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Southbound – Highway to Hell: Stimmungsvolle Rundtour durchs Fegefeuer

19 Nov

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Southbound

Von Marco Mewes

Episoden-Horror // Das Genre der Horror-Anthologie-Filme, Filme also, die mehrere Kurzfilme zu einem Spielfilm zusammenbinden, ist nicht gerade neu. Schon 1945 fand sich mit dem britischen „Dead of Night“, direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, eine erste Kurzfilmsammlung in Spielfilmformat, dramaturgisch eingebettet in eine Rahmenhandlung, in der sich einige Besucher in einem Haus gruselige Geschichten erzählen. Serien wie „Twilight Zone“ oder „The Outer Limits“ und Comicreihen wie „Tales from the Crypt“ brachten dem Kurzhorror ab den 1960er-Jahren neuen Aufwind im Fernsehen und am Zeitungsstand und inspirierten weitere Kurzfilm-Anthologien aus dem Horrorbereich. Der britische Hammer-Films-Konkurrent Amicus Productions schuf sich mit Produktionen wie „Die Todeskarten des Dr. Schreck“ (1965), „Der Foltergarten des Dr. Diabolo“ (1967), „Totentanz der Vampire“ (1970) und „Geschichten aus der Gruft“ (1972) sogar eine eigene kleine Nische.

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Auf dem Weg nach Süden wartet nichts Gutes

In den 1980ern lag der Episoden-Horror endgültig im Trend. Mit Filmen wie „Unheimliche Schattenlichter“ – der einige der besten „Twilight Zone“-Episoden zusammenband –, „Die unheimlich verrückte Geisterstunde“ plus Fortsetzung sowie „Katzenauge“, der drei von Stephen Kings besseren Kurzgeschichten zusammenschnürte, entstanden neben etlichen Massenprodukten auch einige echte Klassiker.

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Schreien befreit ja immer, ob es aber gegen das Grauen auch hilft?

Anschließend wurde es ruhig, ab den 1990ern war Episoden-Horror im Kino kaum noch angesagt. So gesehen erlebt das Genre aktuell ein regelrechtes Revival. Die „The ABCs of Death“ Filme und die „V/H/S“ Reihe bieten dem jungen Publikum modernen Episoden-Horror nach Rezepten, die schon 1945 gut gemundet haben. Den meisten Anthologien, etwa „V/H/S“, ist gemeinsam, dass sie durch eine Rahmenhandlung verknüpft sind. Andere Kurzfilmsammlungen verbinden ihre Segmente eher durch ein gemeinsames, lockeres Element (etwa Kings Katze aus „Katzenauge“).

Ein höllischer Trip

„Southbound“ gehört in die letztgenannte Gruppe und reiht sich mühelos in den Kreis der sehenswerten Beiträge von Horrorsammlungen moderner Machart ein, obwohl er erstaunlich altmodisch daherkommt. Weitab von Wackelkamera, Glitch-Effekten oder Verweisen auf moderne „Creepypasta“-Legenden wirken die sechs Episoden des Films beinahe wie aus der Zeit gefallen. Einzig die gelegentliche Verwendung eines Smartphones lässt Rückschlüsse auf die Zeit zu, in der die Geschichten spielen. Darüber hinaus gelingt es vor allem den Ausstattungs- und Kostümabteilungen der einzelnen Episoden hervorragend, die Erzählungen irritierend zeitlos wirken zu lassen.

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Japp, die Nacht wird blutig. Da hilft nur: weiterfahren

Die englische Sprache kennt den Ausdruck „something’s going south“ als Synonym dafür, dass es mit etwas bergab geht, oder etwas schief läuft, von daher ist der Titel „Southbound“ hier nicht nur äußerst ironisch zu verstehen, sondern auch noch ungemein passend gewählt. Allen Geschichten gemein ist, dass sie auf einer nach Süden führenden, einsamen Landstraße, irgendwo in den abgelegensten Landstrichen Amerikas beginnen, spielen oder enden und von Menschen erzählen, deren Leben sich sehr bald drastisch zum Schlechteren wenden wird. Die Übergänge zwischen den Geschichten bilden den größten Schwachpunkt des Films, da sie relativ lieblos wirken, auch wenn ihnen zum Finale der gut 24 Stunden umspannenden Handlung eine besondere Bedeutung zukommt. So findet am Ende jeder Episode eine Art Übergabe statt: Eine Figur der vorhergehenden Episode ist kurz mit einer anderen Person im Bild zu sehen, woraufhin die Kamera fortan der neuen Figur folgt. Beim Episodenwechsel findet also eine im Bild deutlich sichtbare, jedoch nicht immer logische Weiterführung der Handlung statt. Eine weitere Gemeinsamkeit der Geschichten sind die Themen von Schuld und Sühne. Immer wieder wird klar, dass die Ereignisse in einer Welt jenseits von Physik und Naturgesetzen spielen, immer wieder erscheinen Figuren, die schwere Schuld auf sich geladen haben, immer wieder geht es darum, für diese Schuld bezahlen zu müssen. Dadurch entwickelt sich im Gesamtbogen der Einzelepisoden ganz schleichend eine herrlich bedrückende Atmosphäre.

Die sechs Terrassen des Fegefeuers

Die erste Episode „The Way Out“ erweist sich dabei als die rätselhafteste und konventionellste. Zwei Männer, die offensichtlich eine furchtbare und blutige Nacht hinter sich haben, erreichen eine einsam gelegene Raststätte. Doch sie treffen dort nicht alleine ein. Etwas verfolgt sie, und eine Flucht erweist sich bald als unmöglich … Die Episode greift etliche ausgelutschte Topoi von Wüstenraststätten und Motels auf, ist außerdem am stärksten auf CGI angewiesen, die leider kaum überzeugen, und es bleiben etliche Fragen offen, wodurch sie ein wenig unbefriedigend endet.

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Hallo? Jemand zu Hause? Hilfe ist nicht immer leicht zu finden

Die zweite Episode, „Siren“, ist die inhaltlich schwächste des Films. Drei Musikerinnen erleben auf der Straße eine Panne und werden von einem freundlichen Paar mitgenommen. Ihnen wird sogar angeboten, bei den Helfern zu übernachten. Die Frauen nehmen das Angebot an, was sich naturgemäß als schlechte Idee erweist. Immerhin ausstattungsmäßig liegt diese Episode ganz vorn. Dort finden sich mühelos Stilelemente der Fünfziger, Siebziger und Achtziger nebeneinander und sorgen für eine dichte, visuelle Atmosphäre. Da sieht man glatt über das vorhersehbare und schwache Skript hinweg.

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Unter der Straße tut sich die Hölle auf

„The Accident“ lautet der Titel der dritten und mit Abstand stärksten Episode des Films, die zudem am modernsten wirkt. Auch auf einer nächtlichen Landstraße sollte man den Blick auf der Straße statt auf dem Handy haben. Das lernt der Fahrer eines Wagens auf unangenehme Art und Weise, als er sich plötzlich mit einer schwer verletzten Frau konfrontiert sieht, die er überfahren hat. Mitten im Nirgendwo Hilfe zu bekommen, ist aussichtslos. Glücklicherweise ist da aber noch die freundliche Stimme vom Notruf, die den Fahrer unterstützt, während er sein Opfer in ein nahe gelegenes Krankenhaus bringt. Dort jedoch findet er ganz und gar nicht das, was er erwartet hat …

Wer fürchtet sich vor Krankenhäusern?

„The Accident“ trumpft in sämtlichen Sparten auf. Mather Zickel bietet als glückloser Autofahrer die beste Performance aller Segmente. Allerdings wird ihm auch am meisten abverlangt. Die Episode besticht durch clevere Ideen und die höchste Gore-Dichte des Films. Einige der Effekte sind nichts für Menschen mit Angst vor Krankenhäusern oder Knochenbrüchen. Auch die Themen von Schuld und Strafe werden in dieser Episode am deutlichsten abgehandelt. In mir blieb jedenfalls der Wunsch hängen, die Grundgeschichte auf Spielfilmlänge ausgeweitet zu sehen.

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Am Wegesrand warten einige seltsame Gestalten

Die vierte Episode, „Jailbreak“, gründelt ordentlich in dem Mysterium, in welcher Welt der Film wohl spielen mag. Auch hier werden klassische Topoi abgehandelt: gefangene Schwestern, rettende Brüder, harte Biker und die Unfähigkeit, auf Warnungen hören zu wollen. Dazu ein paar Spritzer „From Dusk Till Dawn“ und fertig ist eine irgendwie unrund wirkende, aber dennoch unterhaltsame Kurzgeschichte.

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Besucher, die unangemeldet und maskiert ins Haus kommen, bringen nichts als Probleme

„The Way In“ beschließt den Reigen, und tatsächlich scheint eine Home Invasion das einzige Element zu sein, das der Sammlung noch fehlt. Eine Kleinfamilie wird das nächtliche Opfer dreier Maskierter, die offensichtlich eine Rechnung offen haben. Das letzte Segment erweist sich als guter Zweitplatzierter. Nicht nur erzählt es ebenfalls eine runde und gut dargebotene Geschichte von Schuld und Sühne, sondern es wartet darüber hinaus mit einer Überraschung auf, die zwar durchaus vorhersehbar ist, dem Film aber dennoch einen mehr als befriedigenden Abschluss verschafft. Dieser Clou ist tatsächlich selten, nur eben nicht neu. Schon der Urvater „Dead of Night“ glänzte 1945 mit nahezu demselben cleveren Kniff.

Fazit: ein etwas widersprüchliches Erlebnis

„Southbound – Highway to Hell“ ist ein etwas widersprüchliches Erlebnis. Obwohl die Einzelepisoden hier und dort schwächeln, ergibt sich ein stimmiges und sehenswertes Gesamtwerk. Auch mit traditioneller, beinahe schon altmodischer Bildsprache und Erzählstruktur (der Film orientiert sich offensichtlich an den Werken der 1980er, die zur Glanzzeit des Episoden-Horrors erschienen, und ignoriert die modernen Found-Footage-Gepflogenheiten auf angenehme Art und Weise), auch mit etlichen Andeutungen, Rätseln und unbeantworteten Fragen saugen einen die Atmosphäre und dichte Stimmung des Films ein. Ein Tag in der Hölle wird wohl selten so unterhaltsam sein wie in diesem Fall, da kann man unbesorgt einsteigen und sich ein paar Kilometer mitnehmen lassen – auf dem Weg nach Süden.

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Not-OP für Dummys – kann mal jemand abtupfen?

Veröffentlichung: 13. Oktober 2016 als limitiertes 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD) und DVD

Länge: 89 Min. (Blu-ray), 85 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Southbound
USA 2015
Regie: Roxanne Benjamin, David Bruckner, Patrick Horvath, Radio Silence
Drehbuch: Roxanne Benjamin, Matt Bettinelli-Olpin, David Bruckner, Susan Burke, Dallas Richard Hallam, Patrick Horvath
Besetzung: Chad Villella, Matt Bettinelli-Olpin, Kristina Pesic, Fabienne Therese, Nathalie Love, Hannah Marks, Dana Gould, Anessa Ramsey, Susan Burke, Davey Johnson, Mather Zickel, Karla Droege, Zoe Cooper, Justin Welborn, David Yow, Tipper Newton, Matt Peters, Maria Olsen, Tyler Tuione, Kate Beahan, Gerald Downey, Hassie Harrison, Courtney Bandeko, Roxanne Benjamin, Damion Stephens
Zusatzmaterial: Deutscher und englischer Trailer, Trailershow, Wendecover, nur Mediabook: 24-seitiges Booklet
Vertrieb: Tiberius Film

Copyright 2016 by Marco Mewes
Fotos & Packshots: © 2016 Tiberius Film

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Eine Antwort zu “Southbound – Highway to Hell: Stimmungsvolle Rundtour durchs Fegefeuer

  1. filmgeist9

    2016/11/19 at 11:23

    Der Film landet früher oder später bei mir. Ich finde es immer toll, wenn man eine Geschichte gut an eine kurze Laufzeit anpasst. Und der soll ja sehr gut sein.

     

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