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Öl – Der nächste Mann: Kleinod der 70er-Politfilm-Bewegung

10 Nov

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The Next Man

Von Ansgar Skulme

Politthriller // Drei Geschäftsmänner aus Kuwait, Saudi-Arabien und Tunesien planen den Einstieg in die petrochemische Produktion. Sie haben sich bereits ein Netzwerk aus 40 voneinander unabhängigen Einrichtungen in acht arabischen Ländern aufgebaut. Grabungs- und Bauarbeiten haben begonnen, die Produktion soll bald starten. In den USA sieht man das Vorhaben mit Sorge, da auf dem Weltmarkt für Öl somit ungeahnte Konkurrenz droht. Die Konkurrenten werden als Verschwörer und Teil einer Splittergruppe innerhalb der Organisation ölexportierender Länder (OPEC) betitelt. Um die drei Drahtzieher dieser angeblichen Verschwörung aus dem Wege zu räumen, werden Killer engagiert, die ihren Job nach bester Gewissenlosigkeit ausführen. Doch kaum scheint dieses Problem gelöst, hält der saudi-arabische Staatsminister Khalil Abdul-Muhsen (Sean Connery) eine Rede vor den Mitgliedern der Vereinten Nationen, in der er fordert, dass die arabischen Staaten ihren Frieden mit Israel machen und den Staat als nichtproduzierendes Mitglied in die OPEC aufnehmen sollen. Zudem plant er, saudisches Öl in Dritte-Welt-Staaten zu geben, um diesen in ihrer Bedürftigkeit zu helfen. Weil sich die Strategie, Männer, die aus der OPEC ausscheren wollen einfach zu eliminieren, schließlich erst vor Kurzem bewährt hat, gerät auch Abdul-Muhsen ins Fadenkreuz. Schon bald heftet sich die bildschöne Nicole Scott (Cornelia Sharpe) an seine Fersen. Sie hat den Aufrag Abdul-Muhsen zu liquidieren, doch der weiß, wie man Raubkatzen zähmt.

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Diplomatie und schöne Frauen – Abdul-Muhsen in seinem Element

Das US-Kino der 70er-Jahre brachte eine Reihe von guten Actionthrillern und Katastrophenfilmen hervor, die das Jahrzehnt im Hollywood-Genrekino besonders kennzeichneten. Als drittes sich zunehmender Beliebtheit erfreuendes Genre kristallisierte sich der Polit- und Wirtschaftsthriller heraus, der sich auch in anderen Ländern wie Italien oder Frankreich seinerzeit steigendem Interesse gegenübersah. Politik und Wirtschaft wurden in einigen Filmen als Ursache für gravierende Missstände verantwortlich gemacht, die von der Durchschnittsbevölkerung teils nicht einmal wahrgenommen werden. Politiker und Geschäftsmänner steuern die Welt um ihres eigenen Vorteils oder des Vorteils einzelner Länder willen auf Katastrophen zu, vertuschen Wahrheiten und wer hellhörig wird, wird entweder nicht ernst genommen, bedroht oder aus dem Wege geräumt. So gerieten in diesen Filmen immer wieder einzelne Männer in die Mühlen des Systems oder gar ganze Nationen in Gefahr. Beispiele für dieses Subgenre des Thrillers stellen etwa „Zeuge einer Verschwörung“ (1974) mit Warren Beatty, „Schwarzer Sonntag“ (1977) mit Robert Shaw und „Das China-Syndrom“ (1979) mit Jane Fonda, Jack Lemmon und Michael Douglas dar. „Öl – Der nächste Mann“ ist Teil genau dieser Bewegung, die das Genre bis heute geprägt hat und auch Elementen des Unterhaltungs- und Sensationskinos von vornherein nicht abgeneigt war. Damit vermögen diese Filme komplexe Themen an ein breites Publikum zu tragen, auch wenn die Zusammenhänge manchmal nicht einfach zu durchschauen sind.

Bei der Kritik durchgefallen

„Öl – Der nächste Mann“ zählt leider zu den kommerziell weniger erfolgreichen Beispielen für das Genre. Der Film musste nicht nur in Deutschland ohne Kinostart auskommen, sondern fand sogar in Großbritannien lange keinen Verleih. Da half auch die Präsenz von Sean Connery nichts. Die Gründe hierfür dürften einerseits darin gelegen haben, dass sich schon die Kritiker in den USA eher moderat bis negativ zu dem Film geäußert hatten, und ferner wohl auch in der politischen Brisanz der Geschichte. Durch die verpassten Kinostarts in anderen Ländern, bis hin zu Connerys Heimat, war der Film gewissermaßen Connerys größter Flop, seit er durch Bond zum Star geworden war. Da „Öl – Der nächste Mann“ eine der letzten Produktionen des Studios Allied Artists (früher: Monogram Pictures) war, das durch derartige Kassenflops Ende der 70er Bankrott ging, fehlte ihm wohl auch etwas die Lobby.

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Der Minister zeigt Referenzen an die 007-Filme

Immerhin tröstlich, dass man in Deutschland, als das Werk etliche Jahre später doch noch seinen Weg auf die Bildschirme fand, trotz allem Gert Günther Hoffmann als Connerys Stimme engagierte, der seit dem zweiten Bond-Abenteuer „Liebesgrüße aus Moskau“ Connerys Stammsprecher war und ihn in den meisten seiner Filme sprach. Connery-Freunden wird allerdings auffallen, dass er in der deutschen Fassung von „Öl – Der nächste Mann“ etwas älter klingt, als man es erwarten würde – weil sie mangels Kinostart erst verspätet entstand. Da Connery in diesem Film gleichzeitig ohne sein berühmtes Toupet auftrat und in einem Interview sogar selbst sagte, dass er es als Art von Ehrlichkeit empfand, einmal nicht jünger, sondern sogar älter zu spielen, ergibt die ältere Stimme in gewisser Weise sogar Sinn. Die Synchronfassung ist auch darüber hinaus recht gut gelungen und man merkt atmosphärisch glücklicherweise nicht, dass es sich nicht um eine zeitgenössische Bearbeitung handelt. In den USA wollte man das Risiko mit dem älter wirkenden Connery zu werben, trotzdem nicht in aller Gänze gehen – dort kaschierte man die kahlen Stellen auf Connerys Kopf mittels einer riesigen Silhouette des Kopfes seiner Filmpartnerin Cornelia Sharpe, der auf dem Poster direkt hinter Connery zu sehen ist, während man sie vor der Silhouette seines Kopfes sieht (die Silhouetten nähern sich einander im Bildhintergrund zu einem Kuss, während man im Vordergrund beide mit Handfeuerwaffen sieht).

Besser als gedacht

Ob das Urteil, welches die Kritiker seinerzeit fällten, dem Film mit allen Folgen, die das für die internationale Vermarktung hatte, gerecht wird, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Zweifelsohne geht der Film bei der Ausleuchtung seiner Charaktere kaum in die Tiefe, und dass sich ein Saudi vor den Vereinten Nationen für eine Machtstärkung Israels ausspricht, wenngleich er sich wohlgemerkt auch für Palästina stark macht, kommt reichlich gut gemeint daher. Aber Connery spielt die idealistische Figur mit einer weltgewandten Aura, die Lust macht, den Argumenten zuzuhören – und darin liegt ein Mehrwert des Films. Die politische Komponente scheint mir das geringere Problem zu sein, auch ist der Film angenehm konsequent, was die Gewaltdarstellungen angeht. Mehr noch: Der unter anderem im Menü der DVD zu hörende, im Film einige Male wiederholte Song, der gewissermaßen zum musikalischen Motiv der mörderischen Nicole wird, ist hervorragend – mag er mit seinem gesäuselten Französisch noch so viele Klischees erfüllen. „Öl – Der nächste Mann“ schwächelt hingegen vor allem dann, wenn der Fokus zu sehr auf die Liebelei zwischen dem Diplomaten und der Killerin fällt. Beispielsweise wirkt das Intermezzo auf den Bahamas, wo es plötzlich zu einer ausgiebigen Schießerei und reichlich nackter Haut kommt, wie eingeschoben, um sich bei Connerys Bond-Fans anzubiedern, und bringt die Handlung über geraume Zeit überhaupt nicht voran. Ganz davon abgesehen, dass die Fähigkeiten dieses Diplomaten im Nahkampf und bei Schießereien wahrhaft erstaunlich sind. Dort verschenkt der Film inhaltliches, politisches Potenzial in unnötig seichtem Fahrwasser, auch wenn es trotzdem Freude macht, Connery wie in alten Zeiten mal wieder mit dem Finger am Abzug und einer enorm attraktiven Frau im Arm zu sehen, die sich in allerbester Bondgirl-Tradition bewegt – unter denen befand sich ja auch die eine oder andere mörderische Lady.

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Die mörderische Nicole gerät in Versuchung

Man kann sich dennoch des Eindrucks nicht erwehren, dass der inhaltliche Anspruch des Films hinter der Liebesgeschichte etwas verkannt wurde. Der berühmte US-Filmkritiker Roger Ebert beispielsweise warf dem Film vor, dass man über die drei Mordanschläge zu Beginn des Films nie erfahren hätte, wer ermordet wurde, von wem und warum („We remember that the film opened with a series of graphic assassinations, and that we never did learn who was being killed, by whom, or for what reasons.“). Dies stimmt aber nur insofern, als die eingangs gezeigten Geschäftsmänner, die sich in New York treffen, namentlich nicht explizit einer bestimmten Organisation zugeordnet werden. Dass diese Männer die Killer anheuern, welche drei Männer ermordet werden und warum, wird jedoch sogar bereits im Vorfeld der Morde erklärt: in der ersten Szene des Films. Der Film mag manchmal etwas zu oberflächlich sein und sich in Nebensächlichkeiten verlieren, der Vorwurf, er sei zu verwirrend, erschließt sich meiner Wenigkeit allerdings nicht. Vor allem ist fraglich, ob man das Zusammenspiel von Connery und Sharpe als größte Stärke des Films sehen sollte, während man die politisch-kritische Ebene als zu verwirrend abtut, denn mit dem Zusammenspiel der beiden Hauptfiguren einher gehen auch die überflüssigen Bond-Anspielungen, die dem Fortlauf der Story mehr im Wege stehen als alles andere und nichts als Unterhaltungskino inmitten guter inhaltlicher Ansätze sind.

DVD mit Schönheitsfehlern

Die DVD von Pidax Film bietet leider kein Bonusmaterial und das Bild weist an ein paar Stellen ärgerliche Hänger und Pixelfehler auf. Nichtsdestotrotz kommt man mitsamt dem Originalton in den Genuss eines recht seltenen Films. Die Tatsache allein, dass er ausgegraben wurde, obwohl es das produzierende Studio schon lange nicht mehr gibt, verdient zunächst einmal ein Lob, mag man sich danach auch über technische Feinheiten ärgern. Wer das Thriller-Kino der 70er aus den USA oder Italien zu schätzen weiß, kommt hier auf seine Kosten und sollte zugreifen, auch wenn der Film sicher nicht zu den weltweit 25 besten Genrebeiträgen des Jahrzehnts zu zählen ist. Und für Sean-Connery-Fans bietet das Werk letztlich einen Querschnitt aus James Bond auf der einen und seinen am meisten geerdeten Rollen auf der anderen Seite – optisch wie auch inhaltlich –, inklusive seines Stammsynchronsprechers. Das ist Kino-Nostalgie im besten Sinne, obwohl der Film erst 40 Jahre alt ist.

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Kann dieser Mann die Killerin zähmen?

Veröffentlichung: 11. November 2016 als DVD

Länge: 102 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: The Next Man
USA 1976
Regie: Richard C. Sarafian
Drehbuch: Morton S. Fine, Alan Trustman, David M. Wolf, Richard C. Sarafian
Besetzung: Sean Connery, Cornelia Sharpe, Albert Paulsen, Ted Beniades, Marco St. John, Charles Cioffi, Adolfo Celi, Salem Ludwig, Roger Serbagi, Armand Dahan
Zusatzmaterial: Trailer zu anderen Filmen
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2016 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © Al!ve AG / Pidax Film

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