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Polizeiruf 110 – Smoke on the Water: Genrekino im Fernsehen

05 Nov
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Hauptkommissar von Meuffels ermittelt im Fall einer toten Journalistin

Polizeiruf 110 –Smoke on the Water

Von Simon Kyprianou

TV-Krimi // Der „Polizeiruf 110“, früher das DDR-Pendant des „Tatort“, das sich aber über die Zeit der Wende hinweg gehalten hat, hat ja mittlerweile bei vielen Krimifreunden sogar den Ruf, der „bessere Tatort“ zu sein. Nicht umsonst suchen sich Regisseure wie Dominik Graf oder Christian Petzold auch eher diese Reihe für ihre Arbeiten im Fernsehen aus. Christian Petzold („Yella“) drehte bis vor Kurzem eigentlich nur fürs Kino, ist aber offenbar auch auf den Geschmack gekommen: Zwei Folgen gibt es schon, den fantastischen „Polizeiruf 110 – Kreise“ (2015) und den sehr guten „Polizeiruf 110 – Wölfe“ (2016), der erst kürzlich lief. Ein dritter Fall ist in Vorbereitung.

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Der Musiker Mischa Eigner ist der Hauptverdächtige

Dominik Graf hat mittlerweile bereits vier Episoden der Reihe inszeniert. Beide Regisseure drehen für den Münchner Ableger, in dem Matthias Brandt Hauptkommissar Hanns von Meuffels spielt. Der Münchner „Polizeiruf 110“ dürfte zurzeit einer der Höhepunkte des deutschen Fernsehens sein. Die Dichte an wirklich hervorragenden Episoden ist hoch, beispielsweise Jan Bonnys „Polizeiruf 110 – Der Tod macht Engel aus uns allen“ (2013) oder Marco Kreuzpaintners „Polizeiruf 110 – Und vergib uns unsere Schuld“ aus diesem Jahr, ebenfalls sehr schön ist „Polizeiruf 110 – Fieber“ (2012) von Hendrik Handloegten.

Dominik Graf setzt seine eigenen Akzente

Grafs „Polizeiruf 110 – Cassandras Warnung“ von 2011 war von Meuffels‘ erster Fall, drei Jahre später entsteht „Polizeiruf 110 – Smoke on the Water“, ein Film der eigensinniger kaum sein könnte. Graf gelingt es besser als jedem anderen Regisseur seine „Polizeiruf“-Folgen von der Reihe abzulösen und sich das Format ganz zu eigen zu machen – Kino im Fernsehen zu machen, sozusagen.

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von Meuffels hat Zweifel, ermittelt weiter …

Wie so oft bei Grafs letzten Filmen ist das Erzähltempo schwindelerregend hoch und die Narration extrem elliptisch, eigentlich sind es bloß Erzählfetzen, zwischen denen tiefe Lücken klaffen. „Smoke on the Water“ ist ein Politthriller, ein Paranoiafilm allererster Güte. Über eine simple Struktur der Mordaufklärung an sich geht der Film schnell heraus und schleudert von Meuffels in ein Komplott, lässt ihn die Allmacht eines korrupten Staates erfahren. Eine Journalistin wird vermeintlich von einem Jazzmusiker (Marek Harloff) getötet, der sich alsbald in der Zelle vermeintlich erhängt. Von Meuffels hat Zweifel am Ablauf der Tat, nimmt als Verdächtigen den EU-Politiker Dr. Cadenbach (Ken Duken) ins Visier und stößt so auf eine Verschwörung ungeahnten Ausmaßes. Der Film, wie auch der Ermittler, versuchen die aus den Fugen geratenen und unkontrollierbaren, intransparenten Machtstrukturen zu begreifen, aber beide scheitern daran. Der Film kreist um Auslassungen, stolpert über Leerstellen und stürzt in Abgründe.

Furioses Finale

Kontrolle hat hier nur noch das System, dessen Internet-Überwachung sprichwörtlich in die Körper der Menschen eindringt: In einer fantastischen Szene muss sich von Meuffels einen Sender aus seinem Arm herausschneiden. Graf lässt die Überwachung der Bürger durch das Internet körperlich werden, er schafft ein Bild dafür. „Smoke on the Water“ ist wunderschön inszeniert: Nervös und fahrig bewegt sich die Kamera durch die Räume, Rückblenden und Vorausdeutungen werden wahnwitzig montiert und zum Ende hin verdichtet Graf den Schrecken in einem schier unglaublichen Finale.

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…und wird in ein politisches Komplott hineingezogen

Eine wirklich lebendige Kultur des Genrekinos gibt es in Deutschland leider nicht, Regisseure wie Christoph Hochhäusler, Thomas Arslan, Christian Petzold und Dominik Graf drehen zwar Genrefilme, eine wirkliche Genrekultur hat sich aber nicht gebildet. Im Kino findet das Genre auch kaum statt, vielmehr kann es im Fernsehen überleben, etwa in Krimireihen. Christoph Hochhäusler hat den einzigen deutschen Politthriller gemacht, der mir abgesehen von „Smoke on the Water“ aus den letzten Jahren einfällt: „Die Lügen der Sieger“, eine ambitionierte Kinoproduktion, die demnächst auch hier besprochen wird.

Dominik Graf bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Die Katze (1988)
Polizeiruf 110 – Der scharlachrote Engel (2005)
Polizeiruf 110 – Er sollte tot (2006, geplant)
Polizeiruf 110 – Cassandras Warnung Warnung (2011)
Polizeiruf 110 – Smoke on the Water (2014)
Die geliebten Schwestern (2014)
Zielfahnder – Flucht in die Karpaten (2016)

TV-Premiere im Ersten: 19. Oktober 2014

Länge: 90 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Polizeiruf 110 – Smoke on the Water
D 2014
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Günter Schütter
Besetzung: Matthias Brandt, Ken Duken, Marek Harloff, Anja Schiffel, Judith Bohle, Torben Liebrecht

Copyright 2016 by Simon Kyprianou
Fotos: © 2014 BR

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