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The Train – Der Zug: Eisenbahn-Action statt Reflexion über den Wert von Kunst

11 Nov

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The Train

Von Volker Schönenberger

Kriegs-Actionthriller // Gar nicht nett von Burt Lancaster: Arthur Penn („Bonnie & Clyde“, „Duell am Missouri“) hatte das Projekt „The Train“ selbst an den Star herangetragen, doch unmittelbar zu Beginn der Dreharbeiten ließ Lancaster den Regisseur feuern, weil er dem Kriegsfilm einen größeren Action-Anstrich geben wollte. Einen kommerziellen Flop wie mit Luchino Viscontis „Der Leopard“ (1963) kurz zuvor wollte er so schnell nicht wieder erleben. Die Regie übernahm John Frankenheimer, mit dem Lancaster zuvor bereits in „Die jungen Wilden“ (1961), „Der Gefangene von Alcatraz“ (1962) und „Sieben Tage im Mai“ (1964) zusammengearbeitet hatte. Das machte den Film deutlich teurer als ursprünglich vorgesehen, aber es hat sich gelohnt: Frankenheimer ließ „on location“ in Frankreich echte Züge zusammenstoßen und entgleisen, keine Miniaturmodelle. Die Eisenbahn-Sequenzen nehmen breiten Raum ein und sind packend inszeniert, auch nach heutigen Maßstäben Armlehnenkraller erster Güte.

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Die Wehrmacht geht mit aller Härte vor

Die Handlung setzt am 2. August 1944 in Paris ein, dem 1.511. Tag der deutschen Besetzung Frankreichs. Der deutsche Oberst von Waldheim (Paul Scofield) betritt das von ihm beschlagnahmte Musée du Jeu de Paume, in dem er französische Beutekunst lagert, und befiehlt die Vorbereitung zum Abtransport. Große Kunstwerke von Gauguin, Renoir, Van Gogh, Manet, Picasso, Degas, Miro, Cezanne, Matisse und vielen anderen sind darunter, geraubt aus Museen und Sammlungen, angehäuft in den Jahren der Besatzung. Nun, da die Befreiung von Paris kurz bevorsteht, will von Waldheim seine Beute ins Reich transportieren lassen. Doch der französische Fahrdienstleiter Labiche (Burt Lancaster) lässt den Zug auf höchsten Befehl hin stoppen – ein Waffentransport der Wehrmacht hat Vorrang.

Waffen zerstören oder Kunst retten?

Die Museumskuratorin Mademoiselle Villard (Suzanne Flon) nimmt Kontakt zur Résistance auf und bittet die Widerstandskämpfer darum, den Zug zu stoppen und den Abtransport der Kunstwerke zu verhindern. Auch Labiche gehört zur Résistance. Für ihn und seine Mitstreiter hat die Sabotage des Waffentransports vorerst Priorität.

Zum Psychoduell zwischen dem Oscar-Preisträger Burt Lancaster („Elmer Gantry“, 1960) und dem kommenden Oscar-Preisträger Paul Scofield („Ein Mann zu jeder Jahreszeit“, 1966) gesellt sich mit Jeanne Moreau („Jules und Jim“, 1962) ein weiterer großer Name. Sie spielt die verwitwete Hotelbesitzerin Christine, die eher widerwillig in die Affäre hineingezogen wird.

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Die Eisenbahner Papa Boule (l.) und Labiche sind in ständiger Lebensgefahr

Einen solchermaßen von der Résistance aufgehaltenen Zug mit Kunstwerken hat es tatsächlich gegeben, auch wenn sich der Film natürlich aus dramaturgischen Gründen viele Freiheiten nimmt. Die Story basiert auf dem Sachbuch „Le Front De L’Art“ von Rose Valland, für dessen Umsetzung als Spielfilm-Skript die beiden Autoren Franklin Coen und Frank Davis 1966 mit dem Oscar für das beste Original-Drehbuch nominiert wurden – prämiert wurde allerdings Frederic Raphaels Skript für John Schlesingers Drama „Darling“. Rose Valland war während des Zweiten Weltkriegs selbst Konservatorin des Musée du Jeu de Paume und diente für den Film als Vorbild für die Figur Mademoiselle Villard.

Burt Lancaster steht seinen Mann

Sind Kunstwerke Menschenleben wert? Diese Frage wird anfangs angerissen, im Verlauf aber zugunsten des Action-orientierten Thriller-Plots vernachlässigt, auch wenn zum Finale hin die Zahl der Opfer auf französischer Seite stark ansteigt. Arthur Penn hätte sie mehr im Fokus gehabt, auch das wäre interessant gewesen, aber dann hätten wir eben nicht John Frankenheimers herausragenden Kriegs-Thriller gehabt. Burt Lancaster ist viril wie eh und je, absolvierte etliche Stunts selbst. Weil er in einer Drehpause beim Golfspielen in eine Kuhle trat und so eine alte Knieverletzung aufbrach, ließ Frankenheimer eine Schussverletzung Labiches in die Handlung einbauen, sodass sein Star fortan humpeln konnte. Labiche hat selbst wenig für Kunst übrig, wie sein Antagonist von Waldheim bei ihrem letzten Aufeinandertreffen anmerkt. Lancaster hingegen war ein großer Kunstliebhaber. Wenn am Ende das Bild zwischen den Kisten mit Kunstwerken und dem Anblick erschossener Geiseln hin und her wechselt, bekommt die Frage nach dem Wert von Kunst und Menschenleben doch noch einmal Gewicht.

Blu-ray-Mediabook mit Filmplakat statt Bonusmaterial

Die deutsche Blu-ray-Erstveröffentlichung in der Reihe „FilmConfect Essentials“ ist ansprechend als Mediabook gestaltet, zeigt den Schwarz-Weiß-Film in guter Qualität und enthält einen Nachdruck des Filmplakats. Auf Bonusmaterial wurde leider völlig verzichtet. Das ist besonders bedauerlich, weil ein Audiokommentar von Regisseur John Frankenheimer existiert, der der Blu-ray gut zu Gesicht gestanden hätte. Womöglich legte der Publisher mehr Wert auf einen Preis unter 20 Euro, Zusatzmaterial hätte das Mediabook am Ende verteuert. Immerhin ist der Booklet-Text aufschlussreich, von Marcus Stiglegger gewohnt versiert verfasst, auch wenn er sich bei der Inhaltsangabe ein paar Ungenauigkeiten erlaubt. Aufgrund einiger Spoiler empfiehlt er und empfehlen wir die Lektüre erst nach Sichtung des Films.

Viel besser als „Monuments Men – Ungewöhnliche Helden“

Die Rettung geraubter Kunstschätze in Frankreich thematisierte jüngst George Clooney in seinem Kriegs-Abenteuer „Monuments Men – Ungewöhnliche Helden“ (2014), das allerdings nur durchschnittlich geraten ist. John Frankenheimers Klassiker „The Train – Der Zug“ ist in jeder Hinsicht vorzuziehen.

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Labiche greift zur Waffe

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von John Frankenheimer sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Burt Lancaster in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 11. November 2016 als Blu-ray im Mediabook, 4. Dezember 2006 als DVD

Länge: 133 Min. (Blu-ray), 127 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Train
F/USA 1964
Regie: John Frankenheimer, Arthur Penn (nicht gelistet)
Drehbuch: Franklin Coen, Frank Davis, inspiriert von Rose Vallands Sachbuch „Le Front De L’Art“
Besetzung: Burt Lancaster, Paul Scofield, Jeanne Moreau, Suzanne Flon, Michel Simon, Wolfgang Preiss, Albert Rémy, Charles Millot, Richard Münch, Richard Bailey
Zusatzmaterial Blu-ray: Filmplakat, Booklet
Vertrieb Blu-ray: Filmconfect Home Entertainment
Vertrieb: DVD: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

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Fotos & Packshot Blu-ray: © 2016 Filmconfect Home Entertainment
Packshot DVD: © 2006 Twentieth Century Fox Home Entertainment

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