend“ (2015) sogar komplett auf den Originalton verzichtet. Es bleibt zu hoffen, dass diese Unsitten aus längst vergangenen DVD-Zeiten nicht wieder Einzug halten.

Tom Hanks bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Geschenkt ist noch zu teuer (1986)
Meine teuflischen Nachbarn (1989)
Terminal (2004)
Captain Phillips (2013)
Saving Mr. Banks (2013)
Ein Hologramm für den König (2016)
Inferno (2016)
Sully (2016)

Veröffentlichung: 20. Oktober 2016 als Blu-ray und DVD

Länge: 99 Min. (Blu-ray), 95 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch (mit nicht ausblendbaren deutschen Untertiteln)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: A Hologram for the King
USA/GB/F/D/MEX 2016
Regie: Tom Tykwer
Drehbuch: Tom Tykwer nach dem gleichnamigen Roman von Dave Eggers
Besetzung: Tom Hanks, Alexander Black, Sarita Choudhury, Sidse Babett Knudsen, Tracey Fairaway, Tom Skerritt, Ben Whishaw, Mohamed Attifi
Zusatzmaterial: Making-of, Premiere in Berlin, Trailershow, Audiodeskription für Blinde, Wendecover
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels

Fotos, Trailer & Packshot: © 2016 Warner Home Video

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