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Die 12 Geschworenen – Plädoyer gegen postfaktisches Denken

23 Jan

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12 Angry Men

Von Sven Wedekin

Gerichtsdrama // Zwei Augenzeugen, ein Motiv, kein Alibi – eigentlich spricht im Prozess alles gegen den jungen Latino, dem vorgeworfen wird seinen eigenen Vater erstochen zu haben. Daher steht für elf der Geschworenen fest, dass er den bestialischen Mord genauso begangen hat, wie die Staatsanwaltschaft es ihm vorwirft. Doch einer von ihnen (Henry Fonda) hat nichtsdestotrotz begründete Zweifel an der Schuld des Jungen. Und er hat den Mut, diese Zweifel auszusprechen und die anderen in eine erbitterte Diskussion über Moral, Glaubwürdigkeit und Verantwortung zu verwickeln, die auch den Zuschauer nicht unbeteiligt lässt.

Spannung auf engstem Raum

Wenn ein Film über seine gesamte Lauflänge nur an einem Schauplatz spielt und den Ehrgeiz besitzt, seine Dramatik ausschließlich durch die Dialoge zu erschaffen, braucht man zwei Dinge, um das Publikum bei der Stange zu halten: ein großartiges Drehbuch und hervorragende Schauspieler. Sidney Lumets Kino-Regiedebüt von 1957 hat beides: „Die zwölf Geschworenen“ baut enorme Spannung auf, indem einerseits Kameramann Boris Kaufman (Oscar für die Schwarz-Weiß-Kamera von „Die Faust im Nacken“) auf clevere Weise eine geradezu klaustrophobische Atmosphäre im Innern des Beratungsraums erschafft. Zum anderen regt der Film seine Zuschauer an, darüber nachzudenken, wie man sich selbst verhalten würde, wenn man als durch und durch normaler Mensch darüber befinden muss, ob ein wildfremder Jugendlicher es verdient hat, wegen eines grausamen Verbrechens, das er angeblich begangen hat, mit dem Tod bestraft wird.

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Der achte Geschworene hegt Zweifel an der Schuld des Angeklagten

Das Interesse seines Publikums gewinnt Lumet vor allem dadurch, dass es sich bei den zwölf vom Staat für diese undankbare Aufgabe auserkorenen Männern um absolute Durchschnittsbürger handelt, denen man als Zuschauer auch im realen Leben begegnet: Da ist zum Beispiel der entscheidungsschwache Opportunist (Robert Webber), der sich von den anderen leicht beeinflussen lässt; der desinteressierte Sportfan (Jack Warden), der die Sitzung so schnell wie möglich hinter sich bringen will, weil er ein wichtiges Baseballspiel nicht verpassen möchte; der sachliche Börsenmakler (E. G. Marshall), der die im Prozess dargelegten Fakten so nüchtern wie möglich analysiert, um die richtige Entscheidung treffen zu können; der wie der Angeklagte in den Slums Aufgewachsene (Jack Klugman), der allergisch auf Vorurteile gegen seinesgleichen reagiert; der unverbesserliche Rassist (Ed Begley), der dem Jungen allein deshalb den Mord zutraut, weil dieser Puertoricaner ist; der aufbrausende Firmenbesitzer (Lee J. Cobb), der den Angeklagten von Anfang an für schuldig hält, da er die Enttäuschung über seinen eigenen Sohn in ihn hineinprojiziert.

Selbstständiges Denken ist gefragt

Und nicht zuletzt gibt es den Geschworenen Nummer acht, der Querkopf, der nicht glauben mag, dass die Beweislage so eindeutig ist, wie es auf dem ersten Blick erscheint. Dieser wird brillant von Schauspielerlegende Henry Fonda verkörpert – der den Film gemeinsam mit Drehbuchautor Reginald Rose auch produziert hat – und erfüllt die wichtige Funktion des Protagonisten auf eine eindrucksvolle Weise, indem er die Bedeutung selbstständigen Denkens und des Hinterfragens scheinbar eindeutiger Tatsachen vermittelt. Gerade in unserer heutigen, sogenannten postfaktischen Zeit ist es umso wichtiger, an diese Tugenden erinnert zu werden. Insofern ist Lumets Klassiker, obwohl sich seine Entstehung 2017 zum 60. Mal jährt, auch heute hochaktuell und wird es wahrscheinlich für immer bleiben.

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Es entbrennt eine erbitterte Diskussion …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Henry Fonda sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 12. Juli 2013 als Blu-ray und DVD, 14. März 2008 & 17. Mai 2001 als DVD

Länge: 96 Min. (Blu-ray), 92 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch
Originaltitel: 12 Angry Men
USA 1957
Regie: Sidney Lumet
Drehbuch: Reginald Rose
Besetzung: Henry Fonda, Lee J. Cobb, Jack Klugman, Jack Warden, Ed Begley, Martin Balsam, John Fiedler, E. G. Marshall, Edward Binns, Joseph Sweeney, George Voskovec, Robert Webber
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2017 by Sven Wedekin

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… bei der die Nerven bald blank liegen

Fotos & Packshot: © Twentieth Century Fox Home Entertainment

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