RSS

Clint Eastwood (XV): Sully – Der Held vom Hudson River

28 Nov

sully-plakat

Sully

Kinostart: 1. Dezember 2016

Von Volker Schönenberger

Drama // Vogelschlag an Flugzeugen kann fatale Folgen haben. Im Falle von US-Airways-Flug 1549 verursachten Wildgänse am 15. Januar 2009 den Ausfall beider Triebwerke. Der Airbus vom Typ A320 war wenige Minuten zuvor vom Flughafen La Guardia in New York City gestartet. Flugkapitän Chesley B. „Sully“ Sullenberger gelang in Zusammenarbeit mit seinem Kopiloten Jeff Skiles das Husarenstück, die Maschine im Hudson River zu notwassern. Das Kabinenpersonal bewahrte ebenfalls die Ruhe. Eine Panik blieb aus, alle Passagiere und Besatzungsmitglieder überlebten.

sully-01

Triebwerksausfall – Kopilot Skiles (l.) und Pilot Sullenberger müssen Ruhe bewahren

Die Frage nach Leben und Tod stellt sich also gar nicht erst, und Clint Eastwood ist ein viel zu erfahrener Filmemacher, als dass er der Versuchung erliegen würde, einen Katastrophenthriller zu drehen. Jeder weiß ja, dass es keine Toten gab. Der Regisseur verärgert zwar gleich zu Beginn mit einer Absturzsequenz, die sich als Traum herausstellt, in der Folge inszeniert er aber ein dialogstarkes Drama um einen aufrechten Helden, wie ihn das amerikanische Volk immer wieder gern im Kino sieht.

Tom Hanks überzeugend wie eh und je

Sullenberger ist in der Notfallsituation die Ruhe selbst, wird anschließend von Zweifeln und Albträumen geplagt und grübelt über das Geschehen nach. Tom Hanks spielt diesen Helden mit der ihm eigenen Souveränität. An seiner schauspielerischen Leistung ist wie gewohnt nichts auszusetzen. Das gilt auch für Aaron Eckhart, der Sullenbergers Kopiloten ebenso besonnenen Jeff Skiles verkörpert. Die Schnauzbärte der beiden sind zwar furchtbar, aber das wollen wir nicht den Schauspielern anlasten.

sully-04

Sully entschließt sich, das Flugzeug im Hudson River zu wassern

Breiten Raum nimmt von Anfang an die Untersuchung des Vorfalls ein. Die Untersuchungskommission scheint es darauf anzulegen, Sullenberger die Schuld am Totalverlust des Flugzeugs in die Schuhe zu schieben. Man behauptet, er hätte noch Gelegenheit gehabt, eine Landebahn des Flughafens La Guardia oder den Flughafen Teterboro im US-Staat New Jersey zu erreichen. Wie befreit sich Sullenberger vom Vorwurf, grob fahrlässig gehandelt zu haben? Hier ist „Sully“ sogar richtig spannend und pointiert – allerdings womöglich auf Kosten anderer: In den USA verursachte Eastwoods Darstellung der scharfen Untersuchungskommission einige Proteste – er habe die Arbeit der US-Behörde für Verkehrssicherheit unfair dargestellt, um Sully heldenhafter aussehen zu lassen. Diese Unruhe legte sich aber bald wieder. Hollywood dreht nun mal selten bis ins letzte Detail akkurate Doku-Dramen, auch Clint Eastwood nimmt sich dramaturgische Freiheiten. Als Vorlage dienten ihm Sullenbergers Erinnerungen, die dieser unter dem Titel „Highest Duty. My Search for What Really Matters“ veröffentlichte. Das Buch ist in Deutschland unter dem Titel „Man muss kein Held sein. Auf welche Werte es im Leben ankommt“ erschienen, zum Kinostart der Verfilmung auch in Neuauflage als „Sully – Das Wunder vom Hudson“.

sully-02

Besonnen geleitet der Kapitän die Passagiere ins Freie

Auch die Katastrophensituation kommt nicht zu kurz. Eastwood baut sie in Rückblenden stückweise ein, verlässt dabei sogar die Chronologie der Situation: Bevor der Regisseur die Notwasserung in ihrer ganzen Dramatik zeigt, haben wir schon längst die Rettung aller Insassinnen und Insassen über die Notrutschen in den Hudson River gesehen. Ein geschickter Schachzug von Clint Eastwood. Positiv hervorzuheben ist obendrein der Verzicht auf pathetischen Soundtrack. Über weite Strecken kommt „Sully“ ohne musikalische Untermalung aus. Der Versuchung erliegt das moderne Hollywood ansonsten viel zu oft. Wenn aus dem im Wasser liegenden Flugzeug die Frauen und Männer entkommen, sich gleichzeitig diverse New Yorker Fähren zur Rettung nähern, die beiden Piloten pflichtbewusst an Bord bleiben, bis sie die letzten Personen im Flugzeug sind, funktioniert das auch ohne orchestrale Tünche. In Szenen zwischen Sullenberger und dessen Ehefrau Lorraine (Laura Linney) verzichtet Eastwood ebenfalls auf übergroße Rührseligkeit. Tatsächlich sind die beiden nie gemeinsam zu sehen, ihre gemeinsamen Szenen sind ausschließlich Telefonate, bei denen das Bild zwischen ihnen hin und her wechselt.

Clint Eastwoods kürzeste Regiearbeit

Die erste Kollaboration zwischen Clint Eastwood und Tom Hanks markiert gleichzeitig Eastwoods bislang kürzeste Regiearbeit, wenn man der Internet Movie Database Glauben schenkt. Ich war zu faul, zur Kontrolle jeden von Eastwood inszenierten Film anzuklicken, war aber ob der kompakten Länge von 96 Minuten einigermaßen erleichtert. Es muss nicht immer von epischer Länge sein, und der Regisseur erzählt alles Erzählenswerte. „Sully“ interessiert, vermag zu fesseln, nutzt geschickt Sprünge in der Zeit, um Spannung zu erzeugen, wo sie aufgrund des bekannten Ausgangs der Story schwer zu erzeugen ist. Insgesamt ist das etwas zu routinierter Hollywood-Mainstream, für großes beeindruckendes Kino reicht es nicht. Viel zu sagen hat Clint Eastwood damit nicht – er hat eben im wahren Leben eine Geschichte entdeckt, die er auf Leinwand bannen wollte. Das hat er auf versierte Weise erledigt.

sully-05

Sully wird von Journalisten bedrängt

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von oder mit Clint Eastwood sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Tom Hanks in der Rubrik Schauspieler.

sully-03

Lorraine sorgt sich: Ist ihr Mann dem Trubel nach dem Ereignis gewachsen?

Länge: 96 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Sully
USA 2016
Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: Todd Komarnicki, nach der Buchvorlage „Highest Duty“ von Chesley „Sully“ Sullenberger
Besetzung: Tom Hanks, Aaron Eckhart, Laura Linney, Valerie Mahaffey, Mike O’Malley, Jamey Sheridan, Anna Gunn, Laura Lundy Wheale, Katie Couric, Michael Rapaport
Verleih: Warner Bros. Pictures Germany

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

sully-06

Die beiden Piloten bei der Anhörung

Filmplakat: © 2016 Warner Bros. Ent., Fotos: © 2016 Warner Bros. Ent., Village Roadshow Films North America and Ratpac-Dune Entertainment LLC – USA, Canada, Bahamas & Bermuda

Advertisements
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: