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Der Speer der Rache – Victor Mature als Crazy Horse

21 Nov

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Chief Crazy Horse

Von Volker Schönenberger

Western // Weiße mit dunkel getönten Gesichtern spielen Indianer – das mutet heute etwas unfreiwillig komisch an, war im klassischen Western aber gang und gäbe. Im bei uns wenig bekannten TV-Film „Crazy Horse“ von John Irvin („Hamburger Hill“) spielte 1996 mit Michael Greyeyes immerhin ein Angehöriger der First Nations die Titelrolle. 1955 war das kaum denkbar. Man mag über Victor Mature in der Rolle des berühmten Indianerhäuptlings Crazy Horse lächeln; „Der Speer der Rache“ ist aber konsequent aus Sicht der Oglala-Lakota erzählt und nimmt auch in seiner Haltung deren Position ein – die Position eines aufgrund wiederholten Landraubs in seiner Existenz bedrohten Volkes. Für einen Mitte der 50er-Jahre entstandenen Western ist das bemerkenswert.

Rivalen der Liebe

Zu Beginn wirbt Crazy Horse erfolgreich um die schöne Black Shawl (Suzan Ball). Dass das einer eher frauenfeindlichen Versteigerung mit Geschenken für ihren Vater gleichkommt – egal. Die Holde ist’s glücklicherweise zufrieden. Jedenfalls zieht Crazy Horse den Zorn seines Nebenbuhlers Little Big Man (Ray Danton) auf sich. Der lässt sich in einem Fort der US-Kavallerie als Scout anwerben. Die Weißen bemerken, dass er Goldnuggets bei sich trägt. Das löst einen Goldrausch auf dem Gebiet der Oglala aus. Ein neuer Indianerkrieg ist unausweichlich. Er kulminiert in der Schlacht am Little Bighorn am 25. Juni 1876.

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Auch Little Big Man (M.) will in den Stand der Ehe treten …

Die vernichtende Niederlage von George Custer ist im Film überhaupt nicht zu sehen. Es finden lediglich einige kleinere Gefechte zwischen Indianern und Weißen statt. „Der Speer der Rache“ fokussiert auf der Person des Crazy Horse, von Victor Mature einigermaßen würdig verkörpert – trotz dessen zwangsläufigen Unzulänglichkeiten als Weißer, der einen Indianer spielt. Ein paar Details der Biografie des realen Oglala-Häuptlings mögen stimmen, insgesamt nimmt sich der „on location“ gedrehte Film bei der Skizzierung von Crazy Horses Leben aber viele Freiheiten.

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… doch als Black Shawl dem tapferen Crazy Horse zugesprochen wird …

Für die junge Suzan Ball („Unter falscher Flagge“, 1952) war „Der Speer der Rache“ der letzte Film. Sie war einige Zeit zuvor an Krebs erkrankt, musste sich das rechte Bein amputieren lassen. Die Dreharbeiten absolvierte sie in sitzender Position, bei Nahaufnahmen simulierte sie mit Schulterbewegungen Gehen, in Totalen wurde sie gedoubelt. Der Krebs jedoch war durch die Amputation nicht besiegt: Suzan Ball starb am 5. August 1955 im Alter von 21 Jahren. Es war der Tag des bundesdeutschen Kinostarts. Die US-Premiere von „Chief Crazy Horse“ hatte sie noch erlebt.

Der Technicolor-Western erscheint erstmals auf Blu-ray

Diese Farben! Diese Landschaftspanoramen! Selbst Western aus der zweiten Reihe wie „Der Speer der Rache“ von 1955 erstrahlen dank Technicolor-Film und CinemaScope-Breitbild in herrlicher Pracht. Koch Media hatte „Der Speer der Rache“ bereits 2008 in der Reihe „Classic Western Collection“ auf DVD veröffentlicht. Nun erscheint der Western auch als Blu-ray – unter dem Slogan „Classic Western in HD“. Die Bildqualität ist sehr gut, Technicolor-Farben und Landschaftsansichten wirken gekonnt restauriert. In einigen Sequenzen haben sich ein paar Uneinheitlichkeiten eingeschlichen – als seien einige Passagen beim Restaurieren übersehen worden. Vielleicht handelt es sich um Szenen, die nicht mehr HD-fähig vorlagen, aber der Vollständigkeit halber dennoch eingefügt werden sollten. Sie trüben das Sehvergnügen nur minimal. „Der Speer der Rache“ gehört zu den wenigen Filmen, die schon in den 50er-Jahren ein kritisches Bild der Landnahme Amerikas durch die Weißen zeichneten. Allein das ein Verdienst, der zu würdigen ist. Aber auch jenseits der Qualität als politisches Statement gefällt die Produktion mit prima entwickelter Story, frei von Effekthascherei inszeniert, dafür phasenweise etwas unspektakulär. Aber das muss ja nicht das Schlechteste sein – ist es auch nicht. Eine schöne Veröffentlichung.

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…reagiert er grantig und muss von seinem Nebenbuhler zur Räson gebracht werden

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Victor Mature sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

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Die Soldaten erleiden eine Niederlage

Veröffentlichung: 24. November 2016 als Blu-ray, 9. Mai 2008 als DVD

Länge: 87 Min. (Blu-ray), 83 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Chief Crazy Horse
USA 1955
Regie: George Sherman
Drehbuch: Franklin Coen, Gerald Drayson Adams
Besetzung: Victor Mature, Suzan Ball, John Lund, Ray Danton, Keith Larsen, Paul Guilfoyle, David Janssen, Robert Warwick, James Millican, Morris Ankrum
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

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Ein Überlebender wird mit einer deutlichen Ansage weggeschickt

Fotos & Packshots: © Koch Films

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