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The Girl with All the Gifts – Zombiedrama der intelligenten Art

06 Feb

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The Girl with All the Gifts

Kinostart: 9. Februar 2017

Von Volker Schönenberger

SF-Horrordrama // Ein abgeriegelter Gebäudekomplex irgendwo in den englischen Midlands. Schüler sammeln sich in einem Unterrichtsraum – doch das geschieht auf sonderbare Weise: Soldaten bringen sie unter großen Sicherheitsvorkehrungen auf Rollstühlen gefesselt aus verriegelten Zellen dorthin, die Kinder tragen rote Jogginganzüge, Knastkleidung nicht unähnlich. So bleiben sie auch während des Unterrichts. Helen Justineau (Gemma Arterton), eine der Lehrerinnen, fasst besondere Zuneigung zur Schülerin Melanie (Sennia Nanua). Als Helen ihr eines Tages zärtlich über den Kopf streicht, stürmt Sergeant Eddie Parks (Paddy Considine) herein und weist sie scharf zurecht. Dass Distanz zu allen Schülern dringend notwendig ist, demonstriert er eindrucksvoll, indem er sich mit Speichel eine Geruch kaschierende Substanz von seinem Unterarm abwischt und diesen einem Schüler vors Gesicht hält: Der Junge und alle anderen Schüler auf seiner Seite des Raums können nach kurzer Zeit nicht mehr an sich halten und fletschen ihre Zähne in blindwütiger Gier nach Menschenfleisch.

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Helen unterrichtet infizierte Schüler …

So eindrucksvoll beginnt Colm McCarthys Verfilmung von Mike Careys internationalem Bestseller „Die Berufene“, der im Original so heißt wie der Filmtitel. Und bereits jetzt sei erwähnt: So eindrucksvoll geht es auch weiter. Eine Pilzinfektion hat aus einem Großteil der Menschheit „Hungries“ gemacht: blutrünstige Zombies – oder Infizierte, sofern man der Meinung mancher Genrekundigen folgen will, bei Infizierten handle es sich nicht um Zombies. Die Schüler hatten sich im Mutterleib mit dem Pilz angesteckt und sind bis zu einem gewissen Grad in der Lage, ihren Fressimpuls zu unterdrücken. Obendrein haben sie sich ihre Intelligenz bewahrt. In der abgeschotteten, von rasenden Zombies umringten Militärbasis experimentiert die Wissenschaftlerin Dr. Caldwell (Glenn Close) mit den Kindern, um ein Heilmittel zu finden.

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… wie Melanie, die sich durch ihre Intelligenz hervortut

Die Sicherheit vor den Untoten währt nicht lange. Als die Basis überrannt wird, gelingt nur einer kleinen Schar Überlebender die Flucht, darunter Helen, Sergeant Parks und Dr. Caldwell. Trotz des Risikos behalten sie Melanie bei sich.

Wissenschaft und Militär

Um im Untotengenre an die Trüffel zu kommen, muss man sich durch ganz viel Dreck wühlen – man verzeihe mir die undifferenzierte Kritik an den Massen minderwertiger Zombie-Machwerke. „The Girl with All the Gifts“ gehört eindeutig zu den Trüffeln. Klar, die Versatzstücke sind allesamt schon dagewesen: Die Apokalypse sowieso, aber auch die Verbarrikadierten im Bunker, Forscher und Soldaten – die Konfrontation beider Gruppen nimmt anders als in George A. Romeros „Zombie 2 – Das letzte Kapitel“ („Day of the Dead“, 1985) allerdings keinen Raum ein. Ein Häuflein Überlebender schlägt sich mehr oder minder erfolgreich durch ein von Heerscharen von Zombies verwüstetes Land – auch das hat man schon lange vor „The Walking Dead“ x-fach gesehen.

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Dr. Caldwell (l.) experimentiert mit den Kindern

Die Originalität von „The Girl with All the Gifts“ rührt von der Sorgfalt der Figurenzeichnung, der stimmigen Atmosphäre inklusive pointiert eingesetztem Score und vor allem dem intelligenten Verlauf, den die Handlung nimmt. Anders als in den meisten anderen Zombiefilmen sind die Untoten eben nicht nur kannibalistische Fressmaschinen. Die Menschen werden von den Zombies verdrängt, das kann man in diesem Fall mit etwas gutem Willen sogar als eine sonderbare Varianz der Evolution interpretieren. Ist die Apokalypse der Menschheit womöglich die Geburtsstunde einer neuen Spezies? Die Frage lässt sich nicht beantworten, sie schwingt aber bis zum Ende mit.

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Die Untoten stürmen die Militärbasis

Gemma Arterton („Byzantium“), Glenn Close („Eine verhängnisvolle Affäre“), Paddy Considine („Macbeth“) – „The Girl with All the Gifts“ punktet auch mit klangvollen Namen und entsprechend überzeugenden schauspielerischen Darbietungen. Den Stars zum Trotz sei aber Sennia Nanua hervorgehoben. Das mag billig sein, werden Kinderdarsteller doch gern mal in den höchsten Tönen gelobt. Der 2002 geborenen Engländerin gelingt aber das Kunststück, ihrer an der Schwelle zwischen Menschsein und Zombiefizierung befindlichen Figur eine Tiefe zu verleihen, die die Untoten sogar insgesamt in den Rang von Individuen erhebt. Den Preis als beste Darstellerin beim Festival in Sitges 2016 hat sich Nanua redlich verdient.

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Die Flucht ins Ungewisse …

Hauptsächlich on location in England gedreht, entstanden einige Außenaufnahmen gar im ukrainischen Prypjat, seit dem Reaktorunglück von Tschernobyl 1986 eine verfallende Geisterstadt und damit wie geschaffen, um für einige Aufnahmen als Endzeit-London herzuhalten.

Auf vielen Festivals

Locarno, Toronto, Sitges und andere – „The Girl with All the Gifts“ hat 2016 bereits eine ausgiebige Festivaltour absolviert, der dem Drama auch Screenings beim deutschen Fantasy Filmfest einbrachte. Ob die dort versammelten Gorehounds unter den Zuschauern enttäuscht waren? Bei aller expliziter Gewalt sollte niemand ein Splatterspektakel erwarten. Laut Trivia der IMDb diente dem eher mit Fernsehproduktionen erfahrenen Drehbuchautor und Regisseur Colm McCarthy Gareth Edwards‘ bedächtiges SF-Roadmovie „Monsters“ von 2010 als Inspiration. Angesichts vieler ruhiger Sequenzen und einer immerwährenden Atmosphäre der Unsicherheit auch in vermeintlich unbedenklichen Situationen sind Vergleiche durchaus angebracht. Edwards („Godzilla“) verwendete in seinem Kino-Regiedebüt Aufnahmen von Hurrikanen verwüsteter Landstriche. Auch da gibt es also Parallelen.

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… führt in düstere Gegenden des Verfalls

Wer „World War Z“ (2013) mit Brad Pitt und Danny Boyles „28 Days Later“ (2002) mag, kann bedenkenlos sein Kinoticket lösen. Für Filme wie „The Girl with All the Gifts“ wühlen wir uns gern durch all den Billigzombie-Morast. Stark!

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Befindet sich Melanie schon unter ihresgleichen?

Länge: 111 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Girl with All the Gifts
GB/USA 2016
Regie: Colm McCarthy
Drehbuch: Mike Carey, nach seinem eigenen Roman
Besetzung: Gemma Arterton, Glenn Close, Paddy Considine, Sennia Nanua, Dominique Tipper, Anamaria Marinca, Lobna Futers, Fisayo Akinade
Verleih: SquareOne Entertainment / Universum Film

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Filmplakat & Fotos: © 2017 SquareOne Entertainment / Universum Film

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