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Gestrandet – Von Eritrea nach Ostfriesland

17 Nov

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Gestrandet

Von Volker Schönenberger

Flüchtlings-Doku // Integration durch Boßeln: Kaum sind Ali, Aman, Hassan, Mohammed und Osman im ostfriesischen Strackholt eingetroffen, werden sie schon eingeladen, an einem Wettkampf dieses Straßen-Volkssports teilzunehmen. Keine schlechte Idee, steht dabei doch ohnehin die Geselligkeit im Vordergrund. In Ostfriesland ist das Boßeln weit verbreitet.

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Deutschunterricht im Freien

Strackholt mit seinen 1.500 Seelen liegt im Landkreis Aurich, tief im ostfriesischen Hinterland. Weitab vom Weltgeschehen, möchte man meinen, aber von wegen: Anfang 2014 treffen fünf Flüchtlinge ein, um dort den Ausgang ihrer Asylverfahren abzuwarten. Sie alle stammen aus dem nordostafrikanischen Eritrea, einem Einparteienstaat, in dem Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind. In ihrer Heimat haben sie Familien zurückgelassen, zum Teil Frau und Kind, und den beschwerlichen Weg in die Ferne angetreten – die Route durch die Sahara bis nach Libyen, von dort übers Mittelmeer nach Europa. Wer in den vergangenen Jahren den Kopf nicht völlig im Sand stecken hatte, weiß, mit welchen Strapazen das verbunden gewesen sein muss und wie lebensgefährlich die Route ist.

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Hassan nimmt an einem Volkslauf teil

Der Ostfriese ist zweifellos bodenständig und womöglich recht pragmatisch von Natur. Sicher aber nicht so dumm, wie uns seit Jahrzehnten all die Ostfriesenwitze weismachen wollen (und da in der Doku kein Witz vorkommt, erzähle ich auch keinen). Jedenfalls nehmen speziell zwei Strackholter Bürger die fünf Neuankömmlinge zügig auf: Helmut Wendt, pensionierter Lehrer und Schuldirektor, und die Journalistin Christiane Norda. Mit einigen anderen Mitstreitern gründen die beiden den Asylkreis Aurich. Es gilt, ohne viel Tamtam tatkräftig Hilfe zu leisten. Helmut gibt den fünf Eritreern Deutschunterricht, erklärt beim Rundgang durchs Dorf auch mal Sinn und Funktionsweise des örtlichen Kondomautomaten. Christiane liest mit ihnen Behördenpost und begleitet sie aufs Amt. Die Ausweise werden zwecks Prüfung der Echtheit eingezogen, das dauert. Auch die Freizeit will gestaltet werden, wir sehen die Teilnahme an einem ostfriesischen Traditionslauf. Zum Schutz der fünf und ihrer Angehörigen werden sie lediglich mit ihren Vornamen vorgestellt, detaillierte biografische Daten bleiben ausgespart. Wir erfahren, dass Aman seine Frau in Eritrea zurücklassen musste, auch Mohammed hat noch Familie in Eritrea. Osman ist gehörlos, fern der Heimat ein zusätzliches Handicap.

Warten auf den Asylbescheid

Fünf Monate, zwölf Monate, 19 Monate – die Wartezeit auf den Asylbescheid zieht sich, das zehrt an den Nerven von Helfern und Geholfenen. Die 1983 geborene Dokumentarfilmerin Lisei Caspers kommt den fünf Eritreern in Strackholt mit ihrem Kameramann Fabian Klein sehr nah, zeichnet ihren Alltag und das Engagement der Helfer auf und verzichtet dabei auf jedes Pathos. Ehrenamtliche wie Flüchtlinge äußern sich auch gegenüber den Filmemachern, geben Beweggründe und Gefühle preis. Hier sind es speziell Aufnamen von Osman, die nachwirken – er verschafft sich mit Gebärden sehr plastisch und verständlich Ausdruck. Der Frust der Asylsuchenden über die lange Wartezeit macht sich bemerkbar, auch Helmuts Erwartungshaltung an die fünf führt zu kleinen Konflikten. Auf musikalische Untermalung verzichtet Liesei Caspers – gut so. Das sind zusammengesetzte Momentaufnahmen, denen bisweilen etwas die Dramaturgie zu fehlen scheint. Aus anderer Perspektive kann man aber auch unterstellen, dass die junge Regisseurin womöglich bewusst auf einen dramatischen Spannungsbogen verzichtet hat, um eine zurückgenommene Bestandsaufnahme vorzunehmen, die frei vom Verdacht jeder Willkommenskultur-Überdrehtheit ist. Es reicht ja schon, wenn Wutbürger versuchen, Helfer wie Christiane Norda und Helmut Wendt als Gutmenschen zu diskreditieren (und die Wutbürger damit nur ihr eigenes Schlechtmenschentum offenbaren).

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Christiane Norda ist unermüdlich

Apropos Wutbürger: „Gestrandet“ ist kein lautes Fanal gegen Fremdenhass, sondern ein leises Plädoyer für Nächstenliebe ohne Aufsehen und Anpacken ohne Scheu. Die Begegnungen zwischen Flüchtlingen auf der einen und Helferin, Helfer und anderen Bürgern auf der anderen Seite wirken im Einzelfall etwas unbeholfen. Es wird auch deutlich, dass die fünf Neuankömmlinge im beschaulichen platten Land absolute Exoten sind, die neugierig beäugt werden. Nichts gegen einzuwenden. Das Verständnis wächst, die Scheu schwindet.

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Das Warten zermürbt

Wir schaffen das“, hat mal jemand gesagt. Das war zu einem Zeitpunkt, als Christiane Norda und Helmut Wendt schon längst dabei waren, es zu schaffen, Ali, Aman, Hassan, Mohammed und Osman einen menschenwürdigen Aufenthalt zu ermöglichen. „Gestrandet“ bricht die Flüchtlingsdebatte herunter auf Menschen. Menschen, die zu uns kommen, sei es auf der Flucht vor bitterer Armut oder politischer Verfolgung; und Menschen, die sich für die Neuankömmlinge engagieren.

Humanismus tut Not

Vermutlich wird sich kein Wutbürger von der Doku davon abhalten lassen, bei der nächsten Demo wieder „Das Boot ist voll“ zu skandieren oder rassistisches Gedankengut zum Besten zu geben; aber als Gutmensch darf man doch ein wenig davon träumen, dass ein paar Unsichere und Unentschlossene „Gestrandet“ zufällig zu sehen bekommen und ein paar Denkanstöße mitnehmen – gar Denkanstöße, die sie von der dunklen Seite der Macht entfernen. Wer sich bewusst für die Sichtung der Doku entscheidet, hat mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ohnehin schon verinnerlicht, dass es keine Alternative zu humanistischem Verhalten gibt. Insofern ist es schwierig zu bestimmen, für wen „Gestrandet“ eigentlich gemacht ist. Trotz seiner provinziellen Verortung ist der Film doch ein Mosaikstein einer globalen Gemengelage, die uns auf viele Jahre begleiten wird. Schon deshalb lohnt sich „Gestrandet“. Prädikat sehenswert.

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Ein-Euro-Job im Straßenbau

Aus dem Presseheft des Films erfahren wir, dass Ali, Aman, Hassan, Mohammed und Osman mittlerweile allesamt als Flüchtlinge anerkannt worden sind. Amans Frau hat ebenfalls den riskanten Weg von Eritrea nach Deutschland bewältigt, die Eheleute sind vereint. Mohammed war dabei, seine Familie nachzuholen, Ali und Hassan sind gemeinsam in die Stadt gezogen (welche Stadt auch immer gemeint ist). Lediglich Osman lebte zuletzt noch in Strackholt, er sollte 2016 endlich Gelegenheit bekommen, die deutsche Gebärdensprache zu lernen. Christiane Norda und Helmut Wendt engagieren sich weiterhin in der Flüchtlingshilfe. Da kann man nur sagen: Hut ab!

Welche Erfahrungen habt Ihr in den vergangenen Jahren mit Flüchtlingen gemacht?

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Osman beim Einkauf – kein leichtes Unterfangen für einen gehörlosen Eritreer in Ostfriesland

Veröffentlichung: 18. November 2016 als DVD

Länge: 80 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Gestrandet
D 2016
Regie: Lisei Caspers
Drehbuch: Lisei Caspers
Zusatzmaterial: entfernte Szenen
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2016 Al!ve AG / Pandora Filmverleih

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9 Antworten zu “Gestrandet – Von Eritrea nach Ostfriesland

  1. Gleske Daniel

    2016/11/24 at 08:10

    Habe persönlich keine Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht.

     
  2. Ulrike

    2016/11/23 at 11:56

    Ich selbst habe keine Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht. Allerdings hat mein Vater sie ehrenamtlich bei den Gängen zu Behörden unterstützt und erfahren wie schwierig es ist dort alles korrekt zu machen.

    Was ich allerdings privat erlebt habe ist die Ablehnung in der Bevölkerung – obwohl diese auch wenig mit den Flüchtlingen zu tun hatte.

     
  3. Wulf Brandt

    2016/11/23 at 11:45

    Nachtrag: Wäre ne coole Sache, um in der Schule zu zeigen und mit Schülern und Flüchtligen darüber zu diskutieren!

     
    • V. Beautifulmountain

      2016/11/24 at 08:24

      In der Tat. Aber latürnich landest du auch mit zwei Kommentaren nur einmal im Lostopf.

       
  4. Wulf Brandt

    2016/11/23 at 11:44

    Beruflich sehr gute (als DAZ-Lehrer von Flüchtlingen vor allem aus Syrien und Afghanistan) privat ebenso keinerlei Probleme (Unterkunft mit ca 1000 Flüchtlingen in der direkten Nachbarschaft). Freundlich und aufgeschlossen.
    Habe von dem Film schon gehört und wäre gespannt.Gespräche mit Einheimischen vor einem Jahr im Urlaub auf Pellworm und an der Nordseeküste waren eher schwierig.

     
  5. Barbara

    2016/11/22 at 23:14

    Auch bei mir würden alle Erfahrungen den Kommentar sprengen – ich mache ja seit über einem Jahr Deutschkurse und hatte auch vorher und zusätzlich privat mit Flüchtlingen zu tun. Beeindruckend war zum Beispiel, als einer mir ein Handyvideo von der Überfahrt im Schlauchboot gezeigt hat. Weil der Motor kaputt gemacht wurde, saß die Gruppe mehrere Stunden auf dem Meer fest und dachte, sie müsste sterben, bis sie die türkische Küstenwache schließlich eingesammelt und zurück in die Türkei gebracht hat. Ein paar Tage später haben sie es dann wieder versucht, dieses Mal aber erfolgreich. Oder die Antwort auf die Frage an einen befreundeten Syrer, ob er denn im Krieg schon enge Freunde verloren hätte: „Natürlich.“ Oder ein Telefonat mit einem Vermieter, der klar sagte, dass ein Syrer nicht dem Standard der restlichen Mieter entspreche. Oder der Besuch bei einem weiteren Vermieter, der mich konsequent gesiezt und den (gleichaltrigen!) Syrer konsequent geduzt hat. Oder die Freude in den Gesichtern, wenn man zeigt, dass man arabische Buchstaben lesen und kann und sich (rudimentär) mit den Festen/Bräuchen der Muslime auskennt. Oder das Genörgel, wenn am Opferfest trotzdem Unterricht ist 😀

    „Gestrandet“ habe ich übrigens im Januar beim MOP gesehen – da waren die Zukunftsaussichten für die gezeigten Herren noch nicht so gut, wie es im Gespräch danach hieß, wenn ich mich richtig erinnere. Scheint sich ja alles nach oben korrigiert zu haben 🙂

    Alles in Allem ist der Flüchtling (per se) ja nur ein Mensch wie du und ich – und natürlich gibt es auch schlechte Erfahrungen. Nicht so prickelnd fand ich beispielsweise die Zustimmung mehrerer Kursteilnehmer dazu, dass Hitler Homosexuelle verfolgt hat. Und noch ein oder zwei Zwischenfälle, die aber nicht unbedingt in einen öffentlichen Kommentar gehören.

     
  6. Sebastian Graf

    2016/11/22 at 21:47

    Ich muss ehrlich sagen, das ich mit Flüchtlingen überhaupt noch keine Erfahrungen gemacht habe. Ich wohne in einer eher ländlichen Gegend und da sind eher wenige untergebracht. Vermutlich bin ich beim einkaufen schon dem ein oder anderen begegnet, aber mir ist nichts im Kopf hängen geblieben, was berichtenswert wäre.

     
  7. Remco Berents

    2016/11/22 at 21:21

    Leider zu wenige um mir ein persönliches Urteil zu bilden.

     
  8. Michael Behr

    2016/11/22 at 13:18

    Das ist jetzt ein wenig viel, um es in einem Kommentar zusammenzufassen. Ich sage mal

    Privat: nur gute
    Dienstlich: mal so, mal so

     

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