RSS

Ernest Borgnine (I): Ein Zug für zwei Halunken – Lokführer gegen Schwarzfahrer

24 Jan

ein_zug_fuer_zwei_halunken-packshot

Emperor of the North

Heute wäre der große Ernest Borgnine (1917–2012) 100 Jahre alt geworden. Das nehmen wir zum Anlass, dem Oscar-Preisträger („Marty“, 1955) eine kleine Rezensionsreihe zu widmen, beginnend mit einem seiner weniger bekannten Werke.

Von Andreas Eckenfels

Actionthriller // Neben seinen buschigen Augenbrauen und seiner breiten Nase gehörte auch die Zahnlücke zu den Markenzeichen von Ernest Borgnine. Diesen Schönheitsmakel wollten die Produzenten von „Marty“ (1955) vor dem Dreh korrigieren und schickten den Star ihres Films zum Zahnarzt. Doch Borgnine blieb stur: „Ich sagte: ,Wenn sie den Leuten nicht gefällt, dann ist das ganz schön hart. Vergesst es, ich werde den Film nicht machen.‘ Also sagten sie nur: ,Behalt sie, behalt sie.‘“, erzählte der am 8. Juli 2012 im Alter von 95 Jahren verstorbene Charakterkopf dem Branchenblatt „Hollywood Reporter“.

Es war die richtige Entscheidung: Borgnine gewann für seine Rolle des liebenswerten Fleischers Marty Piletti, der mit 34 Jahren noch bei seiner Mutter wohnt, schon früh in seiner Karriere den Golden Globe und den Oscar als bester Hauptdarsteller. Wie er später selbstironisch bemerkte, hatte er aber auch keinerlei Konkurrenz bei der Verleihung gehabt: Die weiteren Nominierten 1956 waren ja „nur“ James Dean, Frank Sinatra, Spencer Tracy und James Cagney.

ein_zug_fuer_zwei_halunken-1

Held der Hobos: Ass Nr. 1

Zuvor hatte der Weltkriegsveteran als Theaterschauspieler am Broadway begonnen. Seinen ersten großen Auftritt auf der Leinwand hatte Borgnine als sadistischer Sergeant James „Fatso“ Judson in „Verdammt in alle Ewigkeit“ (1953). In seinen mehr als 100 Kinofilmen wurde der Sohn italienischer Einwanderer häufig als Raubein in Western, Kriegs- und Abenteuerfilmen besetzt. Zu seinen bekanntesten Werken gehören „Der Flug des Phoenix“ (1965), „Das dreckige Dutzend“ (1967) und „The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz“ (1969).

Gnadenloses Duell

Für „Ein Zug für zwei Halunken“ (1973) tat sich Borgnine ein weiteres Mal mit Regisseur Robert Aldrich und Schauspielkollege Lee Marvin zusammen. Die Geschichte ist eine freie Adaption des autobiografischen Romans „Abenteurer des Schienenstranges“ von Jack London. Während die Vorlage am Ende des 19. Jahrhunderts angesiedelt ist, wurde die Filmhandlung ins Jahr 1933 verlegt, der Zeit der Großen Depression in den USA. Landstreicher und Tagelöhner, sogenannte Hobos, kämpfen während der harten Wirtschaftskrise ums Überleben. Dabei springen sie häufig auf Güterzüge auf, um sich so durch die Lande transportieren zu lassen. Das ist nicht ungefährlich: Die Hobos müssen sich bei hoher Geschwindigkeit an den Waggons festklammern und sich gleichzeitig vor den Lokführern versteckt halten.

Einen äußerst aggressiven Bahnmitarbeiter lernen wir gleich zu Beginn kennen: Der unbarmherzige Shack (Ernest Borgnine) kennt keine Gnade mit Schwarzfahrern. Mit Äxten, Stahlstangen oder Ketten schlägt er auf die illegal mitreisenden Hobos ein. Ein armer Kerl, der es sich gerade mit einem Butterbrot in der Hand zwischen zwei Waggons bequem gemacht hat, stürzt wegen Shack auf die Gleise und wird vom Zug in zwei Hälften gerissen. Das stört den Lokführer aber überhaupt nicht. Er sieht es als seine Pflicht an, seinen Zug Nummer 19 vor ungebetenen Besuchern zu verteidigen.

ein_zug_fuer_zwei_halunken-2

Lokführer Shack wacht über sein Reich

Doch die Rechnung hat er ohne den König der Landstreicher gemacht, der von allen nur Ass Nr. 1 (Lee Marvin) genannt wird. Er will Shack herausfordern und beschließt, als erster Schwarzfahrer überhaupt unentdeckt mit Zug Nummer 19 bis ans Ziel nach Portland zu fahren. Die Nachricht verbreitet sich im ganzen Land wie ein Laubfeuer; Wetten werden abgeschlossen. Auch der junge Landstreicher Cigar (Keith Carradine) will sein Glück versuchen und schleicht sich ebenfalls auf den Zug – sehr zum Missfallen von Ass Nr. 1. Der Beginn einer gefährlichen Reise …

Minimalistische Hochspannung

Regisseur Robert Aldrich lässt mal wieder zwei echte Kerle aufeinanderprallen. Die Wirtschaftskrise spielt dabei nur am Rande eine Rolle. Viel wichtiger ist für ihn das mörderische Duell um Leben und Tod zwischen Borgnine und Marvin. Ihre Figuren benötigen dabei auch keine großen Hintergrundgeschichten. Sie sind knallharte Typen, bei denen man sofort merkt: Sie sind mit allen Wassern gewaschen, kennen alle Tricks und gehen jedes Risiko ein, um dem Kontrahenten ein Schnippchen zu schlagen. Notfalls mit Gewalt.

Die Actionszenen auf dem fahrenden Zug sind hochspannend inszeniert, fordern den Schauspielern auch körperlich einiges ab und halten die minimalistische Story am Laufen. Politisch korrekt geht es dabei nicht immer zu. Ein erbeutetes Huhn kann dabei auch mal als Schlaginstrument herhalten. Neben dem packenden Zweikampf zwischen den beiden alten Männern spielt auch die Beziehung zwischen dem erfahrenen Ass Nr. 1 und Cigar eine Rolle. Dabei nimmt aber Marvins Figur nicht wirklich die sonst übliche Rolle des Mentors ein. Zwar fühlt er sich von den Ehrerbietungen des Jungspunds durchaus geschmeichelt, seinen besonderen Status will er aber nicht an den hochnäsigen Cigar abgeben.

ein_zug_fuer_zwei_halunken-3

Die Auseinandersetzung eskaliert …

Die Landschaften rund um die Stadt Cottage Grove im US-Staat Oregon, wo die Gleise der Oregon, Pacific and Eastern Railway verlaufen, bilden eine wunderschöne Hintergrundkulisse. Filmexperten wissen: Dort wurden auch Buster Keatons „Der General“ (1927) und die Stephen-King-Adaption „Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers“ (1986) gedreht. Im brutalen Finale knallen die starken Stars dann mit voller Wucht aufeinander – das erwartet man in einem echten Männerfilm.

Borgnine verrät sein Geheimnis

Mir persönlich fiel Borgnine erstmals im Katastrophenfilm „Die Höllenfahrt der Poseidon“ (1972) und John Carpenters „Die Klapperschlange“ (1981) auf – und natürlich in der TV-Actionserie „Airwolf“, in der er von 1984 bis 1986 den Mentor des Helden Stringfellow „Huckleberry“ Hawke (Jan-Michael Vincent) mimte. Überhaupt lebte der Schauspieler im TV mehr seine heiteren Seiten aus. In den USA wurde Borgnine durch die Militärkomödie „McHale’s Navy“ (1962–1966) einem breiteren Publikum bekannt. Von 1999 bis zu seinem Tod 2012 lieh er außerdem in der englischen Originalfassung von „Spongebob Schwammkopf“ dem Meerjungfraumann seine markante Stimme.

ein_zug_fuer_zwei_halunken-4

… und wird mit allen Mitteln geführt

Auch im hohen Alter verlor die Schauspiellegende nicht seinen Humor. Als er 91 Jahre alt war wurde Borgnine, der fünf Mal verheiratet war, mal wieder nach dem Geheimnis seines langen Lebens gefragt. Zunächst wollte er dies nicht verraten. Schließlich lehnte er sich nach vorn und flüsterte ins Mikrofon: „Ich masturbiere viel.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Robert Aldrich sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Ernest Borgnine und/oder Lee Marvin in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 21. Oktober 2016 als Blu-ray und DVD, 4. Februar 2011 als DVD

Länge: 121 Min. (Blu-ray), 116 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Emperor of the North
USA 1973
Regie: Robert Aldrich
Drehbuch: Christopher Knopf nach dem Roman „Abenteuerer des Schienenstranges“ von Jack London
Besetzung: Lee Marvin, Ernest Borgnine, Keith Carradine, Charles Tyner, Malcolm Atterbury, Harry Caesar, Simon Oakland
Zusatzmaterial: Audiokommentar, Making-of, Deutscher Kinotrailer, Englischer Trailer, Teaser, Bildergalerie, Wendecover
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2016 Al!ve AG / Pidax Film

 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: