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Stanley Kubrick (VI): Fear and Desire – Vom Meister persönlich missachtet

08 Dez

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Fear and Desire

Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Dem Krieg hat sich Meisterregisseur Stanley Kubrick aus verschiedenen Blickwinkeln genähert: In „Wege zum Ruhm“ („Paths of Glory“, 1957) mit Kirk Douglas entlarvt er die Sinnlosigkeit des Massensterbens in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs und den Zynismus des Militarismus anhand einer Kriegsgerichts-Verhandlung. Mit „Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ („Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb“, 1964) inszenierte er eine irrwitzige Atomkriegs-Satire. „Full Metal Jacket“ (1987) schließlich prangert ein menschenverachtendes Ausbildungssystem an, das aus Rekruten Tötungsmaschinen macht, die in Einsätzen – in diesem Fall Vietnam – ohne Ziel gnadenlos verheizt werden können. Es war Kubricks letzter Beitrag zum Kriegsfilmgenre, „Full Metal Jacket“ steht heute mit Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ und Oliver Stones „Platoon“ (1986) auf einer Stufe der großen Meisterwerke des Vietnamkriegsfilms.

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Die Soldaten harren im Wald aus

Dass „Fear and Desire“ von 1953 nie die Bekanntheit der drei erwähnten Kriegskommentare Kubricks erreicht hat, dafür hat der Filmemacher selbst gesorgt. Mit zusammengeklaubten 30.000 Dollar realisiert, war dem nur 61 Minuten kurzen, ruhigen Kriegsdrama kein kommerzieller Erfolg beschieden. Das Drehbuch hatte Kubricks Schulkamerad Howard Sackler geschrieben. Kubrick sah das Werk aufgrund mangelnder Erfahrung der gesamten Crew eher als Amateurarbeit von Filmstudenten. Später bemühte er sich, alle verfügbaren Kopien aufzukaufen, um die weitere Verbreitung zu verhindern. Das gelang ihm beinahe.

Gemeint ist jeder Krieg

Der Krieg in „Fear and Desire“ ist ein nicht näher bestimmter, und damit das von Anfang an klar ist, erklärt es eine Stimme aus dem Off: There is war in this forest. Not a war that has been fought or one that will be, but any war. Wir erleben also keinen Krieg, der je gekämpft worden ist und keinen, der je gekämpft werden wird, sondern jeden Krieg. Starke Aussage, aber sehen wir weiter.

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Ob ein Floß das geeignete Fluchtmittel ist?

Ein von Lieutenant Corby (Kenneth Harp) geführter versprengter Trupp aus vier Soldaten findet sich hinter feindlichen Linien wieder. Um an Nahrung zu gelangen, überfällt das Quartett ein kleines Haus, in dem ein paar feindliche Soldaten gerade speisen. Die Eindringlinge töten die Überraschten mit Messern, doch weil ein Schuss fällt, ziehen sie sich aus Angst vor Entdeckung umgehend zurück und harren weiterhin im Wald aus. Als am nächsten Morgen eine Zivilistin (Virginia Leith) die Männer bemerkt, nehmen sie sie gefangen.

Kubrick-Frühwerk mit Macken

Nur weil ein Genie eines seiner eigenen Werke missachtet, bedeutet das noch lange nicht, dass es tatsächlich missraten ist. Nach einer amateurhaften Kubrick-Fingerübung würde sich manch ein nur leidlich begabter Kriegsfilm-Regisseur sicher die Finger lecken. Zu Kubricks Meisterwerken hat „Fear and Desire“ in der Rezeption natürlich völlig zu Recht nie aufgeschlossen. Die Schauspieler agieren bisweilen unbeholfen, der Inszenierung mangelt es an Schwung, die filmische Aussage über den Krieg bleibt vage. Das Gefühl für Bildkompositionen hatte Stanley Kubrick aber schon zu Beginn seiner Karriere. Und dass bedächtiger Spannungsaufbau manchmal die richtige Wahl ist, hat er wohl auch damals gelernt. So oder so ist „Fear and Desire“ sicher kein wichtiger Kriegsfilm, sehenswert aber nicht nur aus historischem Interesse an der Frühzeit eines Großen seiner Zunft.

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Eine Zivilistin verkompliziert die Lage

Der Film markiert das Schauspieldebüt von Paul Mazursky (1930–2014), der einen der versprengten Soldaten spielt. Später stand er zwar auch weiterhin oft vor der Kamera, seine größten Erfolge feierte er aber als Drehbuchautor und Regisseur, etwa mit „Zoff in Beverly Hills“ (1986). Vier Oscar-Nominierungen als Drehbuchautor und eine für den besten Film („Eine entheiratete Frau“, 1978) stehen für Mazursky zu Buche.

In Deutschland nur auf DVD

In Deutschland ist „Fear and Desire“ lediglich auf DVD erschienen. Über das Zusatzmaterial der Veröffentlichung kann ich keine Auskunft erteilen, verweise daher auf die englische Blu-ray-Veröffentlichung von Eureka in der „Masters of Cinema“-Reihe – ohnehin ein sehr gutes Label mit sorgfältigen Veröffentlichungen, was auch für „Fear and Desire“ gilt. Auf der Blu-ray, die mit umfangreichem Booklet daherkommt, sind die drei Kurz-Dokus „Flying Padre“ (1951), „Day of the Fight“ (1951) und „The Seafarers“ (1953) enthalten, die neben „Fear and Desire“ Kubricks erstes filmisches Schaffen darstellen. Kubrick komplett ist also möglich und angesichts seiner zahlenmäßig überschaubaren Filmografie auch kein allzu großer Aufwand. Versuche mal jemand, alle Filme von Alfred Hitchcock zu besorgen – oder gar von Jess Franco!

Stanley Kubrick bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Fear and Desire (1953)
Der Tiger von New York (1955, geplant)
Die Rechnung ging nicht auf (1956)
Wege zum Ruhm (1957)
Spartacus (1960)
Uhrwerk Orange (1971)
Shining (1980, Rezension folgt in Kürze)
Full Metal Jacket (1987)
Eyes Wide Shut (1999)

Veröffentlichung: 13. März 2013 als DVD
Veröffentlichung GB: 28. Januar 2013 als Blu-ray und DVD

Länge: 61 Min. (Blu-ray), 60 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: Fear and Desire
USA 1953
Regie: Stanley Kubrick
Drehbuch: Howard Sackler
Besetzung: Frank Silvera, Paul Mazursky, Virginia Leith, David Allen, Stephen Coit, Kenneth Harp
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: SchröderMedia HandelsgmbH

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

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Fotos & Packshot DVD: © 2013 SchröderMedia HandelsgmbH

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