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Stanley Kubrick (IV): Full Metal Jacket – Zynismus in Zeiten des Krieges

06 Nov

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Full Metal Jacket

Von Sven Wedekin

Kriegsdrama // Filme über den Krieg gibt es wie Sand am Meer. Filme gegen den Krieg schon nicht mehr ganz so viele. Aber es gibt erstaunlich wenige Werke, welche nicht nur die Bestie Krieg in ihrer ganzen Grausamkeit zeigen, sondern auch das Militär an sich kritisieren, welches die Soldaten, die in den Krieg ziehen, zu Bestien macht. Stanley Kubricks „Full Metal Jacket“ gehört dazu – und zu den besten.

Sieht man sich Kubricks künstlerisches Schaffen an, so ist offensichtlich, dass sich praktisch alle seine Filme um den Kampf des Guten gegen das Böse im Inneren seiner Protagonisten drehen. Und in nahezu allen Fällen behält das Böse am Ende mehr oder weniger die Oberhand. Um diese pessimistische Sicht der Welt in ihrer ganzen bitteren Konsequenz zu zeigen, bietet sich das Genre des Antikriegsfilms natürlich besonders an, und so überrascht es fast, dass „Full Metal Jacket“ erst so spät in Kubricks Karriere entstanden ist. Aber immerhin hat der Meister mit „Wege zum Ruhm (1957)“ bereits 1957 ein beeindruckendes filmisches Statement gegen den Krieg vorgelegt. Auch die Handlung seines von ihm ungeliebten Langfilmdebüts „Fear and Desire“ (1953) ist in einem – nicht näher genannten – Krieg angesiedelt. Kubrick selbst bezeichnete „Full Metal Jacket“ einst als den Film, der zu spät gekommen ist, da schon zuvor mit Oliver Stones „Platoon“ und Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ zwei nicht weniger wuchtige Meisterwerke über den Vietnamkrieg existierten.

Vom Menschen zur Waffe

Radikaler als diese beiden Filme zeigt Kubrick den militärischen Drill in seiner ganzen Unmenschlichkeit. Das erste Drittel des Films zeigt die Ausbildung junger Rekruten der US Marines in einer eindringlichen Ausführlichkeit, wie man sie nie zuvor gesehen hat. Es wirkt teilweise fast schon wie eine zynische Komödie, wenn der von R. Lee Ermey genial verkörperte Sergant Hartman (nomen est omen!) seine Rekruten mit obszönen und höchst fantasievollen Beleidigungen dazu antreibt, an ihre psychischen und körperlichen Grenzen und darüber hinaus zu gehen. Doch vor allem macht dieser Teil des Films deutlich, wie konsequent der Mensch durch diesen knallharten Drill entmenschlicht wird. Es ist Hartmans erklärtes Ziel, die jungen Männer zu Killern zu machen, die töten ohne nachzudenken. Dass er sie dabei innerlich zerstört, interessiert ihn nicht. Dieser menschenverachtende Drill kulminiert in Private Leonard „Gomer Pyle“ Lawrence, einem Außenseiter in der Truppe, der daran zerbricht und sich Stück für Stück in den Wahnsinn bewegt – bis der sich eines Nachts Bahn bricht. Eine beeindruckende schauspielerische Leistung des jungen Vincent D’Onofrio („Criminal Intent – Verbrechen im Visier“, „Jurassic World”).

Danach folgt unvermittelt und radikal der Wechsel vom Kasernenhof der Grundausbildung zum Kriegsschauplatz Vietnam. Ab diesem Zeitpunkt wird deutlich, dass selbst die härteste Vorbereitung im Krieg nichts nützt. Die Absurdität der Ausbildung wird durch die Absurdität des Krieges weit übertroffen, dort herrschen Chaos und Anarchie im Angesicht von Scharfschützen und Tretminen, die den Tod zum allgegenwärtigen Begleiter machen.

Kämpfen ohne Sinn und Zweck

Der Soldat Joker (Matthew Modine) macht in Vietnam während der Tet-Offensive Bekanntschaft mit Kameraden, bei denen die Umformung in eine seelenlose Kampfmaschine mal mehr, mal weniger funktioniert hat. Sie alle eint ein beißender Zynismus, mit dem sie dem Wahnsinn um sich herum begegnen. Auch Joker selbst gefällt sich in der Rolle des sarkastischen Außenseiters, der die Ereignisse mit spöttischen Sprüchen kommentiert und neben einem „Born to Kill“-Schriftzug auf dem Helm ein Friedenssymbol befestigt hat.

Anders als in vergleichbaren Filmen hält „Full Metal Jacket“ sich damit zurück, eine konkrete Botschaft gegen den Krieg zu vermitteln. Er belässt es vielmehr dabei, seine Figuren (Helden gibt es in diesem Film nicht) durch eine Hölle gehen zu lassen, in der es keine Ideale, kein Ziel und keinen Sinn gibt. Der Krieg in Vietnam steht in „Full Metal Jacket“ nur beispielhaft für den Krieg an sich, in dem sich die scheinbar geordnete Realität unserer Welt auflöst und in eine düstere Scheinwelt verwandelt, in der Sinnlosigkeit und Zynismus regieren und die Grenze zwischen Gut und Böse nicht mehr existent ist.

Palmen nach England

„Full Metal Jacket“ ist sicherlich eine der besten Arbeiten Stanley Kubricks, da er die typischen Themen seine Filme auf besonders direkte und drastische Weise behandelt. Auch handwerklich ist er gewohnt perfekt inszeniert. Beim Betrachten mag man kaum glauben, dass sogar die Szenen, die in Vietnam spielen, in England gedreht wurden. Kubrick hat hierfür unter anderem eigens Palmen aus Spanien einfliegen und anpflanzen lassen. Außerdem wurde ein ausgedientes Gaswerk aufwendig zur vietnamesischen Stadt Hue umgebaut.

Untermalt wird die unwirkliche Szenerie von der düsteren Musik Abigail Meads. Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich übrigens niemand anders als Kubricks Tochter Vivian. Für all jene, die sich für Kriegsfilme und insbesondere das Subgenre des Antikriegsfilms interessieren, ist „Full Metal Jacket“ Pflichtbestandteil der DVD- oder Blu-ray-Sammlung.

Stanley Kubrick bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Fear and Desire (1953)
Der Tiger von New York (1955, geplant)
Die Rechnung ging nicht auf (1956)
Wege zum Ruhm (1957)
Spartacus (1960)
Uhrwerk Orange (1971)
Shining (1980, Rezension folgt in Kürze)
Full Metal Jacket (1987)
Eyes Wide Shut (1999)

Veröffentlichung: 8. Juli 2015 als Teil der 8-Blu-ray-Box „Stanley Kubrick – Visionary Filmmaker Collection“, 6. November 2014 als Teil der 10-Blu-ray-Box „Stanley Kubrick – The Masterpiece Collection“, 30. November 2012 als Blu-ray im limitierten Steelbook, 4. Juli 2008 als DVD, 26. September 2008 & 23. August 2001 als Teil der DVD-Boxen „Stanley Kubrick Collection“, 17. Dezember 2007 als Teil der 5-Blu-ray-Box „Stanley Kubrick Collection“, 12. Dezember 2007 als Blu-ray, 7. Dezember 2007 als 2-Disc Special Edition DVD (auch im Steelbook), 23. August 2001 als DVD

Länge: 117 Min. (Blu-ray), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Full Metal Jacket
GB/USA 1987
Regie: Stanley Kubrick
Drehbuch: Stanley Kubrick, Michael Herr, Gustav Hasford, nach Gustav Hasfords Roman
Besetzung: Matthew Modine, R. Lee Ermey, Vincent D’Onofrio, Adam Baldwin, Dorian Harewood, Kevyn Major Howard, Arliss Howard, Ed O’Ross, John Terry
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2016 by Sven Wedekin
Packshots: © Warner Home Video

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