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Jeder gegen Jeden – Jagd auf Schließfach 314

01 Dez

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Cien años de perdón

Von Marco Mewes

Actionthriller // Es ist immer schön, eine Filmkritik mit einer persönlichen Note beginnen zu können. Und so passt es, dass ich meinen diesjährigen Sommerurlaub im (stellenweise) wunderhübschen Valencia verbracht habe. Genau dieses Valencia ist der Schauplatz des spanischen Heist-Thrillers „Jeder gegen Jeden“. Die Eingangssequenz stellt die äußerst fotogene Innenstadt rund um den Rathausmarkt dann auch entsprechend aufreizend in Szene.

Leider ist damit auch schon einer der Höhepunkte in diesem Überfallstreifen erreicht, der sich viel auflädt, und am Ende nicht alles davon verdauen kann.

Schließfach 314

Fünf Minuten dauert es, bis der Wagen mit den Räubern vorfährt und eine Handvoll maskierter Männer schwer bewaffnet in die Bank stürmt. Was folgt, ist hinlänglich bekannt: Alle auf den Boden, Weg da, Spiel bloß nicht den Helden. Und dennoch erweisen sich die bösen Buben als überraschend höflich und erlauben etwa noch einen letzten Anruf an die Liebsten, bevor die Handys eingesammelt werden.

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Alle wollen hoch hinaus, doch da wird die Luft dünn

Es dauert nicht lang, bis sich die Polizei vor der Bank postiert und die Verhandlungen beginnen. Spätestens jetzt wird klar, dass wir es mit so etwas wie dem spanischen Pendant zu „Inside Man“ zu tun haben. Die Räuber haben einen ausgeklügelten, seit Monaten vorbereiteten Fluchtplan, der jedoch von einem Wetterphänomen vereitelt wird, womit die Männer in ihrer prekären Lage festsitzen. Damit nicht genug: Während die Räuber ein Schließfach nach dem nächsten knacken, schlummert in Schließfach 314 ein echter Knüller: die Festplatte eines im Koma liegenden Politikers, auf dem dieser jede Menge belastendes Material gegen hochrangige Amtsträger sammelt. Flugs wird der Raubüberfall zum wichtigsten Tagesordnungspunkt der Präsidentin und die Polizei vom Geheimdienst abgelöst. Angesichts des steigenden Drucks ist es auch nicht hilfreich, dass die Gangster herausfinden, dass einer von ihnen noch ganz andere Ziele verfolgt, als nur das Geld …

Quién es quién

„Jeder gegen Jeden“ ist spannendes und etwas ungewohntes Genrekino. Was als simpler Banküberfall beginnt, entspinnt sich immer mehr zum Politthriller, in dem Ränkespiele und Macht mehr Wert besitzen als alles Geld im Tresorraum. Entsprechend unterhaltsam ist es auch mit anzuschauen, wie die vermeintlichen Oberschurken Schritt für Schritt zu tragischen Helden und machtlosen Bauern in einem viel größeren Spiel werden.

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Die Filialchefin erweist sich im Angesicht der Gefahr als clevere Opportunistin

Genau das ist aber auch der größte Schwachpunkt des Films. Nicht nur offenbaren sich hier einige politische Unterschiede zwischen Deutschland und Spanien (wobei die Region Valencia noch eine autonome Ausnahmestellung einnimmt), sondern auch erzählerisch hat man etwas Mühe, der Handlung zu folgen und den Überblick zu behalten, wer gerade mit oder gegen wen arbeitet. Hinzu kommen einige Logiklöcher in der Handlung, etwa wenn die Räuber stundenlang unmaskiert zwischen den Geiseln herumrennen, während sie darüber sinnieren, wie sie irgendwann unentdeckt verschwinden werden, sodass niemand sie finden kann. Auch die zeitliche Abfolge verschließt sich immer wieder jeder Logik, da die Distanzen und Reisen zwischen verschiedenen Städten, die die Figuren ableisten, nur schwer in den knapp acht- bis zehnstündigen Handlungsrahmen gepresst werden können. Dennoch ist „Jeder gegen Jeden“ ein hervorragender Beweis dafür, dass das spanische Genrekino aktuell schwer im Kommen ist und eine erstaunliche Qualität aufweist.

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Gruppenbild mit Sprengweste. Schön stillhalten!

Für Fans und Kenner versammelt sich in diesem Fall so etwas wie das Who is Who des spanischen Genrefilms: Luis Tosar etwa, den man aus dem Thrillertipp „Sleep Tight“ oder aktuell aus „Toro – Pfad der Vergeltung“ kennt. Raul Arévalo konnte man erst jüngst im herausragenden „Mörderland“ genießen, und José Coronado durfte seine düstere Ausstrahlung bereits in „The Body“ zum Besten geben. Rodrigo de la Serna ist der einzige Nichtspanier im Hauptcast. Der Argentinier ist Filmfreunden vor allem aus seinem preisgekrönten Auftritt als Gueveras Begleiter in „Die Reise des jungen Che“ bekannt.

Für spanische Verhältnisse ist der Thriller also hochkarätig besetzt, dabei geht er nicht zimperlich mit seiner Kritik an der spanischen Politik um.

Ein sehr spanischer Thriller

„Jeder gegen Jeden“ ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite ein sauber inszenierter Thriller, der ein paar unerwartete Wendungen aufweist (und ein paar erwartete), und sich mit fortschreitender Laufzeit eher in die Tiefe als in die Breite entwickelt. Darunter leidet gelegentlich die Übersichtlichkeit. Bedauerlicherweise hat man auch öfter das Gefühl, es mit einem sehr spanischen Film zu tun zu haben, der dem eigenen Publikum in seiner politkritischen Komponente noch mehr gibt, noch mehr zusetzt, als einem fremden Publikum. Anders als beispielsweise „Mörderland“ gelingt es „Jeder gegen Jeden“ auch nicht, das fremde Publikum abzuholen und ihm seine politische Brisanz nachvollziehbar zu machen, wodurch die schlichte Erkenntnis bleibt, dass hier wohl einiges in der Übersetzung verloren geht.

Als Ergebnis bleibt ein sehenswerter, aber nicht überragender Thriller, der sich nicht jedem Zuschauer gänzlich öffnet – und ein paar wunderhübsche Luftaufnahmen Valencias.

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„You talking to me?“ – oder besser: „Me hablas?“

Veröffentlichung: 1. Dezember 2016 als Blu-ray und DVD

Länge: 101 Min. (Blu-ray), 97 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Spanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Cien años de perdón
SP/ARG/F 2016
Regie: Daniel Calparsoro
Drehbuch: Jorge Guerricaechevarría
Besetzung: Luis Tosar, Rodrigo De la Serna, Raúl Arévalo, José Coronado, Patricia Vico, Joaquín Furriel, Luciano Cáceres, Luis Callejo, Marian Álvarez, Miquel Fernández
Zusatzmaterial: Making-of (29 Min.), Action Street Marketing (2 Min.), Trailer, Teaser
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2016 by Marco Mewes
Fotos & Packshot: © 2016 Koch Films

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