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Manchester by the Sea – Der Mann mit dem abwesenden Blick

19 Jan

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Manchester by the Sea

Kinostart: 19. Januar 2017

Von Andreas Eckenfels

Drama // Eigentlich hätte Matt Damon die Hauptrolle übernehmen sollen. Doch der „Jason Bourne“-Star entschied sich stattdessen für „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“, für dessen Hauptrolle er eine Oscar-Nominierung erhielt. Dennoch blieb Damon für „Manchester by the Sea“ als Produzent an Bord. Eine glückliche Fügung für seinen Ersatzmann: Casey Affleck gelingt es, mit der Rolle des Hausmeisters Lee Chandler endgültig, aus dem Schatten seines großen Bruders Ben herauszutreten. Seine Oscar-Nominierung gilt nur noch als Formsache – nach dem Gewinn des Golden Globes als Drama-Hauptdarsteller wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Goldjungen mit Ryan Gosling erwartet, der den Globe seinerseits in der Kategorie Musical/Komödie für „La La Land“ abgeräumt hat – anders als bei den Oscars werden bei den Globes die Hauptdarstellerpreise je Geschlecht in zwei Kategorien vergeben. Für mich geht Casey Affleck als klarer Favorit ins Rennen um den Academy Award.

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Früher ging Lee mit seinem Neffen Patrick häufig angeln

Es ist spekulativ, ob Kenneth Lonergans („You Can Count on Me“) meisterhaft geschriebenes Drama auch mit Damon in der Hauptrolle so gut funktioniert hätte. Sein Gesicht ist inzwischen zu bekannt, er ist Star und Sonnyboy zugleich – im Gegensatz zu Casey Affleck, der mit seinem Blick stets leicht abwesend wirkt. Nun könnten böse Zungen sagen, das liege in der Familie. Aber wie Casey schon im Thriller „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ und dem Western „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ (beide 2007), für den er seine erste Oscar-Nominerung als bester Nebendarsteller erhielt, bewies: Er ist der bessere Schauspieler der beiden Brüder – Ben gilt dafür nicht erst seit „Argo“ als der bessere Regisseur. Caseys Versuche als Filmemacher beschränken sich bisher auf einen Kurzfilm und die fragwürdige Mockumentary „I’m Still Here“ mit Joaquin Phoenix. Aber auch auf dem Regiestuhl eifert Casey seinem Bruder weiter nach, demnächst will er mit „Light of My Life“ ein weiteres Projekt verwirklichen.

Schmerzhafte Erinnerungen

Den abwesenden Blick bekommen auch die Mieter eines kleinen Wohnblocks in Boston zu spüren, die ihren Hausmeister Lee Chandler (Casey Affleck) bei großen und kleinen Arbeiten zu Hilfe rufen. Ohne viele Worte zu verlieren, erledigt der Einzelgänger seinen Job, wobei er mit seiner ruhigen, aber direkten Art häufig aneckt. Seine Abende verbringt er in einer nahegelegenen Kneipe. Die Avancen einiger Frauen interessieren Lee überhaupt nicht, dafür schlägt er grundlos auf Gäste ein, wenn er mal wieder ein paar Bier zu viel intus hat.

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Als sein Bruder Kyle (l.) stirbt …

An einem feuchtkalten Wintertag erhält Lee einen Anruf: Sein älterer Bruder Joe (Kyle Chandler), mit dem Lee nur selten Kontakt hat, wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Dessen Herzprobleme waren schon länger bekannt. Als Lee in der Klinik seiner einstigen Heimatstadt Manchester-by-the-Sea eintrifft, ist Joe bereits tot. Dessen Anwalt erklärt Lee, dass sein Bruder in seinem Testament festgelegt hat, dass er nun die Verantwortung für seinen 16-jährigen Neffen Patrick (Lucas Hedges) übernehmen soll. Seine alkoholkranke Mutter Elise (Gretchen Mol) hatte die Familie schon vor einiger Zeit verlassen. Widerstrebend nimmt Lee die neue Aufgabe an. Nicht, weil er sich mit dem Jungen nicht verstehen würde, sondern, weil er eigentlich nie wieder nach Manchester-by-the-Sea zurückkehren wollte. In dem Küstenort lauern an jeder Ecke schmerzhafte Erinnerungen aus seiner Vergangenheit, darunter seine erneut verheiratete und zudem auch noch schwangere Ex-Frau Randi (Michelle Williams).

Schlag in die Magengrube

In klug eingestreuten Rückblenden erfahren wir immer mehr von der Vergangenheit der beiden Brüder und steuern langsam aber sicher auf das geheimnisvolle Ereignis zu, welches Lee schließlich aus seiner Heimatstadt getrieben hat. Die Enthüllung dieses Schicksalsschlags ist auch für die Zuschauer ein Schock, fühlt sich an wie ein Schlag in die Magengrube. Danach versteht man, warum Lee zu dieser leeren und emotionslosen Hülle geworden ist; zu diesem Mann, mit dem abwesenden Blick, den Casey Affleck perfekt verkörpert. Nein, leicht zu verdauen ist „Manchester by the Sea“ nicht. Das wird erneut deutlich, als Ex-Frau Randi – bewundernswert gespielt von Michelle Williams – versucht, mit Lee ein klärendes Gespräch zu führen. Aber der Schutzschild, den sich Lee aufgebaut hat, ist bereits zu groß.

Lakonischer Humor

Was Lonergans Werk von anderen Dramen mit menschlichen Schicksalsschlägen abhebt und erst zu einem Meisterwerk macht, ist die zweite Thematik, die der Film aufgreift: die Beziehung zwischen Lee und seinem neuen Ziehsohn Patrick. Und diese ist von so viel lakonischem Humor geprägt, dass man die schmerzvollen Ereignisse fast vergisst. Beiden merkt man von außen betrachtet die Trauer um den verlorenen Bruder und Vater kaum an.

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… kehrt Einzelgänger Lee in seine Heimatstadt zurück

Während Lee die Vorbereitungen für die Beerdigung trifft, bleibt Patrick der hormongesteuerte Teenager, der er zuvor schon war. So erfährt Lee, dass sein Neffe gleich zwei Freundinnen hat, die angeblich nichts voneinander wissen. Silvie (Kara Hayward, „Moonrise Kingdom“) hat ihn bereits rangelassen, seine Bandkollegin Sandy (Anna Baryshnikov) allerdings noch nicht, da die beiden jedes Mal von ihrer alleinerziehenden Mutter (Mary Mallen) gestört werden. Deswegen bittet Patrick seinen Onkel darum, zur Ablenkung mit der Mutter zu flirten, worauf der wortkarge Lee aber überhaupt keine Lust hat.

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Kyles letzter Wille: Lee soll das Sorgerecht für Patrick übernehmen

Dennoch merkt man in vielen Szenen, wie schwer es Patrick fällt, den Verdrängungsprozess aufrechtzuerhalten. Die Trauer sitzt auch bei ihm tief, besonders, weil er feststellen muss, dass seine Mutter ihn ein weiteres Mal im Stich lässt. Dazu kann er nicht nachvollziehen, warum Lee nie wieder in Manchester-by-the-Sea leben will. Der Junge fühlt sich komplett alleingelassen.

Der Neuanfang ist möglich

So funktioniert „Manchester by the Sea“ gleich auf mehreren Ebenen, weckt Emotionen, lädt aber auch zum Lachen ein, welches die Traurigkeit ab und an unterbricht. Lonergan zeigt mit seinem fantastischen Ensemble, dass man auch nach schweren Schicksalsschlägen einen Neuanfang wagen kann. Bei manchen Menschen dauert es nur etwas länger, um die Vergangenheit endgültig zu begraben.

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Schmerzvolles Wiedersehen: Lee trifft auf Ex-Frau Randi

Länge: 137 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Manchester by the Sea
USA 2016
Regie: Kenneth Lonergan
Drehbuch: Kenneth Lonergan
Besetzung: Casey Affleck, Michelle Williams, Kyle Chandler, Lucas Hedges, C.J. Wilson, Gretchen Mol, Tate Donovan, Matthew Broderick, Kara Hayward, Anna Baryshnikov
Verleih: Universal Pictures

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Universal Pictures (Photo Credit: Claire Folger Courtesy of Amazon Studios)

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